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“Wenn wir so viel gemeinsam haben, warum gibt es dann ethnische Konflikte?”

Haben Inuits 100 Wörter für Schnee? Gibt es bei den Hopi-Indianern weder Zukunft noch Vergangengeit? Warum gibt es so viele “ethnische Konflikte”? In einem Interview mit dem Spiegel hinterfragt Ethnologe Christoph Antweiler verbreitete Auffassungen über “uns” und “die andern”. Anlass ist sein neues Buch “Heimat Mensch. Was uns alle verbindet“.

Antweiler interessiert sich für die Gemeinsamkeiten unten den Menschen und “geht auf die Nerven, dass Ethnologie immer nur dann fasziniert, wenn es um irgendwelche kulturellen Besonderheiten geht”. Er sieht Ethnologie als “vergleichende Wissenschaft des ganzen Menschen”.

Er warnt vor “übertriebenem Kulturrelativismus, der schnell in Kulturrassismus umschlägt”:

Der alte Rassismus hat gesagt: Wir leben in einer Welt, aber wir sind verschiedene Menschen, die gelben, die schwarzen, die roten und so weiter. Der Ultrarelativismus sagt: Wir sind alle Menschen, aber leben in völlig verschiedenen Welten, sprich Kulturen. Im Extremfall wird dann behauptet, die Kulturen seien inkompatibel und könnten sich nicht verständigen. Das ist wissenschaftlich nicht fundiert und politisch gefährlich.

Ethnische Gruppen sind keine starren Gebilde. Sie verändern sich und neue Gruppen entstehen:

Natürlich wachsen wir in unterschiedlichen Kulturen auf, manche Grenzen werden sogar neu gezogen: Als ethnische Gruppe im modernen Sinne könnte man etwa eine Untergruppe von Londoner Börsenbrokern nehmen, die in dieselben Bars gehen, deren Kinder untereinander heiraten und die eine ähnliche Weltorientierung haben. Trotzdem haben die Kulturen eine gemeinsame Heimat.

Der Ethnologe zählt diverse Gemeinsamkeiten auf. Auf die Frage “Wenn wir Menschen so viel gemeinsam haben, warum gibt es dann ethnische Konflikte?” antwortet er:

Die meisten sogenannten ethnischen Konflikte haben andere Ursachen, etwa Benachteiligung oder Ressourcenknappheit. Typisch sind die Bürgerkriege in Ruanda oder Exjugoslawien. Sie hatten sozioökonomische Ursachen, die nachträglich kulturell eingefärbt wurden, oft von den Beteiligten selber. Man spielt die ethnische Karte. Statt zu sagen: Wir sind einfach nur arm oder überfordert, sagt man: Wir sind die Kultur X und haben eine lange Geschichte, und deshalb steht uns das und das zu. Das ist Strategie.

Antweiler wird auch gefragt ob uns die Globalisierung ähnlicher macht:

Sie macht uns gleich und ungleich zugleich. Ich habe erlebt, wie in Jakarta das erste indonesische McDonald’s eröffnet wurde, übrigens die weltweit umsatzstärkste Filiale in jenem Jahr. Da erkennt man sofort Ähnlichkeiten wie die Farben und das Logo, aber auch Unterschiede: Die meisten essen dort keine Hamburger, sondern Reis mit Hühnchen. Und dann stellt man fest, dass viele dort gar nicht essen, sondern anderen zuschauen. Wir haben ein globales Phänomen, das aber lokal unterschiedlich interpretiert wird, so wie die Barbiepuppen. Ethnologen sprechen von Glokalisierung. Die Globalisierung funktioniert jedenfalls nur, weil die Menschen sich ähneln.

>> weiter im Spiegel

Das Interview ist übrigens Teil der Spiegel-Serie Kulturschock – Arbeiten in fremden Welten, wo u.a. deutsche Arbeitsmigranten von ihren Erfahrungen erzählen.

