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Ethnologin ueber ‘Schulversager’: “Man sollte eher fragen, was mit den Erwachsenen los ist”

Jedes Jahr verlassen bundesweit acht Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. Was ist mit der Jugend los? “Man sollte eher fragen, was mit den Erwachsenen los ist”, meint Ethnologin Renate Haas. Auf die Frage der Zeitung Märkische Allgemeine, “warum denn so viele Jugendliche durchs Raster fallen”, antwortet sie:

Weil viele Lehrer sehr schlecht damit umgehen können, wenn die Schüler sich nicht ihren Vorstellungen entsprechend entwickeln. In einem Projekt der Berliner Humboldt-Universität haben wir Interviews mit über 90 Schülern geführt, demnach hätten viele Jugendliche durchaus eine Perspektive, wenn man ihnen genügend Zeit ließe und sie dabei unterstützte, ihre persönlichen Interessen und Berufswünsche zu entdecken. Das ist eine mühsame und mit Frustrationen verbundene Arbeit.

Die Lehrer geben sich also keine Mühe?

Haas: Lehrer tun sich schwer mit Kindern oder Jugendlichen, die der Norm nicht entsprechen. Vor allem Schüler, die sich in einer Krise befinden, werden schnell abgeschoben. Urteile wie: “Dem ist eh nicht mehr zu helfen” oder “kein Wunder, dass der versagt, da braucht man doch nur die Eltern anzugucken”, gehören zum Alltag. Das sind Abwehrhaltungen, sie dienen dazu, die Angst und das Unbehagen, die solche Schüler bei den Lehrern auslösen, unbewusst zu machen.

Demnach sind die Lehrer an allem schuld?

Haas: Es geht hier nicht um Schuld, vielmehr darum, dass sie nicht gut genug ausgebildet sind. Sie müssten sich bereits im Studium vergegenwärtigen, dass Schule ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft ist. Die Kinder und Jugendlichen wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Widersprüche und antagonistische Interessen die Regel sind. Am brisantesten derzeit sind die nicht zu lösenden Konflikte zwischen den Arbeitenden und Erwerbslosen. Ähnlich gravierend verhält es sich mit den Interessenkonflikten zwischen den Generationen und den Geschlechtern.

(…)

Warum ist diese Quote dann im Osten so hoch?

Haas: Um nur zwei Gründe zu nennen: Wenn Eltern sich mit Hartz IV einrichten, weil sie keinerlei Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen, ist das sicher genauso wenig ermutigend für Kinder wie etwa Lehrer, die den rasanten Wandel der Gesellschaft nach der Wende nicht verarbeitet haben. Momentan lässt man die Jugendlichen in Brandenburg allem Anschein nach ziemlich allein.

>> weiter in der Maerkischen Allgemeine

Renate Haas arbeitet im Institut für Kulturanalyse, das Konzepte für die Bearbeitung von Konflikten in Institutionen und Gruppen entwickelt, u.a. in Schulen.

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Ethnologe schreibt Migrationsgeschichte – Interview mit Erwin Orywal

Die Migrationsgeschichte Deutschlands ist noch nicht geschrieben. Ethnologe Erwin Orywal hat den Historikern unter die Arme gegriffen und vor wenigen Wochen das Buch Kölner Stammbaum. Zeitreise durch 2000 Jahre Migrationsgeschichte auf den Markt gebracht. Ich habe mich mit ihm per Email unterhalten.

Warum dieses Buch?

Zurzeit findet ein Diskurs über die Frage statt, wie viel Multikulturalität wir uns erlauben wollen oder können (Änderung des Zuwanderungsgesetzes, die Leitkulturdiskussion etc). Köln “verkauft” sich als tolerante Stadt, als eine Stadt des Frohsinns, des Karnevals. Die Zustimmung zum multikulturellen Flair der Stadt ist tatsächlich groß, es gibt jedoch auch Stimmen, die sich gegen “parallelgesellschaftliche” Tendenzen und den Bau der Moschee aussprechen. Die Frage des Buches lautet daher: Wie sind denn nun die Kölner in ihrer über zweitausendjährigen Geschichte mit Fremden umgegangen? Ich habe solche Fragen in Afghanistan und Baluchistan (Pakistan) bearbeitet. Warum nun nicht einmal in Köln, meine Heimat?

Gibt es vergleichbare Buecher? Ist die deutsche Einwanderungsgeschichte geschrieben? In Norwegen kam erst 2003 das Buch “Norwegische Einwanderungsgeschichte” heraus, in Schweden nur wenige Jahre frueher.

