search expand

Ethnologe schreibt Migrationsgeschichte – Interview mit Erwin Orywal

Die Migrationsgeschichte Deutschlands ist noch nicht geschrieben. Ethnologe Erwin Orywal hat den Historikern unter die Arme gegriffen und vor wenigen Wochen das Buch Kölner Stammbaum. Zeitreise durch 2000 Jahre Migrationsgeschichte auf den Markt gebracht. Ich habe mich mit ihm per Email unterhalten.

Warum dieses Buch?

Zurzeit findet ein Diskurs über die Frage statt, wie viel Multikulturalität wir uns erlauben wollen oder können (Änderung des Zuwanderungsgesetzes, die Leitkulturdiskussion etc). Köln “verkauft” sich als tolerante Stadt, als eine Stadt des Frohsinns, des Karnevals. Die Zustimmung zum multikulturellen Flair der Stadt ist tatsächlich groß, es gibt jedoch auch Stimmen, die sich gegen “parallelgesellschaftliche” Tendenzen und den Bau der Moschee aussprechen. Die Frage des Buches lautet daher: Wie sind denn nun die Kölner in ihrer über zweitausendjährigen Geschichte mit Fremden umgegangen? Ich habe solche Fragen in Afghanistan und Baluchistan (Pakistan) bearbeitet. Warum nun nicht einmal in Köln, meine Heimat?

Gibt es vergleichbare Buecher? Ist die deutsche Einwanderungsgeschichte geschrieben? In Norwegen kam erst 2003 das Buch “Norwegische Einwanderungsgeschichte” heraus, in Schweden nur wenige Jahre frueher.

Meines Wissens sind solche Bücher im Stil meines “Kölner Stammbaums” nicht vorhanden. Es gibt eine Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten zum Bereich “Migration”, aber eine deutsche Migrationsgeschichte wäre eine Arbeit, die noch geleistet werden müsste.

Sie schreiben dass Sie bzgl Medienecho nicht klagen koennen (u.a. WDR, Lokalradio und Lokalpresse). Es passiert nicht oft, dass Ethnologieprofessoren Buecher schreiben wofuer sich die Medien interessieren?

Kölner haben einen gewissen selbstverliebten Zug, sodass ein Medienecho bei Kölnbezug erwartet werden kann. Es ist weniger eine Frage des Ethnologie-Professors, sondern eine Frage des Schreibstils. Ein Problem ist, dass vielfach für die akademischen Kreise geschrieben wird. Populärwissenschaftliches Schreiben gilt oft als “unfein” bzw. wird als unakademisch definiert. Es gibt erstklassige stadthistorische Arbeiten, die vom Umfang und vom Stil her zu “schwer” für eine Bett-, Urlaubs- oder Informationslektüre sind.

Es war nicht meine Absicht, eine wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben, sondern als Übersetzer der Vielzahl von stadthistorischen Arbeiten tätig zu werden und in einem lesbaren Stil einem breiteren Publikum die Geschichte der Stadt nahe zu bringen.

Was sind Ihre Quellen? Wie haben Sie recherchiert?

Die Quellen sind die Vielzahl von stadthistorischen Arbeiten, Zeitungsberichten, Internetmaterialien sowie, im Rahmen von Seminaren, empirische Erhebungen zu aktuellen und beispielhaften Migrationsgeschichten.

Sie schreiben, dass Migration, kölnbezogen, schon präzise im Jahr 19 vor unserer Zeitrechnung begonnen hat. Warum gerade da? Ist das etwa die Gruendung von Koeln?

Die Geschichte Kölns, und auch die des Rheinlands, begann mit einem Genozid an der ursprünglichen Bevölkerung, die Eburonen. Julius Caesar hatte eine “Neue Weltordnung” formuliert, die vorsah, ganz Gallien und Germanien zu unterwerfen. Bei Widerstand erfolgte das, was kommen musste: die physische Vernichtung eines ganzen Volkes. Danach erfolgte – aus Eigeninteressen der Legionen – eine Umsiedlung der Ubier vom rechtsrheinischen Ufer auf das linksrheinische, und zwar, so unser Wissensstand, im Jahre 19 vor unserer Zeitrechnung. Dies war die erste “Anwerbung von Gastarbeitern”, eine erste Arbeitsmigration in der Kölner Geschichte.

cover

Wer waren die Migranten, woher kamen sie und warum kamen sie in den vergangenen 2000 Jahren nach Koeln?

Die Beantwortung dieser Frage würde den Umfang hier sprengen. Von allgemeiner Bedeutung ist der Aspekt, dass “Römer” nicht gleich frühe Italiener waren. Die Legionäre kamen im Falle Kölns aus Süd-Spanien, aus Frankreich, dem Balkan, vorderorientalischen Regionen, ja, und sogar aus Theben, also Ägypten, wenn man einmal einen gewissen historischen Kern der christlichen Gereons-Legende zugrunde legen würde. Möglichweise kamen daher mit den Legionären auch schon afrikanische Legionäre oder Hilfstruppen nach Köln.

Von einer besonderen Bedeutung ist die Tatsache, dass Köln die Mutterstadt der jüdischen Besiedlung Nord-Europas war und schon, nachweislich, im Jahr 321 hier die größte jüdische Siedlung nördlich der Alpen bestand. Zwischen ca. dem Jahr 300 und dem Jahr 1096 (Erster Kreuzzug) ist für Köln ein friedliches Zusammenleben zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung sowie Angehörigen anderer Religionen höchst wahrscheinlich.

