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Ethnologie und die Sehnsucht nach dem Tod

Vor drei Jahren hat sich sein bester Freund das Leben genommen. Den Ethnologen Falk Blask liess das Thema Suizid seitdem nicht mehr los. Schliesslich bot er ein Uni-Seminar zur Sehnsucht nach dem Tod an. Die Ausstellung “Sterben wollen. Denkraum Suizid” in Berlin ist Ergebnis dieses Seminares, so die Mitteldeutsche Zeitung.

Zum heutigen Welt-Suizid-Präventionstag symbolisieren alte Haustüren mitten in Berlin den freiwilligen Ausstieg aus dem Leben. Mehr als 9000 Menschen bringen sich in Deutschland jedes Jahr um. Weltweit sind es eine Million.

Einen normalen Umgang mit dem Thema Suizid gibt es nicht, prangern die Ausstellungsmacher an. Es ist immer noch ein Tabu-Thema. Sie hatten in all den Jahren ihrer Männerfreundschaft über vieles gesprochen, aber nie über den Tod, erzählt Ethnologe Falk Blask.

Doch der Bedarf darüber zu reden scheint gross zu sein. Blask schrieb das Suizid-Seminar für 15 Teilnehmer aus. Doch als er zur ersten Stunde kam, sassen da 90 Leute. Und niemand war bereit, wieder zu gehen.

Vielleicht liegt es daran, dass viele jemanden kennen, der sich das Leben genommen hat oder es versucht hat. Ja, nun weiss Blask, dass viele seiner Studenten ähnliche Erfahrungen haben wie er: Freunde, Eltern oder Geschwister nahmen sich das Leben.

>> weiter in der Mitteldeutschen Zeitung

Vermeidung braucht Öffentlichkeit heisst passenderweise der Text auf pressetext.at . Selbstmordprävention solle in Nachrichtensendungen oder auf Titelblättern denselben Stellenwert bekommen wie dies der HIV/Aids-Problematik bereits gelungen ist, so Georg Fiedler von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprophylaxe. “Mehr Aufmerksamkeit und eine Enttabuisierung des Themas wären wünschenswert.”

Menschen nehmen sich das Leben aus verschiedenen Gründen. Persönliche Krisen werden verschlimmert durch gesellschaftliche Entwicklungen. Mehr Selbstmorde durch Krise erwartet, meldet der Stern Vor allen Dingen ältere Menschen denken an Suizid, erfahren wir bei domradio.de Und die taz schreibt über Selbstmord als Machtinstrument: Milliardär Adolf Merckle liess sich vom Zug ueberollen nachdem sein Unternehmen Konkurs ging. In dieser Ohnmacht wollte er noch einmal Macht beweisen – über das eigene Leben und den eigenen Tod. Zum Recht, sich das Leben zu nehmen, hat Michal Kolesar einen interessanten Text geschrieben: “Wert des Lebens“.

Selbstmord ist ein komplexes Thema, das fachlich von Psychologen und Medizinern dominiert wird. Inspiriert vom Selbstmord einer guten Freundin (einer Ethnologin uebrigens) habe ich letzte Nacht den Text “The Anthropology of Suicide” geschrieben. In den Wochen und Monaten nach ihrem Tod hab ich mir oft die Frage gestellt, ob ihr Leben haette gerettet werden koennen, wenn mehr ueber solche Themen geredet wuerde und wir damit mehr ueber “psychische Probleme” Bescheid wuessten – ein Bereich wo auch unser Fach wichtige Arbeit zu leisten hat.

Vor drei Jahren hat sich sein bester Freund das Leben genommen. Den Ethnologen Falk Blask liess das Thema Suizid seitdem nicht mehr los. Schliesslich bot er ein Uni-Seminar zur Sehnsucht nach dem Tod an. Die Ausstellung "Sterben wollen. Denkraum Suizid"…

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Neuer Anthro-Gruppenblog “Teilnehmende Medienbeobachtung” und Podcasts!

Sieben Sozialanthropologinnen mit Link zur Uni Wien haben soeben den Blog Teilnehmende Medienbeobachtung ins Leben gerufen. Aus der Selbstbeschreibung:

In Österreichs Medien finden sich immer wieder Stereotype und Falschinformationen über als fremd empfundene Menschen, Gesellschaften, Religionen oder Regionen. Auch verschiedene diskriminierende Diskurse – zum Beispiel rassistische, sexistische, exotisierende – werden erzeugt und fortgeführt.

Die Kultur- und Sozialanthropologie, die sich mit dem Menschen als sozialem und kulturellem Wesen beschäftigt, hätte daher viel zum medialen Diskurs in Österreich zu sagen – und die Initiative „Teilnehmende Medienbeobachtung“ will hier aktiv werden.

