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International bekannte deutsche Ethnologen?

Deutsche Ethnologen? Den Norwegern an meinem Tisch – Teilnehmer der Jahreskonferenz der norwegischen ethnologischen Vereinigung faellt niemand ein. Ich muss selber ueberlegen, wenn ich aufgefordert werde, bekannte deutsche Ethnologen zu nennen, schliesslich wohne ich seit fuenf Jahren nicht mehr “auf dem Kontinent” (so bezeichnen Norweger Europa ausserhalb Skandinavien). – Schiffauer, sage ich. Er war der erste, der mir einfiel. Er ist am oeftesten in den Medien. “Noch nie gehoert”, bekomme ich als Antwort. Ich nenne noch ein paar – mit dem selben Resultat. Schiffauer war auch die Antwort, die mir in Deutschland arbeitende Ethnologen gestern auf meine Frage nach bekannten, in der Oeffentlichkeit praesenten deutschen Ethnologen, gaben. Und Hauschild!

“Deutsche Ethnologieprofessoren sind selten auf internationalen Konferenzen”, hatte mir letztes Jahr ein norwegischer Ethnologe erzaehlt. Doch die juengere Generation (Doktoranden), sagte er, sei internationaler ausgerichtet. Mit diesem Eindruck kehrte ich auch von der Konferenz Cosmopolitanism and Anthropology zurueck. Die Internationale Ausrichtung zeigt sich auch darin, dass viele (die meisten?) Ethnologen im deutschsprachigen Raum auf Englisch bloggen. Wer weiss, in ein paar Jahren werden meine norwegischen Kollegen vermutlich doch ein paar Ethnologen aus D/CH/Ö aufzaehlen koennen?

Deutsche Ethnologen? Den Norwegern an meinem Tisch - Teilnehmer der Jahreskonferenz der norwegischen ethnologischen Vereinigung faellt niemand ein. Ich muss selber ueberlegen, wenn ich aufgefordert werde, bekannte deutsche Ethnologen zu nennen, schliesslich wohne ich seit fuenf Jahren nicht mehr "auf…

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Kolonialismus ist ueberall – erste deutschsprachige Einführung in postkoloniale Theorie

Patricia Purtschert vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel bespricht in der WoZ neue Buecher zum Thema postkoloniale Theorie, darunter auch die erste deutschsprachige Einführung in dieses fuer die Ethnologie zentrales Thema Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan

Ein Verdienst der postkolonialen Theorie besteht darin, dass sie Kolonialisierung nicht als etwas versteht, das sich ausserhalb der westlichen Metropolen ereignet hat. Sie war über die offiziellen Kolonialgebiete hinaus bedeutsam, unter anderem durch die Wissenschaft, schreibt sie:

Die Entstehung der modernen Wissensformen ist, wie die postkoloniale Theorie zeigt, eng mit kolonialen Praktiken verknüpft. So verdichten sich im 19. Jahrhundert beispielsweise Evolutionstheorie, Medizin, Ethnologie, Biologie und nationalistische Ideologien in den modernen Rassentheorien, welche koloniale, antisemitische und rassistische Praktiken wissenschaftlich legitimieren. Die postkoloniale Theorie geht davon aus, dass solche Wissensordnungen trotz vieler Transformationen und Korrekturen bis in die Gegenwart hinein wirksam sind. Und sie untersucht, wie die problematische Dialektik zwischen Fremdem und Eigenem in Gang gehalten und der Unterschied zwischen dem «Westen und dem Resten» immer wieder neu produziert wird.

Mehrere neuere historische Publikationen, so lesen wir weiter im Text, zeugen davon, dass auch die Schweiz, welche nie offiziell als Kolonialmacht aufgetreten ist, in den Kolonialismus verwickelt war.

Der Sammelband «Spricht die Subalterne deutsch?» widmet sich der Frage, ob und wie die postkoloniale Theorie auf den deutschen Kontext anwendbar ist. Hito Steyerl fordert in ihrem Beitrag die Aufarbeitung der Verbindungen zwischen kolonialen und nationalsozialistischen Praktiken. Kein Nghi Ha plädiert dafür, den aktuellen Umgang mit Migranten durch die Kolonialgeschichte neu zu erschliessen. Er deutet die deutsche Arbeitsmigrationspolitik als eine Umkehr «kolonialer Expansionsformen»:

Er setzt mit seiner Genealogie der deutschen Einwanderungspolitik im wilhelminischen Deutschland an und legt Zusammenhänge zwischen der Kolonialpolitik und der osteuropäischen Arbeitsmigration frei. Damit schreibt er gegen die Vorstellung an, Arbeitsmigration sei ein Phänomen der Nachkriegszeit, und verleiht dem Widerspruch zwischen ökonomischer Ausbeutung und nationalistischer Ausgrenzung von MigrantInnen, der die aktuelle Politik prägt, eine neue Tiefenschärfe.

Solche Beiträge, so die Rezensentin, seien “bedeutsame Interventionen in politische und wissenschaftliche Felder, in denen die Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart überfällig ist”.

