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Initiationsriten: Merkwürdige Weisse

Rollmöpse, frische Hefe und rohe Schweineleber essen, dann alles mit viel Alkohol runterspülen – Focus schreibt über die Initiationsriten bei Gebirgsjägern in Deutschland. Diesmal sind es mal nicht Einwanderer aus fernen Ländern, die mit “exotischen” Ritualen auffallen, die eine Ethnologin erklären muss.

“Entwürdigende Mutproben und Aufnahmerituale wie bei den Gebirgsjägern sind nichts Singuläres. Ethnologen erkennen in den Initiationsriten eine Konstante der Menschheitsgeschichte”, schreibt das Blatt und interviewt Sabine Doering-Manteuffel von der Uni Augsburg.

Wir lesen:

Ursprünglich markiert ein Initiationsritus den Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter. In den Stammeskulturen stehen die dabei verlangten Mutproben in unmittelbarem Zusammenhang mit überlebenswichtigen Fähigkeiten, zum Beispiel der Jagd. Nach einem solchen Ritus zählt der junge Stammesangehörige als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und übernimmt Rechte und Pflichten, die er zuvor nicht hatte.

„Bei diesen Riten handelt es sich um einen Schwellenzustand“, erklärt Doering-Manteuffel „Die Vorgänge in der Kaserne in Mittenwald zeigen deutliche Parallelen dazu: Die Soldaten geben freiwillig ihren Status ab, lassen sich demütigen und werden dadurch erhöht. Nach dem Ritual gehören sie einer Gemeinschaft Gleicher unter Gleichen an.“ Vor allem in männlichen Gruppen ist das Hauptmerkmal immer das Thema, Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Ekel oder Scham, zu überwinden.

Solche Rituale sind besonders bei Gruppen beliebt, die sich als Elite auffassen. Recht krass ging es bis vor kurzem an französischen Elite-Unis zu.

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Die ZEIT hat sich auch dem Thema angenommen und interviewt Männerforscher Ludger Jungnitz über Gewaltrituale in Hierarchien

Mehrere Politiker haben die Bundeswehr-Rituale scharf kritisiert und forderten – typisch Politiker – Verbote.

Der dpa sagte der Ethnologe Guido Sprenger, solche Traditionen könne man nicht verbieten. Ratsamer sei es, die Rituale kontrolliert zuzulassen und zu integrieren:

“Es gibt auch in anderen Organisationen, zum Beispiel manchen Studentenverbindungen, Aufnahme-Rituale, bei denen mit den Novizen recht ruppig umgegangen wird. Das ist aber bekannt. Jeder, der eintritt, weiß, was auf ihn zukommt. Die Bundeswehr ist ein separater Bereich in unserer Gesellschaft, in der andere Werte wie Hierarchie und Unterordnung zählen”.

Mittlerweile ist der in Kritik geratene Hochgebirgszug des Gebirgsjägerbataillons 233 der Bundeswehr im oberbayerischen Mittenwald vorübergehend stillgelegt worden.

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The Value of Rituals

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Die Globalisierung der Zeit: Neue Ethmundo im Netz

Wie gehen verschiedenen Gesellschaften mit dem Phänomen “Zeit” um? Die Autoren des Magazins “Ethmundo” haben wieder interessanten Lesestoff für uns zusammengestellt:

Was ist das eigentlich: die Zeit, dieses diffuse Etwas, das unser aller Leben Tag für Tag bestimmt? Fließt sie vorwärts oder rückwärts, wird sie schneller, langsamer oder dreht sie sich gar im Kreis? Zeit ist weit davon entfernt, dem Menschen als absolutes Ding gegenüberzustehen, sie ist eine kulturell flexible Idee.

Wobei – wir alle gehen unterschiedlich mit Zeit um. Daran erinnert Simone Schubert in einem Gespraech mit Dominique Schmitt. Manche – wie ich bei meinem Umzug kürzlich – sind schlechte Planer und werden erst auf den letzten Drücker (oder zu spät) fertig. Andere planen langfristig und schaffen immer alles rechtzeitig.

