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“Der geteilte Schmerz ist der Kern jener teilnehmenden Beobachtung”

Er lässt sich schlagen, beschneiden, bespucken und mit Exkrementen beschmieren. Um Gedanken und Gefühle der Einheimischen besser zu verstehen, ist ein echter Ethnologe zu fast allem bereit, schreibt Ethnologe Nigel Barley in der NZZ Folio zum Thema Schmerz.

Schmerz ist nicht nur etwas Negatives, zeigt er an mehreren Beispielen – das betrifft auch Ethnologen schreibt er in seinem bekannten humoristischen Stil:

Denn der geteilte Schmerz gilt als unschlagbarer Beweis für die Ernsthaftigkeit der ethnologischen Absicht, für Sympathie und Empathie mit den Gastgebern. Der geteilte Schmerz ist der Kern jener teilnehmenden Beobachtung, die gleichsam das einzige intellektuelle Kapital des forschenden Subjekts ausmacht.

(…)

Knaben wird bei der Erektion der Penis aufgeschnitten, damit er sich öffnet wie eine Blüte. Oder sie treiben sich Nadeln durch Nase und Zunge. Erwachsene Männer schlitzen sich ihre Genitalien mit Glasscherben auf. Mädchen wird die Klitoris abgeschnitten, ihre Lippen werden durchbohrt oder ihre Füsse gefesselt. Rücken und Gesichter und Bäuche werden mit stumpfen Nägeln gestochen, aufgeschlitzt, tätowiert. Leute werden entstellt und verstümmelt und verkrüppelt. Die menschliche Kultur ist voll von Schmerz. Zum Teil wird er sogar freiwillig erlitten. Denn Schmerz ist eine wichtige kulturelle Ressource.

Sogar wir Westler wachsen in einer Ökonomie des Schmerzes auf. Als Kind erklärte man mir, dass Christus auch für mich gelitten habe. Auch ich würde durch Leiden erlöst, und falls ich einmal zu leiden hätte, sollte ich ihm meinen Kummer und Schmerz darbringen.

Schmerz hat “spirituelle Funktionen”, deshalb haben vermutlich Reformer, die gegen die Brutalität schmerzhafter Rituale zu Felde ziehen, so wenig Erfolg, schreibt Barley.

>> zum Text in NZZ-Folio “Ein Schmerz und eine Seele”

Den Text gibts auch auf Englisch und der Uebersetzung vorzuziehen. Mir ist aufgefallen, dass im deutschen Text Begriffe vorkommen, die man nicht mehr in der Ethnologie benutzt – wie etwa “Naturvölker” oder “Stamm”. Dies liegt an der Uebersetzung. Bailey spricht nicht von “tribes”:

The words of an anthropologist describing his initiation into a men’s masking society in East Africa.

wird so uebersetzt:

Mit diesen Worten schildert ein Ethnologe seine Initiation in eine Maskengesellschaft der Männer in einem ostafrikanischen Stamm

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Er lässt sich schlagen, beschneiden, bespucken und mit Exkrementen beschmieren. Um Gedanken und Gefühle der Einheimischen besser zu verstehen, ist ein echter Ethnologe zu fast allem bereit, schreibt Ethnologe Nigel Barley in der NZZ Folio zum Thema Schmerz.

Schmerz ist nicht…

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Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

Kultur ist einer der schwierigesten Begriffe in der Ethnologie. Nachdem die allermeisten Ethnologen ihn immer weniger benutzen, ist er besonders bei Nationalisten und lautstarken Islamkritikern beliebt. Karin Nungeßer hat im Freitag einen schoenen Text zum Nutzen des Begriffs “Kultur” in der Debatte um Zuwanderung in Deutschland geschrieben – inspiriert von einem offenbar umstrittenen Film (Knallhart):

Die Botschaft, nicht nur im Film, lautet: Wenn wir Zusammenstöße vermeiden wollen, müssen wir wachsam sein – und ihnen im Zweifelsfall besser aus dem Weg gehen. Die Unterscheidung zwischen “uns” und “den anderen” wird dabei ebenso vorausgesetzt wie legitimiert – mit dem fatalen Effekt, dass jede Differenz, die “Ausländer” betrifft, als potenziell bedrohliche wahrgenommen wird.

Hier ist “Kultur” der zentrale Begriff, um zwischen “uns” und “den anderen” zu unterscheiden.