Gab es Perioden, wo es mehr Einwanderer in Koeln gab als heute?

Nein, allein schon aus demographischen Gründen nicht. Aber in Relation gab es Perioden mit starker Einwanderung. Ich nenne nur die Zeit um 1250, als vorzugsweise “französische” Handwerker kamen, um die gotische Kathedrale, den Kölner Dom, zu bauen. Infolge der Zeit von Reformation und Gegenreformation kamen gleichfalls sehr viele Migranten nach Köln. In den Zeiten der “ersten Globalisierung”, also mit Beginn der Neuzeit, kamen vorzugsweise italienische und spanische Kaufleute nach Köln, und mit der erst in der französischen Zeit möglichen Religions-, Niederlassungs- und Gewerbefreiheit kamen dann weitere Migranten nach Köln. Ähnliches gilt für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie war das Verhaeltnis der Koelner zu den Migranten?

Historisch gesehen, gab es die Probleme meistens zwischen den so genannten Religionsgruppen, also im späten Mittelalter mit der jüdischen Bevölkerung, dann mit den Protestanten. Köln war immer katholisch, das “Heilige Köln”. In der Preußischen Zeit Kölns (ab 1815) waren es vorwiegend aus dem Umland zugezogenen Protestanten, die eine neue ökonomische Elite in der Stadt darstellten.

Hilft uns Koelns Einwanderungsgeschichte, die Gegenwart besser zu verstehen was Einwanderung und Auslaender betrifft?

Jede Fallstudie kann dazu beitragen, Phänomene besser verstehen zu können. So auch möglicherweise mein Buch. Es zeigt, dass es lange, lange Zeiten friedlichen Zusammenlebens geben konnte, aber auch Zeiten, in denen die Mächtigen der damaligen Zeit an der “Ethnizitäts-Schraube” gedreht haben, und es kam folglich zu unfriedlichen Zeiten.

Koennen Sie das naeher erklaeren?

Nehmen wir einmal die Zeit um 1350, eine schlimme Zeit der Pest in Europa und in Köln. Der christlichen Bevölkerung fiel auf, dass die jüdischen Einwohner Kölns weniger von der Pest betroffen waren. Um das Unerklärliche der Pest erklärbar zu machen, mussten Begründungen gefunden werden. Einerseits Pest – andererseits die weniger betroffenen Juden.

Medizinische Erklärungen kannte man nicht. Also, wie es vielfach im menschlichen Leben so ist, wurde ein “Sündenbock” gesucht, und da boten sich die Juden an. Man behauptete nämlich, die Juden hätten die Brunnen der Christen vergiftet – und so wurden sie zu den “Brunnenvergiftern”.

Tatsächlicher Hintergrund war jedoch der, dass es in jeder jüdischen Siedlung eine Mikwe gab, ein jüdisches Kultbad, welches aus verschiedenen Anlässen von Frauen und Männern besucht werden musste. Fazit: Die Juden waren im Vergleich zu den Christen weitaus reinlicher, und das hatte geholfen, zumindest anfänglich weniger von der Pest betroffen zu sein. Da es schon seit dem ersten Kreuzzug Pogrome gegen Juden gegeben hatte, war es nun nicht schwer, den “anderen”, nämlich den Juden, den Sündenbock zuzuschieben.

So kam es, dass im Jahr 1424 bis zur französischen Zeit Kölns (um 1800) die Juden völlig aus der Stadt vertrieben wurden. Der vormalige Schutz der Juden durch die Kölner Erzbischöfe und deutschen Könige, weitgehend aus finanziellen Interessen gewährt, trat nun zugunsten des Stereotyps der “Brunnenvergifter” in den Hintergrund.

Konflikte waren groesstenteils religionsbedingt (kombinert mit Klasse wie Sie andeuten) – ausser in Zeiten da an der Ethnizitaets-Schraube gedreht wurde?

Da Religion ein Merkmal, sehr oft ein zentrales Merkmal, der Gruppenidentität ist, würde ich nicht unbedingt zwischen Religionsgruppen oder Sprachgruppen oder ethnischen Gruppen trennen. “Ethnische Gruppe” ist für mich der umfassende Begriff, wobei dann z.B. Religion gruppenkonstituierende Qualität hat. Ethnizität – nach meinem Verständnis der Prozess von Selbst- und Fremdzuschreibung spezifischer Traditionen – so definiert, kann instrumentalisiert werden, und zwar, wie zu sehen, zu allen historischen und rezenten Zeiten. Ethnizität ist somit gleichfalls kein Phänomen der Moderne, wie gerne behauptet wird.

Sie sagten vorher, dass Angehoerige verschiedener Religionen auch lange Zeit friedlich zusammengelebt haben. Da waere es interessant herauszufinden, wann / warum es zu Konflikten kommt?

Identitäten können instrumentalisiert werden, um Schuldzuweisungen machen zu können (siehe Pest-Beispiel), um der Eigengruppe irgendwelche Vorteile zu verschaffen, oder man definiert sich schlicht und einfach als höherwertig (z.B. das “auserwählte Volk”, “gods own country”, “Herrenmenschen”, oder wir “Städter” und der “Hillbilly”).

