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"Wie findet man Naturvölker?"

planetwissen screenshot

Es hat sich nicht viel verändert. Manchmal war es nicht so klar, ob der Zeitungsartikel aus dem Jahr 1902 oder 2002 stammte. Der Kolonalismus lebt weiter in Berichten über sogenannte nicht-westliche Länder. Das sagten die Ethnologin Anne Hege Simonsen und die Medienwissenschaftlerin Elisabeth Eide vor ein paar Tagen, als sie ihr neuestes Buch vorstellten, in dem sie die Berichterstattung norwegischer Zeitungen über “nicht westliche Länder” untersuchen.

Daran musste ich gerade denken, als ich auf die Seiten von Planet Wissen (TV-Sendung) zum Thema “Naturvölker” (Begriff!) stiess. Das Interview mit Roland Garve, der sich “einen Traum erfüllt” hat und “Naturvölker” besucht, beobachtet und ihrem Alltag in Filmen dokumentiert, hätte auch vor 100 Jahren geführt werden können.

Und die Einführungsseite über “Naturvölker” könnte auch aus alten Zeiten stammen. Ich kann mir denken, die Maori sind nicht gerade geschmeichelt darüber, dass ihnen unterstellt wird, dass sie “nur wenig von unserer industrialisierten Welt, von Autos, Flugzeugen, Städten, von großen Ereignissen oder von Erfindungen wissen.”

(Links aktualisiert 1.1.19)

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Es hat sich nicht viel verändert. Manchmal war es nicht so klar, ob der Zeitungsartikel aus dem Jahr 1902 oder 2002 stammte. Der Kolonalismus lebt weiter in Berichten über sogenannte nicht-westliche Länder. Das sagten die Ethnologin Anne Hege Simonsen und…

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“Transkulturelles Lernen”

Kluge Worte von Ethnologin Christiane Klingspor vom Transkulturellen und interreligiösen Lernhaus der Frauen in der taz. Sie meint (wie viele andere Ethnologen auch), dass wir Kultur neu definieren müssen:

Die Art, wie wir Kultur definieren, prägt unser Verständnis von Gesellschaft. Meist wird unter Kultur etwas Geschlossenes verstanden, das mal durch Ethnie, mal durch Volk, mal durch Geschichte zusammengehalten ist.

Ein transkulturelles Verständnis indes geht davon aus, dass es nie eine abgeschlossene Kultur gab. Leute sind immer gewandert und haben etwas von einer Gesellschaft in eine andere getragen. Wenn man mit dieser Brille guckt, kann man besser miteinander auskommen.

(…)

(W)enn jemand sagt: “Wir sind die deutsche Leitkultur”, dann verkrampft das doch das Miteinander. Wenn man dagegen versteht, dass die Kultur des Okzidents nicht denkbar wäre, wenn der Orient nicht ordentlich zugeliefert hätte, dann kann man etwas entspannter damit umgehen. Dass die transkulturelle Wahrnehmung aber nicht einfach ist, das sieht man schon, wenn Leute aus Berlin auf einen Feuerwehrball in einem sauerländischen Dorf einfallen.

>> weiter in der taz Berlin

Die taz-Reportage über das Lernhaus ist jedoch weniger “transkulturell” – vielleicht liegt es ja an der Journalistin?

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Mainzer Ethnologen protestieren gegen Gen-Rassismus

Es geschieht nicht oft, aber immer wieder aeussern sich Ethnologen zu aktuellen Themen. Manchmal wendet sich sogar ein ganzes Institut mit einer Stellungsnahme an die Oeffentlichkeit. So geschehen nach einem umstrittenen Interview im Deutschland-Radio mit Bildungs- und Intelligenzforscher Heiner Rindermann ueber angebliche Unterschiede in der Intelligenz verschiedener “Voelker”.

In der Stellungnahme schreibt das Institut für Ethnologie und Afrikastudien an der Uni Mainz:

Rindermann vertritt darin (im Interview) die These, es gebe genetische Unterschiede zwischen Menschenrassen hinsichtlich ihrer Intelligenz. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz weisen Rindermanns Aussagen als rassistisch zurück und sind empört, dass solchen Theorien Raum in einem öffentlich-rechtlichen Sender gegeben wird.

