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Bald 100 Jahre alt: Claude Lévi-Strauss in allen Kanalen (aktualisiert)

“Sein Denken ist aktuell wie nie. Kein anderer hat die zerstörerische Macht unserer Zivilisation so hellsichtig beschrieben wie er.” So leitet Thomas Assheuer seinen Aufsatz in der ZEIT über einen der bekanntesten Ethnologen ein, der am Freitag 100 Jahre alt wird: Claude Lévi-Strauss.

Obwohl es noch ein paar Tage bis zu seinem Geburtstag sind, wimmelt es bereits von teils recht ausführlichen Texten über den Ethnologen, siehe u.a.:

Thomas Haunschmid: Die Wahrheit liegt auf dem Schreibtisch. Claude Lévi-Strauss’ Strukturalismus ist reizvoll wie umstritten (ORF, 22.11.08)

Anita Albus: “Erinnerung ist das Leben selbst” (Die Welt, 23.11.08)

Uwe Justus Wenzel: Der Blick der Katze. Ein Versuch über Claude Lévi-Strauss und das Verhältnis des Anthropologen zur Philosophie (NZZ, 22.11.08)

Der Gruppenblog Savage Minds hat schon eine Weile eine Serie mit Levi-Strauss-Zitaten laufen

NEU:

Frankreich schreibt neuen Claude-Lévi-Strauss-Preis aus (Agenturmeldung, 28.11.08)

Das Vermächtnis des Universalgelehrten (Radiosendung von DRS 2, kann als mp3 runtergeladen werden)

Der Bändiger des unendlich langweiligen Materials (JungleWorld, 27.11.08)

Thomas Reinhardt: Die Zivilisation ist keine zarte Blüte. Claude Lévi-Strauss zwischen magischem Denken und Strukturalismus (Tagesspiegel, 28.11.08)

Mario Erdheim: Lévi-Strauss brachte Licht ins Unbewusste der Kultur (Tages Anzeiger, 28.11.08)

Der Völkerphilosoph. Paris ehrt Claude Levi-Strauss zum hundertsten Geburtstag (Deutschlandfunk 28.11.08)

Ein Ethnologe, der das Reisen hasst: Claude Levi-Strauss entlarvte den Eurozentrismus (ORF, 28.11.08)

Heiß und kalt: Thomas Hauschild zum 100. Geburtstag des großen französischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss (Sueddeutsche, 28.11.08)

Der Mann, nicht die Jeans: Claude Lévi-Strauss’ Leitfragen haben nichts von ihrer Aktualität verloren (Frankfurter Rundschau, 28.11.08)

Der umstrittene Ethnologe – Claude Lévi-Strauss erforschte die Beziehungen und Mythen indigener Völker (taz 27.11.08)

Schöpfer des Strukturalismus: Claude Lévi-Strauss wird 100 (Deutsche Welle, 27.11.08)

Claude Lévi-Strauss auf Arte: Der undurchschaubare Ort des Ethnologen (faz 27.11.08)

SIEHE AUCH englischsprachige Medien zu Levi-Strauss’ Geburtstag

"Sein Denken ist aktuell wie nie. Kein anderer hat die zerstörerische Macht unserer Zivilisation so hellsichtig beschrieben wie er." So leitet Thomas Assheuer seinen Aufsatz in der ZEIT über einen der bekanntesten Ethnologen ein, der am Freitag 100 Jahre alt…

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Thomas Bargatzky – ein rechtsradikaler Ethnologe?

Er publiziert in angesehenen wissenschaftlichen Verlagen und hat auch ein Ethnologie-Einführungsbuch geschrieben. Im rechten Wochenblatt Junge Freiheit plädiert er für das Singen der Nationalhymne im Unterricht, wettert gegen den Islam und donnert “Europa muss christlich bleiben”. Thomas Bargatzky – ein rechtsradikaler Ethnologe?

Vorgestern tauchte ein Email in der Inbox auf:

“Dass es nicht nur Ethnologen gibt, die romantisierte Bilder verbreiten, sondern auch solche, die härtere Geschosse auffahren, beweist Thomas Bargatzky. Dieser ist schon länger Autor der rechtskonservativen Zeitschrift “Junge Freiheit”, die viele Schnittstellen und Kontakte mit Rechtsextremen hat.

