search expand

Lernen von den Yanomami-Müttern?

In manchen Laendern wurde gestern der Muttertag gefeiert und deshalb interviewte der FOCUS die Ethnologin Gabriele Herzog-Schröder zur Situation der Mütter bei den Yanomami in Venezuela.

“Frauen, die zugunsten ihrer Karriere auf Kinder verzichten, können hier zu hohem Ansehen und viel Geld kommen”, sagt sie. Die Entscheidung zwischen „Rabenmutter“ oder „Heimchen am Herd“, lesen wir, stelle sich für sie nicht. Sie koennen ihre Kinder bei fast allen Tätigkeiten um sich haben. Und wenn nicht, greife das soziale Netz (Familienzusammenhalt, Nachbarschaftshilfe, Frauensolidarität). Kinder übernehmen früh Verantwortung und seien, so die Ethnologin, stolz darauf, mithelfen zu können.

Wie immer wenn ueber Indianer geschrieben wird, werden Stereotype verbreitet. Die Journalistin schreibt “Naturgesellschaften sind einfach strukturiert”. (Es gibt keine Naturgesellschaften und auch von aussen “einfach” wirkende Gesellschaften koennen hoch komplex organisiert sein).

Auch die Ethnologin kommt mit einer problematischen Aussage:

„Wir lernen von den Yanomami-Müttern nicht, wie wir es besser machen können. Jede Kultur hat ihre eigene Strategie.”

Man kann vielleicht nicht alle Organisationsformen vom Regenwald in eine Millionenstadt 1:1 uebertragen, jede Uebertragungsmoeglichkeit grundsaetzlich auszuschliessen mit dem Hinweis, es handele sich um eine “andere Kultur”, grenzt schon an (kulturellen) Rassismus – vorausgesetzt das Zitat ist korrekt.

>> zur Geschichte im FOCUS

SIEHE AUCH:

Ethnologen protestieren gegen Mel Gibsons „Apocalypto“

Romantisierungen am “Internationalen Tag der indigenen Völker”

Die SZ und die Ureinwohner: Gestrandet im vorsintflutlichen Evolutionismus

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

In manchen Laendern wurde gestern der Muttertag gefeiert und deshalb interviewte der FOCUS die Ethnologin Gabriele Herzog-Schröder zur Situation der Mütter bei den Yanomami in Venezuela.

"Frauen, die zugunsten ihrer Karriere auf Kinder verzichten, können hier zu hohem Ansehen und…

Read more

So lebt der Kolonialismus in der Ethnologie weiter

Die Ethnologie hat keine ruhmreiche Geschichte. In der neuen Ausgabe von Jungle World gibt uns Thomas Brückmann einen Ueberblick ueber das Fortwirken des Kolonialismus in unserem Fach und in ethnologischen Museen. Er bespricht auch Gegenmassnahmen, u.a. kritische Weißseinsforschung:

Wichtig für die Kontextualisierung des Ethnologischen Museums im Kolonialismus ist auch die Betrachtung des Fachs Anthropologie bzw. »Völkerkunde«, wie es im deutschsprachigen Gebiet hieß. Die europäische Expansion und die kolonialen Erobe­rungen ließen dieses Fach überhaupt erst entstehen.

Zum einen gab es eine exotisierende Neugier auf »andere« Gesellschaften. Zum zweiten entstand ein politisches Interesse an Wissen über die eroberten Gesellschaften. Oft versprachen sich die Kolonialbehörden davon eine Verbesserung ihrer Regierungstätigkeiten. So wurden viele Ethnologen von den Kolonialregierungen finanziert und wohnten nicht selten in den örtlichen Gebäuden der Kolonialverwaltung.

(…)

Neben der offensichtlichen Zusammenarbeit mit Kolonialbehörden war die Ethnologie vor allem an der Produktion gesellschaftlich wirksamen Wissens beteiligt. Teil­ten die Kolonialmächte die eroberten Gebiete ungeachtet der vorher existierenden gesellschaftlichen Strukturen in Staaten nach europäischen Vorbild, so vollzog sich ein ähnlicher Prozess innerhalb der Ethnologie anhand von Begriffen wie »Ethnie«, »Stamm« oder »Volk«.

Ethnologische Wissensproduktion war nicht nur ein Problem des »falschen« stereo­typen Wissens über das »Andere«, sondern die Konstruktion des »Anderen« überhaupt.

Kritik, die die koloniale Gegenwart in den Institutionen thematisiert, so Thomas Brückmann, trifft meist auf heftige Abwehr.

>> Einleitung: Staubfänger aus Afrika. Wie der Europäer das exotische »Andere« entdeckte und es bis heute in ethnologischen Museen ausstellt

>> Haupttext: Exotisches Material. Über den Kolonialismus in der Ethnologie und ethnologischen Ausstellungen

Links aktualisiert 13.6.2018

Eine positive Entwicklung: Es ist nicht mehr so selbtverstaendlich das Weisse ueber Nicht-Weisse schreiben.