Meines Wissens sind solche Bücher im Stil meines “Kölner Stammbaums” nicht vorhanden. Es gibt eine Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten zum Bereich “Migration”, aber eine deutsche Migrationsgeschichte wäre eine Arbeit, die noch geleistet werden müsste.

Sie schreiben dass Sie bzgl Medienecho nicht klagen koennen (u.a. WDR, Lokalradio und Lokalpresse). Es passiert nicht oft, dass Ethnologieprofessoren Buecher schreiben wofuer sich die Medien interessieren?

Kölner haben einen gewissen selbstverliebten Zug, sodass ein Medienecho bei Kölnbezug erwartet werden kann. Es ist weniger eine Frage des Ethnologie-Professors, sondern eine Frage des Schreibstils. Ein Problem ist, dass vielfach für die akademischen Kreise geschrieben wird. Populärwissenschaftliches Schreiben gilt oft als “unfein” bzw. wird als unakademisch definiert. Es gibt erstklassige stadthistorische Arbeiten, die vom Umfang und vom Stil her zu “schwer” für eine Bett-, Urlaubs- oder Informationslektüre sind.

Es war nicht meine Absicht, eine wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben, sondern als Übersetzer der Vielzahl von stadthistorischen Arbeiten tätig zu werden und in einem lesbaren Stil einem breiteren Publikum die Geschichte der Stadt nahe zu bringen.

Was sind Ihre Quellen? Wie haben Sie recherchiert?

Die Quellen sind die Vielzahl von stadthistorischen Arbeiten, Zeitungsberichten, Internetmaterialien sowie, im Rahmen von Seminaren, empirische Erhebungen zu aktuellen und beispielhaften Migrationsgeschichten.

Sie schreiben, dass Migration, kölnbezogen, schon präzise im Jahr 19 vor unserer Zeitrechnung begonnen hat. Warum gerade da? Ist das etwa die Gruendung von Koeln?

Die Geschichte Kölns, und auch die des Rheinlands, begann mit einem Genozid an der ursprünglichen Bevölkerung, die Eburonen. Julius Caesar hatte eine “Neue Weltordnung” formuliert, die vorsah, ganz Gallien und Germanien zu unterwerfen. Bei Widerstand erfolgte das, was kommen musste: die physische Vernichtung eines ganzen Volkes. Danach erfolgte – aus Eigeninteressen der Legionen – eine Umsiedlung der Ubier vom rechtsrheinischen Ufer auf das linksrheinische, und zwar, so unser Wissensstand, im Jahre 19 vor unserer Zeitrechnung. Dies war die erste “Anwerbung von Gastarbeitern”, eine erste Arbeitsmigration in der Kölner Geschichte.

cover

Wer waren die Migranten, woher kamen sie und warum kamen sie in den vergangenen 2000 Jahren nach Koeln?

Die Beantwortung dieser Frage würde den Umfang hier sprengen. Von allgemeiner Bedeutung ist der Aspekt, dass “Römer” nicht gleich frühe Italiener waren. Die Legionäre kamen im Falle Kölns aus Süd-Spanien, aus Frankreich, dem Balkan, vorderorientalischen Regionen, ja, und sogar aus Theben, also Ägypten, wenn man einmal einen gewissen historischen Kern der christlichen Gereons-Legende zugrunde legen würde. Möglichweise kamen daher mit den Legionären auch schon afrikanische Legionäre oder Hilfstruppen nach Köln.

Von einer besonderen Bedeutung ist die Tatsache, dass Köln die Mutterstadt der jüdischen Besiedlung Nord-Europas war und schon, nachweislich, im Jahr 321 hier die größte jüdische Siedlung nördlich der Alpen bestand. Zwischen ca. dem Jahr 300 und dem Jahr 1096 (Erster Kreuzzug) ist für Köln ein friedliches Zusammenleben zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung sowie Angehörigen anderer Religionen höchst wahrscheinlich.

Gab es Perioden, wo es mehr Einwanderer in Koeln gab als heute?

Nein, allein schon aus demographischen Gründen nicht. Aber in Relation gab es Perioden mit starker Einwanderung. Ich nenne nur die Zeit um 1250, als vorzugsweise “französische” Handwerker kamen, um die gotische Kathedrale, den Kölner Dom, zu bauen. Infolge der Zeit von Reformation und Gegenreformation kamen gleichfalls sehr viele Migranten nach Köln. In den Zeiten der “ersten Globalisierung”, also mit Beginn der Neuzeit, kamen vorzugsweise italienische und spanische Kaufleute nach Köln, und mit der erst in der französischen Zeit möglichen Religions-, Niederlassungs- und Gewerbefreiheit kamen dann weitere Migranten nach Köln. Ähnliches gilt für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie war das Verhaeltnis der Koelner zu den Migranten?

