search expand

Erforschte das Leben illegalisierter Migranten

cover

Rund 100 000 Migranten leben ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Wer sind diese “Sans-Papiers”? Wie überleben sie im Schatten der Gesellschaft? Diese Fragen untersucht Raphael Strauss in seiner Lizenziatsarbeit am Institut für Sozialanthropologie der Uni Bern.

In der Arbeit, die nun liegt nun als Arbeitsblatt 44 des Instituts vorliegt, hat der Ethnologe elf Migranten im Alter zwischen 22 und 47 Jahren, interviewt. Seine Informanten kommen aus Polen, Kolumbien, Kamerun, Mazedonien, Nigeria und Algerien.

Raphael Strauss hatte sich selber für die Sans-Papier-Bewegung in der Schweiz engagiert und arbeitete zudem in einem Durchgangszentrum für Asylbewerber. Kontakte aus dieser Arbeit waren ihm sehr hilfreich, denn über Menschen zu forschen, die sich ständig versteckt halten müssen um nicht “ausgeschafft” zu werden, ist nicht gerade einfach.

“Sans-Papiers” werden von Politikern und Journalisten oft als “illegale Einwanderer” bezeichnet. Der Ethnologe weigert sich, die Terminologie zu übernehmen, denn “kein Mensch ist illegal”. Er bezeichnet sie als “illegalisierte Migranten”:

Durch die konsequente Verwendung des Adjektivs «illegalisiert» soll auf der einen Seite darauf aufmerksam gemacht werden, dass der irreguläre Aufenthalt unter Umständen rein durch Gesetzesänderungen verursacht worden sein kann, auf der anderen Seite soll deutlich gemacht werden, dass die Bezeichnung der Illegalität – auf Menschen angewendet – ein politisches Konstrukt ist, da Illegalität als Solche die Ungesetzlichkeit und Abwesenheit von Rechten beinhaltet.

Lediglich der Aufenthaltsstatus eines Menschen kann ungesetzlich sein, nicht jedoch der Mensch selbst.
(…)
Ähnlich problematisch sind die Ausdrücke der «illegalen Migration» und des «illegalen Aufenthaltes», da der Begriff der Illegalität oftmals mit kriminellen Praktiken oder Handlungen verbunden wird. Aus diesem Grund werden jeweils die Begriffe «irreguläre Migration» und «irregulärer Aufenthaltsstatus» verwendet, welche sich auch im politischen und wissenschaftlichen Bereich international durchgesetzt haben.

In der Arbeit werden wir mit einer Vielfalt von Schicksalen bekannt. Darunter befinden sich abgelehnte Asylbewerber genauso wie eine gelernte Hebamme aus Polen, die in der Schweiz arbeiten gehen wollte und nun bei Privatpersonen Wohnungen putzt und aeltere Leute pflegt.

Vielen geht es sicherlich wie «Claudine» aus Kamerun:

Claudine ist ursprünglich aus Kamerun und besuchte in Frankreich die Universität, wo sie einen Schweizer kennen lernte, sich in ihn verliebte und mit ihm in die Schweiz kam.

Als französische Studentin lebte sie die ersten drei Monate mit einem Touristenvisum hier, anschliessend wäre die Heirat mit ihrem Freund geplant gewesen, doch die Beziehung stellte sich als Fehlschlag heraus, ihr Freund verliess sie und Claudine blieb alleine in der Schweiz zurück.

Ihr Visum war abgelaufen, ebenso die Verlängerungsfrist für die Universität in Frankreich, weshalb sie fortan ohne Aufenthaltsbewilligung hier lebte.(…) Da sich Claudine aufgrund ihres Wegzuges mit dem Schweizer Freund auch mit ihrer Familie zerstritten hatte, konnte sie nicht zurück, weshalb sie beschloss, trotz allem in der Schweiz zu bleiben.

In Kapitel 6 über Lebensrealität illegalisierter Migranten schreibt er zum Thema Integration:

Ihr Leben ist also geprägt durch den Versuch, möglichst unauffällig zu bleiben, sich nicht unnötig an öffentlichen Plätzen aufzuhalten, möglichst alle Kontakte mit Behörden zu vermeiden und nur äusserst vorsichtig soziale Kontakte zu knüpfen. Diese durch die rechtliche Situation erzwungenen Umstände behindern viele integrationsfördernde Aktivitäten.

