search expand

Ethnologe: Zuviel Gerede um "das Fremde"!

Ist nicht Heterogenität gewöhnlicher als Homogeniät? Machen wir nicht Fremdheit in der Migrationsdebatte zu einem unnötig grossen Problem? Diese Fragen diskutiert Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs in einem schönen Aufsatz in der Frankfurter Rundschau mit dem Titel Die Unverzichtbarkeit des Fremden:

Kleinste Gruppen und Gemeinschaften bis zur Großform der Gesellschaft sind geprägt von extrem vielen divergierenden Verhaltensweisen, Haltungen, Positionen, Ritualen, Urteilen und Vorurteilen; viel stärker noch gilt dies für die großen Formen, die wir als Kontinente bezeichnen.

Aber auch auf der Ebene individuellen Lebens liebäugeln wir mit dem bloßen Konstrukt von Einheiten, sprechen von einem Ich und von Identität, wissend, dass jedes Ich unendlich viele Brechungen in sich birgt und Identität nur eine, wenn auch äußerst nützliche, Fiktion ist. Auch in persönlichen Beziehungen – von Freundschaften und Liebesgeschichten bis zur Ehe und Familie – mühen wir uns (oft genug widerwillig) ab an unseren Verschiedenartigkeiten.

Dann aber müssen wir feststellen: Gerade im Erkennen und Anerkennen von Differenzen entwickeln wir uns weiter. In der Homogenität langweilen wir uns schnell; von einer Differenz aber fühlen wir uns belebt, inspiriert, angestachelt zu Aktivität und Kreativität. Ist so gesehen das Erleben der Differenz im Kern nicht künstlerisch?

Er kritisiert zudem, “dass Ethnologen bei politischen Ereignissen nur in Ausnahmefällen zu Rate gezogen werden”.

> weiter in der Frankfurter Rundschau (Link ohne Tracking, aktualisiert 17.6.2025)

 

SIEHE AUCH:

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

“Ethnopsychoanalyse kann Fremdes vertraut machen”

Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Die missverstandende kulturelle Globalisierung

Vergessene Vielfalt: Ethnologin studiert 70jährige Bäuerinnen in Bayern

Ist nicht Heterogenität gewöhnlicher als Homogeniät? Machen wir nicht Fremdheit in der Migrationsdebatte zu einem unnötig grossen Problem? Diese Fragen diskutiert Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs in einem schönen Aufsatz in der Frankfurter Rundschau mit dem Titel Die Unverzichtbarkeit des Fremden:
Kleinste Gruppen…

Read more

“Globalisierung macht Hirtenkultur cool”

“Warum begeistern sich junge Städter neuerdings fürs Schwingen, für das Kräftemessen einer alte Hirtenkultur vom Land?” Dieser Frage nehmen sich mehrere Schweizer Zeitungen an.

In einem Interview mit a-z.ch bringt Walter Leimgruber, Professor am Seminar für Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Basel, den Schwing-Boom in Zusammenhang mit der Globalisierung:

Die Globalisierung hat uns mit kulturellen Formen und Traditionen der ganzen Welt vertraut gemacht. Wir können indianischen Zeremonien beiwohnen, asiatischen Kampfsportarten und der Musik der Südseebewohner. Das weckt auch die Neugier auf das, was es hierzulande gibt.

Zudem ist seit einigen Jahren “Swissness” angesagt. Es ist wieder cool, das Schweizerwappen zu tragen, sich mit Insignien des Schweizerischen zu schmücken. Nennen wir das Patriotismus light oder die Konsumvariante der Heimatliebe.

>> weiter bei a-z.ch

Schwingen; Oberländisches Schwingfest 2010 in Brienz-Hofstetten

Einen sehr interessanten Aufsatz zum Thema hat Christoph Fellmann im Tagesanzeiger geschrieben.

Er stellt die verbreitete Auffassung in Frage, der Boom der Volkskultur sei eine Reaktion auf “zu viel” Globalisierung. Es gehe nicht um das eine oder das andere:

Vielmehr haben die Menschen heute die Fähigkeit, das Unterschiedlichste locker miteinander zu verbinden. Gestern an die Street-Parade, heute ans Schwingfest.

Jedoch “erst als zeitgemässes Update konnte die alte Hirten- in die neue Eventkultur eingehen”.