Kolonialismus, Ethnozentrismus und Rasismus in der Ethnologie haben wir hier regelmaessig diskutiert. Juengste Beispiele waren die neue Webseite der AG Musikethnologie an der Uni Muenchen und die Magazine Ethnologik und Ethmundo, siehe Beitrag Vermitteln Ethnozentrismus und ein ueberholtes Bild von der Ethnologie?

SIEHE AUCH:

Thesis: “Unlearning White Superiority. Consciousness-raising on an online Rastafari Reasoning Forum”

Fieldwork in Papua New Guinea: Who are the exotic others?

Was ist Ethnologie? Eine schöne Definition

Der zweifelhafte Einfluss der Ethnologie

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

For an Anthropology of Cosmopolitanism

Die Ethnologie hat keine ruhmreiche Geschichte. In der neuen Ausgabe von Jungle World gibt uns Thomas Brückmann einen Ueberblick ueber das Fortwirken des Kolonialismus in unserem Fach und in ethnologischen Museen. Er bespricht auch Gegenmassnahmen, u.a. kritische Weißseinsforschung:

Wichtig für die…

Read more

Headbangen und Kühemelken – Kulturclash in Norddeutschland

Full Metal Village (Wacken)

Was passiert, wenn zwei Kulturen aufeinanderprallen? Dieser Frage geht Sung-Hyung Cho im Film Full Metal Village nach. Sie studierte dabei nicht wie altmodische Forscher “Tuerken” und “Deutsche”, sondern Headbanger und Bauern: Was passiert wenn Horden von Metalfans ins das norddeutsche Nest Wacken einfallen? Wir lesen in der Filmbeschreibung:

Der kulturelle Unterschied zwischen den Bewohnern von Wacken und den aus der ganzen Welt angereisten Heavy Metal Fans kann bei oberflächlicher Betrachtung nicht größer sein. Hier Spitzenblusen, goldene Kruzifixe und dunkle Einreiher, da schwarze Lederhosen, Nietenhalsbänder, tätowierte Teufel und schulterlange Haare.

Einmal im Jahr, am ersten Wochenende im August, ist es in dem kleinen schleswig-holsteinischen Dorf Wacken vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit, die sonst das Leben in der 2000-Seelen-Gemeinde prägt, denn dann findet für drei Tage das Wacken Open Air Festival statt. Angefangen hat das alles vor 17 Jahren in einer Kuhle mit ein paar hundert “Headbangern”. In den darauffolgenden Jahren kamen ein paar Tausend. Jetzt ist das Wacken Open Air mit 40.000 Metallern aus aller Welt so etwas wie ein Wallfahrtsort geworden.

Doch die 40-jährige koreanische Filmemacherin, die seit 17 Jahren in Deutschland lebt und hier studiert hat, hat sicher noch mehr “Kulturen” entdeckt, den die Eingeboren in Wacken sind alles andere als homogen. Hier hat es viel kulturell Komplexitaet. “Der Regisseurin Sung-Hyung Cho muss während der Recherche zum Film wohl klar geworden sein, dass eigentlich nichts schillernder, geheimnisvoller und exotischer ist als das vermeintlich schlichte Landleben”, schreibt der Spiegel.

Die Filmemacherin erzaehlt:

Oma Irmchen zum Beispiel mag das Festival nicht. Nicht, weil sie die Leute nicht ausstehen kann oder so, sondern weil sie religiös ist. Sehr, sehr religiös und streng gläubig. Das hat mit ihrer Biographie zu tun. Sie ist eine Flüchtlingstochter aus Ostpreußen. Sie hat einen langen und schwierigen Weg von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein durchgemacht und hat unterwegs Tote gesehen und Tod erlebt. Sie ist überzeugt davon, dass der liebe Gott ihre Familie geschützt hat und deswegen ist sie sehr gläubig und deswegen ist sie gegen das Wacken Open Air. Das ist etwas Essentielles und etwas ganz Rührendes.

Auch wenn Bauer Trede die Geschäfte macht, ist das sehr essentiell. Als Bauer ist es nicht einfach zu überleben. Ohne Subventionen kommen die nicht klar. Daher guckt er immer nach anderen Möglichkeiten, seinen Hof weiterzuführen. So kam es auch zustande, dass er der Chef der Ordner wurde, die Felder verpachtet und so weiter. (…)

Das ist so ein kleines Dorf, da gibt es so wenige Alternativen für junge Leute und das Leben ist wirklich so schlicht und einfach. Da sucht sie nach Alternativen für ein anderes Leben, und das Festival mit Fremden aus aller Welt ist wie ein Rettungsanker. Das ist die weite Welt für sie und das ist wieder essentiell.

Interessant:

Die langhaarigen, schwarzbetuchten und eisenbehangenen Metal-Fans indes schweißen die Landbewohner eher zusammen, denn Widersprüche und Ungereimtheiten im dörflichen Miteinander werden durch sie zum Verstummen gebracht. Deshalb ist es nur konsequent, dass Sung-Hyung Cho in ihre Produktion, die als erste Dokumentation mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, die Wackener die meiste Zeit unter sich zeigt, also vor dem großen Open-Air-Ansturm. Der Alltag fördert einfach mehr Wahrheiten zutage als der Ausnahmezustand einmal im Jahr.

