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Leitkultur reloaded

Die leidige Diskussion ueber eine sogenannte deutsche “Leitkultur” ist auf Intiative der CDU wieder aufgeflacht. Im ethno::log kommentiert kerleone:

Diese Leute wollen die Definitionsmacht darüber, was die Leitkultur ist. Sie wollen festlegen, was deutsch ist, und was undeutsch ist.

Einem Ausländer mag es noch am ehesten egal sein, ob Bundestagspräsident Norbert Lammert irgendwann festlegt, dass zum Deutschsein die Kenntniss von Schillers Glocke oder sonst was gehört. Aber als Deutscher, der einen solchen absurden, klischeehaften und normativen Kriterienkatalog nicht erfüllt, muss man sich doch komisch vorkommen, wenn man plötzlich seiner Identität beraubt ist.

(…)

Das wichtigste für Deutschland ist deshalb, eine Diskussion über Leitkultur nicht aufkommen zu lassen, weil sie die wahre Kultur und Leitkultur des ganzen Volkes, die wir bereits haben, verdrängt und mit einer elitären und künstlichen Idee ersetzt.

Es ist bereits eine lebhafte Diskussion im Gange und nicht alle stimmen kerleone darin zu, dass diese Debatte nicht gefuehrt werden soll.

>> weiter bei ethno::log

Ich habe meine Meinung vor einer Weile im Text Wieviel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft? formuliert:

Problematisch ist der Begriff Leitkultur, weil er eine eindeutige Grenze zieht zwischen einer ”Kultur der Einwanderer“ und einer ”Kultur der Deutschen“ und nicht zuletzt zwischen Christentum und Islam. Dieses Weltsicht macht Menschen blind dafür zu sehen, dass ich als Deutscher mit einem Ethnologen aus Kolumbien mehr gemeinsam haben als mit einer deutschen Bauersfrau. Diese Weltsicht macht einen blind dafür, Gemeinsamkeiten zu sehen zwischen den Religionen und gegenseitigen Beeinflussungen im Laufe der Geschichte.

Positiv waere natuerlich, wenn diese Leitkultur so formuliert werden koennte, dass sie sich auf universelle Standards basiert z.B. auf der UN-Menschenrechtserklaerung. Doch darauf sind die Christdemokraten vermutlich nicht aus?

SIEHE AUCH:

Apropos Leitkultur… Eine Umfrage in der Hamburger Innenstadt

Anpassung an eine “europäische Leitkultur”?

Leitkultur bei Wikipedia

Die leidige Diskussion ueber eine sogenannte deutsche "Leitkultur" ist auf Intiative der CDU wieder aufgeflacht. Im ethno::log kommentiert kerleone:

Diese Leute wollen die Definitionsmacht darüber, was die Leitkultur ist. Sie wollen festlegen, was deutsch ist, und was undeutsch ist.

Einem…

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"Es gibt nichts Gutes, ausser Frauen tun es" – Fundamentalismus in der Forschung

Ethnologe David Signer kommt leicht frustriert vom Weltkongress für Matriarchatsstudien in Texas zurueck. Er scheint in ein Nest radikalfundamentalistischer Feministen geraten zu sein, die weniger mit Wissenschaft denn mit Ideologieproduktion beschaeftigt waren. “Es gibt nichts Gutes, ausser Frauen tun es. Denn wo Männer sind, herrscht das Unglück” war das Fazit des Kongresses infolge Signer. Im Eroeffnungsvortrag war u.a. dies zu hoeren, schreibt der Ethnologe:

«Matriarchale Gesellschaften haben eine nichtgewalttätige Sozialstruktur; sie beruhen auf Geschlechtergleichheit; ihre politischen Entscheidungen werden im Konsens gefällt; einsichtsvolle und wohldurchdachte Prinzipien und soziale Leitlinien verschaffen ein friedliches Leben für alle. Möge das Beispiel der matriarchalen Gesellschaften uns den Weg weisen, das Patriarchat hinter uns zu lassen!»

Dass es Gesellschaften gibt, in denen Frauen eine starke Stellung haben, steht ausser Frage. Doch das Bild ist nicht so Schwarz-Weiss wie es viele Matriarchatsforscherinnen malen, betont Signer:

Schon die Gegenüberstellung von Matriarchat und Patriarchat wirft Fragen auf, vor allem, weil die Begriffe etwas zirkulär definiert werden: Matriarchale Gesellschaften sind friedlich ? kriegerische Aspekte, etwa bei den matriarchalen Irokesen oder afrikanischen Akan, werden ausgeklammert; (…) «Patriarchat» und «Matriarchat» lassen sich auch nicht als radikale Alternativen gegeneinander ausspielen; sie sind zwei Pole eines Kontinuums, aus dem uns Geschichte und Ethnologie vielfältige Variationen präsentieren.