>> weiter in der WoZ

SIEHE AUCH:

Christoph Seidler: »Opfer ihrer Erregungen«: Die deutsche Ethnologie und der Kolonialismus

Rethinking Nordic Colonialism

Ausstellung ueber den transatlantischen Sklavenhandel

Patricia Purtschert vom Zentrum Gender Studies der Universität Basel bespricht in der WoZ neue Buecher zum Thema postkoloniale Theorie, darunter auch die erste deutschsprachige Einführung in dieses fuer die Ethnologie zentrales Thema Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do…

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Neuer Ethno-Lotse führt uns zu ethnologischen Informationen

(via EVIFA News)Wie ordne ich eine ethnologische Linkuebersicht besonders benutzerfreundlich? Die neue Loesung des Ethno-Lotsen der Universitäts- und Landesbibliothek Münster wirkt sehr beeindruckend. Die einzelnen Stichworte sind in einer Art Mind-Map angeordnet. Als Informationssuchender hat man sofort den Ueberblick:

ethnolotse

Offenbarer Nachteil: Man muss einen Browser mit Flash installiert haben.

Das LOTSE-Team fuehrt derzeit eine Benutzerbefragung
durch.

ethnolotse

(via EVIFA News)Wie ordne ich eine ethnologische Linkuebersicht besonders benutzerfreundlich? Die neue Loesung des Ethno-Lotsen der Universitäts- und Landesbibliothek Münster wirkt sehr beeindruckend. Die einzelnen Stichworte sind in einer Art Mind-Map angeordnet. Als Informationssuchender hat man sofort den Ueberblick:

Offenbarer…

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Ethnologie und Oeffentlichkeit II: Das ambitioese Projekt der Muenchner Ethnologiestudierenden

Es gibt kein Fach, das so hart um seine wissenschaftlichen Grundlagen zu kaempfen hat wie die Ethnologie. (…) Es ist ein Kampf gegen die Kritiker, die unserem Fach akademischen Autismus und Praxisangst vorwerfen. (…) Um den Gegnern zu zeigen, dass an Ethnologie sehr wohl was dran ist, muessen die Sinne angesprochen werden: Ethnologie muss greifbar, fuehlbar und sichtbar werden.

Dies lesen wir im Editorial von Ethnologik, der Zeitschrift der Muenchner Ethnologiestudierenden. Das Blatt wird sich von nun an verstaerkt mit dem Thema Ethnologie und Oeffentlichkeit beschaeftigen. In der kommenden Ausgabe, die derzeit geplant wird, soll dies Thema noch mehr im Vordergrund stehen, eine Sonderausgabe ist geplant, erfahren wir auf ethno::log:

Bei der letzten Podiumssitzung zur miserablen Lage der Ethnologie entstand die Idee einer Sonderzeitschrift, an der sich verschiedenste Fachrichtungen beteiligen sollen. Diese soll der Öffentlichkeit (und vor allem einflussreicheren Personen) einen kurzen Einblick in unser Fach vermitteln. Dabei sind vor allem die Geistes-, Religions- und Kulturwissenschaften angesprochen, da gerade sie sich bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage unter starken Profilierungsdruck befinden.

ethnologik

Ganze 60 Seiten stark ist die erste Ausgabe der neuen Redaktion geworden mit Interviews mit Einwanderern, Buchbesprechungen, Reiseberichten – dazu recht professionell gestaltet. Mann und Frau auf der Strasse wird das Blatt vielleicht nicht unbedingt ansprechen, fuers Fach muss man sich naemlich schon interessieren.

Sehr interessant ist Wolfgang “anthronaut” Wohlwends Beitrag zum Borderfilm-Projekt. Obwohl nicht von Ethnologen initiiert, ist es ein gutes Beispiel dafuer, wie unser Fach “greifbar, fuehlbar und sichtbar” wie im Editorial gefordert, werden kann. Migrationspolitik ist ein komplexes und polarisiertes Thema. Wie laesst sich sowas ansprechend vermitteln, ohne dass man zu sehr vereinfacht?

Rudy Adler, Victoria Criado und Brett Honeycutt haben Migranten und Grenzwaechtern Einwegkameras in die Hand gedrueckt, damit sie ihren Alltag dokumentieren. Wohlwend schreibt:

“Was da nun troepfchenweise wieder eintrifft, ist Bildmaterial, dessen Intimitaet und Direktheit vereinnahmt. (…) Bilder, die nur jemand machen kann, der sich nicht erst in eine Situation einfuehlen muss, sondern mittendrin ist. Sie sind wertvoll und eine Eintrittskarte fuer eine emische Sichtweise.

(…)

“Es ist eine simple Idee mit einer grossen Wirkung. (…) Die Bilder sind Dokumente, die nicht nur neue Ansaetze in die Immigrationsdebatte fuehren und die Fronten erweichen wird, sondern auch einen interessanten Ansatz fuer zukuenftige Aktionen in aehnlichen Kontexten.”