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Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Die Ideologie des Multikulturalismus hat die Grenzen zwischen der Mehrheit und den Minderheiten verfestigt. Es ist gut, wenn Frankfurt nun “Abschied von Multikulti” nimmt, sagt Kulturanthropologin Regina Römhild in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Sie sagt u.a:

(Man kann) nicht mehr davon ausgehen, dass hier verschiedene Gruppen leben, die wir nach ihren Nationalitäten einordnen können und die wir als Minderheiten gegenüber einer deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachten. Das ist das Multikulturalismus-Modell gewesen, das am Anfang wichtig war, um die Nationalgesellschaft zu durchbrechen und klarzumachen: Es gibt andere Menschen, die ebenfalls an dieser Gesellschaft beteiligt sind. Damit allerdings hat sich das Bild von den Minderheiten verfestigt. Die neben einer Mehrheit stehen. Von diesem Bild aber können wir nicht mehr ausgehen.
(…)
Überall dort, wo es gemeinsamen Alltag gibt, denken die Menschen nicht in Fragen nach der Herkunft. Dann beurteilen sich Menschen ganz einfach danach, was sie miteinander anfangen können.
(…)
Kulturen, die durch Einwanderung in dieser Gesellschaft präsent sind, bleiben ja nicht so, wie sie sind. Unsere Vorstellung ist: Migranten bringen ihre Kultur und oft auch ihre Religion mit. Im Prinzip gilt heute aber auch: Hier werden Kulturen ständig neu erfunden.
(…)
Aus der Vielfalt der Kulturen ergeben sich für Frankfurt Potenziale: Wir können auch eine kulturelle Weltstadt werden, nicht allein eine ökonomische. Im Grunde genommen gibt es hier einen kosmopolitischen Alltag – ohne dass wir das richtig wahrnehmen.

>> weiter in der Frankfurter Rundschau

Römhild leitete in den Jahren zwischen 2001 und 2003 am Institut für Kulturanthropologie der Goethe-Universität das Forschungsprojekt “global heimat”. Gemeinsam mit dem Soziologen Ulrich Beck arbeitete Römhild zuletzt in München über die Frage des Kosmopolitismus in europäischen Einwanderungsgesellschaften.

Von Regina Römhild fand ich die Texte Global Heimat Germany. Migration and the Transnationalization of the Nation-State (publiziert in der interessant ausschauenden Zeitschrift Transit) und Die Richtung stimmt – aber der Weg führt noch weiter. Kommentar zur Studie „Migranten-Milieus“ des vhw (pdf)

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Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

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For an Anthropology of Cosmopolitanism

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

Keith Hart and Thomas Hylland Eriksen: This is 21st century anthropology

Populärethnologie von Christoph Antweiler: Heimat Mensch. Was uns alle verbindet

Ausstellung “Crossing Munich”: Ethnologen für neue Perspektiven in der Migrationsdebatte

Werner Schiffauer: Wie gefährlich sind “Parallelgesellschaften”?

Die Ideologie des Multikulturalismus hat die Grenzen zwischen der Mehrheit und den Minderheiten verfestigt. Es ist gut, wenn Frankfurt nun "Abschied von Multikulti" nimmt, sagt Kulturanthropologin Regina Römhild in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Sie sagt…

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Populärethnologie von Christoph Antweiler: Heimat Mensch. Was uns alle verbindet

Vor zwei Jahren brachte Ethnologe Christoph Antweiler seinen Wälzer “Was ist den Menschen gemeinsam” heraus. Soeben ist die populärwissenschaftliche Version auf den Markt gekommen “Heimat Mensch. Was uns alle verbindet“.

Fast ohne Fremdwörter bespricht der Ethnologe von der Uni Bonn zwölf Universalien alltagsnah. Das Kapitel über Initiationen z.B. beginnt er mit der Schilderung seiner Habilitation. Dieses akademische Initiationsritual stellt er einem Initiationsritual bei den australischen Aborigines gegenüber. Solche Riten gibt es überall auf der Welt – auch in der Uni also.