Sehr erfrischend waren daher laut Signer die Beitraege von Forscherinnen aus matriarchalen Gesellschaften. Sie relativierten die Verallgemeinerungen der Veranstalterinnen. Die Ethnologin Peggy Reeves Sanday beschrieb die Minangkabau auf Sumatra, entgegen der verbreiteten Gleichsetzung von «matriarchal» mit «herrschaftsfrei», als hierarchische Königtümer. Eine Vertreterin der Khasi in Indien z.B. sagte, dass die Khasi auch nicht gerade demokratisch seien:

Es herrscht eine ausgeprägte Oligarchie, nur gewisse Clans haben Zugang zur Macht. Es gibt grosse Spannungen zwischen den Geschlechtern; die Männer empfinden die Matrilokalität als drückend, wo sie unter der Kontrolle ihrer Schwiegerfamilie leben müssen. Sie versuchen ausserhalb der Khasi zu heiraten. Die Scheidungsrate ist hoch und häusliche Gewalt alltäglicher als in allen anderen Gesellschaften der Region; Alkoholismus auch. «Matriarchat», sagte die Khasi-Frau, ist ein patriarchaler Ausdruck (generalisierend, totalisierend, polarisierend). «Man sollte zuerst einzelne Kulturen studieren und dann verallgemeinern, und nicht umgekehrt.»

>> zu Signers Text in der Weltwoche (Link aktualisiert)

SIEHE AUCH:

Peggy Reeves Sanday: Life Among the Minangkabau of Indonesia

Peggy Reeves Sanday: Matriarchy as a Sociocultural Form: an Old Debate in a New Light

Jaana Holvikivi: Contemporary matriarchal societies: The Nagovisi, Khasi, Garo, and Machiguenga

Isabella Andrej: Matrilineare Gesellschaften. Eine Untersuchung aus ethnologischer und historischer Sicht

Ethnologe David Signer kommt leicht frustriert vom Weltkongress für Matriarchatsstudien in Texas zurueck. Er scheint in ein Nest radikalfundamentalistischer Feministen geraten zu sein, die weniger mit Wissenschaft denn mit Ideologieproduktion beschaeftigt waren. "Es gibt nichts Gutes, ausser Frauen tun es.…

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Kulturanthropologen veröffentlichen Kompendium zur Halloween-Forschung

Seit rund einem Jahrzehnt wird auch Österreich von einer Halloween-Welle überrollt. Am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz hat man sich schon vor Jahren dem Phänomen gewidmet. Institutsleiterin Editha Hörandner hat nun einen Sammelband herausgebracht, der die Ergebnisse der steirischen Halloween-Forschung zusammenfasst. Laut Hörandner ist der vorliegende Band die erste Publikation, die sich umfassend mit der “Brauchtums-Innovation” Halloween befasst, meldet ap / digital world

SIEHE AUCH

Grusel mit christlichen Wurzeln: Volkskundler sehen Halloween-Kult vor allem in katholischen Regionen verbreitet (Saar Echo, 26.10.05)

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Neue Arbeit im Volltext: Mundartrap zwischen Lokalpatriotismus und Globalisierung

Wie Globalisierung zu einer Stärkung von lokalen Identitäten führen kann, zeigt Pascale Hofmeier in ihren Arbeiten “New York im WB-Tal. Lokale Entwicklung der globalen HipHop-Kultur” und “Identitätskonstruktionen im Schweizerdeutschen Mundartrap. Lokalpatriotische Wohlstandshiphopper?” Hofmeier war “beobachtende Teilnehmerin” sowohl auf diversen HipHop-Events wie auch in Internetforen. Es sind vermutlich die ersten Forschungsarbeiten über Mundartrap.

Die Kulturwissenschaftlerin räumt auf mit dem Vorurteil, HipHop sei eine der wenigen Ausdrucksmittel vernachlässigter jugendlicher Ausländer. Doch die Szene hat sich professionalisiert. Die Ältesten haben bereits graue Haare, alle gesellschaftliche Schichten sind Teil des HipHop-Kosmos, und auch auf dem Land haben sich Szenen gebildet.

