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Ethnologie zerstört Traditionen?

Viele indigene Gesellschaften interessieren sich für vergessene Traditionen. Dabei greifen sie gerne auf historische Aufzeichnungen von Ethnologen zurück. Doch das ist nicht unproblematisch, schreibt Ethnologe Karl-Heinz Kohl in einem Gastbeitrag im ORF.
 
Denn so “traditionell” wie man gerne meint, war ja das Leben in diesen Ethnographien auch nicht. “Entgegen einer in Europa früher weit verbreiteten Überzeugung”, erinnert Kohl, “waren auch indigene Gesellschaften schon immer historischen Änderungen überlegen, haben neue Institutionen und Gebräuche hervorgebracht und Innovationen von benachbarten Ethnien übernommen.

Der ethnologische Präsenz älterer Werke täuscht:

Zieht man also in Betracht, dass Traditionen ständig im Fluss bleiben müssen, um ihre gesellschaftlichen Funktionen zu erfüllen, dann gibt es für sie eigentlich keine größere Gefahr, als durch ihre Verschriftlichung ein und für alle Mal fixiert zu werden.

Das aber ist in vielen Fällen durch die Reisenden, Missionare und Wissenschaftler geschehen, die den historischen Zustand, in dem sie die entsprechenden Gesellschaften angetroffen haben, als deren scheinbar unveränderliche “Traditionen” festgeschrieben haben.

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Denn so "traditionell" wie man gerne meint, war…

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Neue Blicke auf “das Fremde”: Sozialanthropologie-Studentinnen geben Buch heraus

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Seminararbeiten verstauben oft in Schubladen. Wiener Sozialanthropologie-Studentinnen dagegen haben aus den Arbeiten ein Buch gemacht. Es hat den Titel “Das Fremde: Konstruktionen und Dekonstruktionen eines Spuks“.

Ich habe mich mit den beiden Redakteurinnen Stephanie Krawinkler und Susanne Oberpeilsteiner, Studierende der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, kurz per email unterhalten

antropologi.info: Wieso (noch) ein Buch ueber Fremde?

Stephanie Krawinkler und Susanne Oberpeilsteiner: Unser Sammelband umfasst 6 Beiträge, die in verschiedenen interdisziplinären Feldern angesiedelt sind: Philosophie, Psychologie, Wirtschaft, Politik, Geschichte – immer kombiniert mit einer kultur- und sozialanthropologischen Perspektive. Diese Interdisziplinarität ist eher ungewöhnlich und bietet daher einen neuen Zugang zum Thema. Uns war es ein Anliegen aufzuzeigen, welchen Beitrag Kultur- und SozialanthropologInnen in diesen Feldern leisten können.

Die Auseinandersetzung mit dem, was fremd ist, führt unweigerlich zur Frage nach Grenzen und der Überschreitung dieser Grenzen – was unserer Meinung nach auch für die Wissenschaften gelten sollte. Durch die interdisziplinären Beiträge möchten wir zeigen, dass besonders junge WissenschafterInnen ein Interesse haben über die Disziplingrenzen hinaus zu arbeiten und dabei den anthropologischen Fokus vertreten können.

Ueber welche Fremden schreibt Ihr und warum redet Ihr von einem Spuk?

DAS Fremde gibt es nicht. Es steht immer im Kontrast zum Eigenen und daher ist das Fremde auch für jede Person anders definiert. Den Texten liegt keine gemeinsame Definition des Fremden zu Grunde. Ein Spuk ist etwas, das man sich rational nicht erklären kann. Auf unseren Untertitel übertragen meint Spuk weniger genaues Wissen, als vielmehr eine Ahnung bzw. eine Annahme.

Dies trifft unserer Meinung gerade auf das Thema “Das Fremde” zu. Ein Stammtischthema, zu dem viele meinen, sie müssten mitreden – ohne sich mit “dem Fremden” direkt auseinanderzusetzen, ohne zu definieren, was damit gemeint ist. Jeder spricht über etwas anderes. Durch konkretes Hinschauen auf “Das Fremde” kann der Spuk dekonstruiert werden.

