Ein Jahr lang keine neue Beiträge auf diesem Blog. Wer ab und zu auf dem englisch sprachigen Blog auf antropologi.info vorbeischaut, weiss, was mir ergangen ist. Ein neues Leben als verheirateter Mann habe ich angefangen! In Kairo, sechs Flugstunden von meiner anderen Heimat Oslo. Ursprünglich wollte ich nur einen Sommer in der ägyptischen Hauptstadt bleiben, nun habe ich hier geheiratet und ich, eigentlich ein Nomade, bin hier anscheinend sesshaft geworden.
Antropologi.info möchte ich nicht eingehen lassen, obwohl ich gelernt habe, dass in meinem neuen Leben noch weniger Überschuss für solche Aktivitäten vorhanden ist – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen.
Mich freut es daher, dass trotz der Funkstille noch Mails an mich geschrieben werden und neue Anmeldungen an den Newsletter (bislang nur auf norwegisch) eingehen. Ein Email mit einem schönen Text, der mich vor wenigen Tage erreichte, möchte ich Anlass nehmen, Schluss mit der Funstille zu machen. Viel Spass beim Lesen etwas später heute abend!
Ein Jahr lang keine neue Beiträge auf diesem Blog. Wer ab und zu auf dem englisch sprachigen Blog auf antropologi.info vorbeischaut, weiss, was mir ergangen ist. Ein neues Leben als verheirateter Mann habe ich angefangen! In Kairo, sechs Flugstunden von…
Eine der wichtigsten Blogs ist Teilnehmende Medienbeobachtung. Regelmässig zeigen die Autorinnen und Autoren von der Uni Wien auf, wie Medien Vorurteile in der Bevölkerung verbreiten. Damit nicht genug. Viele ihrer Blogbeiträge sind zuvor bereits als Leserbrief in der jeweiligen Redaktion gelandet.
Persönlich bin ich mehr und mehr zur Überzeugung gekommen, dass Mainstreammedien eine der grössten Bedrohungen für Demokratie und friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten darstellen. Einen grossen Eindruck hinterliessen bei mir die Forschungen von Sharam Alghasi und Elisabeth Eide.
Ein neueres Beispiel sind die Berichte über “muslim rage”, also über die Proteste gegen den Anti-Islam Film eines Rechtsextremisten.
Es war überall nur eine bedeutungslose Minderheit – in der 20 Millionenstadt Kairo keine 200 Leute, die Steine wurfen. Und denen ging es nicht nur um Religion.
Laut den Mainstream-Medien war jedoch die gesamte “islamische Welt” im Aufruhr. Die Mainstreammedien taten ihr Bestes, die gesamte Religion Islam mit allen Gläubigen als gewalttätige Extremisten zu verurteilen.
Über den Rechtsextremismus des Filmemachers redete dagegen kaum jemand.
Und die friedlichen Proteste, an denen viel mehr Leute teilnahmen (auch Christen) bekamen kaum Aufmerksamkeit. Für die Proteste mehrerer christlicher Bewegungen in Kairo gegen den Film interessierte sich auch kaum jemand. Dies obwohl die Proteste der Christen, so Bloggerin Zeinobia auf Egyptian Chronicles, viel wichtiger gewesen seien als alle die anderen. Die ägyptische orthodoxe Kirche in Alexandria, so Zeinobia weiter, war einer der ersten Institutionen, die den Film verurteilten.
Sind nicht die Journalisten, die solche Feindbilder über Muslime und diese Region verbreiten, schlimmer als die Steinewerfer, frage ich mich.
Hierzulande ist es keine Minderheit, die zündelt, sondern mächtige Medien, die Hunderttausende erreichen, und täglich wird noch ein wenig zugelegt. Was bedeutet es für den sozialen Frieden im Lande, wenn die muslimische Bevölkerung regelmäßig in den Zeitungen liest, wie gewalttätig ihre Religion sei? Was bedeutet es für Gläubige, wenn das Recht eingefordert wird, sie und ihre Religion im Namen der Meinungsfreiheit beleidigen zu dürfen?
Zum Glück sind Islamverbände sensibler als manche Kommentare. Sie distanzierten sich und verurteilten die Gewaltakte, ebenso wie viele Politiker der Länder, in denen sie geschahen.
