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Multikultureller Rassismus: Angst vor Identitätsverlust bei den Nicobaren?

Hier war bereits mehrmals davon die Rede, dass bei Berichterstattung ueber Ureinwohner (unbewusst) rassistische Denkweisen zu Tage kommen (auch bei Ethnologen). Ein neues Beispiel: Andrea Naica-Loebell schreibt heute in Telepolis von “Angst vor Identitätsverlust” bei den vom Tsunami uebel heimgesuchten Bewohnern der Nicobaren und ueber ein Hilfsprojekt, das wohl eine “kultureller Wiederaufbau” darstellen soll:

Jetzt hatten die Leute erstmal etwas zu essen und Notunterkünfte wurden errichtet. Schnell wurde allerdings klar, dass die einlaufende Hilfe kontrolliert werden muss, damit sie nicht als Geldwelle die Inseln überrollt und die traditionellen Lebensformen auslöscht. Einmal mehr müssen indigene Völker den Spagat zwischen der Bewahrung ihrer kulturellen Identität und dem Austausch mit der Außenwelt üben.

“Jede Kultur für sich: Nur keine Überfremdung” – so laesst sich der Gedankengang beschreiben, den wir von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen kennen. Oder wie ein Kommentator schrieb: “Für die Deutschen ist Multikulti gut, für alle anderen bedeutet es Zerstörung der kulturellen Identität.”

Es geht weiter im Text:

Die Vorfahren der Andamaner kamen vor 50.000 bis 70.000 Jahren auf die Inseln und die Ureinwohner dort blieben dort weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Im Gegensatz dazu sind die Bewohner der Nikobaren genetisch vermischter, ihre Ahnen kamen wahrscheinlich erst vor ungefähr 18.000 Jahren auf die Inseln.

Auch wenn Leo Plegger vielleicht gerne provozieren sollte, sind seine Vergleiche (Griff in die Mottenkiste nationalistischer Propaganda) nachdenkenswert.

>> weiter zur Geschichte auf telepolis: Angst vor Identitätsverlust

“Empfehlenswert” ist ein Blick auf einen Text des Bayrischen Rundfunks ueber die Nikobaren, “eine kleine Inselgruppe, die noch von Eingeborenen bewohnt wird” (*schauder*)

Es war uebrigens solch eine Rhetorik gegenueber Urbevoelkerungen, die mich zum Schreiben meiner Magisterarbeit ueber die Saamen bewogen hat. Im Abschnitt Der inflationäre Gebrauch von Kultur schreibe ich u.a:

Kulturkontakt sehen “Multi-Kultis” auch gelegentlich als etwas Problematisches an. Sie drücken das nicht immer so deutlich aus wie Vertreter von Solidaritätsorganisationen oder wie manche Ethnologiestudierende. Immer wieder meinte ich heraushören zu können, dass “Kulturkontakt” für sie etwas ist, das tendenziell Schlechtes mit sich bringt. Eine Studentin zum Beispiel reagierte beinahe entsetzt, als sie in einem Seminar über die Saamen hörte, dass die Saamen sich munter mit anderen ethnischen Gruppen “vermischen”. Vielleicht schwingt da eine romantische Sehnsucht mit nach dem Reinen, Authentischen, das wir noch bei den sogenannten “indigenen Völkern” oder “Naturvölkern” bewahrt hoffen. Wenn wir in unseren Hoffnungen enttäuscht werden, dann bezeichnen wir sie als “verwestlicht”, und wir verlieren unser Interesse an ihnen.

>> weiter in: Der inflationäre Gebrauch von Kultur

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Ethnologen und Oeffentlichkeit: “Moderne und weniger entwickelte Gesellschaften”

Ethnologe Oswald Iten stellt seine Bilder von diversen Urbevoelkerungen aus und der ausgesandte Swissinfo-Journalist kommt mit diesen Gedanken zurueck in die Redaktion:

Die Bilder von Oswald Iten dokumentieren, wie sich moderne und weniger entwickelte Gesellschaften mit der Lebenswirklichkeit der indigenen Völker schwer tun.
(…)

Wie nie zuvor werden heute die Kulturen der indigenen Völker der Erde durch bewaffnete Konflikte, Kriege und durch den Rohstoffhunger der Industrie- und Dienstleistungs-Gesellschaften des Nordens verdrängt und zerstört. Dadurch verliert die Menschheit immer mehr den Blick auf Lebensweisen und Produktionsformen, die während Tausenden von Jahren in Urwäldern, Steppen und Hochländern auf allen Kontinenten überlebt haben.

