search expand

Ethnologische Tourismusforschung: Das “andere andere” stört

Der Tagesspiegel bespricht Arbeiten mehrerer Ethnologen zum Thema Tourismus. “Eine Erkenntnis der aktuellen Mobilitäts- und Reiseforschung: Das „andere andere“ stört”, schreibt das Blatt: Selbst Menschen, die in Deutschland entschieden gegen jede rassistische Äußerung auftreten würden, reagieren negativ auf “Auslænder” in ihrem Ferienland, sagt die Frankfurter Kulturanthropologin Ramona Lenz, die sich auf Migranten auf Kreta spezialisiert hat. Wir lesen:

Menschen aus anderen Ländern, für die die Arbeit auf der Insel lebensnotwendig ist, stören den von den Reisenden gewünschten Eindruck des Ursprünglichen. In noch stärkerem Maße gelte dies für Schwarzafrikaner, die meist nur hinter den Kulissen der Tourismusindustrie zum Einsatz kommen.

Reiseführer preisen lieber das „Prachtexemplar des nicht domestizierten Kreters“ an, und Rucksacktouristen treten in eine teilweise erbitterte Konkurrenz darum, wer den Einheimischen am nächsten komme. Menschen, die in Deutschland entschieden gegen jede rassistische Äußerung auftreten würden, finden plötzlich nichts dabei, über „kriminelle Albaner“ und „bettelnde Zigeunerkinder“ zu schimpfen – im Gegenteil: Solche Äußerungen gehörten zum „Lokalkolorit“, dem man sich als perfekter Individualtourist oder Aussteiger anpasse, sagt Lenz.

Auf Ramona Lenz’ Webseite kann man eine Menge Working Papers zum Thema lesen!

Klaus Schriewer forscht ueber deutsche Migranten in Spanien:

Sogenannte Residenten, überwiegend Briten und Deutsche jenseits der 60, leben in Spanien häufig in abgeschlossenen Siedlungen ohne mehr als den notwendigen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Schriewer, der an der Universität Murcia (Südost-Spanien) lehrt, untersucht im Rahmen des Projekts „Interkulturelle Kommunikation und europäisches Bewusstsein“, wie sich das Zusammenleben der Rentner untereinander und mit den Spaniern gestaltet.
(…)
Fast alle Befragten äußern sich positiv zu den Lebensbedingungen in der neuen Heimat. Man habe hier ein neues soziales Netz aufbauen, neue Freunde gewinnen können. Der Traum vom Alter im Süden endet für die meisten dann, wenn sie zum Pflegefall werden. Die ersten deutschen Pflegeheime an der Costa del Sol sind allerdings schon geplant. Der „Pauschaltourist auf Lebenszeit“ wird immer mehr zur Realität.

>> weiter im Tagesspiegel

Deutsche und Briten in Spanien sind auch Thema der Magisterarbeit der norwegischen Ethnologin Cecilie Skjerdal Pan pa’ hoy – hambre pa’ mañana. On processes of change in an agricultural village on Costa del Sol, die ich letztes Jahr gelesen hab. Sie schreibt, dass Spanier begonnen haben Deutsch zu lernen:

It is common knowledge in Torrox that tourists and foreign residents do not speak much Spanish, and in order to cater for the large group of German inhabitants, many Torroxeños learn some German, either in school, where the subject has been taught for the last twenty years as a second language, or by taking a course, or simply by learning the most useful phrases from colleagues at work.
(…)
When entering German owned businesses on the coast I was consistently welcomed in German, and upon asking whether they could please speak Spanish, the answer was usually that they do not know the language. Quite a few Spanish find it annoying and arrogant that foreigners refuse to speak Spanish – “They could at least show the courtesy of trying!”
(…)
Through my meetings with foreigners living in Torrox, their choice of exclusion was confirmed several times. As a local anthropologist puts it: these are not third world immigrants who stick together in a host society that considers them low class, these are voluntary immigrants who set themselves apart as culturally superior to their hosts – they exclude themselves through their ethnocentric prejudice (Medina Baena 2002:52, my translation).