Besonders interessant fand ich den Text von Die Erfindung der Weltzeit von Thomas Reinhardt. Die Einteilung der Welt in 24 Zeitzonen ist erst 125 Jahre alt. Zuvor hatte so gut wie jede Ortschaft ihre eigene Zeit. Das war ziemlich chaotisch, z.B. für Reisende. Jede Eisenbahngesellschaft folgte ihrer eigenen Zeit – meist der Ortszeit am Stammsitz der Gesellschaft. Im Bahnhof von Pittsburgh, so Reinhardt, hingen Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts gleich sechs Uhren, die die Zeiten der verschiedenen Gesellschaften anzeigten, von denen die Stadt angesteuert wurde. Es war gar nicht so einfach, eine gemeinsame Zeit für den gesamten Globus zu “erfinden”. Reinhardt bezeichnet die “Erfindung der Weltzeit” daher als “ein Globalisierungsphänomen im ursprünglichen Sinne des Wortes”.

“Lebe schneller, dann bist Du eher fertig!” heisst der mehrdeutige und daher umso besser treffende Titel eines Textes von Martin Radermacher über die Jagd nach Effizienz in vielen Gesellschaften unseres Planeten. Er beschreibt das Paradoxon der Industrialisierung: Bessere Produktionsmöglichkeiten führen nicht zu einer Verkürzung der Arbeitszeiten, sondern zu ihrer Verlängerung. Beschleunigung wird zum Selbstläufer und erzeugt immer neue Beschleunigungsbestrebungen.

Zu diesem Thema hat Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen vor sieben Jahren das Buch “Die Tyrannei des Augenblicks” geschrieben. Auch sehr interessant ist die Dissertation des Soziologen Hartmut Rosa “Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen der Moderne”

Ausserdem in der neuen Ethmundo-Ausgabe Auf Bali läuft es rund: Freya Morigerowsky erklaert, warum Balinesen zwei verschiedene Kalender benutzen.

In Zurück in die Zukunft nimmt und Annika Franke zu den Aymara in die Anden, wo die Zukunft hinten und die Vergangenheit vorne sein soll. Anthropologe Kerim Friedman hatte jedoch die Forschung zum Zeitverständnis der Aymara kritisiert

Rüdiger Burg beruhigt in 2012 – Viel Lärm um nichts die Kinogänger: Laut dem Kalender der Maya geht nun doch nicht die Welt in 2012 unter.

Wie gehen verschiedenen Gesellschaften mit dem Phänomen "Zeit" um? Die Autoren des Magazins "Ethmundo" haben wieder interessanten Lesestoff für uns zusammengestellt:

Was ist das eigentlich: die Zeit, dieses diffuse Etwas, das unser aller Leben Tag für Tag bestimmt? Fließt sie…

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“Wenn wir so viel gemeinsam haben, warum gibt es dann ethnische Konflikte?”

Haben Inuits 100 Wörter für Schnee? Gibt es bei den Hopi-Indianern weder Zukunft noch Vergangengeit? Warum gibt es so viele “ethnische Konflikte”? In einem Interview mit dem Spiegel hinterfragt Ethnologe Christoph Antweiler verbreitete Auffassungen über “uns” und “die andern”. Anlass ist sein neues Buch “Heimat Mensch. Was uns alle verbindet“.

Antweiler interessiert sich für die Gemeinsamkeiten unten den Menschen und “geht auf die Nerven, dass Ethnologie immer nur dann fasziniert, wenn es um irgendwelche kulturellen Besonderheiten geht”. Er sieht Ethnologie als “vergleichende Wissenschaft des ganzen Menschen”.

Er warnt vor “übertriebenem Kulturrelativismus, der schnell in Kulturrassismus umschlägt”:

Der alte Rassismus hat gesagt: Wir leben in einer Welt, aber wir sind verschiedene Menschen, die gelben, die schwarzen, die roten und so weiter. Der Ultrarelativismus sagt: Wir sind alle Menschen, aber leben in völlig verschiedenen Welten, sprich Kulturen. Im Extremfall wird dann behauptet, die Kulturen seien inkompatibel und könnten sich nicht verständigen. Das ist wissenschaftlich nicht fundiert und politisch gefährlich.