Im Falle der Kölner Protestanten verknüpfte sich die Ablehnung auch mit der wirtschaftlichen Stärke und Aktivität der Gruppe (“protestantische Ethik“), in denen die katholischen Zünfte der Stadt eine Konkurrenz sahen. Man konnte daher nur als Katholik Mitglied der Zünfte sein. Erst durch die Reformen der französischen Zeit wurde das Monopol der Zünfte aufgelöst und damit auch “ent-ethnisiert”.

Ich habe gelesen, dass Sie sich als Stadtfuehrer ausgebildet haben. Wird es bald Stadtfuehrungen zur Migrationsgeschichte geben?

Es ist mir ein Bedürfnis, eine breitere Öffentlichkeit zu informieren, und mittlerweile weniger ein Bedürfnis, in reiner akademischer Weise zukünftig potenziell arbeitslose Studenten auszubilden. Daher bezieht sich auch ein Großteil meines Unterrichts auf Themen, die in unserer Gesellschaft angesiedelt sind, sodass sich die Studenten mit verständlichen MA-Arbeiten außeruniversitär dann auch besser “verkaufen” können.

Ich bediene sozusagen eine Nische im akademischen Betrieb – aber mit voller Unterstützung meiner Institutskollegen. Als außerplanmäßiger Professor kann und muss ich mir auch eine größere Flexibilität erlauben. Und Stadtführungen bieten hervorragend die Möglichkeit, in historischer als auch aktueller Perspektive Fragen der Migration und der Multikulturalität aufgreifen und sie aus dem akademischen in den öffentlichen Raum tragen zu können.

Letzte Worte an die Leser vor den Bildschirmen?

Auf den ersten Blick erscheint mein Buch ganz bewusst nicht als “Be-Lehrbuch”. Unterschwellig jedoch werden die Leser schon chronologisch durch die Zeiten geführt, entlang des roten Faden von Migration im Wechselspiel mit Ethnizität. Von daher kann mein Buch durchaus als eine ethnologische Fallstudie gesehen werden, aber frei von Fußnoten, analytischen, hermeneutischen oder post-modernen Positionsdiskussionen. Und einmal so, “befreit” von akademischen Grundsatzdiskussionen, schreiben zu können, hat großen Spaß gemacht!

Sollte sich nun ein Interesse an dem Buch bei dem Einen oder der Anderen eingestellt haben, wünsche ich gleichfalls viel Vergnügen beim Lesen und bedanke mich bei der Redaktion für die Möglichkeit, hier einige Gedanken äußern zu können.

Vielen Dank fuer das Interview!

UPDATE WDR5-Interview mit Erwin Orywal

PS: Erwin Orywal hat eine sehr schoene Webseite mit sowohl Texten, Bildern und Videos.

Eine rasche Websuche zu Migrationsgeschichte ergab folgendes Ergebnis:

Deutsche Migrationsgeschichte seit 1871

Einwanderungsgeschichte der Schweiz

Neuere Arbeitsmigration in Oesterreich

Einheimische und Fremde in Linz im 19. und 20.Jahrhundert

Migration Audio-Archiv – hörbare Migrationsgeschichten

SIEHE AUCH:

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

For free migration: Open the borders!

Die Migrationsgeschichte Deutschlands ist noch nicht geschrieben. Ethnologe Erwin Orywal hat den Historikern unter die Arme gegriffen und vor wenigen Wochen das Buch Kölner Stammbaum. Zeitreise durch 2000 Jahre Migrationsgeschichte auf den Markt gebracht. Ich habe mich mit ihm per…

Read more

Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

antweiler

Christoph Antweiler. Bild: privat

(LINKS AKTUALISIERT 8.4.2020) “Kulturelle Vielfalt ist nur in Zusammenhang mit Gemeinsamkeiten sinnvoll zu untersuchen”, meint Christoph Antweiler. “Was ist Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen” heisst das neue Buch vom Trierer Ethnologen, das also eine der ganz grossen Fragen anspricht (Inhaltsverzeichnis, pdf). Ich habe mich kurz via email mit ihm unterhalten:

Warum dieses Buch? Meinen Sie, Ethnologen hätten zuviel über die Unterschiede zwischen Menschen gesprochen?

Christoph Antweiler: Allerdings! Ethnologen sind nach wie vor stark auf Differenz fixiert. Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen sind zwar ein altes Thema der Ethnologie. Schon die ersten Ethnologen interessierten sich fuer Universalien, aber diese Perspektive war im Fach immer stark unterbelichtet. Mit wenigen Ausnahmen folgten und folgen die Fachvertreter aber der Aufforderung von Clifford Geertz, „Priester der Vielfalt“ zu sein. Auch ich befasse mich in der alltaeglichen Lehre und Forschung vorwiegend mit kulturspezifischen Charakteristika.

Aber kulturelle Vielfalt ist nur in Zusammenhang mit Gemeinsamkeiten sinnvoll zu untersuchen. Mit ihrer fast ausschließlichen Konzentration auf kulturelle Besonderheiten, Unterschiede und Grenzen folgen Ethnologinnen und Ethnologen etwas unkritisch den Menschen in den meisten Kulturen, die sie untersuchen. Die dem entgegenstehende Feier der Auflösung aller kulturellen Grenzen ist ebenso ueberzogen.

Können Sie ein paar Universalien nennen?