Historisch gesehen, gab es die Probleme meistens zwischen den so genannten Religionsgruppen, also im späten Mittelalter mit der jüdischen Bevölkerung, dann mit den Protestanten. Köln war immer katholisch, das “Heilige Köln”. In der Preußischen Zeit Kölns (ab 1815) waren es vorwiegend aus dem Umland zugezogenen Protestanten, die eine neue ökonomische Elite in der Stadt darstellten.

Hilft uns Koelns Einwanderungsgeschichte, die Gegenwart besser zu verstehen was Einwanderung und Auslaender betrifft?

Jede Fallstudie kann dazu beitragen, Phänomene besser verstehen zu können. So auch möglicherweise mein Buch. Es zeigt, dass es lange, lange Zeiten friedlichen Zusammenlebens geben konnte, aber auch Zeiten, in denen die Mächtigen der damaligen Zeit an der “Ethnizitäts-Schraube” gedreht haben, und es kam folglich zu unfriedlichen Zeiten.

Koennen Sie das naeher erklaeren?

Nehmen wir einmal die Zeit um 1350, eine schlimme Zeit der Pest in Europa und in Köln. Der christlichen Bevölkerung fiel auf, dass die jüdischen Einwohner Kölns weniger von der Pest betroffen waren. Um das Unerklärliche der Pest erklärbar zu machen, mussten Begründungen gefunden werden. Einerseits Pest – andererseits die weniger betroffenen Juden.

Medizinische Erklärungen kannte man nicht. Also, wie es vielfach im menschlichen Leben so ist, wurde ein “Sündenbock” gesucht, und da boten sich die Juden an. Man behauptete nämlich, die Juden hätten die Brunnen der Christen vergiftet – und so wurden sie zu den “Brunnenvergiftern”.

Tatsächlicher Hintergrund war jedoch der, dass es in jeder jüdischen Siedlung eine Mikwe gab, ein jüdisches Kultbad, welches aus verschiedenen Anlässen von Frauen und Männern besucht werden musste. Fazit: Die Juden waren im Vergleich zu den Christen weitaus reinlicher, und das hatte geholfen, zumindest anfänglich weniger von der Pest betroffen zu sein. Da es schon seit dem ersten Kreuzzug Pogrome gegen Juden gegeben hatte, war es nun nicht schwer, den “anderen”, nämlich den Juden, den Sündenbock zuzuschieben.

So kam es, dass im Jahr 1424 bis zur französischen Zeit Kölns (um 1800) die Juden völlig aus der Stadt vertrieben wurden. Der vormalige Schutz der Juden durch die Kölner Erzbischöfe und deutschen Könige, weitgehend aus finanziellen Interessen gewährt, trat nun zugunsten des Stereotyps der “Brunnenvergifter” in den Hintergrund.

Konflikte waren groesstenteils religionsbedingt (kombinert mit Klasse wie Sie andeuten) – ausser in Zeiten da an der Ethnizitaets-Schraube gedreht wurde?

Da Religion ein Merkmal, sehr oft ein zentrales Merkmal, der Gruppenidentität ist, würde ich nicht unbedingt zwischen Religionsgruppen oder Sprachgruppen oder ethnischen Gruppen trennen. “Ethnische Gruppe” ist für mich der umfassende Begriff, wobei dann z.B. Religion gruppenkonstituierende Qualität hat. Ethnizität – nach meinem Verständnis der Prozess von Selbst- und Fremdzuschreibung spezifischer Traditionen – so definiert, kann instrumentalisiert werden, und zwar, wie zu sehen, zu allen historischen und rezenten Zeiten. Ethnizität ist somit gleichfalls kein Phänomen der Moderne, wie gerne behauptet wird.

Sie sagten vorher, dass Angehoerige verschiedener Religionen auch lange Zeit friedlich zusammengelebt haben. Da waere es interessant herauszufinden, wann / warum es zu Konflikten kommt?