Beigefügt waren ein paar Links zu Artikeln in der Jungen Freiheit, die ich gerade durchgelesen habe. Ja, der Ethnologe fährt in der Tat mit haerteren Geschossen auf, mit einem Gedankengut, das man bis vor etwa zehn Jahren hauptsächlich in rechtsradikalen Kreisen vorfand, nun aber stubenrein geworden ist.

Bargatzky wettert nicht nur gegen den Islam, sondern auch gegen die 68er-Generation und Homofile. Man kann ihn damit als Vertreter der neuen christlichen Rechte bezeichnen, die für konservative Familienwerte und einen ethnoreligioesen Nationalismus bekannt ist (er hat auch einiges mit anti-westlichen Okzidentalisten gemeinsam).

In Familie als kulturelle Universalie schreibt der an der Uni Bayreuth lehrende Ethnologe:

Die Familie ist ein Bollwerk gegen den Zugriff der Marktkräfte auf die Individuen. Es liegt daher auf der Hand, daß diese Kräfte über ihre Sprachrohre in den Parteien, den Nachrichtenmedien und der Unterhaltungsindustrie bei der Ehe als dem Angelpunkt der Familie in unserer Kultur ansetzen. Mit der Ehe soll zugleich die Familie aufgebrochen werden.

Vor diesem Hintergrund muß auch die Kampagne für die formelle Gleichsetzung “gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften” mit der Institution der Ehe gesehen werden. Die Ehe wird auf eine Ausdrucksform der individuellen “sexuellen Orientierung” reduziert und somit auch aus ihrer demographischen Funktion herausgelöst.
(…)
Wir dürfen nicht zulassen, daß sich – in welcher Partei auch immer – jene Fanatiker durchsetzen, die im Namen einer Totalemanzipation von der Natur uns nicht nur aus dieser, sondern aus der Kulturgemeinschaft mit dem Rest der Welt herauskatapultieren wollen.

Bargatzky liefert in seinen Texten eine akademische Legitimierung für anti-muslimische Aktivitäten. Er schreibt vom “Kampf der Kulturen” (sogar die Proteste der Jugendliche in den Pariser Vororten listet er hierfür als Bespiel auf!), von einem “Europa”, das vom “Islam” bedroht wird. Die Lösung ist christlicher Patriotismus.

In Europa muss christlich bleiben schreibt er:

Um dieser Bedrohung entgegentreten zu können, muß Europa Kraft schöpfen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn es sich zuvor auf die Grundlagen seiner Identität besinnt. “Wer sind wir, was sind die anderen?” Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage stoßen wir unweigerlich auf das Christentum, das fast zweitausend Jahre in Europa identitätsstiftend gewirkt hat.
(…)
Auf christlichem Boden wuchs die Aufklärung empor, in deren Namen ihm Kritiker und Gegner entgegentreten können. (…) Die asiatische Denkweise kreist vor allem um die Idee der Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen, in der christlichen Tradition steht dagegen das Individuum im Fokus der Zuwendung Gottes. Nirgendwo sonst, in keiner anderen Religion, wird das Individuum so wichtig genommen. Dies ist gleichsam das Hauptgeschenk des Christentums an die Menschheit.
(…)
Die herausragende Bedeutung des Individuums weist das Christentum im Grunde als die Religion der Moderne aus. Daß gerade individualistisch gesonnene Zeitgenossen heute in exotische Religionen flüchten, die ja gerade die Auslöschung des Individuums lehren, ist eines der großen Mißverständnisse unserer Zeit.
(…)
Europa muß christlich bleiben – oder es wird nicht mehr sein.
(…)
Sorgen wir auch durch eine nationalen Eigeninteressen verpflichtete Einwanderungspolitik dafür, daß nicht eines Tages in Europa nur noch Moscheen errichtet werden!

