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Neue Blicke auf “das Fremde”: Sozialanthropologie-Studentinnen geben Buch heraus

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Seminararbeiten verstauben oft in Schubladen. Wiener Sozialanthropologie-Studentinnen dagegen haben aus den Arbeiten ein Buch gemacht. Es hat den Titel “Das Fremde: Konstruktionen und Dekonstruktionen eines Spuks“.

Ich habe mich mit den beiden Redakteurinnen Stephanie Krawinkler und Susanne Oberpeilsteiner, Studierende der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, kurz per email unterhalten

antropologi.info: Wieso (noch) ein Buch ueber Fremde?

Stephanie Krawinkler und Susanne Oberpeilsteiner: Unser Sammelband umfasst 6 Beiträge, die in verschiedenen interdisziplinären Feldern angesiedelt sind: Philosophie, Psychologie, Wirtschaft, Politik, Geschichte – immer kombiniert mit einer kultur- und sozialanthropologischen Perspektive. Diese Interdisziplinarität ist eher ungewöhnlich und bietet daher einen neuen Zugang zum Thema. Uns war es ein Anliegen aufzuzeigen, welchen Beitrag Kultur- und SozialanthropologInnen in diesen Feldern leisten können.

Die Auseinandersetzung mit dem, was fremd ist, führt unweigerlich zur Frage nach Grenzen und der Überschreitung dieser Grenzen – was unserer Meinung nach auch für die Wissenschaften gelten sollte. Durch die interdisziplinären Beiträge möchten wir zeigen, dass besonders junge WissenschafterInnen ein Interesse haben über die Disziplingrenzen hinaus zu arbeiten und dabei den anthropologischen Fokus vertreten können.

Ueber welche Fremden schreibt Ihr und warum redet Ihr von einem Spuk?

DAS Fremde gibt es nicht. Es steht immer im Kontrast zum Eigenen und daher ist das Fremde auch für jede Person anders definiert. Den Texten liegt keine gemeinsame Definition des Fremden zu Grunde. Ein Spuk ist etwas, das man sich rational nicht erklären kann. Auf unseren Untertitel übertragen meint Spuk weniger genaues Wissen, als vielmehr eine Ahnung bzw. eine Annahme.

Dies trifft unserer Meinung gerade auf das Thema “Das Fremde” zu. Ein Stammtischthema, zu dem viele meinen, sie müssten mitreden – ohne sich mit “dem Fremden” direkt auseinanderzusetzen, ohne zu definieren, was damit gemeint ist. Jeder spricht über etwas anderes. Durch konkretes Hinschauen auf “Das Fremde” kann der Spuk dekonstruiert werden.

So zeigen etwa der Beitrag über Kritische Diskursanalyse und jener über die Begegnung zwischen Afrikanern und ÖsterreicherInnen in der Nachkriegszeit auf, wie diffuse Vorstellungen vom Fremden den Umgang mit ihnen im Alltag bestimmen. Mithilfe eines psychoanalytischen Zugangs macht die Autorin des Beitrags über einen Fanta-Werbespot deutlich, wie verdrängte Bedürfnisse dem Fremden zugeschrieben werden: Bamboocha, ein an sich inhaltsleerer Begriff, wird in Verbindung mit den Tugenden der Bevölkerung Hawaiis gebracht und im Rahmen des Werbespots auch mit Fanta gleichgesetzt. Durch den Kauf von Fanta können KonsumentInnen jene Bedürfnisse befriedigen, die sie in der westlichen, von Kapitalismus und Wettbewerb geprägten Gesellschaft verdrängen mussten.

In allen drei Beiträgen werden durch die Thematisierung der Fremdzuschreibungen die in den Köpfen der Menschen herumspukenden Vorstellungen vom Fremden dekonstruiert.

Hat das Buch eine Hauptaussage? Bietet ihr “Loesungen” oder alternative Perspektiven auf “die Fremden” an?

Das Buch bietet keine direkten Lösungen an. Einige Beiträge zeigen Dekonstruktionsmöglichkeiten auf, manche schlagen vor, die verwendeten Begriffe zu überdenken, – etwa zu hinterfragen, was man unter „Kultur“ tatsächlich versteht – eine isolierte Einheit, zu der man dazugehört oder nicht, oder einen Sinn- und Deutungshorizont, der allen offen steht; je nach Definition ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen für Konzepte des Multikulturalismus.