Sie musste sich vom Muff befreien, das Volksmusiksendungen anhaftete. Diese vonpolitische Rechtsaussen Wysel Gyr im Fernsehen moderierte Sendungen hätten nämlich dazu “beigetragen, dass die Mehrheit bald lieber zu irischen Reels oder brasilianischem Salsa schwofte als zur uperisierten Ländlermusik”.

>> weiter im Tagesanzeiger

Schwingen ist auch bei Frauen beliebter geworden, vor allem als Publikum, erfahren wir. Doch es gibt auch einen Frauen-Schwingverband. Und zwar schon seit 1992. Viele der 80 Schwingerinnen kommen aus Schwingerfamilien.

SIEHE AUCH:

Neue Arbeit im Volltext: Mundartrap zwischen Lokalpatriotismus und Globalisierung

Volksmusik = Stadtmusik

Die missverstandende kulturelle Globalisierung

Ethnologe: “Deutscher WM-Patriotismus positiv”

Ainu in Japan: Cool to be indigenous

Headhunting as expression of indigenousness

"Warum begeistern sich junge Städter neuerdings fürs Schwingen, für das Kräftemessen einer alte Hirtenkultur vom Land?" Dieser Frage nehmen sich mehrere Schweizer Zeitungen an.

In einem Interview mit a-z.ch bringt Walter Leimgruber, Professor am Seminar für Kulturwissenschaften und Europäische…

Read more

Vuvuzelas und das ungleiche Verhältnis zwischen Nord und Süd

Foto: Axel Bührmann, flickr

Die WM scheint Ethnologen zu inspirieren. Mehr und mehr Ethnologen äussern sich zur WM in Süd-Afrika, nun auch zu den Vuvuzelas, den Plastiktrompeten, die manchen Fussball-Fans im Norden am liebsten verbieten würden.

Ja, sie sind laut, doch so ist das immer in Fussballstadien. Ist es so schwierig andere Traditionen respektieren? Ist hier ein (antidemokratischer) Trend zu beobachten in West- und Nordeuropa, wo Traditionen, die man nicht mag oder versteht (wie Hijab oder Burqa) versucht zu verbieten?

Doch nun bekommt das Anti-Vuvuzela-Lager Hilfe von zwei Südafrika-Experten. “Kulturlüge: Vuvuzelas sind reiner WM-Marketinggag. Fans gehen vorgegaukeltem Bezug auf Tradition auf den Leim”, meldet die Agentur pressetext.

Gero Erdmann vom Leipzig-Institut für Globale und Regionale Studien sagt:

Die Vuvuzela ist noch sehr jung und wurde vor neun Jahren erfunden. Das traditionelle Instrument, auf das sich der Erfinder in der Vermarktung bezieht, war in der Kultur kaum präsent.

Der Würzburger Musikethnologe Bernd Clausen meint auch, der Anschluss an traditionelle Musikinstrumente sei weitgehend aus der Luft gegriffen und spricht von einem Marketing-Gag.

Doch auch junge Traditionen haben Bedeutung. Vielleicht hätten den deutschen Forscher postkoloniale Perspektiven gut getan?

Graham Hough-Cornwell hat den Diskurs vor allem auf Twitter analysiert und schreibt auf anthropologyworks:

A large portion of the tweets fall along Westerners vs. Africa, neo-imperial fault lines. Some see the vuvuzela issue as Westerners trying to control an important part of South African sporting culture

Er kritisiert auch den “Ethnozentrismus” der Kritiker, die meinen Vuvuzelas “ruinierten die traditionelle Fussballatmosfäre” mit Supportergesängen:

This particular Twitter user fails to recognize that different parts of the world have their own fan traditions, and the songs and chants familiar to many European audiences may not be so “traditional” elsewhere. In other places, drums or horns — a variation on the vuvuzela, the corneta, is popular in Latin America — might create the sound of a soccer match.

Sind es eigentlich nur die Südafrikaner, die mit den Vuvuzelas heruntröten, fragt Norman Schräpel auf wildesdenken.de? Keineswegs. Alle Nationen tröten. “Schlagen die ehemals Kolonialisierten zurück? Ja, denn die Welt trötet mit und das ist gut so”, meint der Ethnologe.