In Leitkultur oder Patriotismus kritisiert er die “von vielen herbeigeträumte multikulturelle Gesellschaft”. In diesen globalisierten Zeiten sei ein “Bekenntnis zur Nation” wichtiger denn je:

Das Bekenntnis zur Nation ist die Antwort auf die Frage nach der deutschen Identität (…). Nur sie kann die Aufgabe lösen, in einer Zeit des verstärkten Migrationsdrucks den Bewohnern eines bestimmten staatlichen Gebildes, welchen ethnischen Hintergrund auch immer sie haben mögen, gewisse gemeinsame Überzeugungen und Orientierungen näherzubringen, ohne die ein Gemeinwesen nicht bestehen kann. Die Zugewandtheit zur Nation hat einen Namen: Patriotismus.

Er kritisiert die 68er-Generation, die “zum Verfall identitätsstiftender Institutionen” beigetragen habe. Zu diesen zählt er “Sprache, Familie, Kirche, Schulen, Universitäten, Streitkräfte, aber auch Theater, Sinfonieorchester, Opernhäuser”:

Jede dieser Institutionen stellt, für sich genommen, eine Verfallsgeschichte dar, denn seit der unseligen “Revolution” von Achtundsechzig gilt eine anti-institutionalistische Haltung in Deutschland als chic, sie ist geradezu eine Signatur unserer Zeit. Das geistig-moralische Vakuum, das heute den Ruf nach einer Leitkultur in Deutschland laut werden läßt, entstand als Folge jenes Bruchs mit tradierten Institutionen, Symbol- und Wertesystemen.

Patriotismus, schreibt er, muss seinen “Ausdruck in eingängigen Symbolen finden” – und diese müssen gepflegt werden – die USA könnte als Vorbild dienen::

Könnten nicht auch wir in Deutschland von anderen Nationen etwas über die Pflege dieser Symbole – cultura! – lernen und zum Beispiel das Hissen der Flagge auf dem Schulhof und das gemeinsame Absingen der Dritten Strophe des Deutschlandliedes durch Lehrer und Schüler in unser Schulwesen übernehmen? Wenigstens einmal im Monat oder zu Beginn des Schuljahres und vor dem Nationalfeiertag?

Der Ethnologe ist auch einer der Autoren des Buches „Gegen die feige Neutralität – Beiträge zur Islamkritik“, worüber bei Indymedia eine aufschlussreiche Besprechung erschienen ist.

Auf seiner Uni-Homepage macht er übrigens Werbung für Praktikumsstellen bei der Bundeswehr. Da ist auch ein Link zum Forum für Kultur und Sicherheit wo “Experten über Probleme der Interkulturalität in Zusammenhang mit Fragen der Sicherheit berichten” – zwei der fünf Experten stammen vom Militär, der dritte ist Polizist.

Einer Rezension in der Zeitschrift für Religionswissenschaft zufolge operiert Bargatzy mit “evolutionären Gesellschafts- und Religionskonzepten”.

SIEHE AUCH:

Ethnologie-Einführungen und die Sonderstellung der deutschen Ethnologie

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Leitkultur und Parallelgesellschaft: Wieviel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft?

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

Schiffauer über Integration von Türken: “Die Deutschen haben Schuld”

Schiffauer: “Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet”

Immer mehr Ethnologinnen bei der Bundeswehr

The dangerous militarisation of anthropology

Er publiziert in angesehenen wissenschaftlichen Verlagen und hat auch ein Ethnologie-Einführungsbuch geschrieben. Im rechten Wochenblatt Junge Freiheit plädiert er für das Singen der Nationalhymne im Unterricht, wettert gegen den Islam und donnert "Europa muss christlich bleiben". Thomas Bargatzky…

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Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

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Haben Türken türkische Kultur und Deutsche deutsche Kultur? Endlich ist ein Buch auf Deutsch herausgekommen, dass mit der Vorstellung aufräumt, die Welt sei in abgrenzbare Kulturen eingeteilt, und auf die fatalen Konsequenzen dieses Denkens hinweist – dazu noch leichtverständlich:

Maxikulti heisst das Buch, geschrieben von zwei Ethnologen, die wir vom Blog CultureMatters kennen: Joana Breidenbach und Pál Nyíri.