Dem gegenüber steht allerdings die Tatsache, dass unzählige Sans-Papiers dies sehr gut meistern, ihr Leben ohne Aufenthaltsbewilligung führen können und sich bei ausserordentlichen Ereignissen zu helfen wissen. Ein derartiges Leben zu führen, ohne aufzufallen, deutet wiederum auf eine sehr gute Integration hin.

Zum Thema Finanzen:

Die Reduzierung der persönlichen Ansprüche auf das Notwendigste wird von den meisten InterviewpartnerInnen implizit praktiziert, Barry beispielsweise gibt sich mit einer Mahlzeit am Tag zufrieden (wenn möglich) und vergleicht die Situation auch mit seinem Heimatland, woher er es gewohnt sei, teilweise einen Tag lang nichts zu essen.

Zu Gesundheit / Psyche:

Viele der befragten erwerbslosen Sans-Papiers empfinden ihr Leben unter diesen Umständen als ein nicht menschenwürdiges Dasein, oder wie es David ausdrückt, als «somewhere in between life and death».

Bei einigen geht die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit gar bis zu Selbstmordgedanken, da kein Sinn im eigenen Leben erkannt werden kann. Über die Hälfte der InterviewpartnerInnen berichten zudem über konkrete gesundheitliche Auswirkungen, indem sie unter Schlaflosigkeit, Schlafstörungen oder Alpträumen litten.

Die wenigsten Schwierigkeiten haben sie um Umgang mit dem Gesundheitswesen (es gibt u.a. einige hilfreiche Aerzte) und in der Schule. “Die Einschulung von Sans- Papiers-Kindern ist seit längerer Zeit gängige Praxis und der Datenschutz im Normalfall problemlos gewährleistet”, schreibt der Ethnologe.

>> Download der Arbeit “Sans-Papiers: Lebensrealität und Handlungsstrategien. Eine deskriptive Studie illegalisierter MigrantInnen in der Region Bern” von Raphael Strauss

Bei andersdeutsch gibt es regelmässig Infos zum Thema, siehe u.a. die Beiträge Aus der Festung Europa und Illegalisierte kochen.

Swissinfo schreibt von einem Kampf gegen “Eheverbot” für Sans-Papiers und Solidarité sans frontières informiert über die Woche der MigrantInnen, die nächste Woche in der ganzen Schweiz stattfindet.

SIEHE AUCH:

For free migration: Open the borders!

Festung Europa: “Wir wollen die Schicksale hinter den Zahlen aufzeigen”

Ethnologe schreibt Migrationsgeschichte – Interview mit Erwin Orywal

cover

Rund 100 000 Migranten leben ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Wer sind diese "Sans-Papiers"? Wie überleben sie im Schatten der Gesellschaft? Diese Fragen untersucht Raphael Strauss in seiner Lizenziatsarbeit am Institut für Sozialanthropologie der Uni Bern.

In der Arbeit,…

Read more

Thomas Bargatzky – ein rechtsradikaler Ethnologe?

Er publiziert in angesehenen wissenschaftlichen Verlagen und hat auch ein Ethnologie-Einführungsbuch geschrieben. Im rechten Wochenblatt Junge Freiheit plädiert er für das Singen der Nationalhymne im Unterricht, wettert gegen den Islam und donnert “Europa muss christlich bleiben”. Thomas Bargatzky – ein rechtsradikaler Ethnologe?

Vorgestern tauchte ein Email in der Inbox auf:

“Dass es nicht nur Ethnologen gibt, die romantisierte Bilder verbreiten, sondern auch solche, die härtere Geschosse auffahren, beweist Thomas Bargatzky. Dieser ist schon länger Autor der rechtskonservativen Zeitschrift “Junge Freiheit”, die viele Schnittstellen und Kontakte mit Rechtsextremen hat.

Beigefügt waren ein paar Links zu Artikeln in der Jungen Freiheit, die ich gerade durchgelesen habe. Ja, der Ethnologe fährt in der Tat mit haerteren Geschossen auf, mit einem Gedankengut, das man bis vor etwa zehn Jahren hauptsächlich in rechtsradikalen Kreisen vorfand, nun aber stubenrein geworden ist.