Für Verwunderung bei den Mainzer Wissenschaftlern sorgte zudem, wie unkritisch die Journalistin Katrin Heise Rindermanns Gebrauch von Termini wie „Rasse“ und „rassisch“ begleitete. Sie nahm die postulierte Korrelation von genetisch determinierbaren Menschenrassen mit messbarer Intelligenz nicht nur schweigend hin, sondern wurde teils sogar zur Stichwortgeberin für dessen Argumentation.

>> zur Stellungnahme des Instituts

Liest man das Interview (und Rindermanns Stellungnahme zu den Vorwürfen), kann man sich fragen ob die Ethnologen nicht zu weit gehen in ihren Anklagen, da Rindermann doch versucht zu differenzieren und sich längst nicht so bombastisch äussert:

Ob sie genetisch unterschiedlich verteilt ist, wissen wir nicht so genau, also, was wir genau wissen, dass die Intelligenz sich über verschiedene Länder hinweg stark unterscheidet in ihrem Mittelwert, und wir wissen auch sehr genau, dass auf individueller Ebene hierbei neben Umweltfaktoren auch genetische Faktoren relevant sind.

Fragwürdig und potenziell rassistisch – und auf jeden Fall ethnozentrisch – sind solche Tests allerdings so oder so. Zum einen weil ständig vom “Volk” als einer quasi biologischen Analyseeinheit ausgegangen wird und die Intelligenz definiert wurde nach den Standards der westlichen Mittelklasse.

Am besten gefällt mir dieser Teil des Interviews:

Heise: Kehren wir noch mal zu den Tests zurück. Würde uns beispielsweise … … Ein Test, der von einem Buschmann zusammengestellt worden ist, der käme doch sicherlich zu einem ganz anderen Ergebnis als ein Test, der von Ihnen zusammengestellt worden ist?

Rindermann: Ja, da haben Sie völlig Recht, es gibt sehr interessante Studien zum Beispiel zum Wegefinden, und da kann man feststellen, dass Naturvölker hier weit besser sind als Europäer. Ich selber war zum Beispiel auch mehrmals im Amazonasgebiet gewesen und ich war dort sehr erstaunt, wie toll zum Beispiel Yanomami-Indianer einen Weg finden können im Regenwald, wo wir keine Berge haben, keine erkennbaren Flüsse und so weiter, und trotzdem auf einer Wanderung von mehreren Stunden wieder genau an den Ausgangspunkt zurückkommen. Das können wir nicht, weil wir es nicht geübt haben.

Heise: Nehmen wir denn aber in unseren Tests auf genau solche Dinge auch Rücksicht?

Rindermann: Eigentlich nicht, es kommt darauf an, wie wir Intelligenz definieren. Wenn wir Intelligenz definieren würden als das Wegefinden in unbekanntem oder nahezu unbekanntem Gelände, dann wären uns Naturvölker höchstwahrscheinlich überlegen.

>> weiter im Interview

>> Stellungnahme der Mainzer Ethnologen inkl Dokumentation und Links

>> Heiner Rindermanns Publikationen (Im Gegensatz zu den meisten Ethnologen kann man so gut wie alle Papers gratis herunterladen)

Es geschieht nicht oft, aber immer wieder aeussern sich Ethnologen zu aktuellen Themen. Manchmal wendet sich sogar ein ganzes Institut mit einer Stellungsnahme an die Oeffentlichkeit. So geschehen nach einem umstrittenen Interview im Deutschland-Radio mit Bildungs- und Intelligenzforscher Heiner Rindermann…

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Suedsee-Phantasien? Neuausgabe von Georg Forster’s “Reise um die Welt” bereits ein Bestseller

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Als “Gründungsvater” der deutschen Ethnologie und literarischen Reisebeschreibung wird er gerne beschrieben. Nun ist Georg Forsters “Reise um die Welt”230 Jahre nach der Erstveröffentlichung, in der ursprünglich geplanten Form herausgekommen – inklusive Forsters eigenen Illustrationen.