Ausgangspunkt des Buches ist ein Problem, das auf diesem Blog viel kritisiert wurde: die Kulturalisierung von Problemen: “Kopftuchdebatte, Karikaturenstreit, EU-Osterweiterung: Kulturelle Unterschiede halten immer stärker her als Erklärung für gesellschaftliche Konflikte”, so die Autoren. Der Glaube an die Unversöhnlichkeit von Kulturen boome. Unser Kulturbegriff, so die Ethnologen, sei falsch und gefährlich, führe zu schlechter Politik, humanitären Katastrophen zu Vorurteilen und Intoleranz.

Eines ihrer Beispiele handelt von Atsushi, einem japanischen Studenten, der an einer australischen Universität einen Linguistikkurs belegte, in dem es um kulturelle Aspekte von Sprache ging. (Quelle: weltbild.de):

Eines Tages forderte der Dozent ihn auf, den anderen Seminarteilnehmern zu zeigen, “wie Japaner sich begrüßen”. Atsushi hob seine Hand, wedelte mit den Fingern und sagte “Hello”.

Der Dozent war unzufrieden: “Ich meine, wie begrüßt du Menschen in eher formellen Situationen?”

Atsushi zuckte mit den Schultern und wiederholte seine Geste.

Nun wurde der Dozent – der von Atsushi erwartet hatte, dass er eine Verbeugung vorführt – langsam ärgerlich und fragte: “Was machst Du bitte schön, wenn Du dem Kaiser vorgestellt wirst?”

Atsushi, der sich inzwischen unangenehm bedrängt fühlte, erwiderte, er wolle den Kaiser lieber nicht kennen lernen.

Schlussendlich führte der Dozent selbst eine “typische japanische Begrüßung” vor, während Atsushi noch Wochen später empört von diesem Vorfall erzählte.

In der Berliner Gazette erklärt Joana Breidenbach:

In Maxikulti argumentieren Pal Nyiri und ich gegen eine Perspektive, die die Welt als Mosaik wechselseitig von einander abgegrenzter Kulturen sieht. Stattdessen beschreiben wir die enorme kulturelle Ausdifferenzierung weltweit, die es mit sich bringt, dass zwar immer weniger Menschen vor Ort ein gemeinsames kulturelles Inventar miteinander teilen, zugleich aber viele Brücken zu weit entfernt lebenden Menschen begehen können.

Immer mehr Menschen entwickeln ein kulturvergleichendes Bewusstsein: ihr Repertoire möglicher Verhaltensweisen und Normen erweitert sich im Kontakt mit anderen Kulturen. Diese Erweiterung der Wahlmöglichkeiten ist für die menschliche Entwicklung an sich unverzichtbar.

(…)

Ich möchte ein Bewusstsein dafür wecken, dass Kulturen von globalen Einflüssen nicht notwendigerweise zerstört werden, sondern Menschen Fremdes oft nutzen, um mehr sie selbst zu werden. Da heute so viele Menschen mit der gleichen Waren- und Ideenwelt konfrontiert sind, stellt sich die Frage nach den Gemeinsamkeiten neu.

Natürlich, schreiben die Ethnologen, seien in manchen Situationen Kenntnisse über kulturell unterschiedliche Werte und Verhaltensweisen notwendig. Doch es sei “wichtiger, Behauptungen kritisch zu hinterfragen, die im Namen von Kultur aufgestellt werden, und die dahinter versteckten Machtmechanismen zu verstehen.”

Das Buch steht als pdf zum Download bereit und ich werde im Laufe der nächsten Wochen vermutlich mehr darüber schreiben.

Ich hatte mich mit diesem Thema in meiner Lizenziatsarbeit Wessen Kultur bewahren? auseinandergesetzt und auch darauf hingewiesen, dass auch in der Ethnologie teils ein sehr zweifelhaftes Kulturverständnis aufzufinden ist. In einem führenden deutschsprachigen ethnologischen Wörterbuch fand ich folgende Definition von Kultur:

Kultur = die Summe der von einem Volk hervorgebrachten und tradierten geistigen, religiösen und künstlerischen Werte sowie seiner Kenntnisse und Handfertigkeiten, Verhaltensweisen, Sitten und Wertungen, Einrichtungen und Organisationen, die in ihrer strukturellen Verbundenheit als eine Art gewachsener Organismus den Lebensinhalt eines Volkes in einem bestimmten Zeitraum repräsentieren. Kultur kann aber auch kurz als Gruppenerscheinung einer völkischen Einheit angesprochen werden.