Bargatzky wettert nicht nur gegen den Islam, sondern auch gegen die 68er-Generation und Homofile. Man kann ihn damit als Vertreter der neuen christlichen Rechte bezeichnen, die für konservative Familienwerte und einen ethnoreligioesen Nationalismus bekannt ist (er hat auch einiges mit anti-westlichen Okzidentalisten gemeinsam).

In Familie als kulturelle Universalie schreibt der an der Uni Bayreuth lehrende Ethnologe:

Die Familie ist ein Bollwerk gegen den Zugriff der Marktkräfte auf die Individuen. Es liegt daher auf der Hand, daß diese Kräfte über ihre Sprachrohre in den Parteien, den Nachrichtenmedien und der Unterhaltungsindustrie bei der Ehe als dem Angelpunkt der Familie in unserer Kultur ansetzen. Mit der Ehe soll zugleich die Familie aufgebrochen werden.

Vor diesem Hintergrund muß auch die Kampagne für die formelle Gleichsetzung “gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften” mit der Institution der Ehe gesehen werden. Die Ehe wird auf eine Ausdrucksform der individuellen “sexuellen Orientierung” reduziert und somit auch aus ihrer demographischen Funktion herausgelöst.
(…)
Wir dürfen nicht zulassen, daß sich – in welcher Partei auch immer – jene Fanatiker durchsetzen, die im Namen einer Totalemanzipation von der Natur uns nicht nur aus dieser, sondern aus der Kulturgemeinschaft mit dem Rest der Welt herauskatapultieren wollen.

Bargatzky liefert in seinen Texten eine akademische Legitimierung für anti-muslimische Aktivitäten. Er schreibt vom “Kampf der Kulturen” (sogar die Proteste der Jugendliche in den Pariser Vororten listet er hierfür als Bespiel auf!), von einem “Europa”, das vom “Islam” bedroht wird. Die Lösung ist christlicher Patriotismus.

In Europa muss christlich bleiben schreibt er:

Um dieser Bedrohung entgegentreten zu können, muß Europa Kraft schöpfen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn es sich zuvor auf die Grundlagen seiner Identität besinnt. “Wer sind wir, was sind die anderen?” Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage stoßen wir unweigerlich auf das Christentum, das fast zweitausend Jahre in Europa identitätsstiftend gewirkt hat.
(…)
Auf christlichem Boden wuchs die Aufklärung empor, in deren Namen ihm Kritiker und Gegner entgegentreten können. (…) Die asiatische Denkweise kreist vor allem um die Idee der Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen, in der christlichen Tradition steht dagegen das Individuum im Fokus der Zuwendung Gottes. Nirgendwo sonst, in keiner anderen Religion, wird das Individuum so wichtig genommen. Dies ist gleichsam das Hauptgeschenk des Christentums an die Menschheit.
(…)
Die herausragende Bedeutung des Individuums weist das Christentum im Grunde als die Religion der Moderne aus. Daß gerade individualistisch gesonnene Zeitgenossen heute in exotische Religionen flüchten, die ja gerade die Auslöschung des Individuums lehren, ist eines der großen Mißverständnisse unserer Zeit.
(…)
Europa muß christlich bleiben – oder es wird nicht mehr sein.
(…)
Sorgen wir auch durch eine nationalen Eigeninteressen verpflichtete Einwanderungspolitik dafür, daß nicht eines Tages in Europa nur noch Moscheen errichtet werden!

In Leitkultur oder Patriotismus kritisiert er die “von vielen herbeigeträumte multikulturelle Gesellschaft”. In diesen globalisierten Zeiten sei ein “Bekenntnis zur Nation” wichtiger denn je:

Das Bekenntnis zur Nation ist die Antwort auf die Frage nach der deutschen Identität (…). Nur sie kann die Aufgabe lösen, in einer Zeit des verstärkten Migrationsdrucks den Bewohnern eines bestimmten staatlichen Gebildes, welchen ethnischen Hintergrund auch immer sie haben mögen, gewisse gemeinsame Überzeugungen und Orientierungen näherzubringen, ohne die ein Gemeinwesen nicht bestehen kann. Die Zugewandtheit zur Nation hat einen Namen: Patriotismus.