>> zum Download der Arbeit

SIEHE AUCH:

Antweiler: Fuer mehr Tourismusethnologie! – Neue Ausgabe journal-ethnologie

Anthropology and tourism: Conference papers are online

“Deutsche Migranten schlecht erforscht”

Der Tagesspiegel bespricht Arbeiten mehrerer Ethnologen zum Thema Tourismus. "Eine Erkenntnis der aktuellen Mobilitäts- und Reiseforschung: Das „andere andere“ stört", schreibt das Blatt: Selbst Menschen, die in Deutschland entschieden gegen jede rassistische Äußerung auftreten würden, reagieren negativ auf "Auslænder" in…

Read more

Orywal zu Moschee-Neubau: “Verantwortliche, nehmt Bedenken ernster”

Obwohl in Deutschland Religionsfreiheit herrscht, loest ein Moschee-Neubau hitzige Diskussionen aus. In einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger ueber die geplante neue Moschee in Köln, fordert Ethnologe Erwin Orywal die Verantwortlichen auf, die Einwaende der Koelner Bevoelkerung ernster zu nehmen. Den Betroffenen würden fertige Baupläne serviert, auf die sie keinen Einfluss nehmen könnten, kritisiert er.

Er sagt, die Debatte drehe sich um viele praktische Probleme, die nicht nur mit Religion zu tun haben:

Die Gründe für eine Ablehnung sind übrigens über die Jahre immer die gleichen geblieben: der Ruf des Muezzins, Parkplatzprobleme, Verkehrsbehinderungen durch die vielen Besucher des Freitagsgebets.

Allerdings verbegen sich hinter der Sorge um genügend Parkplätze auch Ängste vor dem Islam, die von den “fast täglichen Nachrichten und Bilder von Gewalttaten radikaler Muslime” geschuert werden, raeumt er ein.

>> zum Interview im Kölner Stadtanzeiger

In der faz hat sich Ethnologe (und Soziologe) Wolf-Dietrich Bukow geaeussert. Der Streit über die Moschee hat ihn überrascht. „Woher kommt die Angst?“ Man kenne sich doch eigentlich, sagt er. Mittlerweile hat er zwei Erklärungen gefunden, lesen wir:

Die eine beruht auf dem, was er die „politische Großwetterlage“ nennt. Sie schüre eine Angst vor der Religion, die wenig mit dem Islam zu tun habe, der bei der Ditib praktiziert werde. „Das ist ein Zeichen von Globalisierung. Wir machen uns heute zu Hause Sorgen, wenn am anderen Ende der Welt etwas Schreckliches passiert.“

Bukows zweite Erklärung beruht auf einer falschen Zuwanderungspolitik in der Vergangenheit: „Man hat unterschichtet. Hätte man nicht nur Arbeiter, sondern auch Akademiker aus der Türkei einwandern lassen, hätten wir das Problem heute nicht.“ Immer wenn sich Migration mit einer bestimmten Gesellschaftsschicht verbinde, werde es schwierig, denn dann greife die alte Schichtenlogik: „Den Migranten wird nur die Rolle der kleinen Leute zuerkannt, der Aufstieg wird ihnen verwehrt.“ Der Bau eines Gotteshauses, der für das (Klein-)Bürgertum stehe, passe deshalb nicht ins Bild.

>> weiter in der faz: “Moscheebau: Die Angst vor dem Nachbarn”

Eine umfassende Sammlung von Kommentaren zum Moscheebau gibt es beim Too Much Cookies Network von Omar Abo-Namous.

