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“Grüezi”: Die Exotik des Schweizer Alltags

“Die eidgenössische Ureinwohnerin mit Tribal Tattoo, Nasenring und Zungenpiercing sieht doch mindestens so exzentrisch aus wie die Araberin mit Kopftuch neben ihr auf der Schulbank, oder nicht?”, schreibt Ethnologe David Signer in einem neuen Buch, das den Blick für “das Skurrile und Exotische unseres Alltags” schärfen soll. «Grüezi. Seltsames aus dem Heidiland» heisst das Werk mit Bildern des Fotografen Andri Pol.

>> mehr im St.Galler Tagblatt

NEU (31.1.07):
Bericht in Swissinfo ueber das Buch

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"Die eidgenössische Ureinwohnerin mit Tribal Tattoo, Nasenring und Zungenpiercing sieht doch mindestens so exzentrisch aus wie die Araberin mit Kopftuch neben ihr auf der Schulbank, oder nicht?", schreibt Ethnologe David Signer in einem neuen Buch, das den Blick für…

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“Nordamerikanische Indianerliteratur als Subdisziplin der Anglistik/Amerikanistik etabliert”

In den achtziger Jahren gab es kaum einen Schlagwortkatalog, der die Begriffe «Indianer» und «Literatur» miteinander koppelte. Heute hat sich nordindianische Literatur dagegen als Subdisziplin der Anglistik/Amerikanistik etabliert, schreibt Hartwig Isernhagen in der NZZ.

Der Literaturwissenschaftler bespricht zwei Neuerscheinungen, die Literatur von nordamerikanischen Indianern praesentieren: den “Cambridge Companion to Native American Literature” und Die Welt wird niemals enden. Geschichten der Dakota von Mary Louise Defender Wilson.

>> zur Besprechung in der NZZ

In den achtziger Jahren gab es kaum einen Schlagwortkatalog, der die Begriffe «Indianer» und «Literatur» miteinander koppelte. Heute hat sich nordindianische Literatur dagegen als Subdisziplin der Anglistik/Amerikanistik etabliert, schreibt Hartwig Isernhagen in der NZZ.

Der Literaturwissenschaftler bespricht zwei Neuerscheinungen, die…

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Nach allen Forschungswenden: Neues Buch zum Stand und Potenzial der Kulturwissenschaften

Cultural Turns – Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften heisst ein neues Buch, das den gegenwärtigen Stand und das Zukunftspotenzial der Kulturwissenschaften kartiert. Ausgangspunkt sind die zahlreichen Theorie- und Forschungs“wenden“ der letzten Jahrzehnte, die hauptsaechlich von der Ethnologie ausgeloest wurden. Die Autorin – die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick hat mich per email auf das Buch hingewiesen und auf meinen Wunsch hin noch ein paar erklaerende Zeilen verfasst:

Cultural Turns – Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften

Doris Bachmann-Medick, November 2006

Die gegenwärtigen Kulturwissenschaften nach dem linguistic turn sind geprägt von vielfältigen Theorie“wenden“. Verbreitet ist zwar weiterhin die „Meistererzählung“ eines umfassenden “Cultural Turn” in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Doch bei genauerem Hinsehen ist es gerade der Wechsel der unterschiedlichen Neuorientierungen, der jeweils disziplinenübergreifende Fokussierungen der Forschung ausgelöst und anregende Untersuchungsperspektiven freigelegt hat: interpretive turn, performative turn, reflexive turn, postcolonial turn, translational turn, spatial turn sowie den iconic turn/pictorial turn.

Ausgelöst wurde die Kette der turns in erster Linie durch die Kulturanthropologie bzw. Ethnologie, besonders durch die amerikanische. Als integratives Brückenfach hat die Kulturanthropologie auch für die anderen Sozial- und Humanwissenschaften wichtige Leitvorstellungen entwickelt, ja eine „anthropologische Wende“ in Gang gesetzt, welche die Kulturanalyse auf die Anerkennung kultureller Fremdheit und Pluralität und auf die Untersuchung kultureller Differenzen in menschlichen Verhaltensweisen gelenkt hat.

Der interpretive turn (vor allem ausgehend von dem einflussreich interpretativen Kulturanthropologe Clifford Geertz, der vor einigen Tagen gestorben ist, und seiner Metapher von „Kultur als Text“) ist eine impulsgebende Neuorientierung. Sie hat die weiteren kulturwissenschaftlichen Forschungs“wenden“ überhaupt erst in Gang gesetzt. Ihre hermeneutische Grundorientierung an einem bedeutungsbezogenen Kulturbegriff hält auch da noch an, wo es zu einer Dynamisierung der Symbolinterpretation im Zusammenhang der ethnologischen Ritualanalysen kommt, die den performative turn (vor allem ausgehend von Victor Turner) mit ausgelöst haben. Inszenierung und Darstellung als wichtige Momente von Handeln und Kultur treten hier in den Vordergrund (Kultur als Performance).

