search expand

Integrations-Studie: Der nationale Diskurs grenzt aus, der lokale schliesst ein

Sie sind überzeugte Hamburger oder Berliner, doch sehen sich nicht als Deutsche. Das zeigt die Studie “At Home in Europa – Muslims in Europa” des Londoner Open Society Institute. In elf europäischen Städten untersuchten Forscher die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit der Mehrheitsgesellschaft.

Rund 70% der Muslime in Berlin und Hamburg sind Lokalpatrioten und identifizieren sich mit ihrer Stadt. Doch nur 25 Prozent der Befragten betrachten sich als Deutsche. Und nur 11 Prozent sind der Meinung, auch von anderen als Deutsche angesehen zu werden.

Beim nationalen Zugehörigkeitsgefühl der Muslime erzielte Deutschland den niedrigsten Wert, England den höchsten. Selbst unter in Deutschland geborenen Muslimen in Berlin fühlen sich nur 35% als Deutsche. Dagegen sehen sich 94 Prozent der in England geborenen Muslime in Leicester als Engländer.

Die Integration in Deutschland funktioniere lokal vor Ort, nicht jedoch auf nationaler Ebene, kommentiert Ethnologe Werner Schiffauer, der auch an der Studie teilnahm. Der nationale Diskurs grenze aus, der lokale schliesse ein, so Schiffauer in der taz:

“Während der nationale Diskurs abstrakte Fragen wie Werte und Voraussetzungen von Zugehörigkeit in den Fokus stellt, geht es lokal um pragmatische Fragen von Partizipation und praktischem Zusammenleben.”

Die Studie, so Schiffauer in der Berliner Umschau widerlege den weitverbreiteten Eindruck, Muslime wollten sich „ausgrenzen“. Der Grossteil der Befragten würde gerne in ethnisch und kulturell gemischten Wohngegenden leben. Die Vermutung, dass vor allem Araber und Türken nicht integriert werden wollen, sei falsch.

Einen wesentlichen Grund für die schlechte nationale Integration sehen die Forscher im exklusiven, deutschen Staatsbürgerrecht, schreibt der Tagesspiegel. Etwa die Hälfte der Muslime in Berlin könne keinen Einfluss auf die Politik nehmen oder ihre Stadtteile mitgestalten,

Diskriminierung sei eine bedeutende Barriere für die Integration, können wir in der Studie nachlesen, die gratis im Netz zum Herunterladen zur Verfügung gestellt wurde. Die Forscher empfehlen unter anderem, Hasskriminalität und rasistisch motivierte Taten genau zu registrieren.

Besonders in Deutschland, wo noch das Blut-und-Boden-Prinzip vorherrscht, sind Reformen des Staatsbürgerrrechtes notwendig. Es solle einfacher werden, die Nationalität seines Wohnlandes anzunehmen. “Being German means ethnicity, that’s why I can’t be German, but I can be a German citizen”, so ein Informant. Auch “Ausländern” sollte das Wahlrecht garantiert werden, so die Forscher der Studie.

>> Download der Studie und diverser Zusammenfassungen (!)

Es wäre schön, wenn alle Forschungsergebisse so leser- und medienfreundlich aufgearbeitet und nicht – wie sonst üblich – in oft schwer zugänglichen Papirbüchern versteckt würden.

SIEHE AUCH:

“Germans stick to the ethnic definition more than any other European nation”

Werner Schiffauer zum Mord an Marwa El-Sherbini: “Islamophobie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft”

Ethnologe: Muslimhetze und Finanzkrise sorgen für Boom des Islamic Banking

Neue Studie: Islamisches Gemeindeleben in Berlin

Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

Sie sind überzeugte Hamburger oder Berliner, doch sehen sich nicht als Deutsche. Das zeigt die Studie "At Home in Europa - Muslims in Europa" des Londoner Open Society Institute. In elf europäischen Städten untersuchten Forscher die Identifikation muslimischer EinwohnerInnen mit…

Read more

Widerlegen Vorurteile über Suchtkranke

Berner Ethnologen haben in fünf Schweizer Städten den Alltag Suchtkranker studiert, meldet Pressetext Schweiz. Sie fanden heraus, dass Informationsstand über diese Menschen gering ist und von Vorurteilen geprägt ist.

“Oftmals hören diese Menschen den Zuruf, sie sollten doch eine Arbeit suchen. Die meisten glauben, sie seien arbeitsunwillig, faul und jung”, sagt Ethnologin Corina Salis Gross, die die Studie leitete.