Er kritisiert die 68er-Generation, die “zum Verfall identitätsstiftender Institutionen” beigetragen habe. Zu diesen zählt er “Sprache, Familie, Kirche, Schulen, Universitäten, Streitkräfte, aber auch Theater, Sinfonieorchester, Opernhäuser”:

Jede dieser Institutionen stellt, für sich genommen, eine Verfallsgeschichte dar, denn seit der unseligen “Revolution” von Achtundsechzig gilt eine anti-institutionalistische Haltung in Deutschland als chic, sie ist geradezu eine Signatur unserer Zeit. Das geistig-moralische Vakuum, das heute den Ruf nach einer Leitkultur in Deutschland laut werden läßt, entstand als Folge jenes Bruchs mit tradierten Institutionen, Symbol- und Wertesystemen.

Patriotismus, schreibt er, muss seinen “Ausdruck in eingängigen Symbolen finden” – und diese müssen gepflegt werden – die USA könnte als Vorbild dienen::

Könnten nicht auch wir in Deutschland von anderen Nationen etwas über die Pflege dieser Symbole – cultura! – lernen und zum Beispiel das Hissen der Flagge auf dem Schulhof und das gemeinsame Absingen der Dritten Strophe des Deutschlandliedes durch Lehrer und Schüler in unser Schulwesen übernehmen? Wenigstens einmal im Monat oder zu Beginn des Schuljahres und vor dem Nationalfeiertag?

Der Ethnologe ist auch einer der Autoren des Buches „Gegen die feige Neutralität – Beiträge zur Islamkritik“, worüber bei Indymedia eine aufschlussreiche Besprechung erschienen ist.

Auf seiner Uni-Homepage macht er übrigens Werbung für Praktikumsstellen bei der Bundeswehr. Da ist auch ein Link zum Forum für Kultur und Sicherheit wo “Experten über Probleme der Interkulturalität in Zusammenhang mit Fragen der Sicherheit berichten” – zwei der fünf Experten stammen vom Militär, der dritte ist Polizist.

Einer Rezension in der Zeitschrift für Religionswissenschaft zufolge operiert Bargatzy mit “evolutionären Gesellschafts- und Religionskonzepten”.

SIEHE AUCH:

Ethnologie-Einführungen und die Sonderstellung der deutschen Ethnologie

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Leitkultur und Parallelgesellschaft: Wieviel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft?

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

Schiffauer über Integration von Türken: “Die Deutschen haben Schuld”

Schiffauer: “Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet”

Immer mehr Ethnologinnen bei der Bundeswehr

The dangerous militarisation of anthropology

Er publiziert in angesehenen wissenschaftlichen Verlagen und hat auch ein Ethnologie-Einführungsbuch geschrieben. Im rechten Wochenblatt Junge Freiheit plädiert er für das Singen der Nationalhymne im Unterricht, wettert gegen den Islam und donnert "Europa muss christlich bleiben". Thomas Bargatzky…

Read more

Forschungsthema: Wie überleben in Wittenberge?

Die Industrie ist am Ende, Geschäfte und Wohnungen stehen leer. Ethnologen und Soziologen studieren wie die Bewohner von Wittenberge mit dem Umbruch umgehen. In einer munteren Reportage stellt das Deutschlandradio die Forschung vor.

Ethnologin Anna Eckert hat ein Jahr lang in Wittenberge verbracht. Sie erklärt:

Das Thema ist “Strategien alltäglicher Überlebenssicherung”, also diese Strategien, die die Leute entwickeln, um mit dem Umbruch umzugehen, wenn sie von Arbeitslosigkeit bedroht sind, wenn Infrastruktur sich zurückzieht, was sie vielleicht dagegen setzen können an Strukturen, die Stabilität schaffen.

Eine dieser Strukturen ist die “Datschensiedlung”. 29 Kleingartenanlagen gibt es in Wittenberge, jeder sechste Einwohner verbringt seine Freizeit hier. “Ob Sozialismus oder Kapitalismus, ob Brigade oder Team, ob VEB oder GmbH, die Gurken wachsen immer”, so die Radiomacher.