Ja, eine Universalie habe ich gerade schon implizit angesprochen. Ueberall gibt es Inklusion und Exklusion, die zumeist strikte Teilung in Eigen- und Fremdgruppe. Fast ueberall geht diese Ethnizität einher mit der Aufwertung der eigenen und der Abwertung anderer Gruppen, also Ethnozentrismus.

Die in der Öffentlichkeit bekannteste Universalie ist die Meidung von Inzest, also vereinfacht gesagt des Geschlechtsverkehrs oder der Heirat zwischen eng verwandten Personen. Es gibt allerdings starke Unterschiede, wer als „eng verwandt“ angesehen wird. Noch allgemeiner: Saemtliche Kulturen haben explizite Normen, die das Geschlechtsleben regeln. Es finden sich keine oder kaum Kulturen, die Jungen und Maedchen gleich sozialisieren, obwohl das durchaus denkbar waere. Es gibt aber auch ganz subtile Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen, z.B. Details der Zeiteinteilung bei der Rezitation von Texten.

Sie schreiben, das Wissen ueber Universalien sei “praktisch relevant für realistische Lösungen menschlichen Zusammenlebens”. Koennen Sie dies naeher erklären?

Die Relevanz entsteht vor allem dadurch, dass wir Menschen wegen immer größerere Vernetzung zunehmend in einer Welt leben und dass gleichzeitig eine der am erfolgreichsten globalisierten Ideen die der kulturellen Besonderheit ist. Jeder ist besonders und alle wollen sich unterscheiden. Das gilt fuer Individuen wie fuer Gruppen bzw. Ethnien. Wir leben in einer Welt der totalen Identitaetspolitik.

Trotz allen Redens ueber Hybriditaet herrscht die Konzentration auf kulturelle Besonderheiten und Unterschiede. Eine Gegentendenz ist die Suche nach Werten, die verschiedene Kulturen in einen Dialog miteinander bringen können. Hier finden wir aber vor allem Wunschdenken, wenig dagegen konkretes Wissen.

Das sieht man z.B. in manchen Projekten für ein globales Ethos oder in Verlautbarungen der UNESCO aus den letzten Jahren. Es wird einerseits eine universale Ethik postuliert; andererseits kulturelle Vielfalt hochgehalten. Die Widersprueche, die sich daraus ergeben, werden ausgeblendet. Ein Beispiel ist das UNESCO-Dokument „Our Creative Diversity“ (1995). Das ist eigentlich eine begrueßenswerte Initiative, die aber politisch naiv ist und dazu durch ethnologische Empirie gar nicht informiert ist.

Hier könnten Ethnologen mit konkretem Wissen aus dem Kulturvergleich nuetzlich sein. Leider fuehrt der systematische Kulturvergleich, obwohl zur Fachtradition gehörend, in der Ethnologie ein Schattendasein, nicht nur in deutschsprachigen Raum.

Was finden Sie besonders bemerkenswert in der Forschungsgeschichte über Universalien? Welche Rolle spielte hier die Ethnologie?

buchcover antweiler
Auffaellig ist das Schwanken zwischen polaren Auffassungen: entweder wird ein extremer Relativismus oder aber ein absolutistischer Universalismus vertreten. Moderate Positionen hatten es immer schwer, auch schon in Zeiten, als es noch keine Massenmedien gab.

Die Ethnologie war und ist besonders fuer einen empirischen Zugang zu Universalien wichtig. Hier waren vor allem kulturvergleichende Arbeiten von George Peter Murdock seit 1945 entscheidend. Fuer das Handwerkzeug der formalen Untersuchung von Universalien (Grundformen, Typen) sind dagegen die Arbeiten der vergleichenden Linguistik und der Kulturphilosophie, z.B. herausragend Elmar Holenstein, besonders wichtig.

Ein Hindernis der Erforschung menschlicher Gemeinsamkeiten war, dass Universalien oft einfach mit der „Natur des Menschen“ der Biologen oder den „anthropologischen Konstanten“ der Philosophen gleichgesetzt wurden. Zusammen mit der allgemeinen „Biophobie“ der meisten Kultur- und Geistswissenschaftler fuehrte das dazu, dass das Thema gar nicht angegangen wurde oder Universalien als banal galten.

Mit Donald Brown, dem fuehrenden unter einer Handvoll von Universalienforschern in der Ethnologie, bestimme ich Universalien bewusst so, dass in der Definition keine Erklaerung eingebaut ist. Universalien sind Merkmale bzw. Charakteristika, die empirisch nachweisbar und regelmaeßig in fast allen oder allen Kulturen vorkommen. Ihre Ursachen sind sehr verschieden. Extrem verkuerzt gesagt sind Universalien teils Resultat der Biologie menschlicher Personen, teils das Ergebnis ubiquitaerer Diffusion und teils der praktische Effekt des Lebens in einer ueberall in Teilaspekten aehnlichen materiellen Welt.

Was ist Ihre Position in der Debatte um die Begriffe “Kultur” und “Kulturen”? Ist die Welt in verschiedene “(ethnische) Kulturen” eingeteilt oder ist diese Vorstellung ueberholt, macht Menschen fremder als sie sind, exotisiert und (z.B. in der Auslaenderdebatte) stigmatisiert?

Schwierig! Die Welt ist tatsächlich in ethnische Kulturen geteilt, aber dennoch gibt es Austausch und Uebergänge! Was ich in der gängigen Kulturtheorie beobachte – und was mich echt nervt – ist, dass das Baby immer gleich mit dem Badewasser ausgekippt wird.