Identitäten können instrumentalisiert werden, um Schuldzuweisungen machen zu können (siehe Pest-Beispiel), um der Eigengruppe irgendwelche Vorteile zu verschaffen, oder man definiert sich schlicht und einfach als höherwertig (z.B. das “auserwählte Volk”, “gods own country”, “Herrenmenschen”, oder wir “Städter” und der “Hillbilly”).

Im Falle der Kölner Protestanten verknüpfte sich die Ablehnung auch mit der wirtschaftlichen Stärke und Aktivität der Gruppe (“protestantische Ethik“), in denen die katholischen Zünfte der Stadt eine Konkurrenz sahen. Man konnte daher nur als Katholik Mitglied der Zünfte sein. Erst durch die Reformen der französischen Zeit wurde das Monopol der Zünfte aufgelöst und damit auch “ent-ethnisiert”.

Ich habe gelesen, dass Sie sich als Stadtfuehrer ausgebildet haben. Wird es bald Stadtfuehrungen zur Migrationsgeschichte geben?

Es ist mir ein Bedürfnis, eine breitere Öffentlichkeit zu informieren, und mittlerweile weniger ein Bedürfnis, in reiner akademischer Weise zukünftig potenziell arbeitslose Studenten auszubilden. Daher bezieht sich auch ein Großteil meines Unterrichts auf Themen, die in unserer Gesellschaft angesiedelt sind, sodass sich die Studenten mit verständlichen MA-Arbeiten außeruniversitär dann auch besser “verkaufen” können.

Ich bediene sozusagen eine Nische im akademischen Betrieb – aber mit voller Unterstützung meiner Institutskollegen. Als außerplanmäßiger Professor kann und muss ich mir auch eine größere Flexibilität erlauben. Und Stadtführungen bieten hervorragend die Möglichkeit, in historischer als auch aktueller Perspektive Fragen der Migration und der Multikulturalität aufgreifen und sie aus dem akademischen in den öffentlichen Raum tragen zu können.

Letzte Worte an die Leser vor den Bildschirmen?

Auf den ersten Blick erscheint mein Buch ganz bewusst nicht als “Be-Lehrbuch”. Unterschwellig jedoch werden die Leser schon chronologisch durch die Zeiten geführt, entlang des roten Faden von Migration im Wechselspiel mit Ethnizität. Von daher kann mein Buch durchaus als eine ethnologische Fallstudie gesehen werden, aber frei von Fußnoten, analytischen, hermeneutischen oder post-modernen Positionsdiskussionen. Und einmal so, “befreit” von akademischen Grundsatzdiskussionen, schreiben zu können, hat großen Spaß gemacht!

Sollte sich nun ein Interesse an dem Buch bei dem Einen oder der Anderen eingestellt haben, wünsche ich gleichfalls viel Vergnügen beim Lesen und bedanke mich bei der Redaktion für die Möglichkeit, hier einige Gedanken äußern zu können.

Vielen Dank fuer das Interview!

UPDATE WDR5-Interview mit Erwin Orywal

PS: Erwin Orywal hat eine sehr schoene Webseite mit sowohl Texten, Bildern und Videos.

Eine rasche Websuche zu Migrationsgeschichte ergab folgendes Ergebnis:

Deutsche Migrationsgeschichte seit 1871

Einwanderungsgeschichte der Schweiz

Neuere Arbeitsmigration in Oesterreich

Einheimische und Fremde in Linz im 19. und 20.Jahrhundert

Migration Audio-Archiv – hörbare Migrationsgeschichten

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Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

For free migration: Open the borders!

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Neue Webseite zur Ethnologie im Nationalsozialismus

Wie uns Franka Winter im Forum mitteilt, haben die Ethnologen in Hamburg eine neue Webseite zur Ethnologie im Nationalsozialismus erstellt.

Auf der Startseite schreibt Cristian Alvarado:

Einsichten in die damalige Wissenschafts- und Gesellschaftspraxis können unseren Blick für heutige Verhältnisse, Möglichkeiten und Zwänge wissenschaftlicher Arbeit schulen. Angeleitet sind wir dabei von der Haltung, dass uns unsere Vergangenheit verpflichtet, an die Opfer zu erinnern – was eben auch bedeutet: jene Praktiken zu untersuchen, die Menschen im “Dritten Reich” zu Opfern sozialer Ausgrenzung machten, bis hin zu ihrer Ermordung.

Wir wollen dazu beitragen, den moralischen Imperativ Wehret den Anfängen wissenschaftlich und zivilgesellschaftlich zu unterstützen. Daher beschränkt sich das aufzubauende Forum thematisch nicht auf die Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin oder auf die Zeit von 1933 bis 1945 allein. Beides trüge dazu bei, historische Kontinuitäten vor und nach dem “Dritten Reich” als auch disziplinäre Verflechtungen und Überschneidungen zu übersehen.