Bei den Protesten gegen Mohamed-Karikaturen, die ein französisches Blatt veröffentlichte, tauchten in Kairo nur 20 Leute auf, schreibt taz-Korrespondent Karim El-Gawhary in einem seiner stets wohltuend anders geschriebenen Texte. Die Einwohner Kairos verbrachten den Freitag lieber im Zoo:
Gleich neben der französischen Botschaft in Kairo befindet sich der gut besuchte Zoo. Gut hundert Schaulustige haben sich am Zaun versammelt, um die 20 Demonstranten zu beobachten. Einer der Schaulustigen meint: „Ich weiß nicht, was exotischer ist, die Tiere im Gehege oder die Demonstranten und die Kameramänner vor der Botschaft.“ Zumindest im Moment hat er beschlossen, den Tieren den Rücken zu kehren.
In einem früheren Beitrag auf Teilnehmende Medienbeobachtung thematisiert Ingrid Thurner eine andere Verallgemeinung: In “Neigen Österreicher eher zu Gewalt?” schreibt sie:
Sehr geehrter Herr Baltaci, sehr geehrte Redaktion,
ein einzelner Türke verübt eine Gräueltat, und die Presse fragt am 26. 5. 2012 “Neigen Türken eher zu Gewalt?”
Kann man von einem einzelnen Mann, der ausrastet, gleich Rückschlüsse ziehen auf alle Personen mit gleicher Nationalität, in diesem Falle gegen 75 Millionen Menschen? (…) Wieso kommt in Fällen, in denen österreichische Männer gewalttätig werden – und davon gab es in den letzten Jahren genug –, niemand auf die Idee zu fragen: „Neigen Österreicher eher zu Gewalt?“
Eine der wichtigsten Blogs ist Teilnehmende Medienbeobachtung. Regelmässig zeigen die Autorinnen und Autoren von der Uni Wien auf, wie Medien Vorurteile in der Bevölkerung verbreiten. Damit nicht genug. Viele ihrer Blogbeiträge sind zuvor bereits als Leserbrief in der…
Zerstört die Globalisierung unsere lokale Küche? Immer wieder kommt diese Frage auf. In einem Interview mit Spiegel Online erinnert Ethnologe Marin Trenk daran, dass die Globalisierung unserer Küche bereits vor mindestens 500 Jahren begonnen hat:
Kolumbus löste 1492 die erste von drei kulinarischen Globalisierungswellen aus, den zweiten Schub sehe ich in den kolonialen Begegnungen. Wir leben in der letzten Welle, die sehr intensiv und beschleunigt verläuft. Aber die Veränderung, die Kolumbus auslöste, war kulinarisch die größte Zäsur in der Weltgeschichte.
Die Anbaufrüchte der neuen Welt veränderten die regionalen Küchen der alten Welt vollständig: Was wäre Südostasien ohne Chili? Italien ohne Tomate, Ungarn ohne Paprika? Nach 1492 sah keine Küche der Welt mehr so aus wie davor. Nach Kolumbus haben sich etwa Kartoffel, Chili, Tomate oder Mais sehr erfolgreich durchgesetzt. Bemerkenswert ist aber, dass keine kompletten Gerichte gereist sind, sondern nur Rohprodukte.
Marin Trenk spricht auch von gegenwärtigen Trends in Deutschland. Japanisch ist in, ausserdem Fleisch “das nicht wie Fleisch schmeckt und auch nicht wie Fleisch aussieht”.
Er hat früher auch über das Verhältnis nordamerikanischer Indianer zum Alkohol geforscht. In einem Paper (pdf) erklärt er, dass Betrunkensein als eine Art ist, mit der Welt der Geister zu kommunizieren.
Globalisierung: Was wäre Italien ohne Tomaten? Foto: Darwin Bell, flickr
Zerstört die Globalisierung unsere lokale Küche? Immer wieder kommt diese Frage auf. In einem Interview mit Spiegel Online erinnert Ethnologe Marin Trenk daran, dass die Globalisierung unserer Küche bereits vor mindestens…
LaFontaine (Hg.) 2009: The Devil’s Children. From Spirit Possession to Witchcraft: New Allegations that affect Children. Farnham, Surrey: Ashgate Publishing Limited.