OK, extreme Positionen gehören im mediatisierten Wissenschaftsmarkt zum Geschaeft. Klar ist, dass das Kugelmodell bzw. Containermodell geschlossener Kulturen falsch ist. Die Feier der sich auflösenden Grenzen verkennt aber völlig, dass Menschen trotz aller globalen Kulturfluesse in aller Regel in bestimmten kulturellen und raeumlich begrenzten Einheiten aufwachsen.

Anders als die Helden des modischen Theorieschrifttums ist es eben immer noch nicht so, dass die typische Erdenbuergerin von einer kreolischen Mutter und einem migrantischen Vater in einem Flugzeug gezeugt und auf einem Flughafen geboren wird, um ihr Leben dann als transnationale Stadtnomadin in Megacities zu verbringen.

Ethnizitaet ist sicherlich oft situativ und wird strategisch eingesetzt. Das schließt aber nicht aus, dass sie grundlegend auch primordial gepraegt ist. Allgemeiner sollte die Ethnologie wieder staerker betonen, dass Kulturen zwar nicht ultraholistisch integriert sind, aber eben auch keine zusammenhanglosen Haufen. Kulturen sind systemische Formen menschlicher Daseinsgestaltung.

Einteilungen auf der Ebene der Großkulturraeume haben seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 eine ungeahnte Popularitaet erreicht. Auch ich halte das Culture Clash- Modell Samuel Huntingtons fuer allzu einfach, tendenziell ideologisch und zudem fuer zu sehr auf Religion fixiert. Aber auch hier wurde mit der berechtigten Kritik das Kind mit dem Bade ausgeschuettet.

Ich vermute, dass jeder Ethnologe, der nicht nur immer in sein eigenes Feldforschungsgebiet, sondern weiter in der Welt herumreist, bestaetigen wird, dass es so etwas wie regional gepraegte Mentalitaeten und Handlungsroutinen gibt. Ich sag´ das mal am Beispiel meiner Regionalgebietes. Trotz aller extremen (!) Diversitaet innerhalb der Kulturen Suedasiens gibt es bestimmte grundlegende Unterschiede zwischen Kulturen Suedasiens und Suedostasiens. Diese konkret empirisch zu benennen, faellt zugegebenermaßen schwer, ist aber möglich.

Dementsprechend meine ich auch, dass man die unter Ökonomen so extrem populaeren Einteilungen von Hofstede und Trompenaars konkret kritisieren und verbessern sollte, statt sie nur runter zu machen. Was mich aus universalistischer Sicht aber vor allem stört, ist die Einseitigkeit der Kritik. An Huntington wird – z.B. von Ethnologen – fast immer das grobe Raster der Einteilung kritisiert, auf die faktisch viel größere Differenzierung hingewiesen. Das andere Problem des Kultur-Clash-Modells wird dabei völlig uebersehen. Die Gemeinsamkeiten von Kulturen bleiben völlig außen vor, genau wie bei den kleinteiligen Differenzierungen der Ethnologen.

Es muss lange gedauert haben, dieses Buch zu schreiben? Es ist selten, dass Bücher zu solch umfassenden Fragen (“big questions”) von Ethnologen geschrieben werden?

An dem Buch hab´ ich ueber zehn Jahre gearbeitet! Ich habe neben dem Unialltag und Lokalstudien zu Indonesien und anderen Arbeiten, immer nebenbei an dem Buch gearbeitet.

Die allgemeine Situation an den Universitaeten hierzulande lässt kaum umfassende Werke zu. Hinzu kommt der Zustand der Ethnologie in Deutschland. Umfassende Studien werden genauso gemieden, wie einführende Werke. Beide sind aber wichtig und hier könnten die aktiv in der Forschung stehenden jungen Ethnologinnen und Ethnologen gestaltend wirken. Aber aus dem Mittelbau werden breiter angelegte Studien genauso selten kommen, wie Einführungswerke.

Ich habe das Glück, eine Professur zu haben; ansonsten ist so etwas zu gefährlich! Die Rezensions-“Kultur“ in Deutschland ist ohnehin extrem gering und dazu erratisch gepraegt. Ueber viele Kollegen und Buecher bilden sich die Meinungen vor allem ueber Telefonnetzwerke, statt ueber publizierte Rezensionen. Insofern sind Websites wie Ihre, Herr Khazaleh, fuer ein Fach wie die Ethnologie wirklich wichtig!

Bei grundlegenden Werken lauert wie bei Einführungen (dem m.E. anspruchvollsten Genre ueberhaupt) immer die Gefahr, dass einen die Kollegen gleich zerfetzen. So zeigen etliche der Rezensionen zum neuen DTV-Atlas Ethnologie (von Dieter Haller, 2005), dass die Rezensenten den Autor vor allem aufgrund einiger Grafiken abwatschen, ohne ueberhaupt genau auf den Text einzugehen.

Haben Sie vor, das Thema zu popularisieren, an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln? Ich nehme an, das Buch richtet sich hauptsächlich an Studenten und Forscher?

Das Buch wendet sich an Forscher, aber ganz bewusst nicht nur an Ethnologen, weshalb ich es diesmal nicht dem Reimer Verlag, sondern der WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt) angeboten habe. Da ist die Startauflage gleich höher und der Leserkreis breiter.