Ethnische Gruppen sind keine starren Gebilde. Sie verändern sich und neue Gruppen entstehen:

Natürlich wachsen wir in unterschiedlichen Kulturen auf, manche Grenzen werden sogar neu gezogen: Als ethnische Gruppe im modernen Sinne könnte man etwa eine Untergruppe von Londoner Börsenbrokern nehmen, die in dieselben Bars gehen, deren Kinder untereinander heiraten und die eine ähnliche Weltorientierung haben. Trotzdem haben die Kulturen eine gemeinsame Heimat.

Der Ethnologe zählt diverse Gemeinsamkeiten auf. Auf die Frage “Wenn wir Menschen so viel gemeinsam haben, warum gibt es dann ethnische Konflikte?” antwortet er:

Die meisten sogenannten ethnischen Konflikte haben andere Ursachen, etwa Benachteiligung oder Ressourcenknappheit. Typisch sind die Bürgerkriege in Ruanda oder Exjugoslawien. Sie hatten sozioökonomische Ursachen, die nachträglich kulturell eingefärbt wurden, oft von den Beteiligten selber. Man spielt die ethnische Karte. Statt zu sagen: Wir sind einfach nur arm oder überfordert, sagt man: Wir sind die Kultur X und haben eine lange Geschichte, und deshalb steht uns das und das zu. Das ist Strategie.

Antweiler wird auch gefragt ob uns die Globalisierung ähnlicher macht:

Sie macht uns gleich und ungleich zugleich. Ich habe erlebt, wie in Jakarta das erste indonesische McDonald’s eröffnet wurde, übrigens die weltweit umsatzstärkste Filiale in jenem Jahr. Da erkennt man sofort Ähnlichkeiten wie die Farben und das Logo, aber auch Unterschiede: Die meisten essen dort keine Hamburger, sondern Reis mit Hühnchen. Und dann stellt man fest, dass viele dort gar nicht essen, sondern anderen zuschauen. Wir haben ein globales Phänomen, das aber lokal unterschiedlich interpretiert wird, so wie die Barbiepuppen. Ethnologen sprechen von Glokalisierung. Die Globalisierung funktioniert jedenfalls nur, weil die Menschen sich ähneln.

>> weiter im Spiegel

Das Interview ist übrigens Teil der Spiegel-Serie Kulturschock – Arbeiten in fremden Welten, wo u.a. deutsche Arbeitsmigranten von ihren Erfahrungen erzählen.

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Populärethnologie von Christoph Antweiler: Heimat Mensch. Was uns alle verbindet

Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

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Neue Webseite über Traumzeit-Legenden Australiens

Dagobert Wiedamann schreibt mir und erzählt von einem neuen Webprojekt, das er zusammen mit Dieter Tischendorf auf die Beine gestellt hat: http://www.traumzeit-legenden.de :

Jeder der schon mal in Australien war, kann die Respektlosigkeit mit der die Ureinwohner von der weißen Bevölkerung behandelt wird bestätigen. Auch wenn die weißen Australier da langsam umdenken, wird das noch ein langer Prozess sein. Mit dem Internetprojekt http://www.traumzeit-legenden.de wollen Dieter Tischendorf und Dagobert Wiedamann über die Kultur und die Historie der Aboriginal People aufklären. Mit der Sammlung der Traumzeitlegenden wollen sie diese auch vor dem Vergessen bewahren.

Dagobert Wiedamann:

“Als mir Dieter Tischendorf seine Traumzeitgeschichten zu lesen gab war ich davon so begeistert, dass ich Ihn überredet habe das gesamte Werk im Internet zu veröffentlichen. Ich denke das diese Sammlung von Texten aus der Traumzeit die umfangsreichte im deutschsprachingen Raum sein dürfte. Gerade Dieter Tischendorfs Art die Zusammenhänge und Hintergründe auch für Laien verständlich zusammen zu fassen, war einer der Hauptgründe für mich die Traumzeit-Legenden zu veröffentlichen.”