Von Felix Riedel, MA Ethnologie
Die Viktimisierung von Kindern durch Hexereianklagen hat in den letzten Jahren starkes Interesse der Öffentlichkeit erfahren. Ein Auslöser dafür war die britische Dokumentation des Senders Channel 4 mit dem Titel Saving Africa’s witch-children. Das Porträt eines nigerianischen Asyls für Kinder, die von ihren Eltern, Stiefeltern, Verwandten, Priestern oder Nachbarn der Hexerei beschuldigt und misshandelt wurden, stieß eine gesellschaftliche Debatte in Nigeria an. Die vergleichbare Situation in der Demokratischen Republik Kongo wurde in ähnlichen Dokumentarfilmen belegt.
Dispatches: Return to Africa's Witch Children (1 of 5)
In Diskrepanz zum journalistischen Interesse steht das Schweigen der Ethnologie. Lediglich Robert Brain (1970), Peter Geschiere (1980) und Filip DeBoeck (2003; 2004; 2005) haben bislang fundierte Daten gesammelt und diskutiert, zwei neuere Studien aus Ghana erschienen nach 2009. Eine Reihe von Arbeiten aus dem Umfeld humanitärer Organisationen rezitiert im Wesentlichen die journalistischen Quellen.
Der von Jean LaFontaine herausgelegte Sammelband betritt daher ein weitgehend brach liegendes Feld.
Die Publikation richtet sich in der Konsequenz nicht primär an ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern an soziale Arbeit, therapeutisches Personal, Polizisten und Kirchen. Zwei Drittel der Texte im Sammelband leisten ausschließlich Vorarbeit zu einem Verständnis von Geistbesessenheit in unterschiedlichen kulturellen Bezügen.
Eine hervorragende Zusammenfassung der psychiatrischen Problematik liefert Roland Littlewood. Seine Gegenüberstellung von Geistbesessenheit und suizidaler Überdosierung von Medikamenten eröffnet einen praktikablen Weg, das Verhältnis von agency und Symptom bei weiblichen Besessenheitskulten in aller gebotenen Unschärfe neu zu bestimmen:
„The distinction may be difficult to draw. As with overdoses, when do ‚symptoms’ become ‚strategies’?“ (33)
Littlewood fordert eine erhöhte Sensibilität der Therapeuten für kulturelle Belange sowie die partielle Integration von kulturspezifischen Laien-Therapeuten ein. Die psychiatrische Therapie will er durch diese Offenheit im Interesse des Patienten stärken und beibehalten.
Sherrill Mulhern evaluiert in einem weiteren exzellenten Text für den europäischen Kontext alternierende Schwankungen in den Körper-Geist-Konzeptionen.
Ausgangspunkt ist der Wandel von der hochmittelalterlichen Lehrmeinung über Hexereigeständnisse und Somnambulismus zu den fundamental differenten Anschauungen des 14ten Jahrhunderts. (38ff) Erst diese interpretierten halluzinierte Geständnisse als empirisches Zeugnis einer nächtlichen Reise und Teufelsbuhlschaft.
Diesen Wandel parallelisiert sie mit dem aktuellen charismatisch-christlichen Postulat, Geständnisse und Visionen seien empirische Manifestationen göttlicher Wahrheiten und ermöglichten spirituelle Ätiologien. Während die Exzesse der katholischen Kirche letztlich die Entwicklung von alternativen psychologischen Konzepten provoziert hätten, würde die charismatische Bewegung die Therapie aus der säkularen Psychotherapie in die Dämonologie der deliverance zurück überführen. (46)
In einer bisweilen zu glatten, rasanten Erzählung problematisiert sie die Wiederkehr des Geständnisproblems in der Psychotherapie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Unter dem Druck feministischer Positionen sei die analytische Annahme einer subjektiven, psychologischen Wahrheit für Inzestfälle in den Verdacht der Vertuschung von realen Verbrechen geraten.