SIEHE AUCH:

Ethnologe schreibt Migrationsgeschichte – Interview mit Erwin Orywal

Schiffauer zu Integration: “Die Deutschen haben Schuld”

Neue Studie: Islamisches Gemeindeleben in Berlin

Hauschild: “Wir müssen begreifen, was es heißt, als Muslim im Westen zu leben”

Schiffauer: “Öffnung gegenüber dem Islam nicht der Terrorismusbekämpfung unterordnen”

Obwohl in Deutschland Religionsfreiheit herrscht, loest ein Moschee-Neubau hitzige Diskussionen aus. In einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger ueber die geplante neue Moschee in Köln, fordert Ethnologe Erwin Orywal die Verantwortlichen auf, die Einwaende der Koelner Bevoelkerung ernster zu nehmen.…

Read more

Ethnologe schreibt Migrationsgeschichte – Interview mit Erwin Orywal

Die Migrationsgeschichte Deutschlands ist noch nicht geschrieben. Ethnologe Erwin Orywal hat den Historikern unter die Arme gegriffen und vor wenigen Wochen das Buch Kölner Stammbaum. Zeitreise durch 2000 Jahre Migrationsgeschichte auf den Markt gebracht. Ich habe mich mit ihm per Email unterhalten.

Warum dieses Buch?

Zurzeit findet ein Diskurs über die Frage statt, wie viel Multikulturalität wir uns erlauben wollen oder können (Änderung des Zuwanderungsgesetzes, die Leitkulturdiskussion etc). Köln “verkauft” sich als tolerante Stadt, als eine Stadt des Frohsinns, des Karnevals. Die Zustimmung zum multikulturellen Flair der Stadt ist tatsächlich groß, es gibt jedoch auch Stimmen, die sich gegen “parallelgesellschaftliche” Tendenzen und den Bau der Moschee aussprechen. Die Frage des Buches lautet daher: Wie sind denn nun die Kölner in ihrer über zweitausendjährigen Geschichte mit Fremden umgegangen? Ich habe solche Fragen in Afghanistan und Baluchistan (Pakistan) bearbeitet. Warum nun nicht einmal in Köln, meine Heimat?

Gibt es vergleichbare Buecher? Ist die deutsche Einwanderungsgeschichte geschrieben? In Norwegen kam erst 2003 das Buch “Norwegische Einwanderungsgeschichte” heraus, in Schweden nur wenige Jahre frueher.

Meines Wissens sind solche Bücher im Stil meines “Kölner Stammbaums” nicht vorhanden. Es gibt eine Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten zum Bereich “Migration”, aber eine deutsche Migrationsgeschichte wäre eine Arbeit, die noch geleistet werden müsste.

Sie schreiben dass Sie bzgl Medienecho nicht klagen koennen (u.a. WDR, Lokalradio und Lokalpresse). Es passiert nicht oft, dass Ethnologieprofessoren Buecher schreiben wofuer sich die Medien interessieren?

Kölner haben einen gewissen selbstverliebten Zug, sodass ein Medienecho bei Kölnbezug erwartet werden kann. Es ist weniger eine Frage des Ethnologie-Professors, sondern eine Frage des Schreibstils. Ein Problem ist, dass vielfach für die akademischen Kreise geschrieben wird. Populärwissenschaftliches Schreiben gilt oft als “unfein” bzw. wird als unakademisch definiert. Es gibt erstklassige stadthistorische Arbeiten, die vom Umfang und vom Stil her zu “schwer” für eine Bett-, Urlaubs- oder Informationslektüre sind.

Es war nicht meine Absicht, eine wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben, sondern als Übersetzer der Vielzahl von stadthistorischen Arbeiten tätig zu werden und in einem lesbaren Stil einem breiteren Publikum die Geschichte der Stadt nahe zu bringen.

Was sind Ihre Quellen? Wie haben Sie recherchiert?

Die Quellen sind die Vielzahl von stadthistorischen Arbeiten, Zeitungsberichten, Internetmaterialien sowie, im Rahmen von Seminaren, empirische Erhebungen zu aktuellen und beispielhaften Migrationsgeschichten.

Sie schreiben, dass Migration, kölnbezogen, schon präzise im Jahr 19 vor unserer Zeitrechnung begonnen hat. Warum gerade da? Ist das etwa die Gruendung von Koeln?