Keine einfache Sache offenbar, denn das Statistische Bundesamt hat mittlerweile nicht weniger als zehn verschiedene Kategorien von “Menschen mit Migrationshintergrund”, z.B.

– “Ausländer”,
– “Spätaussiedler”
– “Eingebürgerte”
– “Deutsche mit einseitigem Migrationshintergrund”
– “Deutsche nach ius-solis-Regelung”
– hier geborene Kinder, die sich spätestens mit 23 Jahren zwischen ihrer deutschen und ihrer nicht deutschen Staatsangehörigkeit entscheiden müssen.

Diese “anderen Deutschen” (zu denen ich laut dieser Definition also auch zugehoere) machen über 15 Millionen Menschen und damit knapp ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus.

Die Freitag Autorin zitiert Ethnologen Martin Sökefeld, der feststellt, dass der Gebrauch von “Kultur” als geteilter Bestand von Gruppen sich in der Ethnologie weitgehend erledigt hat:

Zu groß ist das Bewusstsein, dass Kultur von Menschen in ihrer sozialen Praxis geschaffen wird, dass sie daher Konflikten unterliegt und sich permanent verändert. Deshalb haben die Angehörigen einer Gruppe kaum durchgängig ein und dieselbe Kultur – auch wenn genau das behauptet wird. So wenig die autochthone Bevölkerung also samt und sonders auf die Werte von Christentum und Aufklärung verpflichtet werden kann, so wenig unterliegen Migranten und Migrantinnen einer eigenen “Kultur”, die ihr Denken und Handeln bestimmt.

Sie schreibt auch von einer Studie unter muslimischen Kopftuchtraegerinnen, die – nicht ueberraschend – folgendes ergab:

So gaben zwar 95 Prozent als wichtiges Lebensziel an, ihren Glauben leben zu wollen. Die meisten von ihnen – fast 80 Prozent und damit ungefähr genauso viele unter den kopftuchlosen deutschen Frauen – sehen es jedoch als ebenso wichtig an, “möglichst frei und unabhängig zu sein”.

Ihre Schlussfolgerung:

Wenn offenbar selbst streng religiöse Muslimas in Deutschland mit einem Mix aus traditionellen und modernen “westlichen” Werten leben, ist die Idee einer kulturellen Differenz zwischen “uns” und “denen” dann nicht ehrlicherweise als das zu verabschieden, was sie ist: eine Ideologie, die uns schadet? Weil sie Integration erschwert und den sozialen Frieden in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland gefährdet?

Tatsächlich geht es nämlich um viel. Das Reden über “Kultur” ändert ja nichts am sozialen und politischen Machtgefälle zwischen Mehrheitsgesellschaft und Einwanderern, das in der Tat gravierend ist und dringend angegangen werden muss. So brauchen wir, um nur die beiden wichtigsten Punkte zu nennen, endlich ein Schulsystem, das Kinder von Geringqualifizierten nicht länger eklatant benachteiligt, und politische Mitbestimmungsrechte für alle, die hier dauerhaft leben.

>> zum Text im Freitag

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Schiffauer: “Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet”

Ausländerhetze im SPIEGEL: “Hätte niemals in Frankreich publiziert werden können”

Die ethnologische Kritik am Kultur-Konzept

The Culture Struggle: How cultures are instruments of social power

Kindesmissbrauch bei den Aborigines: Kultur als Vorwand

For free migration: Open the borders!

Racism: The Five Major Challenges for Anthropology

Kultur ist einer der schwierigesten Begriffe in der Ethnologie. Nachdem die allermeisten Ethnologen ihn immer weniger benutzen, ist er besonders bei Nationalisten und lautstarken Islamkritikern beliebt. Karin Nungeßer hat im Freitag einen schoenen Text zum Nutzen des Begriffs "Kultur" in…

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Journal Ethnologie 6/2006 ueber Haare!

Was ist an Haaren ethnologisch interessant? Im Editorial der neuen Ausgabe von Journal Ethnologie lesen wir:

Während Manipulationen am Körper – Tätowierungen, Bemalungen, Piercings und so weiter – in vielen Regionen der Welt eine lange Tradition haben und stets mit Ritualen verknüpft waren, werden in der westlichen Welt handwerkliche Verschönerungen dieser Art erst jetzt entdeckt, allerdings losgelöst von ihren traditionellen Bedeutungen.