Kaum im Bewusstsein sei allerdings die Tatsache, dass kaum jemand freiwillig auf der Straße lebt:

“Nur sehr wenige wie etwa manche Punks wählen diese Lebensform bewusst, zufrieden ist damit niemand. In der Regel rutscht man hinein durch eine Verkettung biografischer Umstände”, so die Ethnologin. Jeder dritte wurde bereits sexuell missbraucht, bei Frauen waren es sogar zwei von drei. Ebenso viele gaben an, wegen Krankheit oder Gewalt bereits einmal “fast gestorben” zu sein. Allgegenwärtig sind psychische und physische Leiden wie Gelenk- und Knochenschmerz, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit bis hin zu Suizidversuchen.

Die Situation der “Randständigen” hat sich laut der Studie in den letzten Jahren verschärft, schreibt die Basler Zeitung. Die verstärkte Imagepflege der Städte und der Ökonomisierung des öffentlichen Raums verdränge die Suchtkranken.

Die fünf untersuchten Städte gehen verschieden mit den Randgruppen um:

Bern etwa hege mit Repression und dem Anbieten von Alternativen ihr Bild als saubere Stadt, in der Sicherheit und Ordnung herrschten, so die Autoren. Chur ignoriere die Randständigen und überlasse sie sich selbst und Zürich halte mit einem liberalen Ansatz die Szenen auf eine stadtverträgliche Weise unter Kontrolle.

SIEHE AUCH:

Fieldwork among homeless heroin and crack users – new book by Philippe Bourgois

Doktorarbeit über Jugendliche “die niemand braucht”

“Punk-Gesetz eine Schande” – Kulturwissenschaftler studierten Grazer Punk-Szene

Study: Drug smuggling as vehicle for female empowerment?

Was suchen Ethnologen im Unterholz der Metropole? Der Zauber der Stadtforschung

Berner Ethnologen haben in fünf Schweizer Städten den Alltag Suchtkranker studiert, meldet Pressetext Schweiz. Sie fanden heraus, dass Informationsstand über diese Menschen gering ist und von Vorurteilen geprägt ist.

"Oftmals hören diese Menschen den Zuruf, sie sollten doch eine Arbeit…

Read more

Die Schlacht im Teutoburgerwald und die Relevanz von antiker Ethnologie

Antike Ethnologie? Wurden schon vor 2000 Jahren Ethnographien geschrieben? Warum sollen sich Ethnologinnen für die Schlacht im Teutoburgerwald (Varusschlacht) interessieren? Ethnologe Martin Henking hat mir einen Text zur Relevanz von antiker Ethnologie geschickt. Er hat viele Jahre über Tacitus geforscht, und auch eine Magisterarbeit über ihn geschrieben, die demnächst als Buch erscheinen soll.

Tacitus und antike Ethnologie

Martin Henking

Dieses Jahr jährt sich zum 2000.Mal die Schlacht im Teutoburger Wald zwischen Römern und Germanen. Welche Bedeutung hat das Jubiläum für Ethnologen im Jahr 2009?

Warum sollten wir uns im Jahr 2009 mit der antiken Ethnologie beschäftigen? Was hat unsere moderne Ethnologie mit den römischen und griechischen Ethnographien zu tun und können diese überhaupt an unsere wissenschaftliche Disziplin heranreichen?

Am Beispiel der Ethnographie der Germanen, die Tacitus im Jahr 98 nach Christus veröffentlichte, werde ich die Relevanz der antiken Ethnologie aufzeigen.

Ein herausragendes Werk zur antiken Ethnologie ist das Buch „Geschichte der antiken Ethnologie“ von Klaus E.Müller. Dieses Buch behandelt die Geschichte der Ethnologie von den alten Ägyptern bis zu den Byzantinern.

Müller schreibt zu Beginn seines Werkes, dass wir als Ethnologen auch die Ursprünge unseres Fachs kennen müssen. Was wissen wir heute über die Germanen im 1.Jahrhundert nach Christus? Eine Feldforschung können wir nun mal nicht betreiben, also sind wir auf schriftliche Quellen angewiesen.

