search expand

Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

cover

Haben Türken türkische Kultur und Deutsche deutsche Kultur? Endlich ist ein Buch auf Deutsch herausgekommen, dass mit der Vorstellung aufräumt, die Welt sei in abgrenzbare Kulturen eingeteilt, und auf die fatalen Konsequenzen dieses Denkens hinweist – dazu noch leichtverständlich:

Maxikulti heisst das Buch, geschrieben von zwei Ethnologen, die wir vom Blog CultureMatters kennen: Joana Breidenbach und Pál Nyíri.

Ausgangspunkt des Buches ist ein Problem, das auf diesem Blog viel kritisiert wurde: die Kulturalisierung von Problemen: “Kopftuchdebatte, Karikaturenstreit, EU-Osterweiterung: Kulturelle Unterschiede halten immer stärker her als Erklärung für gesellschaftliche Konflikte”, so die Autoren. Der Glaube an die Unversöhnlichkeit von Kulturen boome. Unser Kulturbegriff, so die Ethnologen, sei falsch und gefährlich, führe zu schlechter Politik, humanitären Katastrophen zu Vorurteilen und Intoleranz.

Eines ihrer Beispiele handelt von Atsushi, einem japanischen Studenten, der an einer australischen Universität einen Linguistikkurs belegte, in dem es um kulturelle Aspekte von Sprache ging. (Quelle: weltbild.de):

Eines Tages forderte der Dozent ihn auf, den anderen Seminarteilnehmern zu zeigen, “wie Japaner sich begrüßen”. Atsushi hob seine Hand, wedelte mit den Fingern und sagte “Hello”.

Der Dozent war unzufrieden: “Ich meine, wie begrüßt du Menschen in eher formellen Situationen?”

Atsushi zuckte mit den Schultern und wiederholte seine Geste.

Nun wurde der Dozent – der von Atsushi erwartet hatte, dass er eine Verbeugung vorführt – langsam ärgerlich und fragte: “Was machst Du bitte schön, wenn Du dem Kaiser vorgestellt wirst?”

Atsushi, der sich inzwischen unangenehm bedrängt fühlte, erwiderte, er wolle den Kaiser lieber nicht kennen lernen.

Schlussendlich führte der Dozent selbst eine “typische japanische Begrüßung” vor, während Atsushi noch Wochen später empört von diesem Vorfall erzählte.

In der Berliner Gazette erklärt Joana Breidenbach:

In Maxikulti argumentieren Pal Nyiri und ich gegen eine Perspektive, die die Welt als Mosaik wechselseitig von einander abgegrenzter Kulturen sieht. Stattdessen beschreiben wir die enorme kulturelle Ausdifferenzierung weltweit, die es mit sich bringt, dass zwar immer weniger Menschen vor Ort ein gemeinsames kulturelles Inventar miteinander teilen, zugleich aber viele Brücken zu weit entfernt lebenden Menschen begehen können.

Immer mehr Menschen entwickeln ein kulturvergleichendes Bewusstsein: ihr Repertoire möglicher Verhaltensweisen und Normen erweitert sich im Kontakt mit anderen Kulturen. Diese Erweiterung der Wahlmöglichkeiten ist für die menschliche Entwicklung an sich unverzichtbar.

(…)

Ich möchte ein Bewusstsein dafür wecken, dass Kulturen von globalen Einflüssen nicht notwendigerweise zerstört werden, sondern Menschen Fremdes oft nutzen, um mehr sie selbst zu werden. Da heute so viele Menschen mit der gleichen Waren- und Ideenwelt konfrontiert sind, stellt sich die Frage nach den Gemeinsamkeiten neu.

Natürlich, schreiben die Ethnologen, seien in manchen Situationen Kenntnisse über kulturell unterschiedliche Werte und Verhaltensweisen notwendig. Doch es sei “wichtiger, Behauptungen kritisch zu hinterfragen, die im Namen von Kultur aufgestellt werden, und die dahinter versteckten Machtmechanismen zu verstehen.”