“Die vermeintlich “ganz anderen” Kulturen sind bei genauem hinsehen oft verblüffend gleich und diese Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen sind oft viel fundamentaler”, schreibt Antweiler in der Einleitung:

“Trotz aller Unterschiede können wir wir uns aber erstaunlich leicht mit Menschen aus wildfremden Kulturen verständigen. Über manche Witze wird überall gelacht. Bei Menschen unterschiedlichster Herkunft finden wir die gleichen Überzeugungen.”

Er distanziert sich von jenem Multikulturalismus, der meint, wir würden in verschiedenen Welten leben. Er sagt wir sind eine Menschheit und wir leben in einer Welt.

Interessanterweise hält Antweiler an dem viel gescholtenen Begriff “Kulturen” fest, auch wenn er einräumt, dass “in der multikulturellen Gesellschaft immer mehr Menschen auch mehrere Kulturen im Gepäck” haben.

Leider erklärt er diesen zentralen Begriff, der zu vielen Missverständnissen führt (Kulturfalle), nicht. Kultur bleibt in der Einleitung eine mystische Grösse, doch offenbar ein Synonym für “Nation” oder “ethnische Gruppe”.

Misstrauisch macht mich seine Behauptung “Wo gibt es denn neben Norwegen und Bangladesh noch einen kulturell einheitlichen Staat?” Gewiss hat Bangladesh keine grossen Gruppen mit ethnischen Minderheiten (98% sind laut offizieller Statistik Bengali), doch das Land besteht aus rundt 150 Millionen Menschen und es gibt riesige Klassenunterschiede – wie lässt sich da von einer kulturell einheitlichen Bevölkerung reden? Norwegen ist ein langestrecktes Land mit grosser regionaler Vielfalt und war seit Jahrhunderten ein melting pot verschiedener Nationalitäten.

Der Verlag hat mir das Buch erst vor kurzem zugeschickt. Ich hab bisher nur Auszüge gelesen und bin daher gespannt auf die vielen Beispiele in den Kapiteln über Zeit, Sprache, Ethno-Pop, Sex und Moral, Heimat, Kunst, Gefühle und Macht. Gerade bin ich beim Kapitel “Gewaltverherrlichung und Konfliktvermeidung”. Da räumt der Ethnologe mit dem weitverbreitenden Vorteil auf, kulturelle Vielfalt führe zu Konflikten:

Kulturelle Vielfalt in einer Gesellschaft ist nicht automatisch ein Konfliktfaktor, ebenso wenig wie bestehende Stereotypen über fremde Gruppen. Der zentrale Konfliktmotor ist strukturell fehlende Anerkennung, die sich in dem Gefühl äussert: “Wir haben keine Stimme.” Scharf gemacht werden die Unsicherheit im Umgang an kulturellen Rändern und der fast universale Ethnozentrismus durch den strategischen Einsatz der kulturellen Unterschiede. Kollektive Identität ist die global eingesetzte Waffe im Kampf um Anerkennung.

Beim Murmann-Verlag ist übrigens ein kurzes Interview mit Antweiler zu sehen.

Das Buch hat bisher noch kein grosses Medienecho hervorgerufen. Antweiler war jedoch zu Gast beim WDR.

Ich hatte Christoph Antweiler vor zwei Jahren interviewt, siehe Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler. Sein Buch “Was ist den Menschen gemeinsam” (2007) ist u.a. auf rezensionen.ch und socialnet besprochen worden. Das Buch ist inzwischen ausverkauft und eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage ist soeben bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen.