Wieder andere Beiträge verweisen auf die Vorteile, die Vielfalt mit sich bringt und wie diese auch im Unternehmen sichtbarer gemacht und gefördert werden kann. Im Sinne der Kritischen Diskursanalyse machen alle Beiträge auf die Konstruiertheit „des Fremden“ aufmerksam, und darauf, dass man – je nach Perspektive – auch selbst der/die Fremde sein kann. Nur wenn man weiß, was man selbst und die Gesprächspartner unter diesem Begriff verstehen, kann man sich sinnvoll damit auseinandersetzen.

Habt Ihr schon mal ein Buch herausgegeben? Es ist, nehme ich an, nicht gerade alltaeglich, dass Studenten ein Buch herausgeben? Wie habt Ihr das auf die Reihe gekriegt? Ein langer muehsamer Prozess oder einfacher als man denkt?

Wir hatten keine Herausgeberinnenerfahrung als wir mit dem Projekt begannen. Dass Studierende ein Buch herausgeben ist nicht sonderlich alltäglich. So gab es zu Beginn auch etliche Unkenrufe, dass wir keinen Verlag und keine Förderer finden würden.

Doch die Skeptiker behielten nicht recht, unser Optimismus war überzeugend: Der LIT-Verlag hatte Interesse an unserem Manuskript und die Stadt Wien, das Land Vorarlberg, die Österreichische HochschülerInnenschaft und die Institutsgruppe Kultur- und Sozialanthropologie förderten unser Publikationsprojekt.

Von der Idee bis zur Verwirklichung sind beinahe 1,5 Jahre vergangen. In dieser Zeit wurden die Texte von den AutorInnen intensiv überarbeitet, der Verlag gesucht, die Finanzierungsanträge geschrieben, das Buch lektoriert und gelayoutet. Der Verein fokus_irrt hat uns über diesen Zeitraum hinweg unterstützt und uns viele Tipps zum Thema Veröffentlichung gegeben. Es war ein langer, arbeitsintensiver Weg – aber wir finden es hat sich gelohnt!

Besteht das Buch aus Seminararbeiten oder wurden die Texte extra fuer das Buch geschrieben?

Die Basis für die Beiträge wurde im Sommersemester 2006 im Rahmen eines Seminars erarbeitet. Begeistert von der Vielfalt der thematischen Inhalte und der intensiven Auseinandersetzung, wollten wir die Texte nicht nach der Benotung in der Lade bzw. in den PCs ‘verstauben’ lassen.

Als sich unsere Idee der Veröffentlichung konkretisierte, wurden die besten Seminararbeiten vom Seminarleiter Herrn Mag. Karall ausgewählt. Wir konnten dann die AutorInnen für unser Projekt begeistern.

Die Texte wurden zu einem Artikelentwurf umgearbeitet. In weitere Folge kontaktierten die AutorInnen erfahrene WissenschafterInnen und ersuchten Sie um eine Art review. Daraufhin wurden die Texte überarbeitet. Im Frühjahr 2008 folgte ein weiterer Qualitätskontrollschritt: KollegInnen vom Verein fokus_irrt haben die Texte nochmals lektoriert (reviewed). Nach einem weiteren Überarbeitungsschritt folgte eine letzte Kontrolle der Einarbeitungen bevor es ans Layouten ging.

An wen wendet sich das Buch? Ist es ein Fachbuch oder ist es allgemeinverstaendlich geschrieben?

Das Buch richtet sich an Studierende und Interessierte mit unterschiedlichstem fachlichen Hintergrund, die einen außergewöhnlichen Querschnitt zum Thema “Das Fremde” lesen möchten. Sprachlich richten sich die Texte nicht an ein rein ethnologisches Publikum – so haben wir auch darauf geachtet, kultur- und sozialanthropologische Fachbegriffe zu erklären. Der Sammelband ist vor allem für all jene interessant, die sich über die Grenzen ihrer Disziplin hinaus mit dem Thema beschäftigen wollen.

Hier ist das Inhaltsverzeichnisses des Buches, das vor ein paar Tagen im Lit-Verlag erschienen ist:

  • Peter H. Karall: Vorwort
  • Stephanie A. Krawinkler & Susanne Oberpeilsteiner: Einleitung
  • Caroline Purps: Die Kritische Diskursanalyse
  • Aleksandra Kolodziejczyk: _wien ist eine weltoffene stadt_
  • Susanne Oberpeilsteiner: Konzepte von Multikulturalität und Multikulturalismus
  • Stefan Weghuber: Begegnungen zwischen Afrikanern und ÖsterreicherInnen um 1945, am Beispiel Vorarlbergs
  • Stephanie A. Krawinkler: Diversity Management
  • Hanna M. Klien: Was ist Bamboocha?

