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Trauerethnologin: Eine neue Trauerkultur ist am Entstehen


Nach der Loveparade: Trauer am Tunnel. Foto: triple1_hamburg , flickr

Blumen, Kerzenmeere, Abschiedsbriefe. Dass an Orten, wo ein Unglück wie während der LoveParade in Duisburg passiert ist, Menschen gemeinsam öffentlich trauern, ist ein relativ neues Phänomen in Deutschland, sagt “Trauerethnologin” Christine Aka in einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR):

Eine der ersten großen öffentlichen Trauerkundgebungen gab es 1986 in Schweden, als der damalige Ministerpräsident Olof Palm erschossen worden war. Plötzlich gingen die Menschen hin und legten Blumen, Kerzen und Zettel an den Tatort. Das entwickelte sich dann schnell weiter. Zum Beispiel nach dem Flugzeugunglück in Rammstein oder dem Zugunglück in Eschede gab es auch in Deutschland große, öffentliche Trauerbekundungen.

Eine vollkommen neue Dimension der Massentrauer war dann die Reaktion auf den Tod des Fußballers Robert Enke, der sich im November 2009 das Leben nahm. Dass der Tod eines Einzelnen, der nicht durch eine Massenkatastrophe gestorben ist, so kultisch gewürdigt wird, hat es noch nicht gegeben.

Bis Anfang der 1980er Jahre waren Tod und Trauer Tabuthemen in Deutschland. Vieles har sich mit den ersten Aidstoten geändert. Auch Säkularisierung spielte eine wichtige Rolle:

Viel hat sich verändert mit den ersten Aidstoten. Es entstanden Trauerrituale für Menschen, die außerhalb der Gesellschaft oder der Kirche gestanden hatten. Außerdem wollte man das Schicksal dieser Menschen öffentlich machen. Einerseits, um den einzelnen Verstorbenen zu würdigen, andererseits als Präventionsmaßnahme. In der Folge kam eine Flut von Trauerratgebern auf den Markt. Vorher hatte man die Trauer dem Dienstleistungsunternehmen Kirche überlassen. Irgendwann konnte man mit diesen kirchlichen Ritualen nicht mehr viel anfangen, sie waren nicht mehr individuell genug. Gleichzeitig verließen immer mehr Leute die Kirchen. Diese Leute stellten fest, dass sie aber trotzdem Abschiedsrituale brauchen. Dann hat man angefangen, sehr kreativ mit der persönlichen Trauer umzugehen.

>> weiter beim WDR

Aka veröffentlichte vor drei Jahren ein Buch über Unfallkreuze am Straßenrand.

Die Forscherin hätte auch die Rolle des Internets für Trauernde erwähnen können. Vor wenigen Wochen ist ein Freund von mir in Norwegen beim Bergwandern 200 Meter in den Tod gestürzt. Freunde und Bekannte benutzten seine öffentliche Facebook-Seite, um letzte Grüsse an ihn zu hinterlassen.

Medienforscherin danah boyd beschreibt dies Phänomen in ihrem Blogpost Facebook and MySpace used as site of mourning/memory:

There is no good way to mourn the loss of someone young, but what fascinates me about these messages on Christine’s Profiles is that they are all written to her but visible for everyone to see. A persistent, public signal of mourning. Her friends are speaking to her, not about her.

Für die Hinterbliebenen von Selbstmord gibt es eine Fülle von Foren im Netz, u.a. suicidegrief.com.

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Nach der Loveparade: Trauer am Tunnel. Foto: triple1_hamburg , flickr

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Vuvuzelas und das ungleiche Verhältnis zwischen Nord und Süd

Foto: Axel Bührmann, flickr

Die WM scheint Ethnologen zu inspirieren. Mehr und mehr Ethnologen äussern sich zur WM in Süd-Afrika, nun auch zu den Vuvuzelas, den Plastiktrompeten, die manchen Fussball-Fans im Norden am liebsten verbieten würden.

Ja, sie sind laut, doch so ist das immer in Fussballstadien. Ist es so schwierig andere Traditionen respektieren? Ist hier ein (antidemokratischer) Trend zu beobachten in West- und Nordeuropa, wo Traditionen, die man nicht mag oder versteht (wie Hijab oder Burqa) versucht zu verbieten?