(…)
Wo einst Lebensfreude, Spontaneität und Animismus herrschte, regiert jetzt religiöse Strenge, Verschämtheit und Zucht.

(…)
“Die Welt der Yanomami – der Indianer auf allen Kontinenten überhaupt – ist nicht heil”, scheint uns Oswald Iten mit seinen Bildern zu sagen. Trotzdem sollen sie ein Recht haben, ihr geistig-kulturelles Erbe und Eigentum parallel zur rasend-mobilen Weltgesellschaft zu leben.

Liegt es an der Ausstellung oder am Journalist? Jedenfalls eignet sich der Text sehr gut, um Vorurteile und Klischees gegenueber Urbevoelkerungen sowie die hartnaeckige Dominanz von Denkweisen aus der Kolonialzeit zu studieren.

>> zum Text in Swissinfo

Alex Golub hat soeben seine Dissertation veroeffentlicht, in der er u.a. zeigt, dass indigene Gesellschaften nicht unbedingt Opfer der oekonomischen Globalisierung sind

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Die uebliche Exotisierung: SPIEGEL ueber Garma-Festival der Aboriginees

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Primitive Racism: Reuters about “the world’s most primitive tribes

Ethnologe Oswald Iten stellt seine Bilder von diversen Urbevoelkerungen aus und der ausgesandte Swissinfo-Journalist kommt mit diesen Gedanken zurueck in die Redaktion:

Die Bilder von Oswald Iten dokumentieren, wie sich moderne und weniger entwickelte Gesellschaften mit der Lebenswirklichkeit der indigenen Völker…

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Journalisten mit Ethnobrille in Lateinamerika?

In der Jungle World kritisiert Stefanie Kronein anonymer Schreiberling den kulturalisierten Blick des Westens auf Lateinamerika. Der neugewaehlte Praesident Bolivien Evo Morales werde von der europäischen Presse auf einen »Indio« und »Eingeborenen« reduziert:

Er sei ein »Ureinwohner vom Volk der Ayamara«, heißt es beispielsweise in der Berliner Zeitung vom 28.Januar. Überfordert scheinen an diesem Punkt auch linke Medien zu sein. Als »indianischer Führer« bezeichnet Hugo Velarde Morales im Freitag vom 13. Januar. In der Jungle World (4/06) nennt Horst Pankow den neuen Präsidenten Boliviens gar einen »ethno-chauvinistischen Demagogen«. Würde die Ethnobrille abgesetzt, könnte man sehen, dass Morales das genaue Gegenteil eines Ethno-Chauvinisten ist.

(…)

Dass der abschätzig auch »Pullovermann« genannte Morales in der deutschen Presse vorwiegend als »Indio« und nicht als strategisch handelnder »seriöser« Politiker wahrgenommen wird, hat wohl mehr mit dem rassistischen Blick der Europäer als mit der ethnischen Identität von Morales zu tun.

>> weiter in der Jungle-World

Hat Jungle World recht? Hier eine kleine Auswahl?

Bolivien: “Vorbei mit Neoliberalismus” (Vorarlberg online)

Koka für alle! Boliviens neuer Präsident Evo Morales gilt in den Anden als Held und in den USA als Terrorist (Die ZEIT)

Bolivien: Morales kündigt neue Wirtschaftspolitik an (SWR)

Volkes Stimme. Mit Evo Morales haben die bolivianischen Ureinwohner einen der ihren gewählt – nun hoffen sie, dass er seine Versprechen wahr macht (Berliner Zeitung)

Huldvoller Amtsantritt von Evo Morales in Bolivien – Anklänge an ein altes und mächtiges Vor-Inka-Reich in den Anden (NZZ)