Die Geschichte Kölns, und auch die des Rheinlands, begann mit einem Genozid an der ursprünglichen Bevölkerung, die Eburonen. Julius Caesar hatte eine “Neue Weltordnung” formuliert, die vorsah, ganz Gallien und Germanien zu unterwerfen. Bei Widerstand erfolgte das, was kommen musste: die physische Vernichtung eines ganzen Volkes. Danach erfolgte – aus Eigeninteressen der Legionen – eine Umsiedlung der Ubier vom rechtsrheinischen Ufer auf das linksrheinische, und zwar, so unser Wissensstand, im Jahre 19 vor unserer Zeitrechnung. Dies war die erste “Anwerbung von Gastarbeitern”, eine erste Arbeitsmigration in der Kölner Geschichte.

cover

Wer waren die Migranten, woher kamen sie und warum kamen sie in den vergangenen 2000 Jahren nach Koeln?

Die Beantwortung dieser Frage würde den Umfang hier sprengen. Von allgemeiner Bedeutung ist der Aspekt, dass “Römer” nicht gleich frühe Italiener waren. Die Legionäre kamen im Falle Kölns aus Süd-Spanien, aus Frankreich, dem Balkan, vorderorientalischen Regionen, ja, und sogar aus Theben, also Ägypten, wenn man einmal einen gewissen historischen Kern der christlichen Gereons-Legende zugrunde legen würde. Möglichweise kamen daher mit den Legionären auch schon afrikanische Legionäre oder Hilfstruppen nach Köln.

Von einer besonderen Bedeutung ist die Tatsache, dass Köln die Mutterstadt der jüdischen Besiedlung Nord-Europas war und schon, nachweislich, im Jahr 321 hier die größte jüdische Siedlung nördlich der Alpen bestand. Zwischen ca. dem Jahr 300 und dem Jahr 1096 (Erster Kreuzzug) ist für Köln ein friedliches Zusammenleben zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung sowie Angehörigen anderer Religionen höchst wahrscheinlich.

Gab es Perioden, wo es mehr Einwanderer in Koeln gab als heute?

Nein, allein schon aus demographischen Gründen nicht. Aber in Relation gab es Perioden mit starker Einwanderung. Ich nenne nur die Zeit um 1250, als vorzugsweise “französische” Handwerker kamen, um die gotische Kathedrale, den Kölner Dom, zu bauen. Infolge der Zeit von Reformation und Gegenreformation kamen gleichfalls sehr viele Migranten nach Köln. In den Zeiten der “ersten Globalisierung”, also mit Beginn der Neuzeit, kamen vorzugsweise italienische und spanische Kaufleute nach Köln, und mit der erst in der französischen Zeit möglichen Religions-, Niederlassungs- und Gewerbefreiheit kamen dann weitere Migranten nach Köln. Ähnliches gilt für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie war das Verhaeltnis der Koelner zu den Migranten?

Historisch gesehen, gab es die Probleme meistens zwischen den so genannten Religionsgruppen, also im späten Mittelalter mit der jüdischen Bevölkerung, dann mit den Protestanten. Köln war immer katholisch, das “Heilige Köln”. In der Preußischen Zeit Kölns (ab 1815) waren es vorwiegend aus dem Umland zugezogenen Protestanten, die eine neue ökonomische Elite in der Stadt darstellten.

Hilft uns Koelns Einwanderungsgeschichte, die Gegenwart besser zu verstehen was Einwanderung und Auslaender betrifft?

Jede Fallstudie kann dazu beitragen, Phänomene besser verstehen zu können. So auch möglicherweise mein Buch. Es zeigt, dass es lange, lange Zeiten friedlichen Zusammenlebens geben konnte, aber auch Zeiten, in denen die Mächtigen der damaligen Zeit an der “Ethnizitäts-Schraube” gedreht haben, und es kam folglich zu unfriedlichen Zeiten.

Koennen Sie das naeher erklaeren?