Unser Ziel ist es, Medien kritisch zu beobachten, zu hinterfragen und zu kommentieren bzw. zu ergänzen. Mindestens alle zwei Wochen, bei Bedarf auch öfter, werden Beiträge zu verschiedenen Themen gestaltet, die hier veröffentlicht und den jeweiligen Medien als LeserInnenbriefe bzw. Gastkommentare zugesandt werden. Dadurch möchte die Initiative „Teilnehmende Medienbeobachtung“ problematische Medieninhalte nicht nur innerhalb eines akademischen Rahmens diskutieren, sondern direkt im öffentlichen Diskurs sichtbar machen.

Der erste Beitrag besteht aus einem Leserbrief, den Margit Wolfsberger, Vizepräsidentin der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft an den Standard geschickt hat. Anlass ist die neue Serie “Exotische Staaten”. Sie hat einiges Kritikwürdiges entdeckt in den Texten “Politik mit der Wurzel des Pfefferbaums” und “Warum Tuvalu ein Staat ist, Prinz Leonard aber kein echter Prinz”. Der Beitrag beinhaltet auch die Antwort des Leserbeauftragten im Standard, Otto Ranftl.

>> zum Blog “Teilnehmende Medienbeobachtung”

Ein vielversprechender Beginn. Willkommen in der Blogosphäre!

Teilnehmende Medienbeobachtung hat ausserdem zwei Webseiten auf seiner Linkliste, die ich noch nicht kannte: Talking Anthropology und Ethnowelle. Beide bieten Podcasts an.

Aus der Selbstbeschreibung von Talking Anthropology:

Ziel von Talking Anthropology ist es, anthropologische Themen einem breiten Publikum zu vermitteln. Dafür wird das universelle Mittel des Gesprächs gewählt, Menschen sollen aus ihren Erfahrungen, ihrer Arbeit und ihrem persönlichen Hintergrund heraus Themenfelder mit anthropologischem Bezug veranschaulichen. Die Sendungen sollen möglichst allgemein verständlich sein, gleichzeitig aber auch theoretische Hintergründe und komplexe Zusammenhänge beleuchten.

Die erste Folge handelt um “Roma und Sinti”. Hinter dem Projekt steht MASN – Moving Anthropology Social Network – Austria

Die Ethnowelle ist schon seit zwei Jahren aktiv mit Podcasten und scheint auch aus Wien zu stammen. Der neueste Beitrag heisst Ethnologie und die Kunst am Fließband zu arbeiten.

Ich hab die drei Seiten sind nun auch der Uebersichtseite, der Ethnologie Blog Zeitung, hinzugefuegt.

Sieben Sozialanthropologinnen mit Link zur Uni Wien haben soeben den Blog Teilnehmende Medienbeobachtung ins Leben gerufen. Aus der Selbstbeschreibung:

In Österreichs Medien finden sich immer wieder Stereotype und Falschinformationen über als fremd empfundene Menschen, Gesellschaften, Religionen oder Regionen. Auch verschiedene diskriminierende…

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Die Angst vor den Minderheiten – Appadurai nun auch auf deutsch

Warum richten sich Hass und Aggressionen so leicht gegen Minderheiten, die doch, eben weil sie zahlenmässig unterlegen sind, die Mehrheit gar nicht ernsthaft zu bedrohen imstande wären? Das ist eine der Fragen, die Arjun Appadurai, einer der bekanntesten heutigen Ethnologen, in seinem Buch “Fear of Small Numbers” stellt, das nun auch in deutscher Uebersetzung erschienen ist.

Uwe Justus Wenzel bespricht das Buch, das auf Deutsch “Die Geographie des Zorns” heisst, in der NZZ eingehend und konkludiert:

Wer bei der Lektüre des gedanklich nicht auf einer geraden Linie voranschreitenden Essays Komponenten einer möglichen Theorie über den Zusammenhang von Globalisierung und Gewalt einsammelt, wird am Ende neben den fatalen Spiegelungen von Mehrheiten und Minderheiten einige weitere auflisten können: von der «gefährlichen Idee» des Nationalstaats, deren Gefahrenpotenzial sich gerade im historischen Augenblick der Erosion dieses Staatsmodells zu realisieren scheint, über den Zusammenhang von sozialer Verunsicherung und ideologischer Gewissheit bis zum aggressiven Narzissmus der kleinen Unterschiede. Dass «die Globalisierung» – die weltweite und unübersichtliche Verknüpfung von Staaten, Märkten, Menschen, Kulturen und Vorstellungen – die Ausbrüche kollektiver Gewalt wahrscheinlicher werden lasse, ist des Autors Vermutung und Befürchtung; dass sie nicht notwendigerweise dazu führe, seine Überzeugung und Hoffnung.

Wie nahe beieinander Furcht und Hoffnung liegen, wird sinnfällig in den beiden gegensätzlichen Verkörperungen des «zellularen Prinzips», das Appadurai als politisches Organisationsprinzip weltweit im Aufstieg begriffen sieht: Nichtzentralistisch und nichthierarchisch – eben zellular – agierten sowohl Terroristen als auch transnationale Nichtregierungsorganisationen, die Protagonisten einer freundlichen und friedlichen «Graswurzelglobalisierung».