Die bis heute andauernde Strömung fordert gegen das rechtsstaatliche Prinzip der Nachweisbarkeit und in Verleugnung der Möglichkeit der Konfabulation eine prüfungslose Anerkennung jeglicher Opfererzählungen. Als Resultat der Diskursschwankungen seien erstaunlich weit verbreitete Phantasien über satanistische Rituale bis hin zum Kannibalismus als glaubhafte kindliche Erinnerungen von Patienten und Therapeuten verteidigt worden. (54) Mulherns historische Analyse verweist in einer neuen Dringlichkeit auf die Komplexität und Reichweite des Problems der Nichtidentität von Geist und Körper.
Die Integration von emischen Perspektiven versucht der Band im dritten Teil. Christina Harringtons Beitrag idealisiert in einem kurzen Beitrag ihre Wicca-Initiation. Mercy Magbagbeolas Beschreibung ihrer christlichen Hexereivorstellungen sind als illustrative ethnographische Quelle wertvoll, werden in dieser Form aber unnötig aufgewertet.
Erst das letzte Drittel des Buches widmet sich explizit Kindern als Opfer von Hexereianklagen.
LaFontaine fasst die wenigen bestehenden ethnographischen Texte zusammen und leistet so die Vorarbeit zum einzigen ethnographischen Beitrag von Filip DeBoeck. Dieser liefert eine geringfügig aktualisierte Durchführung seiner älteren Texte, in denen er konzise die Verhältnisse in der DRC beschreibt und diskutiert.
Leider besteht er immer noch auf einer euphemistischen Definition der Heilung: Der mitunter wochenlange Exorzismus von Kindern in den Kirchen biete als therapeutic ‚healing’ space eine „alternative Lösung des Problems“ an. (131)
DeBoeck entgleitet hier die Sensibilität für die komplexere infantile Psychodynamik, schlüssig wird der therapeutische Aspekt nicht. Das Trauma des Exorzismus wird nicht weiter erörtert, die Reintegration ins verfolgende Kollektiv wird mit Heilung gleichgesetzt. Auch wiederholt er die populäre Hypothese, Hexereianklagen könnten als a posteriori birth control gelten: Kinder würden primär aus ökonomischen Gründen verstoßen.
Materialistische Ansätze dieser Art erklären nicht, warum die okkulte Rechtfertigung der ökonomischen vorgezogen wird.
Stichhaltiger ist seine Beobachtung über Neuformierungen der Kernfamilie gegen die erweiterte Verwandtschaft mit ihren Ansprüchen. Aber auch hier fehlt die Vermittlung durch die individuelle Psychodynamik und die Ideologieform, in der diese Abgrenzung als okkultes Ressentiment gewählt und ausformuliert wird.
In einer für das Forschungsfeld üblichen Umkehr werden die Verfolger von Kindern zu Opfern einer spirituellen Unsicherheit, einer Krise der Verwandtschaft. Die Krise der kindlichen Opfer von Hexereianklagen tritt dann nur noch als sekundärer Effekt einer anderen Krise in Erscheinung.
Das letzte Kapitel wird im Wesentlichen von Eleanor Stobart gerettet durch eine empirische Studie über Fälle von Kindesmisshandlung mit assoziierten Hexereianklagen in Großbritannien.
Die breite Zielgruppe des Bandes resultiert in einem Relativismus, der Kritik unterbindet. So behauptet Eileen Barker in der Einleitung:
„The social sciences have to recognise their limitations, however. They have no expertise, technologies or skills that allow them to judge theological or ethical claims.” (3)
Dieser Widerruf wissenschaftlicher Erkenntnis richtet sich gegen philosophische Betätigung als Vermittlung zwischen dem aktuellen Stand der Aufklärung und dem dahinter zurückfallenden gesellschaftlichen Bewusstein. Der den Sozialwissenschaften aufoktroyierte „wissenschaftliche Agnostizismus“ (3) tendiert dazu, analytische Kritik und interdisziplinäres Denken stillzulegen.
So richtig die Kritik am „nothing but“ der psychologistischen oder materialistischen Ansätze ist, so reduktionistisch ist die Aufgabe des Versuches der dialektischen Darstellung zugunsten einer urteilsfreien Beschreibung, die weder naturwissenschaftlichen noch philosophischen Ansprüchen gerecht wird.
Der Eindruck der Beliebigkeit wird komplett, wenn Barker wenig später das Urteil über spezifische Vorurteile doch wieder einführt: Als berechtigten Verweis auf „ignorance“ und „misinformation“ der westlichen Gesellschaften gegenüber den Vorstellungen der Minoritäten (4).