So zeigen etwa der Beitrag über Kritische Diskursanalyse und jener über die Begegnung zwischen Afrikanern und ÖsterreicherInnen in der Nachkriegszeit auf, wie diffuse Vorstellungen vom Fremden den Umgang mit ihnen im Alltag bestimmen. Mithilfe eines psychoanalytischen Zugangs macht die Autorin des Beitrags über einen Fanta-Werbespot deutlich, wie verdrängte Bedürfnisse dem Fremden zugeschrieben werden: Bamboocha, ein an sich inhaltsleerer Begriff, wird in Verbindung mit den Tugenden der Bevölkerung Hawaiis gebracht und im Rahmen des Werbespots auch mit Fanta gleichgesetzt. Durch den Kauf von Fanta können KonsumentInnen jene Bedürfnisse befriedigen, die sie in der westlichen, von Kapitalismus und Wettbewerb geprägten Gesellschaft verdrängen mussten.

In allen drei Beiträgen werden durch die Thematisierung der Fremdzuschreibungen die in den Köpfen der Menschen herumspukenden Vorstellungen vom Fremden dekonstruiert.

Hat das Buch eine Hauptaussage? Bietet ihr “Loesungen” oder alternative Perspektiven auf “die Fremden” an?

Das Buch bietet keine direkten Lösungen an. Einige Beiträge zeigen Dekonstruktionsmöglichkeiten auf, manche schlagen vor, die verwendeten Begriffe zu überdenken, – etwa zu hinterfragen, was man unter „Kultur“ tatsächlich versteht – eine isolierte Einheit, zu der man dazugehört oder nicht, oder einen Sinn- und Deutungshorizont, der allen offen steht; je nach Definition ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen für Konzepte des Multikulturalismus.

Wieder andere Beiträge verweisen auf die Vorteile, die Vielfalt mit sich bringt und wie diese auch im Unternehmen sichtbarer gemacht und gefördert werden kann. Im Sinne der Kritischen Diskursanalyse machen alle Beiträge auf die Konstruiertheit „des Fremden“ aufmerksam, und darauf, dass man – je nach Perspektive – auch selbst der/die Fremde sein kann. Nur wenn man weiß, was man selbst und die Gesprächspartner unter diesem Begriff verstehen, kann man sich sinnvoll damit auseinandersetzen.

Habt Ihr schon mal ein Buch herausgegeben? Es ist, nehme ich an, nicht gerade alltaeglich, dass Studenten ein Buch herausgeben? Wie habt Ihr das auf die Reihe gekriegt? Ein langer muehsamer Prozess oder einfacher als man denkt?

Wir hatten keine Herausgeberinnenerfahrung als wir mit dem Projekt begannen. Dass Studierende ein Buch herausgeben ist nicht sonderlich alltäglich. So gab es zu Beginn auch etliche Unkenrufe, dass wir keinen Verlag und keine Förderer finden würden.

Doch die Skeptiker behielten nicht recht, unser Optimismus war überzeugend: Der LIT-Verlag hatte Interesse an unserem Manuskript und die Stadt Wien, das Land Vorarlberg, die Österreichische HochschülerInnenschaft und die Institutsgruppe Kultur- und Sozialanthropologie förderten unser Publikationsprojekt.

Von der Idee bis zur Verwirklichung sind beinahe 1,5 Jahre vergangen. In dieser Zeit wurden die Texte von den AutorInnen intensiv überarbeitet, der Verlag gesucht, die Finanzierungsanträge geschrieben, das Buch lektoriert und gelayoutet. Der Verein fokus_irrt hat uns über diesen Zeitraum hinweg unterstützt und uns viele Tipps zum Thema Veröffentlichung gegeben. Es war ein langer, arbeitsintensiver Weg – aber wir finden es hat sich gelohnt!

Besteht das Buch aus Seminararbeiten oder wurden die Texte extra fuer das Buch geschrieben?

Die Basis für die Beiträge wurde im Sommersemester 2006 im Rahmen eines Seminars erarbeitet. Begeistert von der Vielfalt der thematischen Inhalte und der intensiven Auseinandersetzung, wollten wir die Texte nicht nach der Benotung in der Lade bzw. in den PCs ‘verstauben’ lassen.

Als sich unsere Idee der Veröffentlichung konkretisierte, wurden die besten Seminararbeiten vom Seminarleiter Herrn Mag. Karall ausgewählt. Wir konnten dann die AutorInnen für unser Projekt begeistern.