Ist die Veröffentlichung dieses für Laien verständlichen Buches ein Zeichen dafür, dass Ethnologie sich mehr in die Öffentlichkeit wagt? Neben diversen Initiativen im Netz sind in letzter Zeit mehrere populär geschriebene Bücher herausgekommen, u.a. Maxikulti – Der Kampf der Kulturen ist das Problem – zeigt die Wirtschaft uns die Lösung? von Joana Breidenbach und Pál Nyíri sowie Kölner Stammbaum. Zeitreise durch 2000 Jahre Migrationsgeschichte von Erwin Orywal.

AKTUALISIERUNG: Der Spiegel interviewt Christoph Antweiler zum Buch

Vor zwei Jahren brachte Ethnologe Christoph Antweiler seinen Wälzer "Was ist den Menschen gemeinsam" heraus. Soeben ist die populärwissenschaftliche Version auf den Markt gekommen "Heimat Mensch. Was uns alle verbindet".

Fast ohne Fremdwörter bespricht der Ethnologe von der Uni Bonn…

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Ethnologin: Keine Angst vor Konvertiten!

Derzeit wimmelt es von Medienberichten über extremistische Konvertiten. In einem Interview mit der taz warnt Ethnologin Esra Özyürek davor Konvertiten pauschal zu verurteilen. Zum Islam konvertierte Deutsche leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration, meint sie:

Sie spielen auffällig oft eine bedeutende Rolle in ihren Moscheegemeinden, ganz besonders die Frauen. Viele sind sehr aktiv im interreligiösen Dialog, organisieren deutsche Sprachkurse für Migranten oder sogar Seminare mit der Polizei, bei denen die Menschen über ihre Rechte aufgeklärt werden. Damit machen sie den migrantischen Muslimen Ressourcen zugänglich, die der Mehrheitsgesellschaft schon verfügbar sind.

Zwischen 20 000 und 100 000 Konvertiten gibt es in Deutschland. “Ich denke nicht, dass es gerechtfertigt ist, wegen so wenigen Fällen all diese Menschen pauschal zu verdächtigen”, sagt Esra Özyürek, Ethnologin an der University of California in San Diego, die derzeit an einem Projekt über Konvertiten in Deutschland arbeitet.

Sie hat u.a. Diskurse zu Konvertiten in Deutschland untersucht. Der Übergang zum Islam würde meist als etwas Aufgezwungenes dargestellt:

Vor dem 11. September war der typische Diskurs: “Unsere Frauen konvertieren, weil irgendein Mann aus dem Nahen Osten sie dazu verleitet”. Jetzt geht es um “unsere Jugendlichen”. Es wird immer direkt oder indirekt ausgedrückt, dass sie konvertieren, weil Terroristengruppen sie ausnutzen wollen. Die Konversion wird in beiden Diskursen nicht als eigene Entscheidung dargestellt, sondern als das Ergebnis eines Einflusses von “Außen”. Die religiöse Suche der Menschen steht nie im Vordergrund.

Warum? fragt die taz. Konvertiten würden als illoyal gegenüber Deutschland und dem Christentum angesehen, erklärt die Forscherin:

Weil sowieso gedacht wird, dass man als Deutscher eigentlich christlich sein sollte. Oder eben post-christlich, in dem Sinne, dass man nur noch an Weihnachten in die Kirche geht. Es wird so gesehen, dass nur so eine Person wirklich loyal zu Deutschland sein kann. Ein Konvertit wird aber nicht als loyal betrachtet, sondern als jemand, der sich von “europäischen” Werten verabschiedet hat, und deshalb gilt eine misstrauische Haltung ihm gegenüber als in Ordnung.