Anders dagegen der Umgang mit dem Kopfhaar: Auch in Europa wurden Frisuren seit Alters her stets mit großer Aufmerksamkeit bedacht.

Als Hierarchien in Lebensgemeinschaften und Gesellschaften noch eine große Rolle spielten, war der Status des Einzelnen oft an Haaren und Frisuren abzulesen. Heute spielt dieser Statusaspekt der Frisur kaum noch eine Rolle, gleich wohl dienen Frisuren immer noch als ein Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (Skinheads, Rastas, Punks, aber auch die ordentlich geschnittene Kurzhaarfrisur bei Männern).

Besonders interessant fand ich den Text Haare. Von Magie und Status, Macht und Moden bis zu globalen Trends von Gerda Kroeber-Wolf und Ulrike Krasberg.

Sie schreiben u.a. ueber Frisuren als Protest der Schwarzen in den USA.

Menschen aus der schwarzen Diaspora holen sich Ideen aus den kulturellen Traditionen in Afrika, und AfrikanerInnen nehmen die von ihren brothers and sisters in Amerika mit neuen Ideen und veränderten Inhalten versehenen alten Traditionen wieder auf.

So sind zum Beispiel die braids, die kleinen am Kopf anliegenden Zöpfchen, die heute von us-amerikanischen männlichen Jugendlichen gern getragen werden, ursprünglich eine Mädchenfrisur, die bei den Wolof in Westafrika Tradition war. Jetzt kommen die Zöpfchen als Männerfrisuren aus Amerika zurück.

Wenn die männlichen Jugendlichen in Afrika diese braids tragen, ist das ein Zeichen des Protests der eigenen Gesellschaft gegenüber. Zum einen in Bezug auf die Geschlechterdefinition, zum anderen in Bezug auf gesellschaftliche und politische Normen im eigenen Land.

(…)Sie symbolisieren eine neue afrikanische Identität, denn sie werden im Prozess der Aneignung dem eigenen lokalen Lebensstil und seinen Wertvorstellungen angepasst. Aber zugleich fühlen sich Jugendliche, wenn sie zum Beispiel Rastazöpfe tragen, dem Reggae und seiner Ideologie zugehörig und sind damit auch ein Teil der Welt außerhalb Afrikas und ihrer Heimat.

Wir lernen auch naeheres ueber die Botschaften, die Haare in laendlichen Gebieten Westafrikas aussendeten:

An Frisuren konnte man die Zugehörigkeit zu einem Volk ablesen, und differenzierter noch: zu einer bestimmten Schicht. Ob jemand dem Adel angehörte, Sklave war oder Bauer, die Frisur verriet es. Ebenso zeigte sich der Status im Lebenszyklus: Ein Kind wurde anders frisiert als Verheiratete, eine verheiratete Mutter anders als eine Witwe.

Lustig ist immer zu erfahren wie Moden und Traditionen entstehen koennen – z.B. die Perückenmode in Frankreich, die König Ludwig XIII. vor dreihundert Jahren einführte:

Ludwig XIII. litt unter Haarausfall, und er zeigte sich dem Volk nie ohne Perücke. Sein Hofstaat und der Adel fingen ebenfalls an, Perücken zu tragen. Schon bald kamen diese in weiten Teilen Europas in Mode.

>> zum Text: Haare. Von Magie und Status, Macht und Moden bis zu globalen Trends

Weitere Beitraege in der neuen Ausgabe:

Beate Zekorn-von Bebenburg: Über Glatzen und Rastazöpfe. Kulturvergleichendes zu Haaren und Frisuren

Nicole Tiedemann: Haarige Zeiten. Langes Männerhaar in den 1960er-Jahren

Nicole Tiedemann: Ein Hauch von Ewigkeit. Haarkult im 19. Jahrhundert

Lena Bjerregaard: Haar als Symbol und Werkstoff. Haarobjekte in den Staatlichen Museen zu Berlin

Was ist an Haaren ethnologisch interessant? Im Editorial der neuen Ausgabe von Journal Ethnologie lesen wir:

Während Manipulationen am Körper - Tätowierungen, Bemalungen, Piercings und so weiter - in vielen Regionen der Welt eine lange Tradition haben und stets mit Ritualen…

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“Grüezi”: Die Exotik des Schweizer Alltags

“Die eidgenössische Ureinwohnerin mit Tribal Tattoo, Nasenring und Zungenpiercing sieht doch mindestens so exzentrisch aus wie die Araberin mit Kopftuch neben ihr auf der Schulbank, oder nicht?”, schreibt Ethnologe David Signer in einem neuen Buch, das den Blick für “das Skurrile und Exotische unseres Alltags” schärfen soll. «Grüezi. Seltsames aus dem Heidiland» heisst das Werk mit Bildern des Fotografen Andri Pol.