Nehmen wir einmal die Zeit um 1350, eine schlimme Zeit der Pest in Europa und in Köln. Der christlichen Bevölkerung fiel auf, dass die jüdischen Einwohner Kölns weniger von der Pest betroffen waren. Um das Unerklärliche der Pest erklärbar zu machen, mussten Begründungen gefunden werden. Einerseits Pest – andererseits die weniger betroffenen Juden.

Medizinische Erklärungen kannte man nicht. Also, wie es vielfach im menschlichen Leben so ist, wurde ein “Sündenbock” gesucht, und da boten sich die Juden an. Man behauptete nämlich, die Juden hätten die Brunnen der Christen vergiftet – und so wurden sie zu den “Brunnenvergiftern”.

Tatsächlicher Hintergrund war jedoch der, dass es in jeder jüdischen Siedlung eine Mikwe gab, ein jüdisches Kultbad, welches aus verschiedenen Anlässen von Frauen und Männern besucht werden musste. Fazit: Die Juden waren im Vergleich zu den Christen weitaus reinlicher, und das hatte geholfen, zumindest anfänglich weniger von der Pest betroffen zu sein. Da es schon seit dem ersten Kreuzzug Pogrome gegen Juden gegeben hatte, war es nun nicht schwer, den “anderen”, nämlich den Juden, den Sündenbock zuzuschieben.

So kam es, dass im Jahr 1424 bis zur französischen Zeit Kölns (um 1800) die Juden völlig aus der Stadt vertrieben wurden. Der vormalige Schutz der Juden durch die Kölner Erzbischöfe und deutschen Könige, weitgehend aus finanziellen Interessen gewährt, trat nun zugunsten des Stereotyps der “Brunnenvergifter” in den Hintergrund.

Konflikte waren groesstenteils religionsbedingt (kombinert mit Klasse wie Sie andeuten) – ausser in Zeiten da an der Ethnizitaets-Schraube gedreht wurde?

Da Religion ein Merkmal, sehr oft ein zentrales Merkmal, der Gruppenidentität ist, würde ich nicht unbedingt zwischen Religionsgruppen oder Sprachgruppen oder ethnischen Gruppen trennen. “Ethnische Gruppe” ist für mich der umfassende Begriff, wobei dann z.B. Religion gruppenkonstituierende Qualität hat. Ethnizität – nach meinem Verständnis der Prozess von Selbst- und Fremdzuschreibung spezifischer Traditionen – so definiert, kann instrumentalisiert werden, und zwar, wie zu sehen, zu allen historischen und rezenten Zeiten. Ethnizität ist somit gleichfalls kein Phänomen der Moderne, wie gerne behauptet wird.

Sie sagten vorher, dass Angehoerige verschiedener Religionen auch lange Zeit friedlich zusammengelebt haben. Da waere es interessant herauszufinden, wann / warum es zu Konflikten kommt?

Identitäten können instrumentalisiert werden, um Schuldzuweisungen machen zu können (siehe Pest-Beispiel), um der Eigengruppe irgendwelche Vorteile zu verschaffen, oder man definiert sich schlicht und einfach als höherwertig (z.B. das “auserwählte Volk”, “gods own country”, “Herrenmenschen”, oder wir “Städter” und der “Hillbilly”).

Im Falle der Kölner Protestanten verknüpfte sich die Ablehnung auch mit der wirtschaftlichen Stärke und Aktivität der Gruppe (“protestantische Ethik“), in denen die katholischen Zünfte der Stadt eine Konkurrenz sahen. Man konnte daher nur als Katholik Mitglied der Zünfte sein. Erst durch die Reformen der französischen Zeit wurde das Monopol der Zünfte aufgelöst und damit auch “ent-ethnisiert”.

Ich habe gelesen, dass Sie sich als Stadtfuehrer ausgebildet haben. Wird es bald Stadtfuehrungen zur Migrationsgeschichte geben?

Es ist mir ein Bedürfnis, eine breitere Öffentlichkeit zu informieren, und mittlerweile weniger ein Bedürfnis, in reiner akademischer Weise zukünftig potenziell arbeitslose Studenten auszubilden. Daher bezieht sich auch ein Großteil meines Unterrichts auf Themen, die in unserer Gesellschaft angesiedelt sind, sodass sich die Studenten mit verständlichen MA-Arbeiten außeruniversitär dann auch besser “verkaufen” können.