Doch nun bekommt das Anti-Vuvuzela-Lager Hilfe von zwei Südafrika-Experten. “Kulturlüge: Vuvuzelas sind reiner WM-Marketinggag. Fans gehen vorgegaukeltem Bezug auf Tradition auf den Leim”, meldet die Agentur pressetext.

Gero Erdmann vom Leipzig-Institut für Globale und Regionale Studien sagt:

Die Vuvuzela ist noch sehr jung und wurde vor neun Jahren erfunden. Das traditionelle Instrument, auf das sich der Erfinder in der Vermarktung bezieht, war in der Kultur kaum präsent.

Der Würzburger Musikethnologe Bernd Clausen meint auch, der Anschluss an traditionelle Musikinstrumente sei weitgehend aus der Luft gegriffen und spricht von einem Marketing-Gag.

Doch auch junge Traditionen haben Bedeutung. Vielleicht hätten den deutschen Forscher postkoloniale Perspektiven gut getan?

Graham Hough-Cornwell hat den Diskurs vor allem auf Twitter analysiert und schreibt auf anthropologyworks:

A large portion of the tweets fall along Westerners vs. Africa, neo-imperial fault lines. Some see the vuvuzela issue as Westerners trying to control an important part of South African sporting culture

Er kritisiert auch den “Ethnozentrismus” der Kritiker, die meinen Vuvuzelas “ruinierten die traditionelle Fussballatmosfäre” mit Supportergesängen:

This particular Twitter user fails to recognize that different parts of the world have their own fan traditions, and the songs and chants familiar to many European audiences may not be so “traditional” elsewhere. In other places, drums or horns — a variation on the vuvuzela, the corneta, is popular in Latin America — might create the sound of a soccer match.

Sind es eigentlich nur die Südafrikaner, die mit den Vuvuzelas heruntröten, fragt Norman Schräpel auf wildesdenken.de? Keineswegs. Alle Nationen tröten. “Schlagen die ehemals Kolonialisierten zurück? Ja, denn die Welt trötet mit und das ist gut so”, meint der Ethnologe.

Derweil untersucht Ethnologe Matthias Gruber einen anderen Aspekt der WM, der das ungleiche Verhältnis zwischen Nord und Süd problematisiert: gefälschte Markenartikel, sogenannte Fong Kongs. Darunter befinden sich auch Trikots. Der Preis eines Original-Trikot kostet in einem Sportgeschäft in Abidjan 35 000 Francs (knapp 54 Euro) – mehr als ein durchschnittlicher Monatsverdienst, erfahren wir im Handelsblatt. Kein Wunder also, , dass die große Nachfrage nach den Hemden der Nationalmannschaft eine ganze Fälscherindustrie hervorgebracht hat

Der Handel mit Fong Kongs sei seit der Weltmeisterschaft auf Druck der Fifa zur Zielscheibe täglicher Polizeieinsätze gegen Händler und Kunden geworden. Verkäufer würden abgeführt, die Waren vernichtet, berichtet der Ethnologe:

“Diese Einschränkungen werden von vielen als ungerecht wahrgenommen und als Beispiel asymmetrischer Hierarchien zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden verstanden.”

Von Matthias Gruber gibt es auch den Text Fussball in Südafrika (Journal Ethnologie)

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Foto: Axel Bührmann, flickr

Die WM scheint Ethnologen zu inspirieren. Mehr und mehr Ethnologen äussern sich zur WM in Süd-Afrika, nun auch zu den Vuvuzelas, den Plastiktrompeten, die manchen Fussball-Fans im Norden am liebsten verbieten würden.

Ja, sie sind laut, doch…

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“Ritualboom in Deutschland”

Public Viewing auf der WM-Fanmeile, Junggesellinnen-Abschiede, Scheidungspartys: Rituale sind beliebter denn je. “Ich vermute stark, dass es in unserer industrialisierten Welt mehr Rituale gibt als in traditionellen Gesellschaften”, sagt Axel Michaels, Leiter der Tagung “Wozu braucht es Rituale?”, in einem Interview mit der WELT.

Ritualforschung boomt auch, sagt der Ethnologe auf der informativen Webseite der Konferenz, die auch Podcasts, Medienecho und diverse Berichte anbietet.