Für das erste Jahrhundert nach Christus ist hier Tacitus die wichtigste Quelle und für uns als Ethnologen am bedeutsamsten, denn sein Buch „De origine et situ germanorum liber“ (zu Deutsch “Vom Ursprung und Sitz der Germanen” oder “Germania“) ist eine Ethnographie der Germanen und für die damalige Zeit einzigartig. Andere Autoren hatten sich mit fremden Völkern beschäftigt, doch immer nur in der Form eines Exkurses (siehe Livius, Sallust) in ihren geographischen oder geschichtswissenschaftlichen Werken.

Tacitus schrieb die erste Ethnographie der Welt. Noch heute, in Ermangelung germanischer Quellen, stellt er die wichtigste Quelle zu den Germanen dar.

Tacitus war einer der letzten Vertreter der senatorischen Geschichtsschreibung. Deren Werte waren das Streben nach Tapferkeit und Tüchtigkeit (virtus) und Ruhm (gloria), Disziplin, Treue und Zuverlässigkeit (fides), das Eintreten für die res publica, der Schutz der socii, Beachtung des Götterwillens (pietas). Von diesen Begriffen ausgehend, wurden die Herrscher und die zentralen handelnden Persönlichkeiten (wie Senatoren und Feldherrn) beurteilt.

Die Germanen wurden bei Tacitus als sehr positiv dargestellt, sie galten als die perfekten Krieger, waren noch von einer ursprünglichen moralischen Sittlichkeit und dienten Tacitus dazu seiner eigenen Gesellschaft, die als korrupt und obrigkeitshörig galt, einen Spiegel vorzuhalten. Tacitus verwies mit der idealisierenden und typisierenden Darstellung der Germanen und Britannier auf die Zeit vor der Herrschaft der ersten Könige. Er ließ seine Landsleute an die ursprünglichen Römer denken.

Die Darstellung der Fremden, auch Barbaren genannt, d.h., derjenigen, die außerhalb der römischen Welt, des orbis terrarum oder orbis romanum, lebten, war auch von moralisch-erzieherischen Interessen geleitet und keineswegs so objektiv, wie Tacitus immer behauptet hatte. Tacitus stellte nicht alle Fremden so positiv dar. Seine Darstellung der Juden in den Historien V, 1-13 war voller Vorurteile und Hass. Er bezeichnete ihre Sitten als „schäbig und abgeschmackt“, sprach von diesem „abscheulichen Volk“. Es muss hier also zwischen der Darstellung der nördlichen Barbaren, den Germanen und Britanniern einerseits und der Juden andererseits, die bereits im Römischen Reich lebten, unterschieden werden.

Warum sollen wir uns nun im Jahr 2009 mit der antiken Ethnologie beschäftigen?

Durch die Schlacht im Teutoburger Wald und die Ereignisse der darauf folgenden Jahre wurde ein Großteil des Gebiets, das wir heute als Deutschland kennen, nicht römische Provinz, sondern verblieb weiterhin Siedlungsraum der Germanen. Tacitus ist insofern wichtig für uns, da sein Germanenbild bis heute unsere Vorstellung von den Germanen entscheidend geprägt hat. Tacitus ist in der Antike die wichtigste Quellen zu den Germanen. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist antike Texte zu studieren. Seine Darstellung der Germanen ist zwar stereotyp und idealtypisch, jedoch bietet er eine erste Einteilung der Germanenstämme im Sinne einer Art von Kulturkreislehre.

Die Ursprünge der Ethnologie, wie wir sie verstehen, liegen bei Herodot (der von Müller zum Beispiel als Vater der Ethnologie benannt wird), Tacitus und anderen, die unser Bild der Antike entscheidend geprägt haben. Ihre Darstellung fremder Völker, der sogenannten Barbaren, die außerhalb der römischen und griechischen Welt leben, stellt erste Ansätze von Ethnologie dar. Die Germania des Tacitus ist die erste Ethnographie der Geschichte. Andere Autoren fügten in ihre geographischen und historiographischen Werke ethnographische Exkurse ein. Im Sinne der Fachgeschichte sind diese römischen und griechischen Autoren auch heute noch relavant.