Das Buch steht als pdf zum Download bereit und ich werde im Laufe der nächsten Wochen vermutlich mehr darüber schreiben.

Ich hatte mich mit diesem Thema in meiner Lizenziatsarbeit Wessen Kultur bewahren? auseinandergesetzt und auch darauf hingewiesen, dass auch in der Ethnologie teils ein sehr zweifelhaftes Kulturverständnis aufzufinden ist. In einem führenden deutschsprachigen ethnologischen Wörterbuch fand ich folgende Definition von Kultur:

Kultur = die Summe der von einem Volk hervorgebrachten und tradierten geistigen, religiösen und künstlerischen Werte sowie seiner Kenntnisse und Handfertigkeiten, Verhaltensweisen, Sitten und Wertungen, Einrichtungen und Organisationen, die in ihrer strukturellen Verbundenheit als eine Art gewachsener Organismus den Lebensinhalt eines Volkes in einem bestimmten Zeitraum repräsentieren. Kultur kann aber auch kurz als Gruppenerscheinung einer völkischen Einheit angesprochen werden.

Dieses von der Nationalromantik geprägte Bild von Kultur ist besonders in der deutschsprachigen Ethnologie verbreitet, siehe u.a. Ethnologie-Einführungen und die Sonderstellung der deutschen Ethnologie.

UPDATE 1: >> Interview mit Joana Breidenbach im Dom-Radio

UPDATE 2: (via religionswissenschaft.info) Die Faz bespricht das Buch, siehe Die Irrtümer des Kulturalismus

SIEHE AUCH:

Wie nützlich ist der Begriff “Kultur” in der Zuwanderungsdebatte?

Einwanderung, Stadtentwicklung und die Produktion von “Kulturkonflikten”

Kindesmissbrauch bei den Aborigines: Kultur als Vorwand

Rassismus: Kultur als Deckmantel

Ethnologe: “Ethnien und Religion sind keine Kriegsursachen”

Mehr Fokus auf die Gemeinsamkeiten der Menschen! – Interview mit Christoph Antweiler

cover

Haben Türken türkische Kultur und Deutsche deutsche Kultur? Endlich ist ein Buch auf Deutsch herausgekommen, dass mit der Vorstellung aufräumt, die Welt sei in abgrenzbare Kulturen eingeteilt, und auf die fatalen Konsequenzen dieses Denkens hinweist - dazu noch leichtverständlich:

Maxikulti…

Read more

“Verständlich schreibende Akademiker” – ZEIT lobt Afghanistan-Buch

cover

(via netbib) Wer hätts gedacht. “Das wohl genaueste Wissen, das sich in deutscher Sprache über Afghanistan auftreiben lässt” sammelt das Buch, das Soldaten, die in Afghanistan ihren Dienst verrichten mit auf den Weg bekommen”, lesen wir im ZEIT-Blog.

“Die Autoren sind sämtlich Akademiker und Asienkenner von Rang, sie schreiben frei von politisch korrekter Zielsetzung, und sie schreiben auch noch verständlich”, so ZEIT- Autor Jochen Bittner.

Das Buch, so Bittner weiter, sei kein „Hurra“-rufender Armee-Reiseführer. Je länger man liest, desto größer werden die Zweifel am Afghanistan-Projekt der Bundeswehr und anderer Armeen.

>> weiter bei der ZEIT

Unter den Autoren befindet sich u.a. der Ethnologe Erwin Orywal, den ich letzten Sommer interviewt hatte.

Das Buch gibt es gratis für alle im Netz.

SIEHE AUCH:

Immer mehr Ethnologinnen bei der Bundeswehr

cover

(via netbib) Wer hätts gedacht. "Das wohl genaueste Wissen, das sich in deutscher Sprache über Afghanistan auftreiben lässt" sammelt das Buch, das Soldaten, die in Afghanistan ihren Dienst verrichten mit auf den Weg bekommen", lesen wir im ZEIT-Blog. …

Read more

– Ernährungsprogramme ignorieren die Unterschicht

Mit Programmen zur Bekämpfung von Übergewicht können viele Menschen nichts anfangen. Sie sprechen nämlich nur das Bildungsbürgertum an, meint der Sozialanthropologe Jörg Niewöhner, meldet die taz.