Ein dritter Aspekt, der zu einer „Wende“ geführt hat, ist ebenfalls auf dem Gebiet der Ethnologie enstanden: Die kritische Selbstreflexion des eigenen Schreibens, der Autorität und Macht der EthnologInnen in ihrer Darstellung fremder Kulturen und der Anwendung literarischer-fiktionalisierender Darstellungsstrategien im Zuge eines reflexive/literary turn (vor allem James Clifford) hat auch in anderen Wissenschaften zur Einsicht in die Machtbeziehungen von Repräsentationen geführt – seien es (ethnographische) Monographien, Ausstellungen etwa in ethnologischen Museen oder Kulturbeschreibungen überhaupt. Im Zuge des reflexive turn ist das Vertrauen in objektive Repräsentierbarkeit des „Anderen“ durch wissenschaftliche Darstellung jedenfalls grundsätzlich erschüttert worden (vgl. Krise der Repräsentation).

Die Frage der Produktion von „Wissen“ über die „Anderen“ steht auch im postcolonial turn zur Debatte. Hier ist es zum ersten Mal nicht die Ethnologie, sondern die Literaturwissenschaft, die zur „Leitdisziplin“ wird. Die Ethnologie jedoch erlebt hier eine enorme Herausforderung, vor allem im Zusammenhang ihrer neuen Rolle in einer postkolonialen, globalisierten Welt, in der „fremde Kulturen“ nicht mehr nur Objekte wissenschaftlicher Darstellung bleiben. Auch die anderen turns wie etwa translational turn, der die Ausbreitung der Kategorie kultureller Übersetzung in die kulturwissenschaftlichen Fächer hinein betont (vgl. Kultur als Übersetzung), der spatial turn mit seiner Aufwertung von „Raum“ als Analysekategorie (vgl. Kulturgeographie) und der iconic turn mit seiner Hinwendung zu einer kritischen Bildwissenschaft in enger Anlehnung an die Macht der Bilder in der heutigen Welt sind deutliche Herausforderungen für eine Neubestimmung der Ethnologie.

Deren von vornherein interkulturelle Perspektive und ihr Ansatz an den kulturellen Erfahrungen der Subjekte selbst könnten jedoch dazu verhelfen, all diesen turns einen nicht nur theoriebezogenen, sondern „weltbezogenen“ Reflexionshorizont zu geben. Es gilt, einer „Welt in Stücken“ gerecht zu werden, wie sie schon Clifford Geertz in seinen letzten Jahren zum Ausgangspunkt für eine notwendige globalisierungskritische Weiterentwicklung der Ethnologie genommen hat.

>> Text dazu in der Frankfurter Rundschau (pdf!)

>> Interview mit Doris Bachmann- Medick: Was bedeutet das Auftauchen der sogenannten “Turns” für die Kulturwissenschaften?

>> Rezension in der FAZ

>> Rezension in der WELT (pdf!)

>> Rezension in der Sueddeutschen Zeitung

>> Webseite der Autorin

SIEHE AUCH:

Literaturwissenschaft im Aufbruch. Doris Bachmann-Medick und andere plädieren für eine anthropologische Wende in der literarischen Hermeneutik (literaturkritik.de)

Doris Bachmann-Medick: Ist der ‘cultural turn’ noch eine Herausforderung für die (anglistische) Literaturwissenschaft? Ein Schlußkommentar (Uni Bochum)

Doris Bachmann-Medick: Cultural Misunderstanding in Translation: Multicultural Coexistence and Multicultural Conceptions of World Literature (Erfurt Electronic Studies in English)

Cultural Turns - Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften heisst ein neues Buch, das den gegenwärtigen Stand und das Zukunftspotenzial der Kulturwissenschaften kartiert. Ausgangspunkt sind die zahlreichen Theorie- und Forschungs“wenden“ der letzten Jahrzehnte, die hauptsaechlich von der Ethnologie ausgeloest wurden. Die…

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Fremde Feinde: Von Ethnologen und ihren Informanten

“Selten wird so frank und frei über persönliche Erlebnisse mit Informanten und Nachbarn berichtet”, schwaermt Achim Sibeth in seiner Besprechung des Buches “Fremde Freunde. Gewährleute in der Ethnologie”. Hier erzählen Ethnologen von Erfolg und Misserfolg bei der Kontaktaufnahme mit Informanten in Indonesien, Burkina Faso, Kuba, Indien, Nepal und auf den Philippinen.

>> weiter im Journal Ethnologie

Bereits vor einem knappen Jahr wurde das Buch im Deutschlandfunk besprochen. Da erfahren wir konkreteres. Zum Beispiel ueber Verwirrungen und Missverstaendnisse im Feld, und ueber Tabus. Es ist z.B. nicht ratsam, Viehhirten in mehreren afrikanischen Gesellschaften zu fragen, wie viel Stück Vieh sie besässen:

Die Frage, wie viel Stück Vieh die Familie besäße, erscheint uns harmlos. In der Kultur der Ovambo aber – und vieler afrikanischer Völker – berührt die Frage ein Tabu. Manchmal schließen sich dann die Türen für Besucher aus dem Norden.