AKTUALISIERUNG: Siehe auch meine Rezension des Buches: Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit "Fremdem"

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Seminararbeiten verstauben oft in Schubladen. Wiener Sozialanthropologie-Studentinnen dagegen haben aus den Arbeiten ein Buch gemacht. Es hat den Titel "Das Fremde: Konstruktionen und Dekonstruktionen eines Spuks“.

Ich habe mich mit den beiden Redakteurinnen Stephanie Krawinkler und Susanne Oberpeilsteiner, Studierende…

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“YouTube ist der Pulsschlag unserer Kultur” – jetzt.de interviewt Michael Wesch

Seine YouTube-Videos machten ihn zu einen der bekanntesten Ethnologen der Welt. In einem Interview mit jetzt.de erzaehlt Michael Wesch von der neuen Kultur der Beteilung auf YouTube und warum das Internet unser Leben genauso veraendert wie es das Auto getan hat.

In den 90er-Jahren war er auf Feldforschung in Papua New Guinea, nun schaut er sich stundenlang YouTube-Videos an und stellt selber welche ins Netz. Schuld haben seine Studis. Denn “YouTube ist fester Bestandteil ihrer Kultur”, erzaehlt er.

Auf YouTube entstehen neue Arten von Beziehungen:

Die Menschen auf YouTube fühlen sich mit der ganzen Welt verbunden, empfinden aber dennoch ein hohes Maß an Autonomie, ja manchmal auch an Einsamkeit.

jetzt.de: Woran liegt das?

Wesch: Naja, die meisten Nutzer sitzen ja alleine vor ihrem Rechner, in ihrem eigenen Zimmer. Da kann so etwas wie Einsamkeit entstehen, die in besonderen Momenten mit anderen geteilt werden kann. Wenn zum Beispiel Menschen über ihre Webcams sprechen – vielleicht sogar über ihre Einsamkeit – dann ensteht wieder eine Verbindung.

jetzt.de: Es geht also um eine globale Verbindung in einem privaten Rahmen?

Wesch: Kann man so sagen. Es geht darum, Gefühle zu teilen. Nehmen Sie das Beispiel des „Numa Numa“-Songs. Der heißt nach dem Refrain des Lieds „Dragostea din tei“. Dieser Song ging um die Welt, weil ein Junge in New Jersey ihn nachgesungen und online gestellt hat. Das war der Startpunkt für zahlreiche Menschen, diesen Song auch zu singen und sich gemeinsam mit Gary Broslma aus New Jersey darüber zu freuen. Aber „Numa Numa“ ist nur ein Beispiel für die Kultur der Beteiligung, die auf YouTube gepflegt wird. Menschen teilen sich mit, teilen ihre Gefühle und werden dabei selber aktiv. Das ist eine kraftvolle Entwicklung.

(…)

Früher ging es aber meist um Live-Webcams: Einer spricht in die Kamera, der andere sieht zu oder antwortet im Chatroom. Bei YouTube haben viel mehr Menschen die Möglichkeit, sich selber ins Bild zu setzen. Hier beginnt die kulturelle Veränderung: Junge Menschen sehen nicht mehr passiv fern; es geht schon beim Sehen um die Frage, wie ich die TV-Inhalte kommentieren, remixen oder umgestalten kann. Das ist eine neue Einstellung gegenüber den Medien.

Auf die Frage warum er private Home-Videos wissenschaftlich erforscht, antwortet er dass wir an diesen Videos “den Pulsschlag unserer Kultur ablesen” koennen:

Dabei geht es nicht so sehr um die Inhalte, sondern darum, dass jeder Mensch diese Technologie nutzen kann. Ich vergleiche das mit dem Automobil und wie es die Gesellschaft verändert hat: Beim Auto wurden die Städte den Ansprüchen der mobilen Fortbewegung angepasst. Wir untersuchen, welche Veränderungen das Internet auslöst. Dabei schauen wir uns ein spezifisches Phänomen wie YouTube und all die Filme an, die dort hochgeladen werden. Man muss all diese Details zusammentragen, um einen Blick auf das große Ganze zu kriegen.

