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Hat sich in der deutschen Ethnologie seit 100 Jahren nichts veraendert?

Sie ist Ethnologin, wohnt stets in der katholischen Missionsstation und erforscht die Mythen auf Papua Neu Guinea. Hat sich die Hamburger Ethnologie seit ihrer Südsee-Expedition 1908 nicht veraendert? Solche Gedanken kommen auf, liest man den Artikel im Hamburger Abendblatt, in dem Matthias Gretzschel die Ethnologin Antje Kelm bei ihrer Arbeit begleitet.

Wie werden die Bewohner Papua Neu Guineas dargestellt? Viel Platz wird verwendet, um eine gewalttaetige Auseinandersetzung zu beschreiben. Wir lesen:

“Das läuft hier nicht nach geschriebenen Gesetzen. In Wahrheit geht es auch nicht um ein getötetes Schwein, sondern um Verhaltensmuster, die tief in der Tradition und Kultur dieser Menschen verankert sind”, erklärt Antje Kelm auf der Rückfahrt nach Kokopo. Denn obwohl seit der Hamburger Südsee-Expedition fast 100 Jahre vergangen sind, obwohl Technik und Zivilisation in dieser Zeit riesige Fortschritte gemacht haben, hat sich im Denken der Sulka, der Tolai und der Baining, jener Stämme, die hier in Neubritannien leben, nicht viel geändert. Offiziell sind sie Christen, doch noch immer leben sie mit Geistern und Ahnen. Die Masken, die im stets verschlossenen Männerhaus verwahrt und nur zu Festen hervorgeholt werden, sind für sie magische Gegenstände.

Einer der Aufgaben der Ethnologin standen in Zusammenhang mit den wertvollen Artefakten, die die “Hamburger Südsee-Expedition” vor knapp hundert Jahren nach Hamburg gebracht hatte. “Eine Rückgabe wäre wünschenswert, ist aber aus konservatorischen Gründen nicht möglich, doch die Fotos vermittelten einen Eindruck von der Schönheit dieser Objekte”, sagt sie bei der Uebergabe der Bilder im Museum von Kokopo.

>> zum Bericht im Hamburger Abendblatt

MEHR DAZU:

Matthias Gretzschel: Vogels wiederentdeckte Bilder
Südsee: 1908/09 begleitete der Maler Hans Vogel die legendäre Hamburger Expedition.
(Hamburger Abendblatt, 31.5.05)

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1908 fuhren Hamburger Forscher in die Südsee – jetzt zeigt das Völkerkundemuseum die faszinierenden Erträge dieser Reise.
(Hamburger Abendblatt 7.11.03)

Bilder aus der deutschen Suedsee. Fotografien 1884-1914. Texte von Hermann Joseph Hiery und Antje Kelm

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“Afrikaner hatten hohes Ansehen an europäischen Fürstenhöfen”

Im Leipziger Völkerkundemuseum ist derzeit die Ausstellung “Äthiopien und Deutschland” zu sehen. Ziel ist unter anderem “ein positives Äthiopien-Image aufzubauen und nicht das defizitäre Afrika zu zeigen”, sagt Ethnologin Kerstin Volker-Saad im Neuen Deutschland.

Zum Verhaeltnis von Äthiopien und Deutschland in der Vergangenheit sagt die Ethnologin:

In der Ausstellung wird deutlich, dass Äthiopier an europäische Höfe geholt wurden, weil sie Gelehrte waren und besondere Fähigkeiten hatten. Der äthiopische Gelehrte Abba Gregorius, der mit Hiob Ludolf die deutsche Äthiopistik begründete, war 1652 zu Gast bei Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Später hat sich August der Starke für Afrika begeistert. Bei Festen stilisierte er sich selbst als Mohrenkönig. Er trug dazu eine zweite Haut aus dunklem Leder, über der barocke Kostüme angezogen wurden. Afrika war damals weitgehend unbekannt und stand für das Großartige.

>> zum Interview im Neuen Deutschland (link aktualisiert)

Im Leipziger Völkerkundemuseum ist derzeit die Ausstellung "Äthiopien und Deutschland" zu sehen. Ziel ist unter anderem "ein positives Äthiopien-Image aufzubauen und nicht das defizitäre Afrika zu zeigen", sagt Ethnologin Kerstin Volker-Saad im Neuen Deutschland.

Zum Verhaeltnis von Äthiopien und Deutschland…

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Das Alevitentum als Forschungsobjekt – Interview mit Ethnologen Martin Sökefeld

Die Aleviten bilden in der Türkei nach den sunnitischen Muslimen mit mindestens 15 bis 20 % der Bevölkerung die zweitgrößte Religionsgruppe. Sie hatten im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder Verfolgungen zu erdulden. Auch in Deutschland wohnen Aleviten.

