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Nackte Nagas, Nationalsozialismus und Ethnologie

(LINKS AKTUALISIERT 23.9.2020) Die österreichische Sozialwissenschafterin Hilde Schäffler setzt sich in ihrem Buch “Begehrte Köpfe” mit den Forschungen des Wiener Ethnologen Christoph Fürer-Haimendorf (1909-1995) in Indien auseinander, mit verschiedenen Facetten der Kopfjagd, den nationalsozialistischen Verstrickungen des Forschers, ethnologischer Praxis sowie mit der Kolonialismuskritik, meldet der Standard:

Auch wenn Fürer-Haimendorf bei seiner Feldforschung in den dreißiger Jahren darum bemüht war, die “edlen” Züge der Naga herauszustreichen, so kommen in seinen Arbeiten auch die Wildheit und barbarischen Eigenschaften zum Ausdruck. Nur so sei das gewaltsame Durchgreifen der britischen Kolonialmacht im Rahmen von Strafaktionen zu rechtfertigen gewesen, analysiert Schäffler.

Mit diesen Zeilen im Kopf ist es erstaunlich wie wenig kritisch und eher lobend die Texte ueber diesen Ethnologen auf anderen Webseiten sind, z.B. bei der Minnesota State University oder Archives Hub britischer Unis (nicht mehr online). Vielleicht sollte man sich das Interview mit Christoph Fürer-Haimendorf anschauen und seine Notizbücher durchsehen?

Mehr dazu gibt es bei den Wiener Ethnologen, u.a:

Der weiße Kopfjäger. Fürer-Haimendorf und der Nationalsozialismus (pdf)

Zu Christoph von Fürer-Haimendorf, „Die Stellung der Naturvölker in Indien und Südostasien“ (pdf)

Völkerkunde studieren unter Hitler (pdf)

Selbstkritisch formuliert ist auch die Geschichte des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie in Wien.

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Anthropology, photography and racism

Racism: The Five Major Challenges for Anthropology

Anthropologists condemn the use of terms of “stone age” and “primitive”

(LINKS AKTUALISIERT 23.9.2020) Die österreichische Sozialwissenschafterin Hilde Schäffler setzt sich in ihrem Buch "Begehrte Köpfe" mit den Forschungen des Wiener Ethnologen Christoph Fürer-Haimendorf (1909-1995) in Indien auseinander, mit verschiedenen Facetten der Kopfjagd, den nationalsozialistischen Verstrickungen des Forschers, ethnologischer Praxis sowie…

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In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

(via riemer-o-rama) Zu einer antikolonialen Kundgebung und Ausstellung vor dem Ethnologischen Museum in Berlin am kommenden Sonntag rufen der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER e.V.) und die Antirassistsichen Initiative e.V. auf. Denn Ethnologie sei immer noch von kolonialen weissen Sichtweisen gepraegt, schreiben die Veranstalter:

“Ethnologisches Ausstellen findet aus einer europäischen Perspektive heraus statt und hat daher mehr mit europäischen Vorstellungen zu tun als mit den dargestellten Gesellschaften selbst. Durch die Ausstellungsstücke und die Art ihrer Präsentation werden koloniale und rassistische Bilderwelten der weißen Besucher_innen aktiviert und erneut bestätigt.

Zwar haetten die Ethnologen versucht, in ihrer neuen permanenten Afrika-Ausstellung versucht, mit Vorurteilen aufzuraeumen. Unter anderem wurde der Begriff der „primitiven Kunst“ verworfen:

Doch leider ist es nicht damit getan, diese rassistischen Vorstellungen als „überholt“ darzustellen. Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass diese immer noch die Gedankenwelt der meisten weißen Deutschen prägen. Nach wie vor fehlen Hinweise auf die koloniale Herkunft der Gegenstände. In der neuen Ausstellung werden koloniale Machtverhältnisse sogar noch verschleiert, indem häufig Formulierungen wie „Handelsbeziehungen“ verwendet werden. Auch der europäische Blickwinkel bleibt bestehen, ohne in der Ausstellung als solcher benannt zu werden.

Die Veranstalter fordern zum einen die Rueckgabe geraubter Ausstellungsstuecke, zum andern die Umgestaltung des Ethnologischen Museums in ein Museum, das sich mit der kolonialen Geschichte der Sammlungen und der Tradition ethnologischen Ausstellens befasst.