(…)

Wir wollen zur Erforschung des Themas beitragen und sind überzeugt davon, dass das Internet für die erste Orientierung und zur eigenständigen Einarbeitung in dieses Forschungsfeld dienen kann, gerade indem es auf vorliegende Arbeiten zum Thema “Ethnologie im Nationalsozialismus” und auf relevante Werke möglichst umfassend hinweist.

(…)

Wir wollen mit dem Internetforum einer auf den Elfenbeinturm begrenzten Reichweite wissenschaftlicher Erkenntnisse entgegenarbeiten, um die demokratische Gesellschaft gegen Ungleichheit und Ausgrenzung zu stärken und an die Opfer nationalsozialistischer Gesellschaft mahnend zu erinnern, damit deren Erfahrungen des Grauens nicht vergessen werden.

Da noch viele Aspekte der Ethnologie im Nationalsozialismus kaum bis gar nicht untersucht sind, werden Wissenschaftler und Studierende aufgefordert, sich am Forum Ethnologie im Nationalsozialismus zu beteiligen

>> zur Webseite “Forum Ethnologie im Nationalsozialismus”

Eine aehnliche Webseite haben die Wiener Ethnologen erstellt, siehe Themenschwerpunkt Völkerkunde und Nationalsozialismus

SIEHE AUCH:

Nackte Nagas, Nationalsozialismus und Ethnologie

Wie uns Franka Winter im Forum mitteilt, haben die Ethnologen in Hamburg eine neue Webseite zur Ethnologie im Nationalsozialismus erstellt.

Auf der Startseite schreibt Cristian Alvarado:

Einsichten in die damalige Wissenschafts- und Gesellschaftspraxis können unseren Blick für heutige Verhältnisse, Möglichkeiten und…

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“In den Bergen der Kopfjäger”

Kein Kommentar, der Text spricht fuer sich. Zitat aus der faz:

In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begegnete der österreichische Ethnologe Christoph von Fürer-Haimendorf im weltabgeschiedenen Nordosten Indiens dem Bergvolk der Apa Tani und verewigte es in seinem Buch “Glückliche Barbaren”. Angeregt von dessen Lektüre, reisten Peter van Ham und seine Frau 1996 als erste Europäer seit Fürer-Haimendorf auf den Spuren der Apa Tani (…)

Und wie heisst das Buechle? “In den Bergen der Kopfjäger. Indiens wilder Nordosten” Kam heraus 2006 und nicht 1906!

SIEHE AUCH:

Nackte Nagas, Nationalsozialismus und Ethnologie – ueber Christoph Fürer-Haimendorf

Kein Kommentar, der Text spricht fuer sich. Zitat aus der faz:

In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begegnete der österreichische Ethnologe Christoph von Fürer-Haimendorf im weltabgeschiedenen Nordosten Indiens dem Bergvolk der Apa Tani und verewigte es in seinem Buch "Glückliche…

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Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

antweiler

Christoph Antweiler. Bild: privat

(LINKS AKTUALISIERT 8.4.2020) “Kulturelle Vielfalt ist nur in Zusammenhang mit Gemeinsamkeiten sinnvoll zu untersuchen”, meint Christoph Antweiler. “Was ist Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen” heisst das neue Buch vom Trierer Ethnologen, das also eine der ganz grossen Fragen anspricht (Inhaltsverzeichnis, pdf). Ich habe mich kurz via email mit ihm unterhalten:

Warum dieses Buch? Meinen Sie, Ethnologen hätten zuviel über die Unterschiede zwischen Menschen gesprochen?

Christoph Antweiler: Allerdings! Ethnologen sind nach wie vor stark auf Differenz fixiert. Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen sind zwar ein altes Thema der Ethnologie. Schon die ersten Ethnologen interessierten sich fuer Universalien, aber diese Perspektive war im Fach immer stark unterbelichtet. Mit wenigen Ausnahmen folgten und folgen die Fachvertreter aber der Aufforderung von Clifford Geertz, „Priester der Vielfalt“ zu sein. Auch ich befasse mich in der alltaeglichen Lehre und Forschung vorwiegend mit kulturspezifischen Charakteristika.