1993 ist der Hamburger Ethnologe Martin Sökefeld zufaellig neben dem Alevitischen Kulturzentrum eingezogen. Seitdem interessiert er sich fuer das Alevitentum, erzaehlt er in einem Interview in der Istanbul Post:

Im Mai 1995 gab es dann das Massaker in Gazi, und daraufhin habe ich mich ausführlicher mit verschiedenen Mitgliedern des Zentrums unterhalten, um mehr über Aleviten zu erfahren. Ich war ziemlich beeindruckt davon, dass sich junge Aleviten sehr engagiert für das Alevitentum einsetzten und an allem Alevitischen sehr interessiert waren. Das war für die alevitischen Jugendlichen damals ja auch noch ziemlich neu, da die Aleviten erst wenige Jahre zuvor an die Öffentlichkeit getreten waren. Für mich als Ethnologen war das eine sehr interessante neue Identitätsbewegung, und langsam entstand die Idee, mich damit wissenschaftlich zu beschäftigen.

>> zum Interview in der Istanbul Post

>> Martin Sökefeld: Das Sivas-Massaker: Erinnerungskultur der Aleviten in Deutschland

>> Martin Sökefeld and Susanne Schwalgin: Institutions and their Agents in the Diaspora: A Comparison of Armenians in Athens and Alevis in Germany

Die Aleviten bilden in der Türkei nach den sunnitischen Muslimen mit mindestens 15 bis 20 % der Bevölkerung die zweitgrößte Religionsgruppe. Sie hatten im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder Verfolgungen zu erdulden. Auch in Deutschland wohnen Aleviten.

1993 ist…

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Romantisierungen am “Internationalen Tag der indigenen Völker”

(via ethno::log) Zum Internationalen Tag der indigenen Völker am 9.August schlaegt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Alarm: “Ureinwohner weltweit zunehmend an den Rand der Existenz gedrängt” – von Bergbauunternehmen, Ölkonzernen oder Holzfirmen. Gleichzeitig haben die Repräsentanten der indigenen Völker auf internationalem Parkett “erste Erfolge” beim Kampf um ihre Rechte erringen können.

Wie oft in Berichten ueber “indigene Voelker”, ist eine Prise Romantik dabei. Ihre Bilanz zur Situation der Indigenen Völker der Welt leitet die Organisation mit diesen Worten ein:

Indigene Völker sind die Hüter der kulturellen Vielfalt der Erde. Ihr Reichtum sind ihre vielen Sprachen und Kulturen, die Weisheit ihrer Religionen und ihres Umgangs mit der Natur.

Interessanter ist daher der Bericht im Tagesspiegel Sie waren immer schon da. Waehrend der Zustandsbericht der GfbV einer Beschreibung aussterbender Tierarten gleicht, hebt Tagesspiegel-Autorin Sandra Weiss die massiven Aenderungen der letzten Jahre hervor und kritisiert die “romantischen Vorstellungen des Westens”, nach denen indigene Voelker “friedfertig, schutz- und hilflos sind und [dass] ihre Existenz nur mit Hilfe westlicher Menschenrechtsorganisationen erhalten werden kann”:

Als 1992 auf dem Subkontinent die 500-Jahrfeier der „Entdeckung Amerikas“ durch Kolumbus gefeiert wurde, war den Ureinwohnern in gewohnter Manier nur eine Statistenrolle zugedacht worden. (…) 14 Jahre später hat sich das Bild gewandelt. Die Ureinwohner sind allenthalben auf dem Vormarsch und fordern lautstark ihre Rechte ein. Sei es in Ecuador, wo sie im Januar 2000 den Rücktritt eines Präsidenten erzwangen, eine eigene Partei namens Pachakutik gründeten, eine Zeit lang sogar zwei Minister stellten und dieses Jahr mit einem eigenen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl antreten. (…)

Oder natürlich der bolivianische Staatschef Evo Morales. Der von Aymara und Quechua-Indianern abstammende ehemalige Kokabauer marschierte innerhalb weniger Jahre durch alle Instanzen, stürzte zwei Regierungen, war der Abgeordnete mit den meisten Stimmen und errang vergangenen Dezember die absolute Mehrheit bei der Präsidentschaftswahl.