Dieses von der Nationalromantik geprägte Bild von Kultur ist besonders in der deutschsprachigen Ethnologie verbreitet, siehe u.a. Ethnologie-Einführungen und die Sonderstellung der deutschen Ethnologie.

UPDATE 1: >> Interview mit Joana Breidenbach im Dom-Radio

UPDATE 2: (via religionswissenschaft.info) Die Faz bespricht das Buch, siehe Die Irrtümer des Kulturalismus

SIEHE AUCH:

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

Einwanderung, Stadtentwicklung und die Produktion von “Kulturkonflikten”

Kindesmissbrauch bei den Aborigines: Kultur als Vorwand

Rassismus: Kultur als Deckmantel

Ethnologe: “Ethnien und Religion sind keine Kriegsursachen”

Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

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Haben Türken türkische Kultur und Deutsche deutsche Kultur? Endlich ist ein Buch auf Deutsch herausgekommen, dass mit der Vorstellung aufräumt, die Welt sei in abgrenzbare Kulturen eingeteilt, und auf die fatalen Konsequenzen dieses Denkens hinweist - dazu noch leichtverständlich:

Maxikulti…

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Kritisiert ethnologische “Stammesforschung”

umschlag

Ethnologe Markus Schleiter scheint eine interessante Dissertation geschrieben haben, die sich kritisch damit auseinandersetzt wie Ethnologen ihnen fremde Gesellschaften beschreiben.

In “Die Birhor- Ethnographie und die Folgen. Ein indischer ,Stamm’ im Spiegel kolonialer und postkolonialer Beschreibungen” geht es besonders um den Begriff “Stamm”, erfahren wir in der Buchbesprechung von Melitta Waligora auf suedasien.info.

Der Begriff “Stamm” (oder “tribe”auf Englisch) ist umstritten, weil er oft negative Assotiationen weckt wie “Rückständigkeit”. Die Begriffe “Stamm” und “Kaste” wurden in Indien im 18. und 19. Jahrhundert oft synonym verwendet.

Die ethnographische Konstruktion der „Stämme“ mit den jeweiligen Zuschreibungen wie primitiv, isoliert, rückständig, gefährdet erfolgte erst ab der Mitte des 19. Jh., gleichlaufend mit dem Begriff der „Kaste“.

Mit beiden Begriffen sollte fortan jeweils etwas anderes beschrieben werden, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gab. So konnte es passieren, dass ein und dieselbe Gemeinschaft in einem Gebiet als primitiver Stamm, in einem anderen als niedrige Kaste und wieder woanders als herrschende Schicht klassifiziert wurde.

Diese koloniale Einteilung, so der Ethnologe, wurde sehr bald von den nationalen Akteuren übernommen. Bis heute findet sie sich in der Entwicklungshilfeideologie “als Paternalismus gegenüber den subalternen, so ganz anders gearteten und hilfebedürftigen Stämmen wieder”.

Melitta Waligora schreibt:

So kann der Autor in seinem Resümee nahezu zynisch formulieren, dass die Birhor und deren postulierte Gefährdung eine notwendige Existenzberechtigung für eine Armada von Entwicklungsadministratoren wie Forschern bieten, deren Interesse an einer realen Verbesserung auch der ökonomischen Situation der Birhor demzufolge nur gering ist.

>> weiter bei suedasien.info

Von Markus Schleiter gibt es kaum etwas im Netz. Auf journal-ethnologie.de hat er zumindest den Text “Zum Tanze”. Eine ethnographische Erzählung über den indischen „Stamm“ der Birhor veröffentlicht

SIEHE AUCH:

So lebt der Kolonialismus in der Ethnologie weiter

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

Ethnologen kritisieren Berichterstattung über “isolierte Urwaldvölker”

Nackte Nagas, Nationalsozialismus und Ethnologie

Wieso immer noch Kasten in Indien?