Michaels leitet den Sonderforschungsbereichs “Ritualdynamik” an der Universität Heidelberg. Auch hier wird auf Oeffentlichkeitsarbeit Wert gelegt. Die Ritualdynamik-Webseite bietet u.a. Einblicke und die Open Access Zeitschrift Forum Ritualdynamik

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Public Viewing auf der WM-Fanmeile, Junggesellinnen-Abschiede, Scheidungspartys: Rituale sind beliebter denn je. "Ich vermute stark, dass es in unserer industrialisierten Welt mehr Rituale gibt als in traditionellen Gesellschaften", sagt Axel Michaels, Leiter der Tagung "Wozu braucht es Rituale?", in einem…

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Deshalb sind Ossis eine Ethnie – Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern

Erst schickte er eine Pressemitteilung. Dann rief der Stern an. In einem Interview konnte nun Ethnologe Thomas Bierschenk ausführlich über die ethnologische Definition einer ethnischen Gruppe reden.

Wie berichtet, hatte eine Frau geklagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft als Ossi diskriminiert worden. Die Richter wiesen ihre Klage ab: Ostdeutschen seien keine eigene Ethnie, da es an Gemeinsamkeiten in Tradition, Sprache, Religion, Kleidung und Ernährung fehle.

Bierschenk erklärt, warum diese Definition veraltet ist:

Diese Definition stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist veraltet: Die Forschung hat gezeigt, dass sich die Grenzen so klar nicht ziehen lassen. Beispielsweise sprechen Mitglieder verschiedener Ethnien manchmal die gleiche Sprache, innerhalb einer Ethnie finden sich verschiedene Sprachen und Religionen. Ganz schwierig ist die Definition einer Kultur. Was macht eine gemeinsame Kultur aus? Daran ist schon die Debatte zur deutschen Leitkultur gescheitert. Hätte sich die Klägerin auf die aktuelle Definition einer Ethnie bezogen, hätte sie Recht bekommen müssen.

Wir Ethnologen gehen heute davon aus, dass sich eine Ethnie über ein starkes Wir-Gefühl definiert. Dazu kommt eine demonstrative symbolische Abgrenzung gegenüber den Anderen: Beispielsweise werden bestimmte Praktiken wie etwa die Jugendweihe symbolisch überhöht, um damit das Anderssein zu demonstrieren. Dazu gehört auch die ganze Palette von “Ostprodukten” wie F6-Zigaretten oder Spreewälder Gurken. Natürlich sind Ossis eine Ethnie. Das Wir-Gefühl kann durch das Gefühl der Diskriminierung verstärkt werden.

(…)

Das Wir-Gefühl entsteht immer in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe. So kommen die Wessis zu ihrem Wir-Gefühl: Ich bin ein Wessi gegenüber einem Ossi. Ich bin aber auch Mainzer: Während der Fasnacht grenze ich mich beispielsweise gegenüber den Wiesbadenern ab. In einem anderen Zusammenhang fühle ich mich als Deutscher oder auch als Europäer.

In der Tat kann man verschiedenen Ethnien, oder sagen wir besser “Wir-Gruppen”, gleichzeitig angehören. Der Stuttgarter Richter sagte: Ossis sind Deutsche und können deshalb keine eigene Ethnie sein. Nach der aktuellen wissenschaftlichen Definition können sie aber beides sein.

>> zum Interview im Stern

Ich hatte im einem früheren Beitrag ähnlich argumentiert, siehe Rassismus gegen Ossis – oder: So entstehen “Ethnien”

Erst schickte er eine Pressemitteilung. Dann rief der Stern an. In einem Interview konnte nun Ethnologe Thomas Bierschenk ausführlich über die ethnologische Definition einer ethnischen Gruppe reden.

Wie berichtet, hatte eine Frau geklagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft als…

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Esskultur als Protest: Ethmundo über Ökodörfer und Müllwühler

Nicht alle, die in Müllcontainern nach Essen wühlen, tun dies aus Geldnot. In der neuen Ausgabe von Ethmundo lesen wir u.a. über die Containerer.