>> zum Artikel im Tagesspiegel

SIEHE AUCH:

An historic day: Saturday, 1 July 2006 was an historic day for all indigenous peoples, for it meant that the Norwegian state no longer owned Finnmark. (Saami Radio, 12.7.06)

Interview with Sámi musician Mari Boine: Dreams about a world without borders

What is controversial about “Evo”? He’s indigenous, a socialist, and emerged as a political leader in coca-growing unions (Savage Minds, 19.12.05)

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile ueber indigene Voelker

Die SZ und die Ureinwohner: Gestrandet im vorsintflutlichen Evolutionismus

How internet changes the life among the First Nations in Canada

Indigenous not always “victims of economic globalisation” – Alex Golubs dissertation on mining and indigenous people

Indigenous Russians Unite Against Oil and Gas Development

The Construction of Indigenous Culture by Anthropologists

Native Rights Issues: Anthropologists under attack

Ethnic hybridity within identity politics: Thesis on Being A Nobel Savage in Brazil

(via ethno::log) Zum Internationalen Tag der indigenen Völker am 9.August schlaegt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Alarm: "Ureinwohner weltweit zunehmend an den Rand der Existenz gedrängt" - von Bergbauunternehmen, Ölkonzernen oder Holzfirmen. Gleichzeitig haben die Repräsentanten der…

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Zwei Tage im Leben der Bundeswehr Ethnologin Barbara Mück

Wie berichtet, hat die Bundeswehr eine Ethnologin zu ihrem Auslandseinsatz in den Kongo mitgenommen. Der Tagesspiegel hat die Ethnologin zwei Tage begleitet. Offenbar hat die Bundeswehr genau die richtige Ethnologin erwischt. Mueck sagt:

“Die Art und Weise der Bundeswehr kommt meinem Typ entgegen. Strukturiert. Pünktlich. Ich war mal in der Entwicklungszusammenarbeit, das war so ein Wir-machen-eine-Arbeitsgruppe-Gelaber. Schrecklich.”

Am ersten Tag soll sie den Frauen „Eufor“ zu erklären, die Europäische Mission in der Demokratischen Republik Kongo:

Eine [Frau] fragt nach den Methoden der Eufor. „Madame Mück, werden Sie notfalls auch Waffen benutzen?“ „Ja, natürlich.“ Missmutiges Grummeln. „Und zwar sehr viele.“ Nun murren einige Frauen laut und machen abschätzige Gesichter. Sie haben genug Waffengewalt gesehen in ihrem Leben. Aber Barbara Mück spricht nun sehr engagiert. „Der Mann, dessen Namen eben niemand nennen wollte, mal angenommen, der greift zu den Waffen. Sollen wir da mit ihm reden? Oder sollen wir ihm nicht lieber zeigen, dass wir stärker sind?“

Darf man dieser Ethnologin trauen?

Die Frauen sollen die Informationen in ihren Vierteln dann weiterverbreiten. Aber später wird sie umgekehrt auch den Soldaten etwas über die Einheimischen erzählen. Deshalb hat auch sie Fragen, zum Beispiel: „Wie ist die Stimmung jetzt vor den Wahlen?“

Am zweiten Tag haelt “Hauptmann (!) Mück” ein Landeskundeseminar fuer 30 Sanitäter der Bundeswehr:

Der Unterricht ist frontal, „aber bitte unterbrechen Sie mich anytime“. Mück steht, Hände hinterm Rücken verschränkt, und beginnt: „Das Bild, das man in der Presse vom Kongo hat, ist nicht das Bild von der breiten Bevölkerung. Der normale Kongolese will Frieden und seine Kinder großziehen.“

Wir erfahren, dass Barbara Mück trotz Uniform keine „richtige“ Soldatin ist, sondern Zivilangestellte der Bundeswehr, Dezernat „Info-Konzepte“. Dieses Dezernat wurde gegründet, um der wachsenden Zahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr gerecht werden zu können.

>> weiter im Tagesspiegel (Link aktualisiert 13.11.2022)

SIEHE AUCH:

Mit in Kongo dabei: Noch eine Bundeswehr-Ethnologin

Deutsche Ethnologin hilft der Bundeswehr

Embedded anthropology? Anthropologist studies Canadian soldiers in the field

“War on terror”: CIA sponsers anthropologists to gather sensitive information

Anthropology and Counterinsurgency: The Strange Story of Their Curious Relations. Is it prostitution if anthropologists work for the military?

Wie berichtet, hat die Bundeswehr eine Ethnologin zu ihrem Auslandseinsatz in den Kongo mitgenommen. Der Tagesspiegel hat die Ethnologin zwei Tage begleitet. Offenbar hat die Bundeswehr genau die richtige Ethnologin erwischt. Mueck sagt:

"Die Art und Weise der Bundeswehr kommt meinem…

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