Die Seite ist schön gestaltet und sehr umfangreich. Sie scheint vor allem historisch ausgerichtet zu sein und handelt weniger um Aboriginals in Jeans. Es gibt jedoch auch eine Sektion mit aktuellen News – weiter zu http://www.traumzeit-legenden.de/

Dagobert Wiedamann schreibt mir und erzählt von einem neuen Webprojekt, das er zusammen mit Dieter Tischendorf auf die Beine gestellt hat: http://www.traumzeit-legenden.de :

Jeder der schon mal in Australien war, kann die Respektlosigkeit mit der die Ureinwohner…

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Transvestiten, Haschisch und ekstatische Tänze: Ethnologe zeigt einen anderen Islam

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Als einer der grossartigsten Erfahrungsberichte der deutschen Ethnologie beschreibt Stefan Weidner in der Sueddeutschen das Buch Am Schrein des roten Sufi. Fünf Tage und Nächte auf Pilgerfahrt in Pakistan von Jürgen Wasim Frembgen.

Der zum Islam konvertierte Ethnologe und Leiter der Orient-Abteilung am Staatlichen Museum für Völkerkunde München verbindet seine Forschungsaufenthalte oft mit dem Besuch eines religiösen Festes. Sein Buch ueber seine Pilgerfahrt zeigt einen hierzulande wenig bekannten Islam auf:

Frembgens Teilnahme an der Pilgerfahrt zum Schrein des “Roten Sufi” Lal Schahbas Qalandar in der südpakistanischen Kleinstadt Sehwan zeigt einen Islam, der, wollte man ihn in westliche Vorstellungen übersetzen, sein Äquivalent im rheinischen Karneval oder dem anarchischen Potential des Flower-Power findet, gleichwohl jedoch, wie im Westen nirgendwo mehr, von Aberglauben, Askese und Spiritualität geprägt ist.

Ekstatische Tänze, permanenter Genuss von Rauschmitteln während des Festes, vor allem Haschischzubereitungen , die Anwesenheit von Tänzerinnen oder Prostituierten und zumal die sich gezielt zur Schau stellenden sogenannten Hidschras, die Kaste der Hermaphroditen, Transsexuellen und Transvestiten, verwischen auf archaische Weise jede von Religionsgelehrten gezogene Grenze.

>> weiter in der Sueddeutschen

Auf schwarzaufweiss.de wird jedoch die Religioesitaet des Ethnologen als Defizit angesehen:

Zum Schluss bekennt Frembgen, dass er mehr mit dem Herzen und weniger mit dem Verstand sehen will. Das mag für ihn persönlich erfüllend sein, wie Religion die Privatangelegenheit eines jeden ist. Für den Leser ist dies aber weniger von Interesse, er hätte lieber etwas mehr kritische Distanz zu solchen die Sinne berauschenden Festen, die ja auch dazu dienen, genau den Verstand der Menschen auszuschalten und sie in ihrer Abhängigkeits- und Leidenssituation zu belassen. Gern hätten wir in diesem Buch mehr an den Kenntnissen des Ethnologen und Islamwissenschaftlers partizipiert.

>> weiter auf schwarzaufweiss.de

>> Interview mit Frembgen auf newsline.com

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Saison in Mekka: “Dieses Buch ist eine Sensation”

In Egypt: Economy and perceptions of modernity change religious festival

Akbar Ahmed’s anthropological excursion into Islam

Doctoral thesis: Towards a transnational Islam

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Als einer der grossartigsten Erfahrungsberichte der deutschen Ethnologie beschreibt Stefan Weidner in der Sueddeutschen das Buch Am Schrein des roten Sufi. Fünf Tage und Nächte auf Pilgerfahrt in Pakistan von Jürgen Wasim Frembgen.

Der zum Islam konvertierte Ethnologe und…

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