Die dialektische Spannung zwischen Materialismus und Psychologismus, Gesellschaft und Individuum kann der Band nicht aushalten. Er beinhaltet einige Aufsätze von hervorragender Qualität und leistet auch Pionierarbeit für die Praxis mit viktimisierten Kindern. So erfreulich dieser seltene praxisbezogene Ansatz ist, die Desiderate des Feldes „Kinder und Hexenjagden“ können die Beiträge leider nur partiell schließen.
Felix Riedel, MA Ethnologie Marburg, Deutschland Kontakt: Felix.Riedel.Uni (AT) googlemail.com
Als "Hexenkind" verfolgt und misshandelt (Kleine Zeitung, 16.1.2012)
Die Hexenkinder von Nigeria: Priester und Scharlatane bereiten Jungen und Mädchen die Hölle auf Erden (Die Welt, 11.9.2010)
Immer wieder macht das Thema "Hexenkinder" Schlagzeilen in den Medien. Doch was haben Ethnologen und Ethnologinnen…
Warum nicht nach so langer Stille mit einer positiven Nachricht beginnen? In den Schweizer Medien wurde nämlich Kritik am trockenen, umständlichen Wissenschaftsjargon laut. Sehr gut!
An Unis ist eine bizarre Kultur verbreitet: Akademische Texte werden oft bemängelt, wenn sie komplizierte Sachverhalte einfach erklären. Vor allem in Dissertationen und Habilitationsschriften gibt es einen Zwang zur Kompliziertheit. Akademisch belohnt wird, wer monströse Formulierungen und viel Fachjargon verwendet. Welche Blüten dieses System treibt, erlebte eine Anthropologie-Studentin unlängst an der Universität Freiburg. Die Frau, die nebenher als Journalistin arbeitete, wurde vom Professor dafür kritisiert, dass sie in Seminararbeiten zu kurze Sätze formuliere.
Wir können da einiges von den USA lernen, meint er:
Wie anders gehen amerikanische Hochschulen mit der Sprache um. Dort gehört Rhetorik teilweise zum Pflichtstoff. Schon College-Studenten üben sich in sogenannten Elevator Speeches. Dabei erhält der Student für ein Kurzreferat so lange Zeit, wie eine Fahrt im Aufzug dauert. Das muss genügen, um dem Publikum seinen Gedanken zu präsentieren.
Wo in der Schweiz werden solche Fähigkeiten trainiert? Die Auswirkungen dieses unterschiedlichen Verhältnisses zur Sprache lassen sich an jedem Kiosk erkennen. Sachbücher amerikanischer Wissenschafter werden zu Bestsellern, während Sachbücher schweizerischer Wissenschafter in Bibliotheken verstauben.
Typischerweise ist Markus Häfliger nicht Teil des akademischen Etablissements, sondern Journalist (und ehemaliger Student).
Doch dass diese Kritik vonnöten ist, dürfte keine kontroversielle Aussage sein. Das Problem dürfte an deutschen Unis noch grösser sein. Ich habe sowohl an deutschen Unis wie auch an einer Schweizer Uni (Uni Basel) studiert und empfand Schweizer AkademikerInnen als weniger förmlich (mündlich und schriftlich) als deutsche. Dennoch widerfuhr mir ähnliches wie der oben erwähnten Studentin. U.a. das Einleitungskapitel meiner Feldforschungsarbeit über HipHop “Sein Ding machen” wurde kritisiert. Der Schreibstil sei “zu journalistisch”….
Der NZZ-Artikel hat nur mässige Resonanz bekommen. Eine interessante Diskussion hat Ali Arbia auf zoon politikon angeleiert. Er verteidigt die komplizierte Fachsprache und bekam gute Antworten im Kommentarfeld. Dort ist auch ein Link zu einem Text von Physiker Florian Aigner, der positive Beispiele der Wissenskommunikation aus England und anderen Ländern liefert.
Warum nicht nach so langer Stille mit einer positiven Nachricht beginnen? In den Schweizer Medien wurde nämlich Kritik am trockenen, umständlichen Wissenschaftsjargon laut. Sehr gut!
In der alles anderen als radikalen NZZ schreibt Markus Häfliger: