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Wie weiss ist Europa eigentlich?

Hier wehen die Flaggen der kaiserlichen Kriegsmarine und der Dauerkolonie Togo e.V.. Die Strassen tragen die Namen ehemaliger deutschen Kolonien wie Kamerun oder Togo. Welchen Sinn macht es eigentlich anno 2008 zu schreiben “Der Wedding wird schwarz. Der Arbeiterbezirk legt seine rote Farbe ab und wird bunt, international, afrikanisch“, wenn Afrikas Geschichte mit Berlins Geschichte jahrhundertelang miteinander verflochten war? Wie weiss ist Europa eigentlich?

Solche Frage wirft der Text von Pantelis Pavlakidis und Maria Hoffmann auf Wildes Denken auf.

Die deutsche Kolonialvergangenheit, erklären sie am Beispiel Berlins, besteht “ungebrochen, unkommentiert und unkritisch in verschiedenen Formen fort”. Sie ist allgegenwärtig in dem “erbitterten Streit” um Rückgabeforderungen der Kameruner Königsinsignien oder um die „Afrika-Tage“ in deutschen Zoos, die an die rassistischen Kolonialausstellungen von schwarzen Menschen erinnern.

Weiter schreiben sie:

Das Afrikanische Viertel [in Berlin] mit seinen kolonialen Straßennamen kann keinesfalls als bloßes Überbleibsel kolonialpolitischer Bestrebungen des Deutschen Kaiserreiches und des nationalsozialistischen Regimes verstanden werden. Vielmehr verweisen beispielsweise die gehissten Flaggen der kaiserlichen Kriegsmarine, der Freibeuter und des Templerordens in den Kleingartenanlagen Rehberge e.V. und Dauerkolonie Togo e.V., auf eine bewusste Inszenierung historischer Symbole, die in ihrer politischen Aussage in soziale Praktiken übersetzt werden. (…)

„Warum das Afrikanischen Viertel so heißt? Vielleicht wegen der Afrikaner, die hier leben?“ hörten wir ein paar Mal bei einer ersten Straßenumfrage. Kehren die Menschen, die schon seit mehr als 100 Jahre im Wedding symbolisch präsent sind, nach Hause?

“Menschen wie ich”, erklärt Stuart Hall (1994: 74) anhand seiner eigenen Biographie, die ihn von Jamaika nach England führte, “die in den 1950ern nach England kamen, waren schon seit Jahrhunderten da. Symbolisch waren wir schon seit Jahrhunderten da. Ich kam nach Hause. Ich bin der Zucker auf dem Boden der englischen Teetasse. Ich bin die Süßigkeit und die Zuckerplantagen, die Generationen von englischen Kindern die Zähne ruiniert haben. Neben mir gibt es Tausende Andere, die der Tee sind. Weil, Ihr wisst ja, sie bauen keinen Tee in Lancashire an. Es gibt keine einzige Teeplantage im Vereinigten Königreich. Aber Tee ist das Symbol englischer Identität – was weiß man in der Welt über eine englische Person außer, dass sie den Tag nicht ohne Tee überstehen kann? Aber wo kommt er her? Ceylon – Sri Lanka, Indien. Das ist die äußere Geschichte, die im Inneren der Geschichte Englands ist. Es gibt keine englische Geschichte ohne diese andere Geschichte.”

>> zum Beitrag auf Wildes Denken

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“Freiwilligendienste verfestigen hierarchisches Weltbild”

Nach der Schule nach Afrika, um im Krankenhaus zu arbeiten oder beim Bau einer Schule zu mitzuhelfen? Solche “Entwicklungshilfe-Programme” können mehr schaden, erklärt Politikwissenschaftler und Ethnologe Wolfgang Gieler in einem Interview i Deutschlandradio.

Solch ein einseitiger Austauch – Menschen aus dem “reichen Westen” reisen in den “armen Süden”, um zu helfen – kann ein hierarchisches Weltbild verfestigen, also ein Weltbild, das den Westen als moralisch, technisch, kulturell etc überlegen definiert.

Gieler hat sich seit langem fachlich mit Freiwilligendiensten beschäftigt – nicht nur theoretisch. Er betreut selbst Studentengruppen, die in Ghana oder in Burkina Faso Freiwilligendienste leisten.

Er versucht eine andere Perspektive zu vermitteln: Die jungen Leute aus Deutschland gehen ins Ausland, um dort etwas zu lernen, und nicht, um zu helfen.

Er macht sich stark für mehr Gleichwertig-Gleichrangigkeit:

Die Argumentation beispielsweise, zehntausende freiwillige Deutsche zu entsenden, um dann auch im entwicklungspolitischen Bereich tätig zu werden, könnte dahingehend aufgebrochen werden, dass etwa 5.000, die Hälfte, Deutsche entsandt werden und umgekehrt dann 5.000 Kinder, Jugendliche aus den Südländern nach Deutschland kämen, um hier etwa im Bereich Schule oder im Bereich gemeinsamer Projekte zu arbeiten.

>> zum Interview im Deutschland Radio

In einem Folgebeitrag nimmt Jürgen Wilhelm von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Stellung zu Gielers Kritik. Die GIZ hat in den letzten drei Jahren 10.000 junge Menschen mit ihrem Freiwilligendienst “weltwärts” ins Ausland geschickt.

Wllhelm kann Gielers Kritik nicht nachvollziehen, findet seinen Vorschlag, Jugendliche aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, jedoch gut. “Da spricht mir Herr Gieler aus der Seele, das ist ein ganz klarer Wunsch immer an die Bundesregierung gewesen.”

Wie wärs z.B. wenn die GIZ junge Leute aus Ägypten holt, um Deutschland Entwicklungshilfe in Demokratie zu leisten?

NEU (25.7.11): Der Paderborner Religionspädagoge Johannes Niggemeier kennen, Gründer und Vorsitzender der Brasilieninitiative Avicres nimmt zur Kritik Stellung.

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Solch ein einseitiger Austauch - Menschen…

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Startschuss für eine politische Anthropologie der Schweiz

Kriminalisierung von Migration, Überwachungsstaat, neoliberaler Kapitalismus kontra Wohlfahrtsstaat, Patriotismus und die Zelebrierung von “Swissness”: Dies sind Themen, für die sich Ethnologen mehr engagieren sollten – auch in der Öffentlichkeit. Dies meinen die Mitglieder einer neuen Arbeitsgruppe der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft (SEG).

“Angesichts der Ausschaffungsinitiative (2010) ist eine kritische Debatte über das gesellschaftspolitische Potential ethnologischer Forschung, Intervention und Reflexion ins Rollen gekommen”, schreibt Rohit Jain in einem Email.

Die SEG hat einer offiziellen Stellungnahme (pdf) ihre “Besorgnis über die Ausschaffungsinitiative, den Gegenvorschlag und die derzeitige politische Debatte in der Schweiz” zum Ausdruck gebracht:

Wir konstatieren eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit, welche sich in Diskussionen über die Behandlung ausländischer Straftäter und ihrer Familien, über baurechtliche Vorschriften für religiöse Gebäude und das Einbürgerungsprozedere manifestiert. Diese politischen Vorstösse verweisen auf eine systematische Ausgrenzung bestimmter Teile der Bevölkerung.

Wir sind der Meinung, dass es in der Ausschaffungsinitiative nicht um die Verringerung von Kriminalität geht – ebensowenig wie es in der Minarettinitiative um Minarette ging –, sondern um die Schaffung vereinfachter Feindbilder zum Zwecke des politischen Wahlkampfs und der Inszenierung staatlicher Durchsetzungskraft. Politische Scheingefechte wie die Ausschaffungsinitiative und der Gegenvorschlag verhindern die Auseinandersetzung mit den aktuellen globalen Herausforderungen und verschliessen Chancen für die Zukunft.

Aus dieser Initiative ist eine lose Arbeitsgruppe “Politische Anthropologie der Schweiz” entstanden. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, “kritische ethnologische/ethnographische Forschungsprojekte über die politischen Kulturen, Institutionen und Praktiken in der Schweiz anzuregen, unterschiedliche Formen von wissenschaftlichen/politischen Interventionen auszuloten sowie die Reflexion über das Fach Ethnologie – und die epistemologische Arbeitsteilung in der Schweiz generell – zu fördern. Die Arbeitsgruppe ist grundlegend interdisziplinär ausgerichtet und strebt einen breiteren wissenschaftlichen Austausch an.”

An der Jahrestagung der SEG am 25.26. November 2011 in Zürich soll nun an einem Panel eine erste ” Annäherung an eine politische Anthropologie der Schweiz” stattfinden.

Die Arbeitsgruppe würde sich über Beiträge freuen, siehe Call For Papers

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Kriminalisierung von Migration, Überwachungsstaat, neoliberaler Kapitalismus kontra Wohlfahrtsstaat, Patriotismus und die Zelebrierung von "Swissness": Dies sind Themen, für die sich Ethnologen mehr engagieren sollten - auch in der Öffentlichkeit. Dies meinen die Mitglieder einer neuen Arbeitsgruppe der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft…

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Thomas Kochan ist Schnapsethnologe

Fünf Jahre hat Ethnologe Thomas Kochan zur Kulturgeschichte des Alkohols in der DDR geforscht. Kurz nach seiner Dissertation hat er seinen eigenen Schnapsladen eröffnet. “Dr. Kochan Schnapskultur“ steht im geschwungenen Rund des Schaufensters in Prenzlauer Berg, meldet der Tagesspiegel.

Soeben ist seine Arbeit als Buch erschienen. „Blauer Würger“ heisst es – in Anlehnung an den Spitznamen für „Kristall Wodka“ laut Tagesspiegel “ein geschmacklich zweifelhafter, aber stets verfügbarer Fusel mit blauem Etikett aus dem Warenangebot in der DDR”.

Die Ostdeutschen waren grosse Trinker. In kaum einem Land wurde so viel getrunken wie in der DDR. “Der Ethnologe Thomas Kochan sucht in seinem Buch “Blauer Würger” eine Erklärung für den Durst der Ostler – und widerspricht dem gängigen Klischee”, erfahren wir in einem ausführlichen Bericht im Spiegel:

“Die DDR-Gesellschaft war nicht alkoholisiert”, lautet sein Fazit. Kochan spricht von einer “alkoholkonzentrierten” Gesellschaft, in der Alkohol Genuss,- Stärkungs- und Tauschmittel war, und immer ein willkommenes Präsent. Alles, was darüber hinaus gehe, sei “Legende”. (…) “Nirgends ist von einer Trinkkultur, in der der Alkohol primär als Sorgenbrecher und Kummertöter diente, die Rede”, schreibt er.

“Auf das Thema ist er gekommen, weil er etwas untersuchen wollte, das Spass macht”, erfahren wir in der Sächsischen Freien Presse.

“Dem Autor gelingt es auf hervorragende Weise die Leser auf 446 Seiten blendend zu unterhalten”, meint Thomas Cieslik.

Das Buch wurde auch in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten und Mitteldeutschem Rundfunk besprochen.

Sein Schnapsladen ist auch im Netz zu finden, und zwar auf www.schnapskultur.de

AKTUALISIERUNG:

Auch beim Schnaps-Trinken war die DDR Weltmeister (die WELT)

Interview: Buch beschreibt Schnapsweltmeister DDR (otz.de)

Doktorarbeit über die Trinkkultur in der DDR (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag)

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The Anthropologist as Barman – Durham Anthropology Journal fulltext online

In Darkest Leipzig – Ethnologiestudent erfolgreich mit Buch über Leipziger Clans und Stämme

Deshalb sind Ossis eine Ethnie – Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern

Initiationsriten: Merkwürdige Weisse

Fünf Jahre hat Ethnologe Thomas Kochan zur Kulturgeschichte des Alkohols in der DDR geforscht. Kurz nach seiner Dissertation hat er seinen eigenen Schnapsladen eröffnet. "Dr. Kochan Schnapskultur“ steht im geschwungenen Rund des Schaufensters in Prenzlauer Berg, meldet der Tagesspiegel. …

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Fastenboom auch ohne Religion

Nicht nur bei Muslimen ist rituelles Fasten beliebt. Vor zehn Tagen hat die christliche Fastenzeit begonnen, in Österreich will laut Umfrage gut jeder Dritte fasten.

Fasten ohne religiöse Motivation ist offenbar auf dem Vormarsch, meldet die Kleine Zeitung. Das Blatt verweist auf Helmut Eberhart vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Uni Graz. Er beobachtet einen seit Jahren anhaltenden Wandel “weg von den klassischen katholischen Glaubensritualen”. In neuen Fastenritualen würden jedoch religiöse Einzelteile übernommen. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir laut Eberhart auch im “Wallfahrtsboom”.

Roswitha Orac-Stipperger vom Volkskundemuseum in Graz stimmt ihm zu. “Fasten ist beliebig geworden, unabhängig von der historischen Fastenkultur.”

Religiös motivitiertes fasten gibt es natürlich trotzdem noch unter Christen. “In vielen Familien wird heute noch an die historische Fastenkultur angeknüpft, wie es von der Kirche verlangt wird”, sagt sie.

Das Blatt gibt auch Einblick in die Kommerzialisierung des Fastens. Fasten ist Teil des “Wellnesshypes” geworden mit Angeboten wie “Beziehungsfasten” in “Fastenhotels”.

Es lohnt sich auch “Fastenblog” zu googeln. Da findet sich einiges.

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“Ritualboom in Deutschland”

France: More and more muslims observe Ramadan

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“Kuriose Osterbräuche in Bayern”

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