>> mehr Information zur Kundgebung

>> Interview in der Jungen Welt

Gibt es eine Kontinuitaet zwischen diesen Ausstellungen und heutigen Ethno-Shows?

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Hat sich in der deutschen Ethnologie seit 100 Jahren nichts veraendert?

The spectacle and entertainment value of living Indians in the museum

“Unbedarftheit gegenueber kolonialer Vergangenheit”: taz ueber African Village im Augsburger Zoo

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Hat sich in der deutschen Ethnologie seit 100 Jahren nichts veraendert?

Sie ist Ethnologin, wohnt stets in der katholischen Missionsstation und erforscht die Mythen auf Papua Neu Guinea. Hat sich die Hamburger Ethnologie seit ihrer Südsee-Expedition 1908 nicht veraendert? Solche Gedanken kommen auf, liest man den Artikel im Hamburger Abendblatt, in dem Matthias Gretzschel die Ethnologin Antje Kelm bei ihrer Arbeit begleitet.

Wie werden die Bewohner Papua Neu Guineas dargestellt? Viel Platz wird verwendet, um eine gewalttaetige Auseinandersetzung zu beschreiben. Wir lesen:

“Das läuft hier nicht nach geschriebenen Gesetzen. In Wahrheit geht es auch nicht um ein getötetes Schwein, sondern um Verhaltensmuster, die tief in der Tradition und Kultur dieser Menschen verankert sind”, erklärt Antje Kelm auf der Rückfahrt nach Kokopo. Denn obwohl seit der Hamburger Südsee-Expedition fast 100 Jahre vergangen sind, obwohl Technik und Zivilisation in dieser Zeit riesige Fortschritte gemacht haben, hat sich im Denken der Sulka, der Tolai und der Baining, jener Stämme, die hier in Neubritannien leben, nicht viel geändert. Offiziell sind sie Christen, doch noch immer leben sie mit Geistern und Ahnen. Die Masken, die im stets verschlossenen Männerhaus verwahrt und nur zu Festen hervorgeholt werden, sind für sie magische Gegenstände.

Einer der Aufgaben der Ethnologin standen in Zusammenhang mit den wertvollen Artefakten, die die “Hamburger Südsee-Expedition” vor knapp hundert Jahren nach Hamburg gebracht hatte. “Eine Rückgabe wäre wünschenswert, ist aber aus konservatorischen Gründen nicht möglich, doch die Fotos vermittelten einen Eindruck von der Schönheit dieser Objekte”, sagt sie bei der Uebergabe der Bilder im Museum von Kokopo.

>> zum Bericht im Hamburger Abendblatt

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Matthias Gretzschel: Vogels wiederentdeckte Bilder
Südsee: 1908/09 begleitete der Maler Hans Vogel die legendäre Hamburger Expedition.
(Hamburger Abendblatt, 31.5.05)

Matthias Gretzschel: Ein Glücksfall der Kulturgeschichte
1908 fuhren Hamburger Forscher in die Südsee – jetzt zeigt das Völkerkundemuseum die faszinierenden Erträge dieser Reise.
(Hamburger Abendblatt 7.11.03)

Bilder aus der deutschen Suedsee. Fotografien 1884-1914. Texte von Hermann Joseph Hiery und Antje Kelm

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“Afrikaner hatten hohes Ansehen an europäischen Fürstenhöfen”

Im Leipziger Völkerkundemuseum ist derzeit die Ausstellung “Äthiopien und Deutschland” zu sehen. Ziel ist unter anderem “ein positives Äthiopien-Image aufzubauen und nicht das defizitäre Afrika zu zeigen”, sagt Ethnologin Kerstin Volker-Saad im Neuen Deutschland.

Zum Verhaeltnis von Äthiopien und Deutschland in der Vergangenheit sagt die Ethnologin:

In der Ausstellung wird deutlich, dass Äthiopier an europäische Höfe geholt wurden, weil sie Gelehrte waren und besondere Fähigkeiten hatten. Der äthiopische Gelehrte Abba Gregorius, der mit Hiob Ludolf die deutsche Äthiopistik begründete, war 1652 zu Gast bei Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Später hat sich August der Starke für Afrika begeistert. Bei Festen stilisierte er sich selbst als Mohrenkönig. Er trug dazu eine zweite Haut aus dunklem Leder, über der barocke Kostüme angezogen wurden. Afrika war damals weitgehend unbekannt und stand für das Großartige.