Der Ethnologe ist Mitarbeiter des Forschungsprogrammes Präventives Selbst an der Berliner Humboldt Universität.

Zur taz sagt er:

In unserem Forschungsprogramm des “Präventiven Selbst” stellen wir fest, dass das Leitbild, das hinter vielen Präventionsprogrammen steht, eins ist von einer Person, die eine bestimmte Fähigkeit hat, sich selbst zu beobachten, die sich disziplinieren kann, die finanzielle und intellektuelle Ressourcen hat.

Das ist ein bildungsbürgerliches Konzept, ein Mittelschichtsphänomen. Diese Ressourcen, dieses Bild trifft aber für viele Menschen außerhalb dieses Mittelschichtsegments gar nicht zu.

Man macht sich keine Vorstellung, dass viele Leute in einem anderen Milieu, einem anderen Setting leben. Da sieht der Alltag so anders aus, dass Gesundheit gar nicht die Rolle spielen kann. Es gibt einen Mismatch zwischen dem Wunsch, diese Leute zu disziplinieren und dem mangelnden Wissen darüber, was da zählt.

>> weiter in der taz

SIEHE AUCH:

Ethnologin: Was Kampfhunde mit Klassenkampf zu tun haben

Analysieren die »Wiederkehr der Klassengesellschaft«

Ethnographic study: Why the education system fails white working-class children

Mit Programmen zur Bekämpfung von Übergewicht können viele Menschen nichts anfangen. Sie sprechen nämlich nur das Bildungsbürgertum an, meint der Sozialanthropologe Jörg Niewöhner, meldet die taz.

Der Ethnologe ist Mitarbeiter des Forschungsprogrammes Präventives Selbst an der Berliner Humboldt Universität.

Zur taz sagt…

Read more

Forschungsthema: Wie überleben in Wittenberge?

Die Industrie ist am Ende, Geschäfte und Wohnungen stehen leer. Ethnologen und Soziologen studieren wie die Bewohner von Wittenberge mit dem Umbruch umgehen. In einer munteren Reportage stellt das Deutschlandradio die Forschung vor.

Ethnologin Anna Eckert hat ein Jahr lang in Wittenberge verbracht. Sie erklärt:

Das Thema ist “Strategien alltäglicher Überlebenssicherung”, also diese Strategien, die die Leute entwickeln, um mit dem Umbruch umzugehen, wenn sie von Arbeitslosigkeit bedroht sind, wenn Infrastruktur sich zurückzieht, was sie vielleicht dagegen setzen können an Strukturen, die Stabilität schaffen.

Eine dieser Strukturen ist die “Datschensiedlung”. 29 Kleingartenanlagen gibt es in Wittenberge, jeder sechste Einwohner verbringt seine Freizeit hier. “Ob Sozialismus oder Kapitalismus, ob Brigade oder Team, ob VEB oder GmbH, die Gurken wachsen immer”, so die Radiomacher.

Dort sind sie u.a. auf Arnold Grade gestossen, der den Ethnologinnen mit viel Freude von seinem Alltag erzählt hat. Er hat sich über das Interesse der Forscher gefreut: “Det muss auch mal gesehen werden, was hier unten der kleine Bürger so treibt, und was er anbaut und was er erntet.”

Die erste Phase des Forschungsprojekts “Über Leben im Umbruch” oder auch “Überleben im Umbruch”, an dem 5 Universitäten und Institute beteiligt sind, ist vorbei.

Nun werden Anna Eckert und die anderen Doktoranden, so das Deutschlandradio, in anderen europäischen Regionen ihre Vergleichsstudien anstellen.