>> mehr im St.Galler Tagblatt

NEU (31.1.07):
Bericht in Swissinfo ueber das Buch

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David Signer: Was haben afrikanische und appenzellische Heiler gemeinsam?

Schamanismus im Alpenraum: Uralte Praktiken wurden vom Christentum übernommen

“Wie in Afrika!” Ausstellung über archaische süddeutsche Bräuche

Musikethnologie des Alphorns – neue Multimedia-Webseite

Schweizer Mundartrap zwischen Lokalpatriotismus und Globalisierun

"Die eidgenössische Ureinwohnerin mit Tribal Tattoo, Nasenring und Zungenpiercing sieht doch mindestens so exzentrisch aus wie die Araberin mit Kopftuch neben ihr auf der Schulbank, oder nicht?", schreibt Ethnologe David Signer in einem neuen Buch, das den Blick für…

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“Ethnopsychoanalyse kann Fremdes vertraut machen”

“Die Ethnopsychoanalyse ist eine Gegenbewegung, um herauszufinden, wie Fremdes vertraut werden kann”, sagte Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim in einer Sendung im ORF ueber die Tagung “Kulturanalyse – Psychoanalyse – Sozialforschung”.

Im Wiener Volkskundemuseum wurden aus Anlass des Freud-Jahres Potenziale und Bedingungen der Nutzung psychoanalytischen Wissens für die Analyse von Kultur und Gesellschaft diskutiert. Die Ethnologie hat sich schon früh psychoanalytische Einsichten zur Theorie und Analyse von Kultur und Gesellschaft genutzt. Zwischen 1955 und 1971 unternahm einer der Begründer der Ethnopsychoanalyse, Paul Parin, gemeinsam mit seiner Frau Goldy Parin-Matthéy und Fritz Morgenthau sechs ethnopsychologische Forschungsreisen in Westafrika.

Die Ethnopsychoanalyse, so Erdheim, interessiere sich dafür, wie das Individuum Kultur erlebt. Klassisch psychoanalytisch werde danach gefragt, was bewusst erlebt werden darf, was verdrängt, was abgespalten werden muss.

Die Konfrontation mit fremden Lebensformen stößt einen Reflexionsprozess über das Eigene und das Fremde an. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden hilft aber auch Angst zu reduzieren, eben weil es uns vertrauter wird, sagt Erdheim im ORF:

“Wenn sie etwa sehen, wie uns der Islam immer fremder wird, ist die Ethnopsychoanalyse eine Gegenbewegung, um herauszufinden, wie Fremdes vertraut werden kann”, sagt Erdheim. Das Fremde könne zwar tatsächlich gefährlich sein. Oft werden aber nur die eigenen Ängste auf das Fremde projiziert, weil sie in der eigenen Kultur nicht wahrgenommen werden können bzw. dürfen.

Die Ethnopsychoanalyse basiert stark auf der Kulturtheorie Freuds, die in den letzten Jahren starker Kritik unterzogen worden ist. Erdheim sieht darin, so der ORF, kein Problem. Freud sei ein Kind seiner Zeit gewesen, seine Worte duerfe man nicht wie eine Bibel lesen. Die Aufgabe der Nachkommenden sei es, in seinem Sinn aktuelle Fragen zeitgemäß zu beantworten.

>> zum Beitrag vom ORF

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Social Neuroscience – Psychologists neuroscientists and anthropologists together

Wenn Ethnologen mit Hirnforschern zusammenarbeiten, fliegen die Fetzen

Parapsychologie meets Ethnologie: Neues Buch von Klaus E. Müller

"Die Ethnopsychoanalyse ist eine Gegenbewegung, um herauszufinden, wie Fremdes vertraut werden kann", sagte Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim in einer Sendung im ORF ueber die Tagung "Kulturanalyse - Psychoanalyse - Sozialforschung".

Im Wiener Volkskundemuseum wurden aus Anlass des Freud-Jahres Potenziale und…

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