>> weiter auf jetzt.de

SIEHE AUCH:

Interview with Michael Wesch: How collaborative technologies change scholarship

Via YouTube: Anthropology students’ work draws more than a million viewers

“YouTube clips = everyday ethnography”

antropologi.info survey: Six anthropologists on Anthropology and Internet

Journal Ethnologie über Second Life und andere “digitale Welten”

Seine YouTube-Videos machten ihn zu einen der bekanntesten Ethnologen der Welt. In einem Interview mit jetzt.de erzaehlt Michael Wesch von der neuen Kultur der Beteilung auf YouTube und warum das Internet unser Leben genauso veraendert wie es das Auto…

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Neue Ethmundo über Polygamie, spiessige Lesben und andere “Beziehungen”

“Beziehungen” ist der Schwerpunkt der neuesten Ausgabe des Ethnologie-Magazines Ethmundo. Die Autorinnen haben faszinierende Geschichten aufgegabelt, die alle aufzeigen, dass “die klassische Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau” nur eine von vielen Moeglichkeiten ist.

Besonders faszinierend ist der Text 1 ÷ 4 x 4000 = Fernbeziehung à la malienne von Caro Kim. Sie erzählt von einer ungewöhnlichen Fernbeziehung. Reinhilds Mann Bathily wohnt in Mali – 4000 Kilometer von Deutschland entfernt. Sie ist zudem die vierte Frau in einer polygamen Ehe. Und es scheint ihr gut zu gehen. Ihr Verhältnis mit den anderen Frauen ist nicht von Rivalität geprägt. Sie redet über ihre „Mit-Frauen“ als Schwestern. Sie ist Teil einer großen Familie geworden, in der sie sich sehr wohl fühlt.

Schon von Polyamorie gehört? Dass sich ihre Liebe und Sexualität auf jeweils nur einen Menschen beziehen soll, ist manchen Menschen suspekt. Polyamorie ist eine Liebesbeziehung zu mehreren Menschen gleichzeitig, erklärt Annika Strauss in ihrem Artikel „Ich liebe euch!“ Oder: Von der Kunst, mehr als nur einen Menschen zu lieben. Sie gibt uns Einblicke in eine “immer grösser werdende Subkultur”, die zuerst in Nordamerika, in den letzten Jahren aber auch zunehmend in Europa immer mehr Anhänger findet. Der Begriff „Polyamorie“ entstand um etwa 1990 und wird seit 1992 vor allem in Internetforen popularisiert. Die von polyamoren Menschen angestrebten Beziehungen sind keine Seitensprünge, sondern langfristig angelegt, vertrauensvoll und schließen normalerweise Sexualität mit ein. (Man muss nicht verheiratet zu sein, dies ist offenbar einer der Unterschiede zur Polygamie)

Spiessige Lesben? Ja, natürlich gibt es sie auch. Im Artikel Doppelt unkonventionell stellt uns Simone Schubert ein Lesbenpaar in einem Dorf im Spessart vor. “Wie sind verheiratet und treu, bauen ein Haus und am Wochenende putzen wir auch schon mal statt Party zu machen“, sagen die beiden.

Beziehungen zu Toten? In Geschenke für die Ahnen – Austauschbeziehungen zwischen Lebenden und Toten in Südthailand berichtet Judith Pein unter anderen von Ahnenritualen, an denen sowohl Buddisten und Muslimen teilnehmen.

Von Mensch-Tier-Beziehungen schreibt Julia Koch in ihrem schönen Text Leben und sterben lassen – von Mufflons und Menschen. Sie hat einen Jäger auf seiner Arbeit begleitet und schreibt:

Das sterbende Tier zuckt noch ein paar Mal, der Jäger schließt ihm die Augen. Diese Geste rührt mich; vielleicht sagt sie mehr aus über das Verhältnis von Jäger und Gejagtem als die Erklärungen, die ich vorher hörte. „Jagen dient dem Naturschutz“, sagen viele. Und natürlich beschafft der Jäger Fleisch. In diesem Moment aber sehe ich in der Jagd etwas höchst Intimes und beginne zu ahnen, warum sie in vielen Gesellschaften mit religiösen Ritualen synchron geht: Sie führt mitten hinein in den Kreislauf des Lebens und Sterbens.

Es gibt noch mehr Texte zum Thema, siehe http://www.ethmundo.de/

"Beziehungen" ist der Schwerpunkt der neuesten Ausgabe des Ethnologie-Magazines Ethmundo. Die Autorinnen haben faszinierende Geschichten aufgegabelt, die alle aufzeigen, dass "die klassische Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau" nur eine von vielen Moeglichkeiten ist.