>> weiter in der taz

Dieses Interview unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von anderen Forscher-Interviews, sie u.a. Interview mit Stefan Reichmuth vom Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Uni Bochum: Warum entscheiden sich Deutsche für den Islam? Konvertiten oft fanatisch? und Interview mit dem Soziologen Peter Waldmann: Warum Menschen zu Terroristen werden: Die Attraktivität einer Ideologie

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Werner Schiffauer: “Öffnung gegenüber dem Islam nicht der Terrorismusbekämpfung unterordnen”

Selected quotes from “On Suicide Bombing” by Talal Asad

Extremism: “Authorities -and not Imams – can make the situation worse”

Islamophobie in Österreich – “ein längst überflüssiges Werk”

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

Derzeit wimmelt es von Medienberichten über extremistische Konvertiten. In einem Interview mit der taz warnt Ethnologin Esra Özyürek davor Konvertiten pauschal zu verurteilen. Zum Islam konvertierte Deutsche leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration, meint sie:

Sie spielen auffällig oft eine bedeutende…

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Die Angst vor den Minderheiten – Appadurai nun auch auf deutsch

Warum richten sich Hass und Aggressionen so leicht gegen Minderheiten, die doch, eben weil sie zahlenmässig unterlegen sind, die Mehrheit gar nicht ernsthaft zu bedrohen imstande wären? Das ist eine der Fragen, die Arjun Appadurai, einer der bekanntesten heutigen Ethnologen, in seinem Buch “Fear of Small Numbers” stellt, das nun auch in deutscher Uebersetzung erschienen ist.

Uwe Justus Wenzel bespricht das Buch, das auf Deutsch “Die Geographie des Zorns” heisst, in der NZZ eingehend und konkludiert:

Wer bei der Lektüre des gedanklich nicht auf einer geraden Linie voranschreitenden Essays Komponenten einer möglichen Theorie über den Zusammenhang von Globalisierung und Gewalt einsammelt, wird am Ende neben den fatalen Spiegelungen von Mehrheiten und Minderheiten einige weitere auflisten können: von der «gefährlichen Idee» des Nationalstaats, deren Gefahrenpotenzial sich gerade im historischen Augenblick der Erosion dieses Staatsmodells zu realisieren scheint, über den Zusammenhang von sozialer Verunsicherung und ideologischer Gewissheit bis zum aggressiven Narzissmus der kleinen Unterschiede. Dass «die Globalisierung» – die weltweite und unübersichtliche Verknüpfung von Staaten, Märkten, Menschen, Kulturen und Vorstellungen – die Ausbrüche kollektiver Gewalt wahrscheinlicher werden lasse, ist des Autors Vermutung und Befürchtung; dass sie nicht notwendigerweise dazu führe, seine Überzeugung und Hoffnung.

Wie nahe beieinander Furcht und Hoffnung liegen, wird sinnfällig in den beiden gegensätzlichen Verkörperungen des «zellularen Prinzips», das Appadurai als politisches Organisationsprinzip weltweit im Aufstieg begriffen sieht: Nichtzentralistisch und nichthierarchisch – eben zellular – agierten sowohl Terroristen als auch transnationale Nichtregierungsorganisationen, die Protagonisten einer freundlichen und friedlichen «Graswurzelglobalisierung».

>> weiter in der NZZ

Appadurais Analysen der Gewalt gehen tiefer als das Gros an tagesaktuellen Meinungen, schreibt das Titel Magazin. Aber Kritiker Carl Wilhelm Macke ist nicht 100% ueberzeugt, teils wohl aus politischen Gruenden:

Appadurais Versuch, ein Interpretationsraster für diese täglich durch die Medien präsentierte Gewalt in Kriegsgebieten wie in friedlichen Weltzonen zu liefern, hat seinen intellektuellen Reiz. Vieles spricht für die These des Autors, dass das Aufleben extrem fremdenfeindlicher und aggressiver Demagogen, Parteien und Gruppen eine Folge der Globalisierungsängste ist. Aber genügen zwei, drei Formeln, um alle Formen von Gewaltexzessen verstehen zu können? Auch die bei Appadurai immer wieder auftauchenden Anklagen gegen die katastrophale Weltsicht der Bush-Regierung sind im Übrigen durch den politischen Wechsel in den USA stumpf und hohl geworden.

>> weiter im Titel Magazin

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Interview with Arjun Appadurai: “An increasing and irrational fear of the minorities”

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