Nach Landeschluss durchwühlen sie die Abfallbehälter auf den Hinterhöfen der Supermärkte: Die Containerer leben von dem, was nicht mehr gebraucht wird, aber noch brauchbar ist. Ihr Motiv ist nicht Geldnot, sondern Kritik an einem System, das die Konsumenten in Abhängigkeit treibt, die als Freiheit getarnt ist. (…) Statt durch den Kauf im Supermarkt die Konzerne zu unterstützen, versuchen die Containerer unabhängig von den Gesetzen des Marktliberalismus zu leben und sich von dem Konsumzwang zu befreien.

Containern ist Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft, erklärt Annika Franke in ihrem Artikel:

Denn während auf der einen Seite Lebensmittel vernichtet werden, leiden Millionen von Menschen an einer permanenten Unterernährung. Lebensmittel werden aus ökonomischen Gründen entsorgt, um die Preise stabil zu halten oder Platz in den Regalen der Supermärkte zu machen. (…) In Wien beispielsweise wird jeden Tag die Menge an Brot weggeworfen, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, versorgt werden könnte.

Wenig bekannt ist der Zusammenhang zwischen Landwirtschaftspolitik und Migration:

Wer im Supermarkt Gemüse kauft, kommt an Produkten aus Spanien nicht mehr vorbei. Auf mehr als 25.000 Hektar wird im südspanischen Almeria Gewächshausgemüse angebaut. Dieser Anbau wird genauso wie der Export subventioniert. So kommt es, dass dieses Gemüse auch auf einem Markt in Dakar verkauft wird – günstiger als ein senegalesischer Bauer es je produzieren könnte. Wenn es für diesen Bauern keine Möglichkeit gibt, im eigenen Land Geld für seine Familie zu verdienen, so ist es nicht verwunderlich, dass er sich aufmacht, sein Land zu verlassen – in der Hoffnung, auf dem europäischen Kontinent eine rentable Arbeit zu finden.

Nehmen wir an, er schafft es über die Straße von Gibraltar nach Spanien, ohne dass er Schiffbruch erleidet oder festgenommen und von den Behörden zurückgeschickt wird. Dann hat er vielleicht sogar das Glück, in einem der Gewächshäuser für einen Hungerlohn zu arbeiten, in denen genau jene Tomaten angebaut werden, die ihn zum Verlassen seiner Heimat gezwungen haben.

>> zum Artikel “Die Müllwühler” von Annika Franke i Ethmundo

Über eine andere Form von Protest mit dem Kochlöffel schreibt Marcus Andreas. In seinem Text Von Aas und Äpfeln gibt er Einblick in seine Feldforschung im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt, die Teil seines Doktorgradsprojektes ist.

Dort leben (und essen) gut 120 Menschen. Vom Frühstück bis zum Abendessen kann da gemeinsam gegessen werden – allerdings ausschliesslich vegetarisch und meist vegan (privat kann man kochen was man will):

Lebensmittel werden bevorzugt als gut und „natürlich“ definiert, wenn sie „natur belassen“ sind. Obgleich Kochen sonst als beeindruckender zivilisatorischer Akt gilt – die Verwandlung rohen Materials in kulturell anerkannte Speisen – läuft es hier nun andersherum: Gerade das Unverarbeitete wird geschätzt. Wird anderswo der möglichst fein raffinierte weiße Zucker angepriesen wird, drehen sich nun die Vorzeichen um; brauner Zucker, braune Nudeln; „Kultur“ als immer währende Verfeinerung und Gestaltung hat ausgedient; erhalten, beziehungsweise gestärkt bleibt allerdings das Motiv der Reinheit.

Die Rohköstler gehen noch weiter und grenzen sich wiederum von dem Großteil der Vegetarier ab: „Tot“ ist, was zu hoch verarbeitet oder erhitzt wurde

>> weiter in Ethmundo

SIEHE AUCH:

What anthropologists can do about the decline in world food supply

Study says USA wastes nearly half its food

Ernährung Identität Migration – Diskussion im Forum

Feldforschung bei den Tuareg: Makkaroni mit Tomatensauce – monatelang!

Anthropologists find out why we (don’t) buy organic food

Nicht alle, die in Müllcontainern nach Essen wühlen, tun dies aus Geldnot. In der neuen Ausgabe von Ethmundo lesen wir u.a. über die Containerer.

Nach Landeschluss durchwühlen sie die Abfallbehälter auf den Hinterhöfen der Supermärkte: Die Containerer leben von dem,…

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