>> zum SPIEGEL-Artikel: Teufelsanbeter im Paradies

>> Interview mit der Filmemacherin und Info zum Film auf wacken.com

SIEHE AUCH:

“Grüezi”: Die Exotik des Schweizer Alltags

“Wie in Afrika!” Ausstellung über archaische süddeutsche Bräuche

Alltagsforschung: “Hoppla, da steckt ja viel viel mehr dahinter”

https://www.youtube.com/watch?v=uZjNhF-HPsE

Was passiert, wenn zwei Kulturen aufeinanderprallen? Dieser Frage geht Sung-Hyung Cho im Film Full Metal Village nach. Sie studierte dabei nicht wie altmodische Forscher "Tuerken" und "Deutsche", sondern Headbanger und Bauern: Was passiert wenn Horden von Metalfans ins das norddeutsche…

Read more

Wie Samenspenden das Selbstbild von Männern verändern

Bis zu 100 000 Kinder sind Schätzungen zu Folge in Deutschland seit den 80er Jahren durch Spendersamen gezeugt worden. Ein Studienprojekt am Berliner Institut für Europäische Ethnologie wird untersuchen wie Samenspenden das Selbstbild von Männern verändern, Fragen nachgehen ob durch anonymen Fremdsamen gezeugte Personen das Recht haben, die Identität ihres genetischen Erzeugers kennen zu lernen. Und: Sind Ei- und Samenzellen gleich zu behandeln? Wie sollten sie gesellschaftlich bewertet werden: Als Ware, als natürliche Ressource – oder als ein Beziehungen stiftendes Geschenk?

>> weiter im Tagesspiegel(Link aktualisiert)

Bis zu 100 000 Kinder sind Schätzungen zu Folge in Deutschland seit den 80er Jahren durch Spendersamen gezeugt worden. Ein Studienprojekt am Berliner Institut für Europäische Ethnologie wird untersuchen wie Samenspenden das Selbstbild von Männern verändern, Fragen nachgehen ob durch…

Read more

Nackte Nagas, Nationalsozialismus und Ethnologie

(LINKS AKTUALISIERT 23.9.2020) Die österreichische Sozialwissenschafterin Hilde Schäffler setzt sich in ihrem Buch “Begehrte Köpfe” mit den Forschungen des Wiener Ethnologen Christoph Fürer-Haimendorf (1909-1995) in Indien auseinander, mit verschiedenen Facetten der Kopfjagd, den nationalsozialistischen Verstrickungen des Forschers, ethnologischer Praxis sowie mit der Kolonialismuskritik, meldet der Standard:

Auch wenn Fürer-Haimendorf bei seiner Feldforschung in den dreißiger Jahren darum bemüht war, die “edlen” Züge der Naga herauszustreichen, so kommen in seinen Arbeiten auch die Wildheit und barbarischen Eigenschaften zum Ausdruck. Nur so sei das gewaltsame Durchgreifen der britischen Kolonialmacht im Rahmen von Strafaktionen zu rechtfertigen gewesen, analysiert Schäffler.

Mit diesen Zeilen im Kopf ist es erstaunlich wie wenig kritisch und eher lobend die Texte ueber diesen Ethnologen auf anderen Webseiten sind, z.B. bei der Minnesota State University oder Archives Hub britischer Unis (nicht mehr online). Vielleicht sollte man sich das Interview mit Christoph Fürer-Haimendorf anschauen und seine Notizbücher durchsehen?

Mehr dazu gibt es bei den Wiener Ethnologen, u.a:

Der weiße Kopfjäger. Fürer-Haimendorf und der Nationalsozialismus (pdf)

Zu Christoph von Fürer-Haimendorf, „Die Stellung der Naturvölker in Indien und Südostasien“ (pdf)

Völkerkunde studieren unter Hitler (pdf)

Selbstkritisch formuliert ist auch die Geschichte des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie in Wien.

SIEHE AUCH:

In Berlin: Protest gegen Fortwirken des Kolonialismus in der Ethnologie

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

Kolonialismus ist ueberall – erste deutschsprachige Einführung in postkoloniale Theorie

Christoph Seidler: »Opfer ihrer Erregungen«: Die deutsche Ethnologie und der Kolonialismus

Völkerkunde unter Hitler: Lehren für die Gegenwart

Anthropology, photography and racism

Racism: The Five Major Challenges for Anthropology

Anthropologists condemn the use of terms of “stone age” and “primitive”

(LINKS AKTUALISIERT 23.9.2020) Die österreichische Sozialwissenschafterin Hilde Schäffler setzt sich in ihrem Buch "Begehrte Köpfe" mit den Forschungen des Wiener Ethnologen Christoph Fürer-Haimendorf (1909-1995) in Indien auseinander, mit verschiedenen Facetten der Kopfjagd, den nationalsozialistischen Verstrickungen des Forschers, ethnologischer Praxis sowie…

Read more