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Ausstellung “Crossing Munich”: Ethnologen für neue Perspektiven in der Migrationsdebatte

Wie können Ethnologen zu einer nuancierteren Migrationsdebatte beitragen? In München startet ab 10. Juli ein neuer Versuch. Zusammen mit Volkskundlern, Historikern und Künstlern haben Studierende und Doktoranden der Ethnologie an der Uni München die Ausstellung “Crossing Munich” konzipiert.

Drei Semester lang hat sich dieses interdisziplinäre Team mit dem Thema Migration in München auseinandergesetzt. Doch die Forschenden waren nicht nur in München unterwegs, sondern auch in Istanbul, Antwerpen oder Pristina im Kosovo.

Sie wollen zeigen, dass man das Thema Migration auch anders diskutieren kann. Migration dreht sich nicht nur um Kultur, Ethnizität oder Integration. Und ob nun Migration eine Bereicherung oder eine Bedrohung darstellt, ist auch nicht die interessanteste Problemstellung.

Die Ausstellung hat auch eine überraschend informative Webseite und ist damit auch für uns interessant, die weit weg von München wohnen.

Einen Einblick in die Ausstellung finden wir unter dem Menuepunkt Projekte.

In ihren Projekten verorten die Forscher die Stadt München in einem globalen Netz von Bewegungen und Verbindungen – sowohl heute wie auch in der Vergangenheit.

Einen spannenden Eindruck macht das Projekt Spedition Schulz. Die Autos und Autowracks, die man von aussen sieht, lassen nicht erahnen, dass die „Spedition Schulz“ Teil eines übergreifenden transnationalen ökonomischen Systems ist, welches München mit Afrika und Vorderasien verbindet:

Die Arbeit „Spedition Schulz“ geht in akribischer Feldforschung den ökonomischen Transaktionen nach und macht die transnationalen familiären, sozialen und ökonomischen Pfade sichtbar, die von diesem Ort ausgehen. (…) So erzählen die Autos, die z.B. über Antwerpen afrikanische Häfen ansteuern, nicht nur eine post-koloniale Geschichte von historischen Handelsnetzwerken und ungleichen Tauschbeziehungen, sondern über die Mikroökonomie eines Speditionsplatzes auch die Geschichte afrikanischen Lebens in München.

Einen wichtigen aber offenbar unbekannten Teil der Geschichte rollt das Projekt Migrantische Kämpfe. Kämpfe der Migration auf:

Bisher ist die Geschichte der Proteste und Kämpfe der MigrantInnen der ersten Stunden der „Gastarbeitsära“ nur in sehr geringem Umfang aufbereitet worden. Allerdings können die Recherchen von „Migrantische Kämpfe – Kämpfe der Migration“ deutlich machen, in welchem breitem Ausmaß sich bereits die sogenannte erste Generation an den Protest- und Streikbewegungen in den 1960er und 1970er Jahren beteiligte und/oder ihre eigenständigen politischen Projekte, Solidaritätsbewegungen und Forderungen nach gleichen Rechten in Bildung, Arbeit und Staatsbürgerrecht entwickelte. (…) Das Wissen um diese Ereignisse wird aber bis heute nur spärlich weitergegeben.

Einen kritischen Beitrag zur Debatte um “Ghettos” in den Vorstädten liefert das Projekt “westend“. Die Migration von Arbeitern aus dem Süden veränderte nämlich den Diskurs über die Verhältnisse in den Vorstädten:

Während zunächst noch die sozialen „krassen Missstände“ (SZ 3.3.1970) in den zu hohen Preisen vermieteten Altbauwohnungen angeklagt wurden, produzierte der bald einsetzende Ghetto-Diskurs (1972) eine andere öffentliche Aufmerksamkeit. Jetzt waren es nicht mehr die Praktiken der Vermieter, sondern „der Zustrom der Gastarbeiter“, der plötzlich mit den als Ghettos stigmatisierten Stadtteilen ein Gesicht bekam. (…) Die Arbeit „westend urban_lab“ startet mit einer kritischen Lektüre des Münchner Ghetto-Diskurses und begibt sich selbst auf historisch-ethnographische Spurensuche ins Westend.

Das Dossier skizziert die Positionen der beteiligten Wissenschaftlerinnen. Die wissenschaftliche Leiterin der Ausstellung, Volkskundlerin/Europäische Ethnologin Sabine Hess, wirft in ihrem Text Welcome to the Container einen kritischen Blick auf die dominierenden Diskurse über Migration und zeigt neue Wege in der Forschung auf (sprachlich jedoch nicht gerade leserfreundlich)

Es ist vor allem wichtig, das Containerdenken und den methodologischem Nationalismus zu überwinden und transnationale Perspektiven anzuwenden.