Der Autor dieses Artikels hat sein Studium der Ethnologie und Romanischen Philologie im Jahr 1999 an der Universität Göttingen mit dem Magister Artium abgeschlossen und forscht seitdem zu Tacitus. Momentan arbeitet er an wissenschaftlichen Artikeln zu Tacitus und Themen der antiken Ethnologie. Mehr Informationen: http://ethnologie.blog.de

Bild: Wikipedia

Antike Ethnologie? Wurden schon vor 2000 Jahren Ethnographien geschrieben? Warum sollen sich Ethnologinnen für die Schlacht im Teutoburgerwald (Varusschlacht) interessieren? Ethnologe Martin Henking hat mir einen Text zur Relevanz von antiker Ethnologie geschickt. Er hat viele Jahre über Tacitus geforscht,…

Read more

Werner Schiffauer zum Mord an Marwa El-Sherbini: “Islamophobie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft”

Marwa Funeral Meeting. Photo: Wikimedia Commons

(Bild: Wikipedia) “Der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini wirft ein Schlaglicht auf einen bisher wenig beschriebenen Rassismus in der deutschen Gesellschaft”, sagt Ethnologe Werner Schiffauer in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau:

(D)as Problem beschränkt sich nicht auf Russlanddeutsche, sondern der Mord wirft ein Schlaglicht auf einen bisher wenig beschriebenen Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Dafür spricht auch, dass es seit dem 11. September 2001 vermehrt Pöbeleien gegenüber Frauen mit Kopftüchern gibt.

Islamophobie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Diese ist in den 2000er Jahren deutlich nach rechts gerückt. Die bürgerliche Mitte verurteilt zwar Hass und Gewalt rechter Randgruppen gegen Ausländer, aber es gibt zunehmend Äußerungen aus dieser Mitte, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Machte jemand solche Äußerungen über Juden, würde das einen Skandal auslösen.

Die Haltung, ein sichtbarer Islam, also ein Islam mit Kopftuch, habe in Deutschland nichts zu suchen, sei weit verbreitet. Das zeigten jüngst auch die rassistischen Aussagen des Bundesbankvorsitenden Thilo Sarrazin. Es gebe, so Schiffauer, “eine Grundstimmung in der Gesellschaft, die einem Täter das Gefühl geben kann, in Übereinstimmung mit der Mehrheit zu handeln.”

Der Mord an El-Sherbini war jedoch auch die Tat eines Außenseiters. Der Russlanddeutsche Alex W. sei in Deutschland nie angekommen (siehe hierzu in der Leipziger Volkszeitung Gegensätzliche Welten – Täter und Opfer trennen Welten). “Rassismus gedeiht dort, wo sich jemand ausgegrenzt fühlt”, so der Ethnologe.

Wie müsste die Politik darauf reagieren? Politiker müssten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es Rassismus in Deutschland gibt – und zwar nicht nur unter Randgruppen gibt:

Wir haben erfolgreich Standards im Umgang mit den Juden oder auch mit den Homosexuellen etabliert, auf die die deutsche Gesellschaft stolz sein kann. Das ist keine Garantie gegen Gewalt, aber Voraussetzung dafür, Gewalt zu bekämpfen. So könnten wir den Opfern das Gefühl geben, Teil dieser Gesellschaft zu sein.

Das Katastrophale an dem Mordfall war auch, dass Muslime den Eindruck gewinnen mussten: Es ist gefährlich, sich wie Marwa El-Sherbini zu wehren. Und die verzögerte politische Reaktion war mehr als skandalös: Letzlich hat die deutsche Politik erst reagiert, als sie merkte, wie es in Ägypten brodelte.

>> weiter in der Frankfurter Rundschau

Der Weg dahin ist noch weit. Das zeigen Kommentare zum Mord-Prozess, der vor ein paar Tagen in Dresden begonnen hat. Typisch abwehrend, rassismusverleugnend mit stereotypen Haltungen gegenüber der “islamischen Welt” und “Arabern”, die nach “Vergeltung” rufen, ist Sabine Rückerts Kommentar in der ZEIT. In eine ähnlich Richtung zielt auch der Kommentar in der Sueddeutschen von A. Kreye Kampf der fremden Kulturen.

Es ist auch interessant, dass der englische Wikipedia-Eintrag zum Mordfall viel umfangreicher ist als der deutsche.

Gerade ist Halbzeit im Prozess. Die Zusammenfassung gibt es auf musafira.de

Werner Schiffauer hat übrigens ein neues Buch auf dem Markt: Nach dem Islamismus: Eine Ethnographie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (via Serdagunes Blog). In diesem Interview gibt er Einblicke ins Buch und erzählt u.a. vom Postislamismus und den verschiedenen Generationen von Muslimen in Deutschland:

Werner Schiffauer im Gespräch mit Geesa Tuch

Schiffauer hat eine vorbildliche Webseite, auf der er einen grossen Teil seiner Publikationen der Oeffentlichkeit zur Verfügung stellt

SIEHE AUCH:

Islamophobie in Österreich – “ein längst überflüssiges Werk”

Werner Schiffauer: Wie gefährlich sind “Parallelgesellschaften”?