Aber kulturelle Vielfalt ist nur in Zusammenhang mit Gemeinsamkeiten sinnvoll zu untersuchen. Mit ihrer fast ausschließlichen Konzentration auf kulturelle Besonderheiten, Unterschiede und Grenzen folgen Ethnologinnen und Ethnologen etwas unkritisch den Menschen in den meisten Kulturen, die sie untersuchen. Die dem entgegenstehende Feier der Auflösung aller kulturellen Grenzen ist ebenso ueberzogen.

Können Sie ein paar Universalien nennen?

Ja, eine Universalie habe ich gerade schon implizit angesprochen. Ueberall gibt es Inklusion und Exklusion, die zumeist strikte Teilung in Eigen- und Fremdgruppe. Fast ueberall geht diese Ethnizität einher mit der Aufwertung der eigenen und der Abwertung anderer Gruppen, also Ethnozentrismus.

Die in der Öffentlichkeit bekannteste Universalie ist die Meidung von Inzest, also vereinfacht gesagt des Geschlechtsverkehrs oder der Heirat zwischen eng verwandten Personen. Es gibt allerdings starke Unterschiede, wer als „eng verwandt“ angesehen wird. Noch allgemeiner: Saemtliche Kulturen haben explizite Normen, die das Geschlechtsleben regeln. Es finden sich keine oder kaum Kulturen, die Jungen und Maedchen gleich sozialisieren, obwohl das durchaus denkbar waere. Es gibt aber auch ganz subtile Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen, z.B. Details der Zeiteinteilung bei der Rezitation von Texten.

Sie schreiben, das Wissen ueber Universalien sei “praktisch relevant für realistische Lösungen menschlichen Zusammenlebens”. Koennen Sie dies naeher erklären?

Die Relevanz entsteht vor allem dadurch, dass wir Menschen wegen immer größerere Vernetzung zunehmend in einer Welt leben und dass gleichzeitig eine der am erfolgreichsten globalisierten Ideen die der kulturellen Besonderheit ist. Jeder ist besonders und alle wollen sich unterscheiden. Das gilt fuer Individuen wie fuer Gruppen bzw. Ethnien. Wir leben in einer Welt der totalen Identitaetspolitik.

Trotz allen Redens ueber Hybriditaet herrscht die Konzentration auf kulturelle Besonderheiten und Unterschiede. Eine Gegentendenz ist die Suche nach Werten, die verschiedene Kulturen in einen Dialog miteinander bringen können. Hier finden wir aber vor allem Wunschdenken, wenig dagegen konkretes Wissen.

Das sieht man z.B. in manchen Projekten für ein globales Ethos oder in Verlautbarungen der UNESCO aus den letzten Jahren. Es wird einerseits eine universale Ethik postuliert; andererseits kulturelle Vielfalt hochgehalten. Die Widersprueche, die sich daraus ergeben, werden ausgeblendet. Ein Beispiel ist das UNESCO-Dokument „Our Creative Diversity“ (1995). Das ist eigentlich eine begrueßenswerte Initiative, die aber politisch naiv ist und dazu durch ethnologische Empirie gar nicht informiert ist.

Hier könnten Ethnologen mit konkretem Wissen aus dem Kulturvergleich nuetzlich sein. Leider fuehrt der systematische Kulturvergleich, obwohl zur Fachtradition gehörend, in der Ethnologie ein Schattendasein, nicht nur in deutschsprachigen Raum.

Was finden Sie besonders bemerkenswert in der Forschungsgeschichte über Universalien? Welche Rolle spielte hier die Ethnologie?

buchcover antweiler
Auffaellig ist das Schwanken zwischen polaren Auffassungen: entweder wird ein extremer Relativismus oder aber ein absolutistischer Universalismus vertreten. Moderate Positionen hatten es immer schwer, auch schon in Zeiten, als es noch keine Massenmedien gab.

Die Ethnologie war und ist besonders fuer einen empirischen Zugang zu Universalien wichtig. Hier waren vor allem kulturvergleichende Arbeiten von George Peter Murdock seit 1945 entscheidend. Fuer das Handwerkzeug der formalen Untersuchung von Universalien (Grundformen, Typen) sind dagegen die Arbeiten der vergleichenden Linguistik und der Kulturphilosophie, z.B. herausragend Elmar Holenstein, besonders wichtig.

Ein Hindernis der Erforschung menschlicher Gemeinsamkeiten war, dass Universalien oft einfach mit der „Natur des Menschen“ der Biologen oder den „anthropologischen Konstanten“ der Philosophen gleichgesetzt wurden. Zusammen mit der allgemeinen „Biophobie“ der meisten Kultur- und Geistswissenschaftler fuehrte das dazu, dass das Thema gar nicht angegangen wurde oder Universalien als banal galten.