Könige des Lumpenproletariats. Nie zuvor hatte Bolivien einen authentischeren Präsidenten als Evo Morales. Er gehört, wie die Mehrheit des Landes, zur indigenen Bevölkerung. (taz)

Leftist claims victory in Bolivia. A leftist candidate from one of Bolivia’s Indian peoples who wants to legalise coca-growing has claimed victory in the presidential election. (BBC)

Coca Farmer Elected President of Bolivia. Evo Morales, first native South American in office (OhMyNews)

Evo Morales: Bolivia’s New President (Global Voices Blog Round-Up)

Evo! So what is controversial about “Evo”? He’s indigenous, a socialist, and emerged as a political leader in coca-growing unions. (Savage Minds)

In der Jungle World kritisiert Stefanie Kronein anonymer Schreiberling den kulturalisierten Blick des Westens auf Lateinamerika. Der neugewaehlte Praesident Bolivien Evo Morales werde von der europäischen Presse auf einen »Indio« und »Eingeborenen« reduziert:

Er sei ein »Ureinwohner vom Volk der Ayamara«,…

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Die uebliche Exotisierung: SPIEGEL ueber Garma-Festival der Aboriginees

Einmal im Jahr findet das Garma-Kulturfestival statt: eine einzigartige Gelegenheit für nur wenige geladene Reisende, die Rituale einer der ältesten Kulturen der Welt zu erleben. Ethnologen können hier in wenigen Tagen mehr Material sammeln als bei wochenlangen Reisen durch den Busch.

So startet der Spiegel-Bericht ueber das Garma-Festival der Aboriginees, der kuerzlich erschien. Das Festival findet jedoch jeweils im August statt. Als Ethnologe rauft man sich ja regelmasessig die Haare bei Texten ueber Urbevoelkerungen. Vielleicht sammelt man unter Kollegen Punkte, wenn man als Reisejournalist moeglichst exotisch ueber Ziele auf der anderen Seite der Erde schreibt?

>> zum Bericht im Spiegel: Garma-Festival. Die Erde ist ihr Himmel

Auf der Homepage des Festivals erfahren wir, dass mehr als Exotik geboten wird.

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“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

We’re all modern now heisst ein interessanter Beitrag im Ethnologie-Blog Savage Minds. Kritisiert wird das Pflegen von Klischees in den Medien ueber “urspruengliche Voelker”, die angeblich auch heute noch wie in der Steinzeit leben. Doch tragen auch Ethnologen zu diesen ethnozentrischen Vorurteilen bei.

In einem Veranstaltungshinweis in einem deutsch-belgischen Blatt ist folgendes ueber Patrick Bernards Film »Kenya, voyage aux sources de l’humanité« (Kenia, eine Reise zu den Urspruengen der Menschheit) zu lesen:

Der international renommierte Ethnologe Patrick Bernard, seines Zeichens engagierter Verteidiger von Minderheiten und unterdrückten Völkern, taucht ein ins Herz des Rift Valleys, um dort nach den Ursprüngen der Zivilisation zu forschen. Auch zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es in Afrika wilde Landstriche, in denen das Leben noch so verläuft wie zu Urzeiten. Nahezu unberührt von Fortschrittsgedanken und modernen Gesellschaftsformen erzählen diese ebenso schönen wie grausamen Gegenden, die große Geschichte unserer Menschheit.

Bernard gibt Einblick in das Schicksal und das alltägliche Leben der kenianischen Hirten- und Nomadenvölker. Er beschreibt ihre Traditionen, ihre Anmut und Würde, ihre Existenz in perfektem Einklang mit der Natur – ein außergewöhnlicher Blickwinkel, der den sogenannten »zivilisierten« Menschen wieder den wahren Sinn des Lebens vor Augen führt.

Solche Darstellungen der “anderen” begegnet uns regelmaessig, u.a. in den Debatten um das “African Village” im Augsburger Zoo und in der Berichterstattung ueber die Opfer der Tsunamikatastrofe.

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Ancient People: We are All Modern Now: The oldest cliché, guaranteed to be found in any newspaper article or TV show about indigenous peoples, is the moniker “ancient people”

Our obsession with the notion of the primitive society

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