Die Texte wurden zu einem Artikelentwurf umgearbeitet. In weitere Folge kontaktierten die AutorInnen erfahrene WissenschafterInnen und ersuchten Sie um eine Art review. Daraufhin wurden die Texte überarbeitet. Im Frühjahr 2008 folgte ein weiterer Qualitätskontrollschritt: KollegInnen vom Verein fokus_irrt haben die Texte nochmals lektoriert (reviewed). Nach einem weiteren Überarbeitungsschritt folgte eine letzte Kontrolle der Einarbeitungen bevor es ans Layouten ging.

An wen wendet sich das Buch? Ist es ein Fachbuch oder ist es allgemeinverstaendlich geschrieben?

Das Buch richtet sich an Studierende und Interessierte mit unterschiedlichstem fachlichen Hintergrund, die einen außergewöhnlichen Querschnitt zum Thema “Das Fremde” lesen möchten. Sprachlich richten sich die Texte nicht an ein rein ethnologisches Publikum – so haben wir auch darauf geachtet, kultur- und sozialanthropologische Fachbegriffe zu erklären. Der Sammelband ist vor allem für all jene interessant, die sich über die Grenzen ihrer Disziplin hinaus mit dem Thema beschäftigen wollen.

Hier ist das Inhaltsverzeichnisses des Buches, das vor ein paar Tagen im Lit-Verlag erschienen ist:

  • Peter H. Karall: Vorwort
  • Stephanie A. Krawinkler & Susanne Oberpeilsteiner: Einleitung
  • Caroline Purps: Die Kritische Diskursanalyse
  • Aleksandra Kolodziejczyk: _wien ist eine weltoffene stadt_
  • Susanne Oberpeilsteiner: Konzepte von Multikulturalität und Multikulturalismus
  • Stefan Weghuber: Begegnungen zwischen Afrikanern und ÖsterreicherInnen um 1945, am Beispiel Vorarlbergs
  • Stephanie A. Krawinkler: Diversity Management
  • Hanna M. Klien: Was ist Bamboocha?

AKTUALISIERUNG: Siehe auch meine Rezension des Buches: Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit "Fremdem"

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Seminararbeiten verstauben oft in Schubladen. Wiener Sozialanthropologie-Studentinnen dagegen haben aus den Arbeiten ein Buch gemacht. Es hat den Titel "Das Fremde: Konstruktionen und Dekonstruktionen eines Spuks“.

Ich habe mich mit den beiden Redakteurinnen Stephanie Krawinkler und Susanne Oberpeilsteiner, Studierende…

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Ethnologie – ein Lebensstil

In der aktuellen Ethnologik-Ausgabe finden wir zwei Interviews mit Ethnologen. Für beide ist Ethnologie ein Lebensstil. Für Matthias Laubscher, Leiter der Ethnologie in München, bedeutet die Pensionierung nicht Schluss mit der Ethnologie. Dann gehts erst richtig los.

Auf die Frage, womit er sich nach seiner “Entpflichtung” beschäftigen moechte, sagt er:

Zunächst werde ich weiter Feldforschung betreiben und mich dann mit Forschungsthemen beschäftigen, die ich schon lange Zeit verfolge, zu deren Ausarbeitung ich oft aber nicht gekommen bin. Darauf freue ich mich schon richtig.

In diesem Interview gibt er auch eine schöne Definition unseres Faches wieder:

Zur Ethnologie, damals noch Völkerkunde, kam ich über die Universität Basel. Dort lernte ich das Fach durch den damaligen Lehrstuhlinhaber Bühler zum ersten Mal kennen (…). Er sprach davon, dass Ethnologie nicht etwa Hagenbecks Völkerschau auf wissenschaftlicher Ebene sei, sondern sich grundsätzlich mit den Entfaltungsmöglichkeiten und Varianten der Menschheit beschäftigt. Dieser Ausdruck hat mit fasziniert.

Eine wichtige Aufgabe der Ethnologie, ist, so Laubscher, “anderen Menschen durch die Vermittlung der vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten etwas vom Reichtum der Menschheit zu vermitteln”:

Das Erkennen des menschlichen Reichtums ist also ein Wert an sich und erlaubt den Menschen, die sich diesem Reichtum öffnen, sich aus starren Vorstellungen zu lösen. Das könnte unsere Gesellschaft im Denken, in unserer Politik mobiler machen. Vielleicht hilft ja dabei auch das Internet.

>> weiter in der Ethnologik

Eveline Dürr sagt:

Ethnologie, und das gilt vermutlich auch für andere akademische Disziplinen, ist für mich nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Lebensstil.