Dort sind sie u.a. auf Arnold Grade gestossen, der den Ethnologinnen mit viel Freude von seinem Alltag erzählt hat. Er hat sich über das Interesse der Forscher gefreut: “Det muss auch mal gesehen werden, was hier unten der kleine Bürger so treibt, und was er anbaut und was er erntet.”

Die erste Phase des Forschungsprojekts “Über Leben im Umbruch” oder auch “Überleben im Umbruch”, an dem 5 Universitäten und Institute beteiligt sind, ist vorbei.

Nun werden Anna Eckert und die anderen Doktoranden, so das Deutschlandradio, in anderen europäischen Regionen ihre Vergleichsstudien anstellen.

>> weiter beim Deutschlandradio

>> Bericht in der taz zum Forschungsprojekt

>> Projektbeschreibung

SIEHE AUCH:

Dissertation: When the power plant, the backbone of the community, closes down

In Darkest Leipzig – Ethnologiestudent erfolgreich mit Buch über Leipziger Clans und Stämme

Ethnologen studierten Konsequenzen von Zwangsräumungen

Zentrale Lage, menschenleer: Ausstellung Schrumpfende Städte

Alltagsforschung: “Hoppla, da steckt ja viel viel mehr dahinter”

Die Industrie ist am Ende, Geschäfte und Wohnungen stehen leer. Ethnologen und Soziologen studieren wie die Bewohner von Wittenberge mit dem Umbruch umgehen. In einer munteren Reportage stellt das Deutschlandradio die Forschung vor.

Ethnologin Anna Eckert hat ein Jahr lang in…

Read more

Neue Ethmundo-Ausgabe über Sport

EM

Uebermorgen findet es statt, das Endspiel zwischen Deutschland und Spanien. Passend zur Fussball-Europameisterschaft ist nun die allerneueste Ausgabe von Ethmundo zum Thema Sport im Netz.

Fussball ist eines von vielen Themen. Faszination Fußball – grenzenlos?! fraegt sich Caro Kim und zeigt auf, dass Fussball seinen besonderen Sinn durch die Mythen und Riten, die sich um Stadien, Vereinsentstehungen oder bestimmte Spiele ranken, erhält.

Fussball hat religiöse Dimensionen. Stadien – die sakralisierten Tempel der Moderne. Fans als Gläubige. Fangesänge – eine Art Glaubensbekenntnis. Spieler als verehrte, angebetete Heilige?

Fussball, so Caro Kim, ist von Bedeutung für die Konstruktion persönlicher und nationaler Identität. “Wir sind wieder wer”, hiess es als Deutschland 1954 Weltmeister wurde. Statt wie einst Krieg zwischen den Dörfern zu führen, wird die Rivalität heute in Fußballturnieren ausgetragen, hat der Ethnologe Karl-Heinz Kohl auf der Insel Flores in Indonesien beobachtet.

Auch interessant: Im Text Nationalismus auf der Straße und in den Medien vergleicht Katrin Krause die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung über die WM 2006 mit der WM 1974. Nationalbewusstsein und Patriotismus waren damals kaum ein Thema, Nationalspieler Paul Breitner hielt das Singen der deutschen Nationalhymne für überflüssig.

Dies hat sich geändert, und Krause spricht von der Entwicklung eines “positiven Nationalbewusstseins”. Wie man auf dem obigen Bild, das ich während des Spiels Deutschland-Polen machte, werden auch in Oslo eifrig deutsche Fahnen geschwenkt. Auffallend: Während des Abspielens der Nationalhymne erhoben sich viele deutsche Migranten und sangen mit.

Wie es sich gehört für Ethnologen, die über Sport schreiben, mischt man sich unter die “natives” und probiert Sportarten selbst aus. Simone Schubert schreibt von einem Selbstversuch im Drachenfliegen und Tobias Lickes mischte sich unter die Unterwasserrugby-Spieler.

>> zur Übersicht über alle Artikel der neuen Ethmundo-Ausgabe

Trotz nationalistischer Berichterstattung, soll der Erfolg der türkischen Mannschaft bei der EM für neue Töne im Miteinander gesorgt haben, meldet die Welt.