Derweil untersucht Ethnologe Matthias Gruber einen anderen Aspekt der WM, der das ungleiche Verhältnis zwischen Nord und Süd problematisiert: gefälschte Markenartikel, sogenannte Fong Kongs. Darunter befinden sich auch Trikots. Der Preis eines Original-Trikot kostet in einem Sportgeschäft in Abidjan 35 000 Francs (knapp 54 Euro) – mehr als ein durchschnittlicher Monatsverdienst, erfahren wir im Handelsblatt. Kein Wunder also, , dass die große Nachfrage nach den Hemden der Nationalmannschaft eine ganze Fälscherindustrie hervorgebracht hat

Der Handel mit Fong Kongs sei seit der Weltmeisterschaft auf Druck der Fifa zur Zielscheibe täglicher Polizeieinsätze gegen Händler und Kunden geworden. Verkäufer würden abgeführt, die Waren vernichtet, berichtet der Ethnologe:

“Diese Einschränkungen werden von vielen als ungerecht wahrgenommen und als Beispiel asymmetrischer Hierarchien zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden verstanden.”

Von Matthias Gruber gibt es auch den Text Fussball in Südafrika (Journal Ethnologie)

SIEHE AUCH:

Ethnologen: WM-Berichte verbreiten Vorurteile über Afrika

Zidane’s Kopfstoss: Helfen ethnologische Erklärungen weiter?

Ethnologe: “Deutscher WM-Patriotismus positiv”

Fussball: Keineswegs nebensächlich für Ethnologen

Foto: Axel Bührmann, flickr

Die WM scheint Ethnologen zu inspirieren. Mehr und mehr Ethnologen äussern sich zur WM in Süd-Afrika, nun auch zu den Vuvuzelas, den Plastiktrompeten, die manchen Fussball-Fans im Norden am liebsten verbieten würden.

Ja, sie sind laut, doch…

Read more

Globale Rechte statt “Integration”

Es gilt es Abschied zu nehmen von der Vorstellung einer homogenen nationalen Gesellschaft als Grundlage friedlichen Zusammenlebens. Das ist eine der Botschaften des Sammelbandes “No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa“, mitherausgegeben von der Ethnologin Sabine Hess.

“No Integration” ist bereits im letzten Jahr herausgekommen. Holger Moos vom Goethe-Institut stellt das bislang wenig beachtete Buch nun auf Qantara.de vor.

Migranten, so die Forscher, sollten nicht primär als Menschen mit Defiziten betrachtet werden, die es in “Integrationskursen” auszugleichen gelten. Ein Perspektivwechsel sei notwendig. Wir brauchen transnationale Perspektiven:

Im Zeitalter der Mobilisierung von Menschen, Gütern und Ideen seien Lebensläufe über nationalstaatliche Grenzen hinweg längst Normalität. Deshalb müsse die migrantische Perspektive, die spezifischen Interessen, Lebensbedingungen und Leistungen von Migranten, stärker berücksichtigt werden. Diese transnationale Perspektive mündet in die Forderung nach globalen sozialen Rechten und Bürgerrechten. (…) Ziel von Integration müsse Chancengleichheit durch Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben sein. Und das verlange außer den Zuwanderern eben auch den “Nicht-Zugewanderten” etwas ab.

Die meisten Artikel thematisieren die Integrationsdebatte in Deutschland:

Der aktuellen Integrationsdebatte liegt nach Ansicht der Herausgeber ein essenzialistischer Kulturbegriff zugrunde. Die aufnehmende Gesellschaft und die Einwanderungsgruppen würden als abgeschlossene Container betrachtet. Diese Vorstellung sei desintegrierend und betone das Trennende zwischen den Kulturen statt das Verbindende zu identifizieren.

>> weiter bei Qantara.de

Eine längere Besprechung gibt es auch auf H-Soz-u-Kult. Beim Transcript-Verlag kann man die Einleitung als pdf runterladen.

SIEHE AUCH:

Ausstellung “Crossing Munich”: Ethnologen für neue Perspektiven in der Migrationsdebatte

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

Neuperlach: Wie Schule, Eltern und Medien “Ausländerprobleme” schaffen

Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Werner Schiffauer: Wie gefährlich sind “Parallelgesellschaften”?