Wie Daniel Wagner im Eroeffnungstext “Going Public. Der lange Marsch der Ethnologie durch die unbekannte Welt oeffentlicher Meinung” schreibt, gibt es genug Gelegenheiten, uns in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. Doch finde ich nicht, dass sich Ethnologen auf Themen beschraenken sollten, die mit “Fremden” (wer auch immer damit gemeint sein soll) zu tun haben. Denn ethnologisch lassen sich auch Ethnologiestudenten untersuchen und wie wir wissen tragen Ethnologen zur Entwicklung von High-Tech-Geraeten, Webdiensten oder Espressomaschinen bei.

Wagner zitiert C.Lenz:

[w]enn ich zeigen kann, dass die Lokalpolitik in einem nordghanesischen Dorf nicht grundsaetzlich anders funktioniert als in einem hessischen Dorf, ist das noch berichtenswert?

Selbstverstaendlich. Denn in der Ethnologie geht ja nicht darum darzustellen, worin sich Leute in Nordghana von jenen in Hessen unterscheiden. Es geht darum, ihr Leben zu dokumentieren, um so ethnologische Theorien weiter zu entwickeln und Menschen im allgemeinen besser zu verstehen. Einsichten in ihr politisches System liefert wichtige Informationen fuer eine generelle Theorie von Politik (die auch fuer Politologen und Soziologen relevant ist).

Das Potential der Ethnologie bestuende darin, die westliche Perspektive erweitern zu helfen, schreibt Wagner weiter. Das hoert sich ethnozentrisch an. Sollte Ethnologie nicht auch die oestliche, suedliche und noerdliche Perspektive, ganz allgemein die Perspektive aller Menschen erweitern helfen? Schliesslich kritisiert er ja selbst die Zurueckhaltung vieler Ethnologen, wenn es darum geht, andere Gesellschaften zu kritisieren. Abgesehen davon gibt es ja genug Ethnologen ausserhalb des “Westens”.

Wie Thomas Hylland Eriksen in seinem Buch Engaging Anthropology: The Case for a Public Presence, bemaengelt Daniel Wagner die Sprache, in der ethnologische Texte verfasst werden:

“Vor allen Dingen muessen wir schreiben lernen. Und zwar so, dass uns auch diejenigen lesen wollen, die uns bislang aus gutem Grund mieden.”

Ethnologik ist schon mal ein vielversprechender Anfang!

PS: Es soll auch bald eine Webversion der Zeitschrift geben – und zwar auf www.ethnologik.de

ethnologik

Es gibt kein Fach, das so hart um seine wissenschaftlichen Grundlagen zu kaempfen hat wie die Ethnologie. (...) Es ist ein Kampf gegen die Kritiker, die unserem Fach akademischen Autismus und Praxisangst vorwerfen. (...) Um den Gegnern zu zeigen, dass…

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Neuer dtv-Atlas Ethnologie verhöhnt die Leserschaft?

(via ethno::log) “Die universitäre Bildung ist durch PowerPoint-Denken und infantilisierende Veranschaulichung gefährdet”, schreibt die Sueddeutsche in ihrem Text ueber den neuen dtv-Atlas Ethnologie.

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Die Sueddeutsche geht nicht gnaedig mit dem Buch um:

Man muss kein platonischer Bilderhasser sein, um in der Art und Weise, wie hier Theorien und Methoden des Faches in Was-ist-was-Bildchen umgesetzt werden, eine groteske Verhöhnung der Studierfähigkeit der vorgestellten Zielgruppe zu sehen.

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Nachdem ich die beiden Abbildungen aus dem Buch in der Sueddeutschen gesehen habe, war mein erster Gedanke: Stammt das Buch aus dem 19. Jahrhundert? Soll Kolonialbeamten mit geringer Schulbildung das Verhalten der “Wilden” naehergebracht werden? Doch man soll ein Buch nicht beurteilen, ohne es gelesen zu haben. Vielleicht sind die anderen Illustrationen gluecklicher gewaehlt. Und vielleicht ist der Text ja annehmbar (deutsche Ethnologie-Lehrbuecher sind in der Regel schlecht und veraltet). Das Inhaltsverzeichnis sind z.T vielversprechend aus. Hervorzuheben ist die Behandlung nationaler Fachtraditionen (Frankreich, Russland, Brasilien, Japan, Indien, Native Anthropology etc). Im Vorwort wird viel Wert auf eine interdisziplinaere Perspektive gelegt.

Skeptisch macht einem jedoch das Titelblatt – in Zeiten wo Ethnologen ihre Feldarbeit in Shoppingzentren, Computerfirmen und Fussfallvereinen machen, ziert dennoch einer jener “edlen Wilden” das Cover.

>> zur Besprechung des Buches in der Sueddeutschen

Der Autor – Dieter Haller – hat uebrigens eine eigene Homepage mit nuetzlicher Linksammlung

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(via ethno::log) "Die universitäre Bildung ist durch PowerPoint-Denken und infantilisierende Veranschaulichung gefährdet", schreibt die Sueddeutsche in ihrem Text ueber den neuen dtv-Atlas Ethnologie.

Die Sueddeutsche geht nicht gnaedig mit dem Buch um:

Man muss kein platonischer Bilderhasser sein, um in der Art…

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