>> weiter beim Deutschlandradio

>> Bericht in der taz zum Forschungsprojekt

>> Projektbeschreibung

SIEHE AUCH:

Dissertation: When the power plant, the backbone of the community, closes down

In Darkest Leipzig – Ethnologiestudent erfolgreich mit Buch über Leipziger Clans und Stämme

Ethnologen studierten Konsequenzen von Zwangsräumungen

Zentrale Lage, menschenleer: Ausstellung Schrumpfende Städte

Alltagsforschung: “Hoppla, da steckt ja viel viel mehr dahinter”

Die Industrie ist am Ende, Geschäfte und Wohnungen stehen leer. Ethnologen und Soziologen studieren wie die Bewohner von Wittenberge mit dem Umbruch umgehen. In einer munteren Reportage stellt das Deutschlandradio die Forschung vor.

Ethnologin Anna Eckert hat ein Jahr lang in…

Read more

Kritisiert ethnologische “Stammesforschung”

umschlag

Ethnologe Markus Schleiter scheint eine interessante Dissertation geschrieben haben, die sich kritisch damit auseinandersetzt wie Ethnologen ihnen fremde Gesellschaften beschreiben.

In “Die Birhor- Ethnographie und die Folgen. Ein indischer ,Stamm’ im Spiegel kolonialer und postkolonialer Beschreibungen” geht es besonders um den Begriff “Stamm”, erfahren wir in der Buchbesprechung von Melitta Waligora auf suedasien.info.

Der Begriff “Stamm” (oder “tribe”auf Englisch) ist umstritten, weil er oft negative Assotiationen weckt wie “Rückständigkeit”. Die Begriffe “Stamm” und “Kaste” wurden in Indien im 18. und 19. Jahrhundert oft synonym verwendet.

Die ethnographische Konstruktion der „Stämme“ mit den jeweiligen Zuschreibungen wie primitiv, isoliert, rückständig, gefährdet erfolgte erst ab der Mitte des 19. Jh., gleichlaufend mit dem Begriff der „Kaste“.

Mit beiden Begriffen sollte fortan jeweils etwas anderes beschrieben werden, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gab. So konnte es passieren, dass ein und dieselbe Gemeinschaft in einem Gebiet als primitiver Stamm, in einem anderen als niedrige Kaste und wieder woanders als herrschende Schicht klassifiziert wurde.

Diese koloniale Einteilung, so der Ethnologe, wurde sehr bald von den nationalen Akteuren übernommen. Bis heute findet sie sich in der Entwicklungshilfeideologie “als Paternalismus gegenüber den subalternen, so ganz anders gearteten und hilfebedürftigen Stämmen wieder”.

Melitta Waligora schreibt:

So kann der Autor in seinem Resümee nahezu zynisch formulieren, dass die Birhor und deren postulierte Gefährdung eine notwendige Existenzberechtigung für eine Armada von Entwicklungsadministratoren wie Forschern bieten, deren Interesse an einer realen Verbesserung auch der ökonomischen Situation der Birhor demzufolge nur gering ist.

>> weiter bei suedasien.info

Von Markus Schleiter gibt es kaum etwas im Netz. Auf journal-ethnologie.de hat er zumindest den Text “Zum Tanze”. Eine ethnographische Erzählung über den indischen „Stamm“ der Birhor veröffentlicht

SIEHE AUCH:

So lebt der Kolonialismus in der Ethnologie weiter

Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

Ethnologen kritisieren Berichterstattung über “isolierte Urwaldvölker”

Nackte Nagas, Nationalsozialismus und Ethnologie

Wieso immer noch Kasten in Indien?

Anthropologists condemn the use of terms of “stone age” and “primitive”

umschlag

Ethnologe Markus Schleiter scheint eine interessante Dissertation geschrieben haben, die sich kritisch damit auseinandersetzt wie Ethnologen ihnen fremde Gesellschaften beschreiben.

In "Die Birhor- Ethnographie und die Folgen. Ein indischer ,Stamm’ im Spiegel kolonialer und postkolonialer Beschreibungen" geht es besonders um…

Read more