>> zum Interview im Neuen Deutschland (link aktualisiert)

Im Leipziger Völkerkundemuseum ist derzeit die Ausstellung "Äthiopien und Deutschland" zu sehen. Ziel ist unter anderem "ein positives Äthiopien-Image aufzubauen und nicht das defizitäre Afrika zu zeigen", sagt Ethnologin Kerstin Volker-Saad im Neuen Deutschland.

Zum Verhaeltnis von Äthiopien und Deutschland…

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Kolonialismus ist ueberall – erste deutschsprachige Einführung in postkoloniale Theorie

Patricia Purtschert vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel bespricht in der WoZ neue Buecher zum Thema postkoloniale Theorie, darunter auch die erste deutschsprachige Einführung in dieses fuer die Ethnologie zentrales Thema Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan

Ein Verdienst der postkolonialen Theorie besteht darin, dass sie Kolonialisierung nicht als etwas versteht, das sich ausserhalb der westlichen Metropolen ereignet hat. Sie war über die offiziellen Kolonialgebiete hinaus bedeutsam, unter anderem durch die Wissenschaft, schreibt sie:

Die Entstehung der modernen Wissensformen ist, wie die postkoloniale Theorie zeigt, eng mit kolonialen Praktiken verknüpft. So verdichten sich im 19. Jahrhundert beispielsweise Evolutionstheorie, Medizin, Ethnologie, Biologie und nationalistische Ideologien in den modernen Rassentheorien, welche koloniale, antisemitische und rassistische Praktiken wissenschaftlich legitimieren. Die postkoloniale Theorie geht davon aus, dass solche Wissensordnungen trotz vieler Transformationen und Korrekturen bis in die Gegenwart hinein wirksam sind. Und sie untersucht, wie die problematische Dialektik zwischen Fremdem und Eigenem in Gang gehalten und der Unterschied zwischen dem «Westen und dem Resten» immer wieder neu produziert wird.

Mehrere neuere historische Publikationen, so lesen wir weiter im Text, zeugen davon, dass auch die Schweiz, welche nie offiziell als Kolonialmacht aufgetreten ist, in den Kolonialismus verwickelt war.

Der Sammelband «Spricht die Subalterne deutsch?» widmet sich der Frage, ob und wie die postkoloniale Theorie auf den deutschen Kontext anwendbar ist. Hito Steyerl fordert in ihrem Beitrag die Aufarbeitung der Verbindungen zwischen kolonialen und nationalsozialistischen Praktiken. Kein Nghi Ha plädiert dafür, den aktuellen Umgang mit Migranten durch die Kolonialgeschichte neu zu erschliessen. Er deutet die deutsche Arbeitsmigrationspolitik als eine Umkehr «kolonialer Expansionsformen»:

Er setzt mit seiner Genealogie der deutschen Einwanderungspolitik im wilhelminischen Deutschland an und legt Zusammenhänge zwischen der Kolonialpolitik und der osteuropäischen Arbeitsmigration frei. Damit schreibt er gegen die Vorstellung an, Arbeitsmigration sei ein Phänomen der Nachkriegszeit, und verleiht dem Widerspruch zwischen ökonomischer Ausbeutung und nationalistischer Ausgrenzung von MigrantInnen, der die aktuelle Politik prägt, eine neue Tiefenschärfe.

Solche Beiträge, so die Rezensentin, seien “bedeutsame Interventionen in politische und wissenschaftliche Felder, in denen die Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart überfällig ist”.

>> weiter in der WoZ

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Christoph Seidler: »Opfer ihrer Erregungen«: Die deutsche Ethnologie und der Kolonialismus

Rethinking Nordic Colonialism

Ausstellung ueber den transatlantischen Sklavenhandel

Patricia Purtschert vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel bespricht in der WoZ neue Buecher zum Thema postkoloniale Theorie, darunter auch die erste deutschsprachige Einführung in dieses fuer die Ethnologie zentrales Thema Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do…

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