Mit Containerdenken meint sie folgendes:

Die eigene Gesellschaft oder die Stadtgesellschaft wird als kulturell homogener Zusammenschluss mit deutlichen Grenzen vorgestellt. Naturalistischen, ja gar physikalischen und hydraulischen Gesellschaftsvorstellungen folgend wird das von außen Kommende als Fremdkörper imaginiert, das die „Aufnahmefähigkeit“, die „Belastbarkeit“, die „Integrationskraft“ der nationalen Containergesellschaft herausfordert, aus dem „Gleichgewicht“, ja zum „Überlaufen“ bringt (vgl. Crossing Munich 2009).
(…)
Politisch gesehen bringt das Containermodell dabei eine ungeheuere Rigidität mit sich, die den Prozess der Akkulturation und Neuansiedlung in nationale Loyalitäts- und Identitätsrhetorik kleidet nach dem Motto: „Du kannst kein anderes Vaterland neben mir haben“. Diese Perspektiven sind der derzeitigen Integrationsdebatte tief eingeschrieben, die Integration als Imperativ an die MigrantInnen adressiert.

>> zur Webseite von Crossing Munich

UPDATE 1: Interview mit Sabine Hess in der Sueddeutschen und Ausstellungsbesprechung auf no-racism.net

UPDATE 2: 900 Gäste kamen zur Eröffnung. Crossing Munich wurde ausgewählt an der 4. Internationalen Architektur Biennale Rotterdam teilzunehmen, die unter dem Motto „Open City: Designing Coexistence“ vom 24. September 2009 bis zum 10. Januar 2010 stattfindet. Crossing Munich ist in der Kategorie Diaspora vertreten und wird sich dort neben Projekten aus Taiwan, Tokio, Washington und Leipzig präsentieren.

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Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Wie können Ethnologen zu einer nuancierteren Migrationsdebatte beitragen? In München startet ab 10. Juli ein neuer Versuch. Zusammen mit Volkskundlern, Historikern und Künstlern haben Studierende und Doktoranden der Ethnologie an der Uni München die Ausstellung "Crossing Munich" konzipiert.

Drei Semester…

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Ehre und Scham: Ist das die Rolle von Ethnologen?

Haben Deutsche keine Ehre? Ist Denken und Handeln in Ehre- und Schamkategorien etwas Vormodernes, das man nur bei Einwanderern findet? Diesen Eindruck hinterlässt jedenfalls die Lektüre der neue Ausgabe von Journal Ethnologie zum Thema Ehre und Scham.

Die Texte handeln nämlich nicht um weisse Männer, die aus verletztem Ehrgefühl Ehefrau und Kinder umbringen oder Politiker und Manager, die Selbstmord begehen oder Dorfbewohner auf der Schwäbischen Alb, die darauf aufpassen, dass immer die Fassade stimmt und man als ehrenhafter Bürger aufgefasst wird.

Die Texte handeln dagegen um Georgien oder Albanien – und um Ehrenmorde, die von Einwanderern begehen werden. Es wimmelt von Generalisierungen. Und Ehre und Scham als ein Prinzip dargestellt, das eigentlich durch “Modernisierung” überwunden sein sollte, aber in unseren Breitengraden “im Zusammenhang mit der Lebensgestaltung von Migranten im urbanen modernen Europa plötzlich wieder auftaucht”.

Bringt uns diese Perspektive weiter? Stimmt sie mit der Wirklichkeit überein? Welches Bild wird von den sogenannten “anderen” vermittelt? Was wird indirekt über die Mehrheitsgesellschaft in nördlicheren Breitengraden ausgesagt?

Vielleicht bin ich wieder zu kritisch, doch die Texte scheinen mir ein Grundproblem deutscher Ethnologie zu illustrieren, das ich schon mehrmals thematisiert habe, siehe Ethnologie-Einführungen und die Sonderstellung der deutschen Ethnologie und Vermitteln Ethnozentrismus und ein ueberholtes Bild von der Ethnologie? sowie Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Haben Deutsche keine Ehre? Ist Denken und Handeln in Ehre- und Schamkategorien etwas Vormodernes, das man nur bei Einwanderern findet? Diesen Eindruck hinterlässt jedenfalls die Lektüre der neue Ausgabe von Journal Ethnologie zum Thema Ehre und Scham.

Die Texte handeln nämlich…

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Ueber Heiler und Gesundbeter: Ethnologin schreibt Bestseller

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Was ist der Ursprung der Volksmedizin in der Westschweiz? Sind Heiler Scharlatane? Bücher von Ethnologen sind selten Kassenschlager. Die Schweizer Ethnologin Magali Jenny jedoch hat es geschafft: Die Startauflage von 6000 Exemplaren ihres Buches Guérisseurs, rebouteux et faiseurs de secret en Suisse romande war in weniger als einer Woche ausverkauft. In fünf Monaten druckte der Verlag sechs Auflagen. Journalisten aus der Westschweiz und Frankreich überhäuften sie mit Anfragen für Interviews, meldet die Basler Zeitung.