Für Studenten ist das Buch zu teuer, aber ich habe das Thema Universalien auch im Rahmen eines billigen Taschenbuchs zu kultureller Vielfalt zumindest grob behandelt („Positionen interkultureller Ethnologie“, 2007, 10 €).

Gerne wuerde ich das Thema einer breiten Öffentlichkeit vermitteln; deshalb auch dieses Interview. Ein Traum von mir wäre, wenn das Buch von Leuten popularisiert wuerde, die anders als ich wirklich gut schreiben können. Ich denke an die von mir hoch geschätzen Ethnologinnen Ina Zukrigl und Joana Breidenbach. Die können vereinfachen, spannend schreiben und dabei dennoch sachlich bleiben, wie das leider vergriffene Buch zu kultureller Globalisierung zeigt („Tanz der Kulturen“, zuletzt 2000).

Letzte Worte an die Leser an den Bildschirmen?

Interessant sind Universalien, wenn man sie nicht als Absoluta und als das Gegenteil von Unterschieden sieht, sondern als Muster im „Meer kultureller Vielfalt“.

Lesen Sie nicht nur mein Buch, sondern auch Autoren, die aus ganz anderen Ueberlegungen heraus zum Schluss kommen, dass Kultur nicht nur relativ bzw. auf Differenz zu reduzieren ist. Ich denke z.B. an Aufsaetze und populaere Zeitungsartikel von Thomas Hauschild, der trotz deutlich anderen Erfahrungen und theoretischen Positionen ähnliches betont. Ferner empfehle ich das neue Buch des Ökonomen Amartya Sen „Die Identitaetsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“, 2007.

AKTUALISIERUNG

“Focalizar o que é comum aos seres humanos” – Uebersetzung des Interviews auf Portugiesisch

Besprechung des Buches auf rezensionen.ch

antweiler

Christoph Antweiler. Bild: privat

(LINKS AKTUALISIERT 8.4.2020) "Kulturelle Vielfalt ist nur in Zusammenhang mit Gemeinsamkeiten sinnvoll zu untersuchen", meint Christoph Antweiler. "Was ist Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen" heisst das neue Buch vom Trierer Ethnologen, das also eine der ganz…

Read more

So lebt der Kolonialismus in der Ethnologie weiter

Die Ethnologie hat keine ruhmreiche Geschichte. In der neuen Ausgabe von Jungle World gibt uns Thomas Brückmann einen Ueberblick ueber das Fortwirken des Kolonialismus in unserem Fach und in ethnologischen Museen. Er bespricht auch Gegenmassnahmen, u.a. kritische Weißseinsforschung:

Wichtig für die Kontextualisierung des Ethnologischen Museums im Kolonialismus ist auch die Betrachtung des Fachs Anthropologie bzw. »Völkerkunde«, wie es im deutschsprachigen Gebiet hieß. Die europäische Expansion und die kolonialen Erobe­rungen ließen dieses Fach überhaupt erst entstehen.

Zum einen gab es eine exotisierende Neugier auf »andere« Gesellschaften. Zum zweiten entstand ein politisches Interesse an Wissen über die eroberten Gesellschaften. Oft versprachen sich die Kolonialbehörden davon eine Verbesserung ihrer Regierungstätigkeiten. So wurden viele Ethnologen von den Kolonialregierungen finanziert und wohnten nicht selten in den örtlichen Gebäuden der Kolonialverwaltung.

(…)

Neben der offensichtlichen Zusammenarbeit mit Kolonialbehörden war die Ethnologie vor allem an der Produktion gesellschaftlich wirksamen Wissens beteiligt. Teil­ten die Kolonialmächte die eroberten Gebiete ungeachtet der vorher existierenden gesellschaftlichen Strukturen in Staaten nach europäischen Vorbild, so vollzog sich ein ähnlicher Prozess innerhalb der Ethnologie anhand von Begriffen wie »Ethnie«, »Stamm« oder »Volk«.

Ethnologische Wissensproduktion war nicht nur ein Problem des »falschen« stereo­typen Wissens über das »Andere«, sondern die Konstruktion des »Anderen« überhaupt.

Kritik, die die koloniale Gegenwart in den Institutionen thematisiert, so Thomas Brückmann, trifft meist auf heftige Abwehr.

>> Einleitung: Staubfänger aus Afrika. Wie der Europäer das exotische »Andere« entdeckte und es bis heute in ethnologischen Museen ausstellt

>> Haupttext: Exotisches Material. Über den Kolonialismus in der Ethnologie und ethnologischen Ausstellungen

Links aktualisiert 13.6.2018

Eine positive Entwicklung: Es ist nicht mehr so selbtverstaendlich das Weisse ueber Nicht-Weisse schreiben.

Kolonialismus, Ethnozentrismus und Rasismus in der Ethnologie haben wir hier regelmaessig diskutiert. Juengste Beispiele waren die neue Webseite der AG Musikethnologie an der Uni Muenchen und die Magazine Ethnologik und Ethmundo, siehe Beitrag Vermitteln Ethnozentrismus und ein ueberholtes Bild von der Ethnologie?

SIEHE AUCH:

Thesis: “Unlearning White Superiority. Consciousness-raising on an online Rastafari Reasoning Forum”

Fieldwork in Papua New Guinea: Who are the exotic others?