“Dieses zugegebenermaßen kostspielige Buch ist bereits zu einem Bestseller geworden”, stellt das Deutschlandradio fest. Das versteht man, wenn man es vor sich sieht, so das Deutschlandradio: “auf dem Cover eines jener traumhaft schönen Aquarelle von Forster, eine Seeschwalbe im Flug, im Hintergrund das Meer”.

Der Zusammenstellung auf buecher.de zufolge haben Rezensenten nur Positives ueber das Buch zu sagen, nicht zuletzt auch was die Beschreibung der Suedseebewohner anbelangt. Forster war Teil der obligatorischen Literatur waehrend meines Ethnologiestudiums. Ich war alles andere als ueberzeugt. In meinen Notizen steht “habe text mit steigender irritation gelesen. er wertet mehr als dass er beschreibt. man muss seine werte teilen, um freude am lesen zu haben.”

Forster schreibt oft sehr abschaetzig ueber die Menschen, die er antrifft. “Sie sehen wie die hässlichsten Neger aus”, schreibt er ueber die Bewohner auf Cap Verde. Und: “Es ist natürlich, dass die Bewohner des heissen Erdstrichs eine Neigung zur Faulheit haben… hoffen lassen, dass diese Inseln wichtig und einträglich gemacht werden könnten, wenn sie einem arbeitsamen, unternehmenden und handlungstreibenden Volke zugehörten.”

Und: “indessen ist es vielleicht die tiefe barbarei, in welcher sich die neu-seeländer befinden, und die immer nur das gesetz des stärkeren erkennt, schuld daran, dass sie mehr als jedes andre volk der erde geneigt sind, ihren mitmenschen bei der ersten gelegenheit umzubringen, so bald rachsucht oder beleidigung sie dazu auffordert…”

Mehr Freude hatte ich an Cook und (ganz besonders) Montaigne

Forsters Aufzeichnungen kann man auch online lesen beim Projekt Gutenberg.

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"Dieses zugegebenermaßen…

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Ethnologe Victor Shnirelman: “Rassismus in Russland kein neues Problem”

Auf der einen Seite wurde Rasismus in der Sowjetunion von Anfang an wissenschaftlich kritisiert. Zugleich aber wuchs in Russland eine andere, ethnisch begründete Form der Unterscheidung heran, die Rassismus quasi ueber die Hintertuer einschleuste. Rassismus sei daher kein neues Problem in Russland, sagte Ethnologe Victor Shnirelman kuerzlich auf einem Vortrag in Wien, meldet der Standard.

In den 1930er-Jahren, erzaehlte der Ethnologe, wurde die ethnische Zugehörigkeit als Eintragung im Pass Pflicht:

Damit aber wurde ein hochpolitisches Faktum geschaffen, das neue Formen der Diskriminierung ermöglichte, und neue “Diskurse”, die frappierend an die Theorien der Feinde aus dem Weltkrieg erinnerten.

So hieß es im stalinistischen Russland ab den Vierzigerjahren, zwar selten offiziell, aber umso mehr hinter vorgehaltener Hand, dass “Mischehen” wegen “schlechter psychogenetischer Disposition” zu vermeiden seien.

Die antisemitischen Kampagnen damals, mehr noch die Abwertung der als Räuber und Diebe verschrienen Bewohner des Kaukasus und der als Verbrecher bezeichneten Tschetschenen stellen den Kern des “neuen Rassismus” dar, der unbeschadet die Wende überlebte und im gegenwärtigen Russland weiter virulent ist.

>> weiter im Standard

Zum Rassismus siehe u.a. Rassismus mit Rückenwind (taz 1.12.07). Zum ethnischen Denken in der Wissenschaft in Osteuropa siehe mein Interview mit Vytis Ciubrinskas “Anthropology Is Badly Needed In Eastern Europe”

Auf der einen Seite wurde Rasismus in der Sowjetunion von Anfang an wissenschaftlich kritisiert. Zugleich aber wuchs in Russland eine andere, ethnisch begründete Form der Unterscheidung heran, die Rassismus quasi ueber die Hintertuer einschleuste. Rassismus sei daher kein neues Problem…

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