Mit Donald Brown, dem fuehrenden unter einer Handvoll von Universalienforschern in der Ethnologie, bestimme ich Universalien bewusst so, dass in der Definition keine Erklaerung eingebaut ist. Universalien sind Merkmale bzw. Charakteristika, die empirisch nachweisbar und regelmaeßig in fast allen oder allen Kulturen vorkommen. Ihre Ursachen sind sehr verschieden. Extrem verkuerzt gesagt sind Universalien teils Resultat der Biologie menschlicher Personen, teils das Ergebnis ubiquitaerer Diffusion und teils der praktische Effekt des Lebens in einer ueberall in Teilaspekten aehnlichen materiellen Welt.

Was ist Ihre Position in der Debatte um die Begriffe “Kultur” und “Kulturen”? Ist die Welt in verschiedene “(ethnische) Kulturen” eingeteilt oder ist diese Vorstellung ueberholt, macht Menschen fremder als sie sind, exotisiert und (z.B. in der Auslaenderdebatte) stigmatisiert?

Schwierig! Die Welt ist tatsächlich in ethnische Kulturen geteilt, aber dennoch gibt es Austausch und Uebergänge! Was ich in der gängigen Kulturtheorie beobachte – und was mich echt nervt – ist, dass das Baby immer gleich mit dem Badewasser ausgekippt wird.

OK, extreme Positionen gehören im mediatisierten Wissenschaftsmarkt zum Geschaeft. Klar ist, dass das Kugelmodell bzw. Containermodell geschlossener Kulturen falsch ist. Die Feier der sich auflösenden Grenzen verkennt aber völlig, dass Menschen trotz aller globalen Kulturfluesse in aller Regel in bestimmten kulturellen und raeumlich begrenzten Einheiten aufwachsen.

Anders als die Helden des modischen Theorieschrifttums ist es eben immer noch nicht so, dass die typische Erdenbuergerin von einer kreolischen Mutter und einem migrantischen Vater in einem Flugzeug gezeugt und auf einem Flughafen geboren wird, um ihr Leben dann als transnationale Stadtnomadin in Megacities zu verbringen.

Ethnizitaet ist sicherlich oft situativ und wird strategisch eingesetzt. Das schließt aber nicht aus, dass sie grundlegend auch primordial gepraegt ist. Allgemeiner sollte die Ethnologie wieder staerker betonen, dass Kulturen zwar nicht ultraholistisch integriert sind, aber eben auch keine zusammenhanglosen Haufen. Kulturen sind systemische Formen menschlicher Daseinsgestaltung.

Einteilungen auf der Ebene der Großkulturraeume haben seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 eine ungeahnte Popularitaet erreicht. Auch ich halte das Culture Clash- Modell Samuel Huntingtons fuer allzu einfach, tendenziell ideologisch und zudem fuer zu sehr auf Religion fixiert. Aber auch hier wurde mit der berechtigten Kritik das Kind mit dem Bade ausgeschuettet.

Ich vermute, dass jeder Ethnologe, der nicht nur immer in sein eigenes Feldforschungsgebiet, sondern weiter in der Welt herumreist, bestaetigen wird, dass es so etwas wie regional gepraegte Mentalitaeten und Handlungsroutinen gibt. Ich sag´ das mal am Beispiel meiner Regionalgebietes. Trotz aller extremen (!) Diversitaet innerhalb der Kulturen Suedasiens gibt es bestimmte grundlegende Unterschiede zwischen Kulturen Suedasiens und Suedostasiens. Diese konkret empirisch zu benennen, faellt zugegebenermaßen schwer, ist aber möglich.

Dementsprechend meine ich auch, dass man die unter Ökonomen so extrem populaeren Einteilungen von Hofstede und Trompenaars konkret kritisieren und verbessern sollte, statt sie nur runter zu machen. Was mich aus universalistischer Sicht aber vor allem stört, ist die Einseitigkeit der Kritik. An Huntington wird – z.B. von Ethnologen – fast immer das grobe Raster der Einteilung kritisiert, auf die faktisch viel größere Differenzierung hingewiesen. Das andere Problem des Kultur-Clash-Modells wird dabei völlig uebersehen. Die Gemeinsamkeiten von Kulturen bleiben völlig außen vor, genau wie bei den kleinteiligen Differenzierungen der Ethnologen.