Was ist Ethnologie? Eine schöne Definition

Der zweifelhafte Einfluss der Ethnologie

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

For an Anthropology of Cosmopolitanism

Die Ethnologie hat keine ruhmreiche Geschichte. In der neuen Ausgabe von Jungle World gibt uns Thomas Brückmann einen Ueberblick ueber das Fortwirken des Kolonialismus in unserem Fach und in ethnologischen Museen. Er bespricht auch Gegenmassnahmen, u.a. kritische Weißseinsforschung:

Wichtig für die…

Read more

Journal Ethnologie 2/2007 ueber Medizinethnologie

“Heilung und Wandel” ist das Thema der neuen Ausgabe von Journal Ethnologie, das vom Frankfurter Museum der Weltkulturen herausgegeben wird. In dieser Ausgabe geht u.a. darum, wie sich sogenannte “westliche” Medizin und sogenannte “traditionelle” Medizin gegenseitig beeinflussen.

Eine Berufskrankheit vieler Ethnologen ist das Kulturalisieren sozialer Phaenomene (Ueberbewertung kultureller Faktoren, Ausblenden von Politik, sozialer Verhaeltnisse etc). So auch in der Medizinethnologie.

In ihrem Text Infektionen und Ungleichheiten. Warum „kulturelle Differenz“ nicht immer die richtige Diagnose ist, macht uns Anke S. Weber mit der kritischen Medizinethnologie bekannt. Es gibt sicher Epidemien, die kulturelle Ursachen haben. Dies ist jedoch eher selten, schreibt die Ethnologin. Häufig können Verhaltensweisen von den Betroffenen nicht einfach geändert werden:

Gesundheit und Krankheit stehen in direktem Zusammenhang mit Armut, mit dem Zugang zu medizinischer Infrastruktur (wie Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken), mit Machtverhältnissen und strukturellen Mängeln. Dass eine direkte Verbindung zwischen Infektionen und sozialen Ungleichheiten besteht, demonstriert die kritische Medizinanthropologie.

Die Critical Medical Anthropology ist eine Entwicklung der 1980er- und 1990er-Jahre und konzentriert sich auf zwei Kritikpunkte, so Anke S. Weber weiter:

Zum einen stellt sie die Annahme in Frage, dass die westliche Biomedizin als eine empirische Wissenschaft frei von kulturellen Kontexten und Vorannahmen sei.

Zum Zweiten legt sie offen, dass gesundheitliche Mängel, Umfang und Erfolg der medizinischen Versorgung oft kulturellen Differenzen zugeschrieben werden, obwohl globale politische und ökonomische Ungleichheiten auf das Ausmaß und die Verteilung von Krankheiten einen ungleich größeren Einfluss haben.

Zum Beispiel haben über eine Milliarde Menschen auf der Erde aufgrund von Krieg und Vertreibung, Umweltschäden durch Wirtschaftsprojekte oder Marginalisierung in Ghettos keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. So infizieren sich täglich Millionen an kontaminiertem Wasser mit Hepatitis, Typhus, Ruhr oder einer der anderen sogenannten wasserbezogenen Krankheiten, die ohne Behandlung tödlich verlaufen.

Einer dieser kritischen Medizinanthropologen ist Paul Farmer. Infektionen und Epidemien, meint er, bewegen sich nicht entlang kulturell unterschiedlicher Verhaltensweisen, sondern verbreiten sich entlang von Wohlstandsgefällen:

Paul Farmer und einige andere Ethnologen und Anthropologen formulieren ihre Texte als eindeutige Proteste gegen die Verwechslung von strukturellen Missständen mit kultureller Differenz. In „Infections and Inequalities” entwirft Farmer ein Plädoyer für eine empathische Gegenbewegung, für die Beseitigung selektiver Blindheit im Westen und für mehr Fürsprache und Engagement durch Wissenschaftler und Entscheidungsträger.
(…)
Jährlich sterben über drei Millionen Menschen an Tuberkulose, obwohl die Krankheit heilbar ist. Farmers Bücher sind eine Anklage an die verantwortlichen Institutionen: die Weltbank, die Pharmaindustrie, transnationale Unternehmen. Aber sie zeigen auch Faktoren auf, die unsere Fähigkeit, die Trends von Epidemien zu erkennen, verschleiern.

>> weiter in Journal Ethnologie

Uebersicht ueber die Texte in der neuen Ausgabe:

Karin und Kurt F. Richter: Schamanismustransfer und westliche Psychotherapie. Probleme der Integration von schamanischen Heilkulturen in unsere westliche Psychotherapie

Carsten Kloepfer: AIDS und Buddhismus. Der psychologische Beitrag des Buddhismus zur HIV/AIDS-Prävention in Thailand

Dagmar Schweitzer de Palacios: Schamanismus und Globalisierung. Ein ecuadorianischer Schamane bei der Fußballweltmeisterschaft

Ruth Kutalek: Malerei aus Tansania. Ein Einblick in die Sammlung Ethnomedizin in Wien

Mihaela Paina: “Heilen – ein Erbe”. Kontinuität und Wandel ayurvedischer Praktiken im dörflichen Kerala, Südindien

Claus Deimel: Die Tesgüinada: Viel trinken und gesund bleiben! Alkohol in der Kultur der Sierra Tarahumara: Die Rarámuri

Ekkehard Schröder: Hanf, Tabak, Schlafmohn und Co. Ethnobotanik: Pflanzen und Ethnomedizin ein altes neues Thema

SIEHE AUCH:

Poverty and health policies: Listening to the poor in Bangladesh

Interview mit Verena Keck: “Ethnologen notwendig in der AIDS-Bekaempfung”

Schamanismus im Alpenraum: Uralte Praktiken wurden vom Christentum übernommen

Was haben afrikanische und appenzellische Heiler gemeinsam?

