Kultur ist einer der schwierigesten Begriffe in der Ethnologie. Nachdem die allermeisten Ethnologen ihn immer weniger benutzen, ist er besonders bei Nationalisten und lautstarken Islamkritikern beliebt. Karin Nungeßer hat im Freitag einen schoenen Text zum Nutzen des Begriffs “Kultur” in der Debatte um Zuwanderung in Deutschland geschrieben – inspiriert von einem offenbar umstrittenen Film (Knallhart):
Die Botschaft, nicht nur im Film, lautet: Wenn wir Zusammenstöße vermeiden wollen, müssen wir wachsam sein – und ihnen im Zweifelsfall besser aus dem Weg gehen. Die Unterscheidung zwischen “uns” und “den anderen” wird dabei ebenso vorausgesetzt wie legitimiert – mit dem fatalen Effekt, dass jede Differenz, die “Ausländer” betrifft, als potenziell bedrohliche wahrgenommen wird.
Hier ist “Kultur” der zentrale Begriff, um zwischen “uns” und “den anderen” zu unterscheiden.
Keine einfache Sache offenbar, denn das Statistische Bundesamt hat mittlerweile nicht weniger als zehn verschiedene Kategorien von “Menschen mit Migrationshintergrund”, z.B.
– “Ausländer”,
– “Spätaussiedler”
– “Eingebürgerte”
– “Deutsche mit einseitigem Migrationshintergrund”
– “Deutsche nach ius-solis-Regelung”
– hier geborene Kinder, die sich spätestens mit 23 Jahren zwischen ihrer deutschen und ihrer nicht deutschen Staatsangehörigkeit entscheiden müssen.
Diese “anderen Deutschen” (zu denen ich laut dieser Definition also auch zugehoere) machen über 15 Millionen Menschen und damit knapp ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus.
Die Freitag Autorin zitiert Ethnologen Martin Sökefeld, der feststellt, dass der Gebrauch von “Kultur” als geteilter Bestand von Gruppen sich in der Ethnologie weitgehend erledigt hat:
Zu groß ist das Bewusstsein, dass Kultur von Menschen in ihrer sozialen Praxis geschaffen wird, dass sie daher Konflikten unterliegt und sich permanent verändert. Deshalb haben die Angehörigen einer Gruppe kaum durchgängig ein und dieselbe Kultur – auch wenn genau das behauptet wird. So wenig die autochthone Bevölkerung also samt und sonders auf die Werte von Christentum und Aufklärung verpflichtet werden kann, so wenig unterliegen Migranten und Migrantinnen einer eigenen “Kultur”, die ihr Denken und Handeln bestimmt.
Sie schreibt auch von einer Studie unter muslimischen Kopftuchtraegerinnen, die – nicht ueberraschend – folgendes ergab:
So gaben zwar 95 Prozent als wichtiges Lebensziel an, ihren Glauben leben zu wollen. Die meisten von ihnen – fast 80 Prozent und damit ungefähr genauso viele unter den kopftuchlosen deutschen Frauen – sehen es jedoch als ebenso wichtig an, “möglichst frei und unabhängig zu sein”.
Ihre Schlussfolgerung:
Wenn offenbar selbst streng religiöse Muslimas in Deutschland mit einem Mix aus traditionellen und modernen “westlichen” Werten leben, ist die Idee einer kulturellen Differenz zwischen “uns” und “denen” dann nicht ehrlicherweise als das zu verabschieden, was sie ist: eine Ideologie, die uns schadet? Weil sie Integration erschwert und den sozialen Frieden in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland gefährdet?
Tatsächlich geht es nämlich um viel. Das Reden über “Kultur” ändert ja nichts am sozialen und politischen Machtgefälle zwischen Mehrheitsgesellschaft und Einwanderern, das in der Tat gravierend ist und dringend angegangen werden muss. So brauchen wir, um nur die beiden wichtigsten Punkte zu nennen, endlich ein Schulsystem, das Kinder von Geringqualifizierten nicht länger eklatant benachteiligt, und politische Mitbestimmungsrechte für alle, die hier dauerhaft leben.
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