Besonders faszinierend ist der…

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Ethnologen, erforscht die Hobbits, Utopier und Vogonen!

Die letzten unentdeckten Gesellschaften dieser Erde sind mitten unter uns. Es wird Zeit, dass die Ethnologen sie erforschen. Ethnologen, stuerzt Euch auf die Phantasy- und Sciencefiction-Bueche!

In der aktuellen Ausgabe des Muenchner Studentenmagazins Ethnologik, fordert Susann Lentzsch Ethnologen auf unkonventionell zu denken. Andere Gesellschaften gibt es nicht nur in fernen Laendern, sondern auch in Buechern:

Warum sollten in unserem weitgefassten, holistischen, interpretierenden Kulturbegriff, so schillernde Gesellschaften wie die der Utopier (‚Utopia’: T. Morus), der Hobbits (‚Lord of the Rings’: J.R.R. Tolkien) oder auch der Vogonen (‚A hitchhikers guide to the galaxy’: D. Adams) keinen Platz finden.
(…)
Auch sie haben eine Geschichte, eine Gegenwart und hoffentlich auch eine Zukunft. Doch gerade ihre Historie ist oftmals bekannter, als bei jeder realen schriftlosen Kultur, da sich ein guter Schriftsteller nicht zu schade ist, seine Völker auch mit Geschichte und Mythen auszustatten.

Einige dieser Buecher lesen sich wie richtige Ethnographien, u.a. “Utopia” von Thomas Morus:

Geschrieben im Jahre 1516, lange bevor an eine wissenschaftliche Ethnologie überhaupt zu denken war, stellt uns der Autor die fiktive Insel Utopia und ihre Bewohner vor. Er behandelt nacheinander fünf Komplexe des Lebens der utopischen Kultur: die Verfassung, die Gesellschaftsordnung, die Sittenlehre, die Außenpolitik und schließlich auch die Religion der Utopier. All diese Teilbereiche fügen sich zu einem (natürlich nicht ganz vollständigen) Gesamtbild des utopischen Lebens zusammen.

Interessant beim Studium dieser Gesellschaft ist auch der Hintergrund der Veröffentlichung und die Geschichte des Autors dazu.

>> weiter in der Ethnologik

Dieser Text erinnert an eine Debatte zu Star Trek und Ethnologie im Forum! Wir hatten bereits einige Studien zum Thema gefunden.

Die letzten unentdeckten Gesellschaften dieser Erde sind mitten unter uns. Es wird Zeit, dass die Ethnologen sie erforschen. Ethnologen, stuerzt Euch auf die Phantasy- und Sciencefiction-Bueche!

In der aktuellen Ausgabe des Muenchner Studentenmagazins Ethnologik, fordert Susann Lentzsch Ethnologen auf unkonventionell…

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Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

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Haben Türken türkische Kultur und Deutsche deutsche Kultur? Endlich ist ein Buch auf Deutsch herausgekommen, dass mit der Vorstellung aufräumt, die Welt sei in abgrenzbare Kulturen eingeteilt, und auf die fatalen Konsequenzen dieses Denkens hinweist – dazu noch leichtverständlich:

Maxikulti heisst das Buch, geschrieben von zwei Ethnologen, die wir vom Blog CultureMatters kennen: Joana Breidenbach und Pál Nyíri.

Ausgangspunkt des Buches ist ein Problem, das auf diesem Blog viel kritisiert wurde: die Kulturalisierung von Problemen: “Kopftuchdebatte, Karikaturenstreit, EU-Osterweiterung: Kulturelle Unterschiede halten immer stärker her als Erklärung für gesellschaftliche Konflikte”, so die Autoren. Der Glaube an die Unversöhnlichkeit von Kulturen boome. Unser Kulturbegriff, so die Ethnologen, sei falsch und gefährlich, führe zu schlechter Politik, humanitären Katastrophen zu Vorurteilen und Intoleranz.

Eines ihrer Beispiele handelt von Atsushi, einem japanischen Studenten, der an einer australischen Universität einen Linguistikkurs belegte, in dem es um kulturelle Aspekte von Sprache ging. (Quelle: weltbild.de):

Eines Tages forderte der Dozent ihn auf, den anderen Seminarteilnehmern zu zeigen, “wie Japaner sich begrüßen”. Atsushi hob seine Hand, wedelte mit den Fingern und sagte “Hello”.

Der Dozent war unzufrieden: “Ich meine, wie begrüßt du Menschen in eher formellen Situationen?”