(Ich nehme an, hiesige Informanten wuerden aehnlich reagieren, wenn ein Ethnologen sie fragen wuerde, wieviel Geld sie beseassen).

Romana Büchel und Susanne Loosli die Tücken berichten von der Herzlichkeit, mit der sie in Indonesien aufgenommen wurden:

Als “teilnehmende Beobachterinnen” sind die beiden Schweizerinnen fest verankert im Alltag ihrer Gewährsfrau. Sie helfen der alten Frau (Mia) im Haus und hacken auf ihren Feldern.

“Überraschend erklärt Mia, dass das von mir bearbeitete Feld fortan mir gehören werde. Ich wehre entsetzt ab. Erst nach und nach, als ich (…) vom Verlust der drei Töchter erfahre, realisiere ich die Botschaft, welche hinter ihrer symbolischen Vererbung des Landstückes steckt: Mia hat in uns ihre drei verlorenen Töchter wieder gefunden.”

Noch mit 33 Jahren adoptiert, wieder Kind zu werden, stürzt Romana Büchel ein Dilemma.

>> weiter beim Deutschlandfunk

"Selten wird so frank und frei über persönliche Erlebnisse mit Informanten und Nachbarn berichtet", schwaermt Achim Sibeth in seiner Besprechung des Buches "Fremde Freunde. Gewährleute in der Ethnologie". Hier erzählen Ethnologen von Erfolg und Misserfolg bei der Kontaktaufnahme mit…

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Kolonialismus ist ueberall – erste deutschsprachige Einführung in postkoloniale Theorie

Patricia Purtschert vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel bespricht in der WoZ neue Buecher zum Thema postkoloniale Theorie, darunter auch die erste deutschsprachige Einführung in dieses fuer die Ethnologie zentrales Thema Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan

Ein Verdienst der postkolonialen Theorie besteht darin, dass sie Kolonialisierung nicht als etwas versteht, das sich ausserhalb der westlichen Metropolen ereignet hat. Sie war über die offiziellen Kolonialgebiete hinaus bedeutsam, unter anderem durch die Wissenschaft, schreibt sie:

Die Entstehung der modernen Wissensformen ist, wie die postkoloniale Theorie zeigt, eng mit kolonialen Praktiken verknüpft. So verdichten sich im 19. Jahrhundert beispielsweise Evolutionstheorie, Medizin, Ethnologie, Biologie und nationalistische Ideologien in den modernen Rassentheorien, welche koloniale, antisemitische und rassistische Praktiken wissenschaftlich legitimieren. Die postkoloniale Theorie geht davon aus, dass solche Wissensordnungen trotz vieler Transformationen und Korrekturen bis in die Gegenwart hinein wirksam sind. Und sie untersucht, wie die problematische Dialektik zwischen Fremdem und Eigenem in Gang gehalten und der Unterschied zwischen dem «Westen und dem Resten» immer wieder neu produziert wird.

Mehrere neuere historische Publikationen, so lesen wir weiter im Text, zeugen davon, dass auch die Schweiz, welche nie offiziell als Kolonialmacht aufgetreten ist, in den Kolonialismus verwickelt war.

Der Sammelband «Spricht die Subalterne deutsch?» widmet sich der Frage, ob und wie die postkoloniale Theorie auf den deutschen Kontext anwendbar ist. Hito Steyerl fordert in ihrem Beitrag die Aufarbeitung der Verbindungen zwischen kolonialen und nationalsozialistischen Praktiken. Kein Nghi Ha plädiert dafür, den aktuellen Umgang mit Migranten durch die Kolonialgeschichte neu zu erschliessen. Er deutet die deutsche Arbeitsmigrationspolitik als eine Umkehr «kolonialer Expansionsformen»:

Er setzt mit seiner Genealogie der deutschen Einwanderungspolitik im wilhelminischen Deutschland an und legt Zusammenhänge zwischen der Kolonialpolitik und der osteuropäischen Arbeitsmigration frei. Damit schreibt er gegen die Vorstellung an, Arbeitsmigration sei ein Phänomen der Nachkriegszeit, und verleiht dem Widerspruch zwischen ökonomischer Ausbeutung und nationalistischer Ausgrenzung von MigrantInnen, der die aktuelle Politik prägt, eine neue Tiefenschärfe.

Solche Beiträge, so die Rezensentin, seien “bedeutsame Interventionen in politische und wissenschaftliche Felder, in denen die Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart überfällig ist”.

>> weiter in der WoZ

SIEHE AUCH:

Christoph Seidler: »Opfer ihrer Erregungen«: Die deutsche Ethnologie und der Kolonialismus

Rethinking Nordic Colonialism

Ausstellung ueber den transatlantischen Sklavenhandel

Patricia Purtschert vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel bespricht in der WoZ neue Buecher zum Thema postkoloniale Theorie, darunter auch die erste deutschsprachige Einführung in dieses fuer die Ethnologie zentrales Thema Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do…

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