Schiffauer: “Öffnung gegenüber dem Islam nicht der Terrorismusbekämpfung unterordnen”

Notizen zum Nationalismus in Deutschland

“Das Leitbild der Gleichwertigkeit aller Menschen gerät ins Wanken”

Phd-Thesis: That’s why they embrace Islam

Thesis: Hijab empowers women

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

Marwa Funeral Meeting. Photo: Wikimedia Commons

(Bild: Wikipedia) "Der Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini wirft ein Schlaglicht auf einen bisher wenig beschriebenen Rassismus in der deutschen Gesellschaft", sagt Ethnologe Werner Schiffauer in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau:

(D)as Problem beschränkt sich nicht auf Russlanddeutsche,…

Read more

Kosmopolitismus statt Multikulturalismus!

Die Ideologie des Multikulturalismus hat die Grenzen zwischen der Mehrheit und den Minderheiten verfestigt. Es ist gut, wenn Frankfurt nun “Abschied von Multikulti” nimmt, sagt Kulturanthropologin Regina Römhild in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Sie sagt u.a:

(Man kann) nicht mehr davon ausgehen, dass hier verschiedene Gruppen leben, die wir nach ihren Nationalitäten einordnen können und die wir als Minderheiten gegenüber einer deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachten. Das ist das Multikulturalismus-Modell gewesen, das am Anfang wichtig war, um die Nationalgesellschaft zu durchbrechen und klarzumachen: Es gibt andere Menschen, die ebenfalls an dieser Gesellschaft beteiligt sind. Damit allerdings hat sich das Bild von den Minderheiten verfestigt. Die neben einer Mehrheit stehen. Von diesem Bild aber können wir nicht mehr ausgehen.
(…)
Überall dort, wo es gemeinsamen Alltag gibt, denken die Menschen nicht in Fragen nach der Herkunft. Dann beurteilen sich Menschen ganz einfach danach, was sie miteinander anfangen können.
(…)
Kulturen, die durch Einwanderung in dieser Gesellschaft präsent sind, bleiben ja nicht so, wie sie sind. Unsere Vorstellung ist: Migranten bringen ihre Kultur und oft auch ihre Religion mit. Im Prinzip gilt heute aber auch: Hier werden Kulturen ständig neu erfunden.
(…)
Aus der Vielfalt der Kulturen ergeben sich für Frankfurt Potenziale: Wir können auch eine kulturelle Weltstadt werden, nicht allein eine ökonomische. Im Grunde genommen gibt es hier einen kosmopolitischen Alltag – ohne dass wir das richtig wahrnehmen.

>> weiter in der Frankfurter Rundschau

Römhild leitete in den Jahren zwischen 2001 und 2003 am Institut für Kulturanthropologie der Goethe-Universität das Forschungsprojekt “global heimat”. Gemeinsam mit dem Soziologen Ulrich Beck arbeitete Römhild zuletzt in München über die Frage des Kosmopolitismus in europäischen Einwanderungsgesellschaften.

Von Regina Römhild fand ich die Texte Global Heimat Germany. Migration and the Transnationalization of the Nation-State (publiziert in der interessant ausschauenden Zeitschrift Transit) und Die Richtung stimmt – aber der Weg führt noch weiter. Kommentar zur Studie „Migranten-Milieus“ des vhw (pdf)

SIEHE AUCH:

Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Buchbesprechung: Unser merkwürdiger Umgang mit “Fremdem”

Schule, Integration und Kosmopolitismus

For an Anthropology of Cosmopolitanism

How to challenge Us-and-Them thinking? Interview with Thomas Hylland Eriksen

Keith Hart and Thomas Hylland Eriksen: This is 21st century anthropology

Populärethnologie von Christoph Antweiler: Heimat Mensch. Was uns alle verbindet

Ausstellung “Crossing Munich”: Ethnologen für neue Perspektiven in der Migrationsdebatte

Werner Schiffauer: Wie gefährlich sind “Parallelgesellschaften”?

Die Ideologie des Multikulturalismus hat die Grenzen zwischen der Mehrheit und den Minderheiten verfestigt. Es ist gut, wenn Frankfurt nun "Abschied von Multikulti" nimmt, sagt Kulturanthropologin Regina Römhild in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Sie sagt…

Read more