Ich bediene sozusagen eine Nische im akademischen Betrieb – aber mit voller Unterstützung meiner Institutskollegen. Als außerplanmäßiger Professor kann und muss ich mir auch eine größere Flexibilität erlauben. Und Stadtführungen bieten hervorragend die Möglichkeit, in historischer als auch aktueller Perspektive Fragen der Migration und der Multikulturalität aufgreifen und sie aus dem akademischen in den öffentlichen Raum tragen zu können.

Letzte Worte an die Leser vor den Bildschirmen?

Auf den ersten Blick erscheint mein Buch ganz bewusst nicht als “Be-Lehrbuch”. Unterschwellig jedoch werden die Leser schon chronologisch durch die Zeiten geführt, entlang des roten Faden von Migration im Wechselspiel mit Ethnizität. Von daher kann mein Buch durchaus als eine ethnologische Fallstudie gesehen werden, aber frei von Fußnoten, analytischen, hermeneutischen oder post-modernen Positionsdiskussionen. Und einmal so, “befreit” von akademischen Grundsatzdiskussionen, schreiben zu können, hat großen Spaß gemacht!

Sollte sich nun ein Interesse an dem Buch bei dem Einen oder der Anderen eingestellt haben, wünsche ich gleichfalls viel Vergnügen beim Lesen und bedanke mich bei der Redaktion für die Möglichkeit, hier einige Gedanken äußern zu können.

Vielen Dank fuer das Interview!

UPDATE WDR5-Interview mit Erwin Orywal

PS: Erwin Orywal hat eine sehr schoene Webseite mit sowohl Texten, Bildern und Videos.

Eine rasche Websuche zu Migrationsgeschichte ergab folgendes Ergebnis:

Deutsche Migrationsgeschichte seit 1871

Einwanderungsgeschichte der Schweiz

Neuere Arbeitsmigration in Oesterreich

Einheimische und Fremde in Linz im 19. und 20.Jahrhundert

Migration Audio-Archiv – hörbare Migrationsgeschichten

SIEHE AUCH:

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

For free migration: Open the borders!

Die Migrationsgeschichte Deutschlands ist noch nicht geschrieben. Ethnologe Erwin Orywal hat den Historikern unter die Arme gegriffen und vor wenigen Wochen das Buch Kölner Stammbaum. Zeitreise durch 2000 Jahre Migrationsgeschichte auf den Markt gebracht. Ich habe mich mit ihm per…

Read more

Ethnologen schulen Polizisten

Einwanderer – besonders Afrikaner – haben nicht unbedingt nur gute Erfahrungen mit der Polizei. “Stadtpolizei macht sich fit im Umgang mit Ausländern”, meldet das St.Galler Tagblatt. Fuer die Weiterbildung verantwortlich ist u.a. die Basler Ethnologin Lilo Roost Vischer, lesen wir:

Seit Lilo Roost Vischer vor einigen Jahren die Kantonspolizisten am Rheinknie für den Umgang mit afrikanischer Klientel sensibilisiert hat, klingelt bei ihr immer wieder das Telefon. Polizeikorps aus der ganzen Schweiz holen sich Wissen und Gelassenheit im Kontakt mit Ausländern bei ihr.

Entscheidend für den Umgang mit Ausländern ist: «Die Augen schärfen für das konkrete Gegenüber – aber Vorsicht mit Verallgemeinerungen», sagt sie.

>> weiter im St. Galler Tagblatt (Link aktualisiert)

SIEHE AUCH:

Immer mehr Ethnologinnen bei der Bundeswehr

Interview mit Verena Keck: “Ethnologen notwendig in der AIDS-Bekaempfung”

Ethnologen helfen westlichen IT-Firmen, den Zukunftsmarkt Asien zu verstehen

Einwanderer - besonders Afrikaner - haben nicht unbedingt nur gute Erfahrungen mit der Polizei. "Stadtpolizei macht sich fit im Umgang mit Ausländern", meldet das St.Galler Tagblatt. Fuer die Weiterbildung verantwortlich ist u.a. die Basler Ethnologin Lilo Roost Vischer, lesen wir:

Read more

Vermitteln Ethnozentrismus und ein ueberholtes Bild von der Ethnologie?