The emerging research field of medical ethnomusicology: How music fights AIDS

"Heilung und Wandel" ist das Thema der neuen Ausgabe von Journal Ethnologie, das vom Frankfurter Museum der Weltkulturen herausgegeben wird. In dieser Ausgabe geht u.a. darum, wie sich sogenannte "westliche" Medizin und sogenannte "traditionelle" Medizin gegenseitig beeinflussen.

Eine Berufskrankheit vieler Ethnologen…

Read more

Mehr anarchistische Ethnologie! – Ethnologik 1/2007 online

Macht ist das Thema der neuen Ausgabe der Zeitschrift Ethnologik, die von Muenchner Ethnologiestudierenden gestaltet wird. Peter Niedersteiner und Falko Zemmrich gehen im Artikel “Anarchistische Anthropologie: Wer hat unsere Macht?” auf eine Richtung unseres Faches ein, die selten erwaehnt wird, wenn man den “Nutzen” der Ethnologie diskutiert: Machtkritik und Aufzeigen von Alternativen zu autoritaeren Herrschaftssystemen, die im Zuge wirtschaftlicher Globalisierung zunehmen (mehrere Beispiel dazu im Heft).

Hier ist speziell die anarchistische Ethnologie relevant, schreiben Niedersteiner und Zemmrich:

Unserem Erachten nach kann eine anarchistische Anthropologie in Zeiten des Ausbaus des staatlichen Machtmonopols, fortschreitender Entmündigung und stärkerer Beschneidung der Freiheit des Individuums im Namen der gesellschaftlichen Sicherheit, ihren wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten. Als Mittel zur Offenlegung und Kritik an Machtkonzentration und -missbrauch dient sie dabei sicherlich genauso gut, wie der Erarbeitung von Alternativen.

Anarchisten sind auf der Suche nach der perfekten Mischung von Freiheit und Solidaritaet. Sie halten nichts vom derzeit dominierenden Konkurrenz- und Elitedenken, bevorzugen das Ideal von “Gift economies”, wo man einander hilft und kooperiert (wie etwa idealerweise der Fall in den Wissenschaften und auch hier im Netz).

Die Autoren besprechen mehrere Theoretiker und Ethnologen (viele Ethnologen sympathisieren mit dem Anarchismus), u.a. auch David Graeber, der wegen seines Engagement von der Uni Yale geflogen ist. Sie schreiben:

Anarchistische Ethnologie ist nach David Graeber besonders geeignet, Strukturen und Alternativen jenseits von Hierarchie und Staatlichkeit aufzuzeigen, nicht nur weil die Ethnologie sich schon traditionellerweise mit nicht-staatlichen Gesellschaften befasste, sondern gerade wegen ihrer Vorgehensweise, die es erlaubt, zu jener verborgenen Symbolik und moralischen und pragmatischen Logik vorzudringen, die die Handlungen eben dieser Menschen prägen.

Indem der Ethnologe durch Zuschauen und Mitmachen Alternativen zur hierarchischen Sozialstruktur des Staates aufdeckt, erfährt er damit Möglichkeiten, Beiträge und Beispiele für menschliches Miteinander, die er sonst nicht erkennen würde. Indem er solche Alternativen formuliert, kann er diese auch für das eigene Handeln nutzbar machen, um einer gerechteren und freieren Gesellschaft den Weg bereiten zu können.

Sie nennen ein Beispiel, das in der Migrationsdebatte anwendbar ist. Die Ethnologie solle nicht müde werden zu betonen, dass der Staat und die Nation eine „imaginary totality par excellence“ sei, also eine gemeinschatliche Vorstellung der Zusammengehörigkeit, die nur in den Köpfen der Menschen existiert:

Von Natur aus gibt es keine Staatsbürgerschaften oder staatlichen Grenzen. Diese Kategorien existieren nur in den menschlichen Köpfen und treten in Symbolen und Ritualen zutage. Erst der feste Glaube an die „Imagined Community“ lässt uns zu der Überzeugung kommen, als „Deutsche“ geboren zu sein und dazu zu gehören. So stellt sich Graeber ähnlich wie damals Kropotkin gegen den Sozialdarwinismus – gegen die Staatlichkeit als unumstößliches Dogma.

David Graebers Buechlein Fragments of an Anarchist Anthropology” gibt’s als pdf.

>> Download Ethnologik 1/2007 (Link aktualisiert)

SIEHE AUCH:

Ethnologie und Oeffentlichkeit: Ethnologik – Das ambitioese Projekt der Muenchner Ethnologiestudierenden

Macht ist das Thema der neuen Ausgabe der Zeitschrift Ethnologik, die von Muenchner Ethnologiestudierenden gestaltet wird. Peter Niedersteiner und Falko Zemmrich gehen im Artikel "Anarchistische Anthropologie: Wer hat unsere Macht?" auf eine Richtung unseres Faches ein, die selten erwaehnt wird,…

Read more