>> weiter in der NZZ

Appadurais Analysen der Gewalt gehen tiefer als das Gros an tagesaktuellen Meinungen, schreibt das Titel Magazin. Aber Kritiker Carl Wilhelm Macke ist nicht 100% ueberzeugt, teils wohl aus politischen Gruenden:

Appadurais Versuch, ein Interpretationsraster für diese täglich durch die Medien präsentierte Gewalt in Kriegsgebieten wie in friedlichen Weltzonen zu liefern, hat seinen intellektuellen Reiz. Vieles spricht für die These des Autors, dass das Aufleben extrem fremdenfeindlicher und aggressiver Demagogen, Parteien und Gruppen eine Folge der Globalisierungsängste ist. Aber genügen zwei, drei Formeln, um alle Formen von Gewaltexzessen verstehen zu können? Auch die bei Appadurai immer wieder auftauchenden Anklagen gegen die katastrophale Weltsicht der Bush-Regierung sind im Übrigen durch den politischen Wechsel in den USA stumpf und hohl geworden.

>> weiter im Titel Magazin

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Interview with Arjun Appadurai: “An increasing and irrational fear of the minorities”

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

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In Wien: Neues Zentrum zur Jäger- und Sammler-Forschung

Am Museum für Völkerkunde Wien entsteht derzeit ein Zentrum zur Jäger- und Sammler-Forschung, meldet der ORF:

Kernstück des Projekts rund um Helmut Lukas ist eine komparative, kulturanthropologische Studie, das die Subsistenzaktivitäten zweier Jäger- und Sammlergesellschaften untersucht. Zum einen, die Maniq, eine 200 bis 250 Menschen zählende Jäger und Sammler – Gesellschaft in Südthailand. (…) Zum anderen die Anak Dalam oder Orang Rimbo, die die dichten Regenwälder der Provinzen Jambi und Palembang auf der indonesischen Insel Sumatra bewohnen.

Neben einer intensiven kulturökologischen Studie will das Wiener Jäger-und Sammlerprojekt die gesellschaftliche Strukturen der Maniq und Kubu, aber auch die Außenbeziehungen zu sesshaften Gruppen einer gründlichen Analyse unterziehen. Besonderen Wert legen die Forscher auf eine Untersuchung der Wechselbeziehungen und Interaktionen von sozialer und natürlicher Umwelt.

Interessant sind die Positionen der beteiligten Forscher. Christian Wawrinec räumt ein, er hätte diese Gesellschaften anfangs romantisch verklärt. Dies sei nach einem ersten Feldforschungsaufenthalt jedoch anders.

Helmut Lukas bekennt sich als aktionistischer Ethnologe: “Die Daten, die wir sammeln, müssen wir nutzen für diese schwer bedrohten Gruppen”, sagt er. Die Alternative sei, “dass die Mitglieder einer klassenlosen Gesellschaft in dörfliche Strukturen integriert würden, und zwar am untersten Ende der sozialen Skala”. Tamara Neubauer hält das für “westliche Anmassung”. Die wahren Experten ihrer Zukunft seien die Betroffenen selbst, so der ORF.

>> weiter beim ORF

Am Museum für Völkerkunde Wien entsteht derzeit ein Zentrum zur Jäger- und Sammler-Forschung, meldet der ORF:

Kernstück des Projekts rund um Helmut Lukas ist eine komparative, kulturanthropologische Studie, das die Subsistenzaktivitäten zweier Jäger- und Sammlergesellschaften untersucht. Zum einen, die Maniq, eine…

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Video: Musikethnologie auf der Strasse

(via sound7.de) Anja Kolbinger, Jorge Porras und Janika Herz vom Institut für Ethnologie in Mainz haben einen tollen Film über Musik auf der Strasse gedreht. In “Living Road” begleiten sie den Musiker Samuel Harfst mit seiner Band beim Spielen in der Fussgängerzone und haben auch die Reaktionen des ständig wechselnden Publikums eingefangen.

Was bedeutet Musik für die Zuhörenden? Bilde sagen mehr als Worte. Als das ausgeglichendste Publikum bezeichnen die Musiker ihre Zuhörer in der Fussgängerzone. Einen Spiegel der Gesellschaft bekomme man hier geboten, sagen sie. Musiker als Feldforscher?

DOKU Samuel Harfst - Straßenmusik

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Problematische Weltmusik und argentinische Klassik: Neue Ethmundo über Musik

Volksmusik = Stadtmusik

Neue Arbeit im Volltext: Mundartrap zwischen Lokalpatriotismus und Globalisierung

Via YouTube: Anthropology students’ work draws more than a million viewers

(via sound7.de) Anja Kolbinger, Jorge Porras und Janika Herz vom Institut für Ethnologie in Mainz haben einen tollen Film über Musik auf der Strasse gedreht. In "Living Road" begleiten sie den Musiker Samuel Harfst mit seiner Band beim Spielen in…

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