Es ist erfreulich, dass Ethnologiestudierende in neuen Online-Initiativen unser Fach bekannter machen wollen. Doch welches Bild von Ethnologie und Gesellschaft vermitteln sie?

Bei der Lektuere von Ethnologik und Ethmundo kommen gelegentlich Fragen auf wie: Warum sind die “kulturell Fremden” immer nur Auslaender oder Schamanen in Sibirien und nicht auch weisse Konzernchefs oder protestantische Pfarrer? Wieso soll die Ethnologie nur die “westliche” Perspektive erweitern? Wie up-to-date ist ihr Ethnologie-Verstaendnis?

Warum z.B. werden Studien ueber Phaenomene in der Mehrheitsgesellschaft (oft ethnozentrisch als “eigene Gesellschaft” bezeichnet) immer noch als etwas Neues (und evtl Problematisches) dargestellt? Wieso kann man anno 2007 noch schreiben “Ethnien und deren Kultur sind bekanntermaßen der Forschungsschwerpunkt von Ethnologie-Studierenden”? Und wieso wird auf der neuen Webseite der AG Musikethnologie an der Uni Muenchen, folgende (ueberholte) Definition von Musikethnologie benutzt?

“Die Musikethnologie / Ethnomusicology beschäftigt sich mit Musik in fremden Kulturen. Die Musikethnologie wird definiert als “jene Wissenschaft, die die musikkulturalen Werte ethnischer Gruppen außerhalb oder in Bezug zur Kunstmusik untersucht…”

(siehe Diskussion auf ethno::log dazu).

Mechthild von Vacano hat einen schoenen Text geschrieben, in dem sie einen Ethnozentrismus in der Ethnologie aufzeigt, der leider zu wenig debattiert wird. Ihr Text “Ethnologie aus kritisch-weißer Perspektive” basiert auf einem Vortrag, den sie auf dem Ethnologischen Symposium der Studierenden 2006 “Wir und die anderen” gehalten hat.

Sie schreibt:

Die Ethnologie begreift sich nicht nur als Wissenschaft von dem „Anderen“, sondern traditionell damit gleichgesetzt als die Wissenschaft von außer-europäischen Gesellschaften oder in moderner Variation von (außer-europäischen) MigrantInnen oder Diaspora-Gruppen. Hier stellt sich die Frage: Was für ein Ethnologe oder was für eine Ethnologin wird mit dieser Selbstdefinition konstruiert? – ein(e) weiße(r).
(…)
Vor diesem Hintergrund möchte ich das Motto und Logo dieses Ethno-Symposiums problematisieren: Wer ist beim Motto „Wir und die anderen“ gemeint?

Eine solche Ethnologie leistet ihrem Fach (und der Gesellschaft) einen Baerendienst. Das Bild das wir von “den anderen” liefern ist einseitig und alles andere emisch “from the native’s point of view”.

Um diesen Mangel zu beseitigen muessen wir daher stets Weißsein als spezifische Daseinsform und soziale Praxis problematisieren (und untersuchen), schreibt sie.

Doch was ist (kritisches) Weißsein? Sollten wir nicht aufhoeren, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu definieren?

Mechthild von Vacano erklaert:

Die Nicht-Existenz von menschlichen biologischen „Rassen“ bedeutet keinesfalls, dass die biologistisch konstruierte Idee der „Rasse“ nicht bis heute gesellschaftliche Verhältnisse prägt: Auch wenn es keine „Rassen“ gibt, Rassimus gibt es sehr wohl. Vor diesem Hintergrund markiert weiß diejenige Machtposition, die von Rassimus (strukturell) profitiert.
(…)
Es geht um weiß als eine soziale Konstruktion, die sich auf rassierte Körperkonstruktionen, aber auch andere Merkmalkonstruktionen wie z.B. Name oder Akzent bezieht.