Das liegt zum einen an der engen Verquickung meiner Biographie mit meinen ethnologischen Forschungsfeldern, zum anderen aber auch daran, dass die Ethnologie eine reflexive Wissenschaft ist und es nicht nur um ‚andere’ geht, sondern immer auch um den jeweiligen Forscher oder die Forscherin, die stets in Relation zum Forschungsgegenstand zu sehen sind.

Außerdem durchdringt die Ethnologie als Tätigkeitsfeld ganz zwangsläufig private Bereiche, schon allein durch die mehrmonatigen und auch emotional intensiven Feldforschungsaufenthalte.

>> weiter in der Ethnologik

In der aktuellen Ethnologik-Ausgabe finden wir zwei Interviews mit Ethnologen. Für beide ist Ethnologie ein Lebensstil. Für Matthias Laubscher, Leiter der Ethnologie in München, bedeutet die Pensionierung nicht Schluss mit der Ethnologie. Dann gehts erst richtig los.

Auf die Frage,…

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Ethnologen, erforscht die Hobbits, Utopier und Vogonen!

Die letzten unentdeckten Gesellschaften dieser Erde sind mitten unter uns. Es wird Zeit, dass die Ethnologen sie erforschen. Ethnologen, stuerzt Euch auf die Phantasy- und Sciencefiction-Bueche!

In der aktuellen Ausgabe des Muenchner Studentenmagazins Ethnologik, fordert Susann Lentzsch Ethnologen auf unkonventionell zu denken. Andere Gesellschaften gibt es nicht nur in fernen Laendern, sondern auch in Buechern:

Warum sollten in unserem weitgefassten, holistischen, interpretierenden Kulturbegriff, so schillernde Gesellschaften wie die der Utopier (‚Utopia’: T. Morus), der Hobbits (‚Lord of the Rings’: J.R.R. Tolkien) oder auch der Vogonen (‚A hitchhikers guide to the galaxy’: D. Adams) keinen Platz finden.
(…)
Auch sie haben eine Geschichte, eine Gegenwart und hoffentlich auch eine Zukunft. Doch gerade ihre Historie ist oftmals bekannter, als bei jeder realen schriftlosen Kultur, da sich ein guter Schriftsteller nicht zu schade ist, seine Völker auch mit Geschichte und Mythen auszustatten.

Einige dieser Buecher lesen sich wie richtige Ethnographien, u.a. “Utopia” von Thomas Morus:

Geschrieben im Jahre 1516, lange bevor an eine wissenschaftliche Ethnologie überhaupt zu denken war, stellt uns der Autor die fiktive Insel Utopia und ihre Bewohner vor. Er behandelt nacheinander fünf Komplexe des Lebens der utopischen Kultur: die Verfassung, die Gesellschaftsordnung, die Sittenlehre, die Außenpolitik und schließlich auch die Religion der Utopier. All diese Teilbereiche fügen sich zu einem (natürlich nicht ganz vollständigen) Gesamtbild des utopischen Lebens zusammen.

Interessant beim Studium dieser Gesellschaft ist auch der Hintergrund der Veröffentlichung und die Geschichte des Autors dazu.

>> weiter in der Ethnologik

Dieser Text erinnert an eine Debatte zu Star Trek und Ethnologie im Forum! Wir hatten bereits einige Studien zum Thema gefunden.

Die letzten unentdeckten Gesellschaften dieser Erde sind mitten unter uns. Es wird Zeit, dass die Ethnologen sie erforschen. Ethnologen, stuerzt Euch auf die Phantasy- und Sciencefiction-Bueche!

In der aktuellen Ausgabe des Muenchner Studentenmagazins Ethnologik, fordert Susann Lentzsch Ethnologen auf unkonventionell…

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Die Zeit über moderne Ethnologie

Während einer Reise zu den Nambikwara in Brasilien denkt ZEIT-Autor Bartholomäus Grill über das Wesen unseres Fachs nach. Warum benutzen Ethnologen weiterhin Begriffe wie Volk, indigene Völker und Ethnie, obwohl sie so schwammig sind? Gibt es den edlen Wilden? Was ist moderne Ethnologie?

Grill stellt gute Fragen, schreibt jedoch undifferenziert über Indianer als Verlierer. Und er irrt sich, wenn er schreibt, dass der “Gegenstand der modernen Ethnologie” “die Ethnie” sei. Das war einmal.

>> zum Bericht in der ZEIT “Wir Eingeborenen”

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