In der Schweiz boomt der Mundartrap. Die meisten Rapper sind Schweizer. Für die Rapper auf dem Land ist HipHop eine wichtige Ausdrucksform für ihren Lokalpatriotismus, vielleicht kann man sogar sagen, sie werden durch HipHop zu grösseren Patrioten? Man ist stolz darauf, vom Land zu kommen! Gleichzeitig ist man Teil einer globalen Szene, also alles andere als provinziell. Sie schreibt:

Nicht die Notsituation machte die Jugendlichen kreativ, eher die Langeweile! Statt eine Ghettoromantik zu kopieren, wurden die Probleme der eigenen Herkunft thematisiert, die Kultur produktiv aufgenommen und interpretiert.

MC Poet, Versicherungsangestellter und seit zwei Jahren Vater, erzaehlt ihr:

Es war für uns von Anfang an ein Ziel, dass wir das Waldenburgertal publik machen wollten. Wir wollten wie eine Stadt in der Schweiz bekannt sein. WB-Tal muss einem gleich viel sagen wie Rap aus Zürich, aus Bern, aus Basel.

Die Arbeiten sind auch Studien in Kulturwandel. Die vier Standbeine des HipHop Rap, DJing, Graffiti und Breakdance haben sich getrennt! “Die lokale Subkultur HipHop ist in der Schweiz innerhalb von 10 Jahren einer halb kommerzialisierten Mundartrap Kultur gewichen”, schreibt sie. Die Unterschiede im Vergleich zu meiner fast sechs Jahre alten Arbeit Sein Ding machen. Eine ethnologische Forschung in der Hip-Hop Szene Basels sind offenbar.

Hofmeiers Texte sind spannend und souverän geschrieben, man merkt, dass die Autorin sich auskennt und gründlich recherchiert hat. Sehr schön sind die vielen Originalzitate im Text. Die Interviews im Anhang sind eine faszinierende Lektuere auch im Hinblick auf den Forschungsprozess: “Der Sound auf der anderen Seite wird immer lauter. Das macht mich als Interviewerin total nervös”, erfahren wir zum Beispiel. Es wäre schön wenn alle Forscher so offen wären!

Die Texte sind dann am besten, wenn die Autorin selbst das Wort führt. Ich hätte mir daher einen kritischeren Umgang mit den wissenschaftlichen Quellen erwünscht. Aussagen von anderen Autoren werden meist unkritisch übernommen, leider oft sogar wörtlich. Das führt zu Brüchen, macht den Text plötzlich unleserlich, da in den Cultural Studies ein für Aussenstehende schwer verständlicher Slang benutzt wird. Sätze wie “Identität im virtuellen Raum ist nach Nicola Döring (2003:341) eine „dienst- oder anwendungsspezifische, mehrfach in konsistenter und für andere Menschen wieder erkennbarer Weise verwendete, subjektiv relevante Repräsentation einer Person im Netz” sollten erst in besseres Deutsch übersetzt, in eigene Worte gefasst werden, bevor man sie in einer Arbeit verwendet. Dieses Kleben an den Originalquellen ist ein Grundproblem in vielen Arbeiten, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Alles in allem eine spannende Arbeit, das auch generelle Aussagen zu ethnologischen Standard-Themen Globalisierung und Identität macht!

Beide Arbeiten sind im Volltext im pdf-Format hier auf antropologi.info erhältlich:

Pascale Hofmeier: New York im WB-Tal Lokale Entwicklung der globalen HipHop-Kultur (Seminararbeit, Uni Bern, Januar 2003)

Pascale Hofmeier: Identitätskonstruktionen im Schweizerdeutschen Mundartrap. Lokalpatriotische Wohlstandshiphopper? (Facharbeit, Universität Bern, 20.5.05)

Wie Globalisierung zu einer Stärkung von lokalen Identitäten führen kann, zeigt Pascale Hofmeier in ihren Arbeiten "New York im WB-Tal. Lokale Entwicklung der globalen HipHop-Kultur" und "Identitätskonstruktionen im Schweizerdeutschen Mundartrap. Lokalpatriotische Wohlstandshiphopper?" Hofmeier war "beobachtende Teilnehmerin" sowohl auf…

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Neues Buch: Was ist Kulturgeschichte?

Ulrike Brunotte ist schreibt in der Frankfurter Rundschau ganz begeistert ueber das Buch “Was ist Kulturgeschichte” von Paul Burke. Das Buch schildert u.a. wie nuetzlich ethnologische Perspektiven fuer Historiker sein koennen – und umgekehrt >> mehr in der Frankfurter Rundschau

Ulrike Brunotte ist schreibt in der Frankfurter Rundschau ganz begeistert ueber das Buch "Was ist Kulturgeschichte" von Paul Burke. Das Buch schildert u.a. wie nuetzlich ethnologische Perspektiven fuer Historiker sein koennen - und umgekehrt >> mehr in der…

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