Es geht darum, Weissheit als Norm, als das “Normale” zu problematisieren. Warum sind “Schwarze” automatisch “die anderen”?

Eine weiße Position zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie „normalerweise“ keine explizit weiße Position, sondern unmarkiert ist. Schwarze Positionen hingegen werden ständig als das rassierte Andere thematisiert. So sind z.B. Opfer rassistischer Gewalt immer als Schwarz markiert, die TäterInnen jedoch nie als weiß.

Nicht nur gesellschaftlich ist weiß eine unmarkierte Position, vielmehr halten Weiße ihr Weißsein selbst für unsichtbar. Während Weiße mit aller Selbstverständlichkeit und wissenschaftlichen Legitimation „das Andere“ beobachten, reagieren sie mit empörter Verwunderung, wenn Schwarze Beobachtungen über Weiße anstellen, „da nur ein Subjekt beobachten kann“. Weiße Menschen beanspruchen diese Subjektposition als Teil ihres Selbstvertändnisses, während sie Schwarzen Personen die Objektposition der Beobachteten zuweisen. Schwarze Menschen als Subjekte passen nicht in ein solches weißes Weltbild und rufen bei Weißen Irritation und Abwehr hervor.

Mit der Nicht-Markierung funktioniert Weißsein im hegemonialen Diskurs als unbenannte Norm. Dabei wird Weißsein als Menschsein gesetzt. Die spezifisch weiße Position produziert sich als universelle Daseinsform, während das „Andere“ immer wieder das Partikulare darstellt. Weiße Menschen sind Menschen, während Schwarze Menschen Schwarze Menschen sind.

Sie bezieht sich hier auf ein Feld an Auseinandersetzungen, die akademisch unter dem Titel Kritische Weißseinsforschung bzw. Critical Whiteness geführt werden. “Dabei ist hervorzuheben, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Kategorie weiß auf der Grundlage Schwarzer Kritik beruht”, so die Ethnologin.

Ihr Text ist zu finden im Reader Reader – Ethno-Symposium 2006 auf Seite 80. Eine kuerzere Version hat sie bereits Ende November auf Ethmundo veroeffentlicht.

Urmila Goel hat viel zu diesem Thema auf ihrem Blog anders deutsch geschrieben. U.a. meint sie , dass die biologistische Kategorisierung von Menschen in ‘Rassen’ sich in anderen Begriffen wiederfindet, z.B. wie ‘Kultur’ oder ‘Ethnie’. “Es bedarf also weiterer Anstrengungen, Rassismus zu bekämpfen”, schreibt sie. Zu diesem Thema ist auf anders deutsch auch das Paper ‘Andere Deutsche’ – Strategien des Umgangs mit Rassismuserfahrungen” von Mareile Paske zu finden (siehe auch Urmila Goels Publikationen).

Sehr informativ ist der Wikipedia-Eintrag ueber Weiss-Sein.

Weniger Ethnozentrismus und eine globalere Ethnologie ist ein wichtiges Ziel des World Anthropologies Network.

FRUEHER DAZU AUF ANTROPOLOGI.INFO:

Thesis: “Unlearning White Superiority. Consciousness-raising on an online Rastafari Reasoning Forum”

Fieldwork in Papua New Guinea: Who are the exotic others?

Was ist Ethnologie? Eine schöne Definition

Der zweifelhafte Einfluss der Ethnologie

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

For an Anthropology of Cosmopolitanism

Es ist erfreulich, dass Ethnologiestudierende in neuen Online-Initiativen unser Fach bekannter machen wollen. Doch welches Bild von Ethnologie und Gesellschaft vermitteln sie?

Bei der Lektuere von Ethnologik und Ethmundo kommen gelegentlich Fragen auf wie: Warum sind die "kulturell Fremden" immer…

Read more