SIEHE AUCH:

“Männlichkeit im Fussball ist eine echte Forschungslücke”

Ethnologe: “Deutscher WM-Patriotismus positiv”

Frauen und Fussball: Warum sich die Geschlechterklischees trotzdem halten

EM

Uebermorgen findet es statt, das Endspiel zwischen Deutschland und Spanien. Passend zur Fussball-Europameisterschaft ist nun die allerneueste Ausgabe von Ethmundo zum Thema Sport im Netz.

Fussball ist eines von vielen Themen. Faszination Fußball – grenzenlos?! fraegt sich Caro Kim und zeigt…

Read more

Deutschlandforschung: Wofür sich “ausländische” Ethnologen interessieren

Was ist deutsch? Hanno Kabel hat einen sehr schönen Text in der Ostseezeitung geschrieben- In einem Gespräch mit dem Ethnologen Thomas Hauschild zeigt er auf, wie nicht-deutsche Ethnologen Stereotypen über das “Deutschsein” herausfordern. Sie erzählen “die wahren Geschichten von Deutschland jenseits von Bier, Autos und Sauerkraut”.

“Gibt es überhaupt etwas, was alle Deutschen miteinander verbindet; etwas, das sie zu einem Volk macht”, ist seine (ironische) Ausgangsfrage und listet gängige Klischees wie Pünktlichkeit auf. Hauschild macht sein Vorhaben zunichte und sagt:

„Das, was Deutsche gern als “preußische Tugenden” hochhalten, sind ganz normale Tugenden einer hochorganisierten Industriegesellschaft. Egal, ob man im Computerbusiness oder in einer Reinigungsfirma arbeitet: Man muss überall sehr diszipliniert sein, um mitzuhalten.“

Es gibt viele ausländische Ethnologen, die deutsche Sitten und Gebräuche erforschen, erzählt Hauschild. Diese befassen sich jedoch mit ganz anderen Themen.

Eine englische Ethnologin interessiert sich für Kinderkrippen. Sie fand heraus, dass Mütter sich die sexistischen Rollenbilder zu eigen machten.

Indonesische Ethnologen untersuchten z.B. wie die Deutschen feilschen:

Ergebnis: Sie können es nicht. Nicht, weil sie steifer, korrekter oder unbegabter wären als andere – sondern schlicht deshalb, weil Rabatte seit 1933 verboten waren. „Deswegen schwärmen die Deutschen auch so für Flohmärkte oder Märkte in Italien“, sagt Hauschild. Erst 2001 wurde das Rabattgesetz abgeschafft.

Zurzeit interessierten sich die ausländischen Ethnologen laut Hauschild vor allem für die Schwächung der deutschen Institutionen: das schwindende Vertrauen in die Politiker und die Bundesbehörden, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben.

Was ist deutsch? “Am Ende gibt es nur eine zuverlässige Antwort: das Grundgesetz und ein deutscher Pass”, konkludiert Hanno Kabel, der auch über den neuen Einbürgerungstest schreibt.

>> zum Text in der Ostseezeitung

Die Zeit hatte vor neun Jahren einen Artikel mit dem Titel “Das wilde Germanistan. Wie ausländische Ethnologen versuchen, das deutsche Wesen zu ergründen”

SIEHE AUCH:

Ein Ethnologe aus Pakistan bei den Deutschen in Sauberteich

Deutschlandforschung: “Deutsche Hunde – Ein Beitrag zum Verstehen deutscher Menschen”

Was ist deutsch? Ethnologen geben Kurs

Wer ist deutsch? “Gar nicht so einfach mit den ‘TürkInnen’, ‘Deutschen’ und ‘AusländerInnen’ “

Ethnologen beobachten wie die Mentalität der Deutschen sich wandelt

Leitkultur reloaded

Ein afrikanischer Blick auf Europa

Was ist deutsch? Hanno Kabel hat einen sehr schönen Text in der Ostseezeitung geschrieben- In einem Gespräch mit dem Ethnologen Thomas Hauschild zeigt er auf, wie nicht-deutsche Ethnologen Stereotypen über das "Deutschsein" herausfordern. Sie erzählen "die wahren Geschichten von Deutschland…

Read more