Fast keine Artikel auf Deutsch in Open Access Zeitschriften

Seit kurzem ist die altehrwürdige Zeitschrift für Ethnologie  frei zugänglich. Alle Artikel der neueren Ausgaben (ab 2023) sind gratis zu lesen. Doch so gut wie alle Artikel sind auf Englisch.

Paywalls überall: Wie kann man sich noch über Sozial- und Kulturanthropologie / Ethnologie informieren?  hab ich vor vier Jahren gefragt. Zugang zu Wissen, der so essenziell ist für eine funktionierende Demokratie, wird schwieriger, da fast alle Zeitungen und Online-Medien sich vom offenen Internet verabschiedet haben. Neuere Online-Magazine sind auch meist nur für Abonnenten zugänglich, Blogs gibt es auch kaum mehr. Und die Zeitschriften? Die haben eine umgekehrte Entwicklung vollzogen, von geschlossen zu offen. Das wäre der Moment für Zeitschriften – und damit der Wissenschaften, mehr in Kontakt mit der Öffentlichkeit zu treten.  Eigentlich wären Zeitschriften jetzt wichtiger denn je.

Es gibt nicht viele sozial- oder kulturanthropologische Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Neben der Zeitschrift für Ethnologie gibt es noch die  Schweizerische Zeitschrift für Sozial- und Kulturanthropologie sowie Ethnoscripts. Doch in keinem dieser Publikationen findet man – von Buchbesprechungen abgesehen – etwas auf Deutsch zu lesen. Damit bleiben die Texte – auch wegen des Jargons – nur einer Minderheit hierzulande zugänglich.

Die Anglifizierung ist ja eine gute Sache, was den internationalen Austausch betrifft, für den gesellschaftlichen Diskurs im Land jedoch weniger.

Besser sieht es auf Deutsch lediglich in Zeitschriften aus, die sich mehr in Richtung – wie man früher sagte – “Volkskunde” oder “Europäische Ethnologie” orientieren. Beispiele hierfür sind das Hamburger Journal für Kulturanthropologie oder interdisziplinäre Zeitschriften wie suburban.

Damit haben sich die wissenschaftlichen Blätter im deutschsprachigen Raum für einen anderen Weg entschieden als Publikationen in Norwegen, wo es immer noch erstaunlich viele wissenschaftliche Zeitschriften gibt, in denen so gut wie alle  Texte auf Norwegisch sind, so auch in Norsk Antropologisk Tidsskrift.  In Norwegen werden Norwegisch-sprachige Zeitschriften auch besonders vom Staat gefördert.

Auch in der dänischen Tidsskriftet Antropologi lässt sich alles bequem auf seiner Muttersprache lesen, und in der schwedischen Kulturella Perspektiv  zumindest teilweise. Und besonders gut sieht es aus für die Spanisch-Sprechenden; Auf dieser Sprache gibt es fast die meisten offenen Zeitschriften.

Zum Schluss ein Verweis auf den einzigen Artikel auf Deutsch in der Zeitschrift für Ethnologie:

Peter Rohrbacher: Politisches Chamäleon: Richard Thurnwald und seine kolonialethnologischen Ansätze in der NS-Zeit (2/2024)

Und zwei Artikel auf Deutsch gab es in  der Schweizerischen Zeitschrift für Sozial- und Kulturanthropologie in den letzten 5 Jahren:

Mélanie Pitteloud: Sozialfirmen und ihre Beziehungen zu potenziellen Arbeitgeber·innen: Praktiken und Handlungslogiken der Stellenvermittler·innen (2021)

Mira Menzfeld: «Wo ist deine Eifersucht? Wo ist deine Religion?»: Emotionsmanagement in polygynen salafitischen Partnerschaften (2022)

Und – interessant – 2022 gab es eine Extra-Ausgabe von Ethnoscript zum Fall Kabuls 2021 – “eine Sonderausgabe (nicht nur) für die interessierte Öffentlichkeit”, die mehr über Afghanistan und die Taliban wissen möchten mit Texten auf Deutsch und Englisch!

UPDATE: Aber vielleicht spielt das alles ja keine große Rolle, denn: Unverständliche Wissenschaft: Ohne KI kann man Texte auf Deutsch kaum lesen

Aus dem Archiv:

Ist verständliche Sprache unwissenschaftlich?

Verständliche Wissenschaft: Der Siegeszug der Science Slams

Instituts-Webseiten: Immer noch keinen Dialog mit der Öffentlichkeit

Marianne Gullestad and How to be a public intellectual

 

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