Atsushi zuckte mit den Schultern und wiederholte seine Geste.

Nun wurde der Dozent – der von Atsushi erwartet hatte, dass er eine Verbeugung vorführt – langsam ärgerlich und fragte: “Was machst Du bitte schön, wenn Du dem Kaiser vorgestellt wirst?”

Atsushi, der sich inzwischen unangenehm bedrängt fühlte, erwiderte, er wolle den Kaiser lieber nicht kennen lernen.

Schlussendlich führte der Dozent selbst eine “typische japanische Begrüßung” vor, während Atsushi noch Wochen später empört von diesem Vorfall erzählte.

In der Berliner Gazette erklärt Joana Breidenbach:

In Maxikulti argumentieren Pal Nyiri und ich gegen eine Perspektive, die die Welt als Mosaik wechselseitig von einander abgegrenzter Kulturen sieht. Stattdessen beschreiben wir die enorme kulturelle Ausdifferenzierung weltweit, die es mit sich bringt, dass zwar immer weniger Menschen vor Ort ein gemeinsames kulturelles Inventar miteinander teilen, zugleich aber viele Brücken zu weit entfernt lebenden Menschen begehen können.

Immer mehr Menschen entwickeln ein kulturvergleichendes Bewusstsein: ihr Repertoire möglicher Verhaltensweisen und Normen erweitert sich im Kontakt mit anderen Kulturen. Diese Erweiterung der Wahlmöglichkeiten ist für die menschliche Entwicklung an sich unverzichtbar.

(…)

Ich möchte ein Bewusstsein dafür wecken, dass Kulturen von globalen Einflüssen nicht notwendigerweise zerstört werden, sondern Menschen Fremdes oft nutzen, um mehr sie selbst zu werden. Da heute so viele Menschen mit der gleichen Waren- und Ideenwelt konfrontiert sind, stellt sich die Frage nach den Gemeinsamkeiten neu.

Natürlich, schreiben die Ethnologen, seien in manchen Situationen Kenntnisse über kulturell unterschiedliche Werte und Verhaltensweisen notwendig. Doch es sei “wichtiger, Behauptungen kritisch zu hinterfragen, die im Namen von Kultur aufgestellt werden, und die dahinter versteckten Machtmechanismen zu verstehen.”

Das Buch steht als pdf zum Download bereit und ich werde im Laufe der nächsten Wochen vermutlich mehr darüber schreiben.

Ich hatte mich mit diesem Thema in meiner Lizenziatsarbeit Wessen Kultur bewahren? auseinandergesetzt und auch darauf hingewiesen, dass auch in der Ethnologie teils ein sehr zweifelhaftes Kulturverständnis aufzufinden ist. In einem führenden deutschsprachigen ethnologischen Wörterbuch fand ich folgende Definition von Kultur:

Kultur = die Summe der von einem Volk hervorgebrachten und tradierten geistigen, religiösen und künstlerischen Werte sowie seiner Kenntnisse und Handfertigkeiten, Verhaltensweisen, Sitten und Wertungen, Einrichtungen und Organisationen, die in ihrer strukturellen Verbundenheit als eine Art gewachsener Organismus den Lebensinhalt eines Volkes in einem bestimmten Zeitraum repräsentieren. Kultur kann aber auch kurz als Gruppenerscheinung einer völkischen Einheit angesprochen werden.

Dieses von der Nationalromantik geprägte Bild von Kultur ist besonders in der deutschsprachigen Ethnologie verbreitet, siehe u.a. Ethnologie-Einführungen und die Sonderstellung der deutschen Ethnologie.

UPDATE 1: >> Interview mit Joana Breidenbach im Dom-Radio

UPDATE 2: (via religionswissenschaft.info) Die Faz bespricht das Buch, siehe Die Irrtümer des Kulturalismus

SIEHE AUCH:

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

Einwanderung, Stadtentwicklung und die Produktion von “Kulturkonflikten”

Kindesmissbrauch bei den Aborigines: Kultur als Vorwand

Rassismus: Kultur als Deckmantel

Ethnologe: “Ethnien und Religion sind keine Kriegsursachen”

Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

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Haben Türken türkische Kultur und Deutsche deutsche Kultur? Endlich ist ein Buch auf Deutsch herausgekommen, dass mit der Vorstellung aufräumt, die Welt sei in abgrenzbare Kulturen eingeteilt, und auf die fatalen Konsequenzen dieses Denkens hinweist - dazu noch leichtverständlich:

Maxikulti…

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