Die Freiburger Ethnologin wusste zwar, dass das Wirken von Heilern, Glieder-Einrenkerinnen und Gesundbetern die Leute interessiert. Dennoch wurde sie von der Erfolgswelle ihres Buchs überrollt, lesen wir.

Ihre Lizenziatsarbeit an der Universität Bern schrieb sie über die Tradition der Heiler im Kanton Freiburg. Das neue Buch keine wissenschaftliche Abhandlung. Sie geht Fragen nach wie Was ist der Ursprung der Volksmedizin in der Westschweiz? Sind Heiler Scharlatane? Wird Gott oder der Teufel angerufen?

>> weiter in der Basler Zeitung

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Was ist der Ursprung der Volksmedizin in der Westschweiz? Sind Heiler Scharlatane? Bücher von Ethnologen sind selten Kassenschlager. Die Schweizer Ethnologin Magali Jenny jedoch hat es geschafft: Die Startauflage von 6000 Exemplaren ihres Buches Guérisseurs, rebouteux et faiseurs de secret…

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Volkskunde-Studenten entwickeln Wiki über bayrische Bräuche

Zum 1. Mai soll es online gehen: In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege entwickeln Augsburger Studenten ein Brauch-Wiki, ein Online-Lexikon, an dem zukünftig jeder mitschreiben kann, schreibt die Welt am Sonntag.

Ethnologin Margaretha Schweiger-Wilhelm, die das Projekt leitet, meint mithilfe dieses Wikis könne eine Datenbank entstehen, wie sie mit den herkömmlichen Methoden der Feldforschung niemals möglich wäre. Sie hofft, dass so ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild der Brauchtumslandschaft entstehen kann.

Denn der Wissenschaft, ebenso bestehenden Brauchtumslexika im Internet, fehle oft der Bezug zur Gegenwart, die Beschreibungen seien “sehr reproduktiv”, sagt Michael Richter vom Heimatverein für Landespflege. “Bräuche sind aber nichts Statisches, sie verändern sich permanent, das soll das Projekt deutlich machen.”

“Es gibt so viele Leute, die im Internet schreiben”, sagt Seminarteilnehmerin Luisa Berger. “Das wird auch für die Bräuche funktionieren.”

Die Studenten im Volkskunde-Seminar schreiben gleichzeitig wissenschaftliche Artikel über bayerische Bräuche – auch neueren Datums.

>> weiter in der Welt am Sonntag

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Musikethnologie des Alphorns – neue Multimedia-Webseite

“Mediterranean Voices” – Ethnologen mit neuer Multimedia-Datenbank im Netz

Interview with anthropologist Michael Wesch: How collaborative technologies change scholarship

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Online: New book on the cultural significance of Free Software

Zum 1. Mai soll es online gehen: In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege entwickeln Augsburger Studenten ein Brauch-Wiki, ein Online-Lexikon, an dem zukünftig jeder mitschreiben kann, schreibt die Welt am Sonntag.

Ethnologin Margaretha Schweiger-Wilhelm, die das Projekt leitet, meint…

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Ethnologie-Vorlesungen gratis auf iTunes

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Die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hat ab sofort eine eigene Plattform auf iTunes. Im Angebot an Audio- und Video-Podcasts finden wir auch die Vorlesungsreihe “Einführung in die Ethnologie” von Frank Heidemann. Man kann sich 14 Vorlesungen anschauen zu Themen wie Kulturrelativismus, Teilnehmende Beobachtung, visuelle Ethnologie usw.

LMU-Präsident Professor Bernd Huber sagt in einer Pressemitteilung:

“Die LMU erprobt seit längerem mithilfe der neuen Medien innovative Formen der Wissensvermittlung in Ergänzung zum grundlegenden Lehrangebot. Auf unserem neuen Portal bündeln wir sukzessive diese audiovisuellen Inhalte aus der Lehre, aber auch zur Forschung an der LMU und zu unserem Profil. Damit wollen wir gezielt die ‘Generation iPod’ erreichen.”

>> zum ITunes-Angebot der Uni München

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Die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hat ab sofort eine eigene Plattform auf iTunes. Im Angebot an Audio- und Video-Podcasts finden wir auch die Vorlesungsreihe "Einführung in die Ethnologie" von Frank Heidemann. Man kann sich 14 Vorlesungen anschauen zu Themen wie Kulturrelativismus,…

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