Anthropologists condemn the use of terms of “stone age” and “primitive”

umschlag

Ethnologe Markus Schleiter scheint eine interessante Dissertation geschrieben haben, die sich kritisch damit auseinandersetzt wie Ethnologen ihnen fremde Gesellschaften beschreiben.

In "Die Birhor- Ethnographie und die Folgen. Ein indischer ,Stamm’ im Spiegel kolonialer und postkolonialer Beschreibungen" geht es besonders um…

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Deutschlandforschung: Wofür sich “ausländische” Ethnologen interessieren

Was ist deutsch? Hanno Kabel hat einen sehr schönen Text in der Ostseezeitung geschrieben- In einem Gespräch mit dem Ethnologen Thomas Hauschild zeigt er auf, wie nicht-deutsche Ethnologen Stereotypen über das “Deutschsein” herausfordern. Sie erzählen “die wahren Geschichten von Deutschland jenseits von Bier, Autos und Sauerkraut”.

“Gibt es überhaupt etwas, was alle Deutschen miteinander verbindet; etwas, das sie zu einem Volk macht”, ist seine (ironische) Ausgangsfrage und listet gängige Klischees wie Pünktlichkeit auf. Hauschild macht sein Vorhaben zunichte und sagt:

„Das, was Deutsche gern als “preußische Tugenden” hochhalten, sind ganz normale Tugenden einer hochorganisierten Industriegesellschaft. Egal, ob man im Computerbusiness oder in einer Reinigungsfirma arbeitet: Man muss überall sehr diszipliniert sein, um mitzuhalten.“

Es gibt viele ausländische Ethnologen, die deutsche Sitten und Gebräuche erforschen, erzählt Hauschild. Diese befassen sich jedoch mit ganz anderen Themen.

Eine englische Ethnologin interessiert sich für Kinderkrippen. Sie fand heraus, dass Mütter sich die sexistischen Rollenbilder zu eigen machten.

Indonesische Ethnologen untersuchten z.B. wie die Deutschen feilschen:

Ergebnis: Sie können es nicht. Nicht, weil sie steifer, korrekter oder unbegabter wären als andere – sondern schlicht deshalb, weil Rabatte seit 1933 verboten waren. „Deswegen schwärmen die Deutschen auch so für Flohmärkte oder Märkte in Italien“, sagt Hauschild. Erst 2001 wurde das Rabattgesetz abgeschafft.

Zurzeit interessierten sich die ausländischen Ethnologen laut Hauschild vor allem für die Schwächung der deutschen Institutionen: das schwindende Vertrauen in die Politiker und die Bundesbehörden, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben.

Was ist deutsch? “Am Ende gibt es nur eine zuverlässige Antwort: das Grundgesetz und ein deutscher Pass”, konkludiert Hanno Kabel, der auch über den neuen Einbürgerungstest schreibt.

>> zum Text in der Ostseezeitung

Die Zeit hatte vor neun Jahren einen Artikel mit dem Titel “Das wilde Germanistan. Wie ausländische Ethnologen versuchen, das deutsche Wesen zu ergründen”

SIEHE AUCH:

Ein Ethnologe aus Pakistan bei den Deutschen in Sauberteich

Deutschlandforschung: “Deutsche Hunde – Ein Beitrag zum Verstehen deutscher Menschen”

Was ist deutsch? Ethnologen geben Kurs

Wer ist deutsch? “Gar nicht so einfach mit den ‘TürkInnen’, ‘Deutschen’ und ‘AusländerInnen’ “

Ethnologen beobachten wie die Mentalität der Deutschen sich wandelt

Leitkultur reloaded

Ein afrikanischer Blick auf Europa

Was ist deutsch? Hanno Kabel hat einen sehr schönen Text in der Ostseezeitung geschrieben- In einem Gespräch mit dem Ethnologen Thomas Hauschild zeigt er auf, wie nicht-deutsche Ethnologen Stereotypen über das "Deutschsein" herausfordern. Sie erzählen "die wahren Geschichten von Deutschland…

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