Es muss lange gedauert haben, dieses Buch zu schreiben? Es ist selten, dass Bücher zu solch umfassenden Fragen (“big questions”) von Ethnologen geschrieben werden?

An dem Buch hab´ ich ueber zehn Jahre gearbeitet! Ich habe neben dem Unialltag und Lokalstudien zu Indonesien und anderen Arbeiten, immer nebenbei an dem Buch gearbeitet.

Die allgemeine Situation an den Universitaeten hierzulande lässt kaum umfassende Werke zu. Hinzu kommt der Zustand der Ethnologie in Deutschland. Umfassende Studien werden genauso gemieden, wie einführende Werke. Beide sind aber wichtig und hier könnten die aktiv in der Forschung stehenden jungen Ethnologinnen und Ethnologen gestaltend wirken. Aber aus dem Mittelbau werden breiter angelegte Studien genauso selten kommen, wie Einführungswerke.

Ich habe das Glück, eine Professur zu haben; ansonsten ist so etwas zu gefährlich! Die Rezensions-“Kultur“ in Deutschland ist ohnehin extrem gering und dazu erratisch gepraegt. Ueber viele Kollegen und Buecher bilden sich die Meinungen vor allem ueber Telefonnetzwerke, statt ueber publizierte Rezensionen. Insofern sind Websites wie Ihre, Herr Khazaleh, fuer ein Fach wie die Ethnologie wirklich wichtig!

Bei grundlegenden Werken lauert wie bei Einführungen (dem m.E. anspruchvollsten Genre ueberhaupt) immer die Gefahr, dass einen die Kollegen gleich zerfetzen. So zeigen etliche der Rezensionen zum neuen DTV-Atlas Ethnologie (von Dieter Haller, 2005), dass die Rezensenten den Autor vor allem aufgrund einiger Grafiken abwatschen, ohne ueberhaupt genau auf den Text einzugehen.

Haben Sie vor, das Thema zu popularisieren, an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln? Ich nehme an, das Buch richtet sich hauptsächlich an Studenten und Forscher?

Das Buch wendet sich an Forscher, aber ganz bewusst nicht nur an Ethnologen, weshalb ich es diesmal nicht dem Reimer Verlag, sondern der WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt) angeboten habe. Da ist die Startauflage gleich höher und der Leserkreis breiter.

Für Studenten ist das Buch zu teuer, aber ich habe das Thema Universalien auch im Rahmen eines billigen Taschenbuchs zu kultureller Vielfalt zumindest grob behandelt („Positionen interkultureller Ethnologie“, 2007, 10 €).

Gerne wuerde ich das Thema einer breiten Öffentlichkeit vermitteln; deshalb auch dieses Interview. Ein Traum von mir wäre, wenn das Buch von Leuten popularisiert wuerde, die anders als ich wirklich gut schreiben können. Ich denke an die von mir hoch geschätzen Ethnologinnen Ina Zukrigl und Joana Breidenbach. Die können vereinfachen, spannend schreiben und dabei dennoch sachlich bleiben, wie das leider vergriffene Buch zu kultureller Globalisierung zeigt („Tanz der Kulturen“, zuletzt 2000).

Letzte Worte an die Leser an den Bildschirmen?

Interessant sind Universalien, wenn man sie nicht als Absoluta und als das Gegenteil von Unterschieden sieht, sondern als Muster im „Meer kultureller Vielfalt“.

Lesen Sie nicht nur mein Buch, sondern auch Autoren, die aus ganz anderen Ueberlegungen heraus zum Schluss kommen, dass Kultur nicht nur relativ bzw. auf Differenz zu reduzieren ist. Ich denke z.B. an Aufsaetze und populaere Zeitungsartikel von Thomas Hauschild, der trotz deutlich anderen Erfahrungen und theoretischen Positionen ähnliches betont. Ferner empfehle ich das neue Buch des Ökonomen Amartya Sen „Die Identitaetsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“, 2007.

AKTUALISIERUNG

“Focalizar o que é comum aos seres humanos” – Uebersetzung des Interviews auf Portugiesisch

Besprechung des Buches auf rezensionen.ch

antweiler

Christoph Antweiler. Bild: privat

(LINKS AKTUALISIERT 8.4.2020) "Kulturelle Vielfalt ist nur in Zusammenhang mit Gemeinsamkeiten sinnvoll zu untersuchen", meint Christoph Antweiler. "Was ist Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen" heisst das neue Buch vom Trierer Ethnologen, das also eine der ganz…

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