Wider den Kulturenzwang, für mehr Transkulturalität

Populärethnologie von Christoph Antweiler: Heimat Mensch. Was uns alle verbindet

“Projekt Migrationsgeschichte”: Kulturwissenschaftler in Container in Innenstadt

Erforschte das Leben illegalisierter Migranten

Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

“No Pizza without Migrants”: Between the Politics of Identity and Transnationalism

Es gilt es Abschied zu nehmen von der Vorstellung einer homogenen nationalen Gesellschaft als Grundlage friedlichen Zusammenlebens. Das ist eine der Botschaften des Sammelbandes "No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa", mitherausgegeben von der Ethnologin Sabine Hess.

"No Integration"…

Read more

Integrations-Studie: Der nationale Diskurs grenzt aus, der lokale schliesst ein

Sie sind überzeugte Hamburger oder Berliner, doch sehen sich nicht als Deutsche. Das zeigt die Studie “At Home in Europa – Muslims in Europa” des Londoner Open Society Institute. In elf europäischen Städten untersuchten Forscher die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit der Mehrheitsgesellschaft.

Rund 70% der Muslime in Berlin und Hamburg sind Lokalpatrioten und identifizieren sich mit ihrer Stadt. Doch nur 25 Prozent der Befragten betrachten sich als Deutsche. Und nur 11 Prozent sind der Meinung, auch von anderen als Deutsche angesehen zu werden.

Beim nationalen Zugehörigkeitsgefühl der Muslime erzielte Deutschland den niedrigsten Wert, England den höchsten. Selbst unter in Deutschland geborenen Muslimen in Berlin fühlen sich nur 35% als Deutsche. Dagegen sehen sich 94 Prozent der in England geborenen Muslime in Leicester als Engländer.

Die Integration in Deutschland funktioniere lokal vor Ort, nicht jedoch auf nationaler Ebene, kommentiert Ethnologe Werner Schiffauer, der auch an der Studie teilnahm. Der nationale Diskurs grenze aus, der lokale schliesse ein, so Schiffauer in der taz:

“Während der nationale Diskurs abstrakte Fragen wie Werte und Voraussetzungen von Zugehörigkeit in den Fokus stellt, geht es lokal um pragmatische Fragen von Partizipation und praktischem Zusammenleben.”

Die Studie, so Schiffauer in der Berliner Umschau widerlege den weitverbreiteten Eindruck, Muslime wollten sich „ausgrenzen“. Der Grossteil der Befragten würde gerne in ethnisch und kulturell gemischten Wohngegenden leben. Die Vermutung, dass vor allem Araber und Türken nicht integriert werden wollen, sei falsch.

Einen wesentlichen Grund für die schlechte nationale Integration sehen die Forscher im exklusiven, deutschen Staatsbürgerrecht, schreibt der Tagesspiegel. Etwa die Hälfte der Muslime in Berlin könne keinen Einfluss auf die Politik nehmen oder ihre Stadtteile mitgestalten,

Diskriminierung sei eine bedeutende Barriere für die Integration, können wir in der Studie nachlesen, die gratis im Netz zum Herunterladen zur Verfügung gestellt wurde. Die Forscher empfehlen unter anderem, Hasskriminalität und rasistisch motivierte Taten genau zu registrieren.

Besonders in Deutschland, wo noch das Blut-und-Boden-Prinzip vorherrscht, sind Reformen des Staatsbürgerrrechtes notwendig. Es solle einfacher werden, die Nationalität seines Wohnlandes anzunehmen. “Being German means ethnicity, that’s why I can’t be German, but I can be a German citizen”, so ein Informant. Auch “Ausländern” sollte das Wahlrecht garantiert werden, so die Forscher der Studie.

>> Download der Studie und diverser Zusammenfassungen (!)

Es wäre schön, wenn alle Forschungsergebisse so leser- und medienfreundlich aufgearbeitet und nicht – wie sonst üblich – in oft schwer zugänglichen Papirbüchern versteckt würden.

SIEHE AUCH:

“Germans stick to the ethnic definition more than any other European nation”

Werner Schiffauer zum Mord an Marwa El-Sherbini: “Islamophobie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft”

Ethnologe: Muslimhetze und Finanzkrise sorgen für Boom des Islamic Banking

Neue Studie: Islamisches Gemeindeleben in Berlin

Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

Sie sind überzeugte Hamburger oder Berliner, doch sehen sich nicht als Deutsche. Das zeigt die Studie "At Home in Europa - Muslims in Europa" des Londoner Open Society Institute. In elf europäischen Städten untersuchten Forscher die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit…

Read more