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Ethnologie und Militär: Der Protest hat genutzt

In der Kontroverse um ein Hauptseminar einer Bundeswehrethnologin über Angewandte Ethnologie und Militärin Tübingen hat man sich auf einen Kompromiss geeignet. Der pensionierte Tübinger Ethnologe und Pazifist Volker Harms wird “als Korrektiv” am Seminar mitwirken, meldet das Schwäbische Tagblatt.

“Ich bin immer dabei und bringe weitere alternative, konträre Literatur ein. Und bemühe mich, dass sie von den Seminarteilnehmern auch zur Kenntnis genommen wird. In den Diskussionen werde ich mich dann auch einbringen”, sagt der Ethnologe.

Das Blatt unterhält sich ausführlich mit Harms über ethische Fragen in der Ethnologie. Der Ethnologe kritisiert u.a. die schwammige Ethik-Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (siehe früherer Beitrag dazu, besonders im Kommentarfeld).

Selber kann er es nicht billigen, dass ein Ethnologe für die Bundeswehr arbeitet – “zumindest nicht mit solchen Aufgaben wie der, fremde Gesellschaften zu erforschen und dann dieses Wissen dem Militär zur Verfügung zu stellen, das per Definitionem dieses Wissen gegen diese Gesellschaft nutzen will”.

Er hätte Bundeswehr-Ethnologin Monika Lanik keinen Lehrauftrag über Angewandte Ethnologie und Militär erteilt – obwohl sie sich als langjaehrige Kollegen sehr gut kennen. “Ich hätte ihr gesagt, dass es hier Grenzen gibt. Ich hätte nicht das Thema ausgeschlagen, sondern sie nur für einen Vortrag im Rahmen eines weiter gefassten Ethik-Seminar eingeladen.“

>> weiter im Schwäbischen Tagblatt

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In der Kontroverse um ein Hauptseminar einer Bundeswehrethnologin über Angewandte Ethnologie und Militärin Tübingen hat man sich auf einen Kompromiss geeignet. Der pensionierte Tübinger Ethnologe und Pazifist Volker Harms wird "als Korrektiv" am Seminar mitwirken, meldet das Schwäbische Tagblatt.

"Ich bin…

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Deshalb sind Ossis eine Ethnie – Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern

Erst schickte er eine Pressemitteilung. Dann rief der Stern an. In einem Interview konnte nun Ethnologe Thomas Bierschenk ausführlich über die ethnologische Definition einer ethnischen Gruppe reden.

Wie berichtet, hatte eine Frau geklagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft als Ossi diskriminiert worden. Die Richter wiesen ihre Klage ab: Ostdeutschen seien keine eigene Ethnie, da es an Gemeinsamkeiten in Tradition, Sprache, Religion, Kleidung und Ernährung fehle.

Bierschenk erklärt, warum diese Definition veraltet ist:

Diese Definition stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist veraltet: Die Forschung hat gezeigt, dass sich die Grenzen so klar nicht ziehen lassen. Beispielsweise sprechen Mitglieder verschiedener Ethnien manchmal die gleiche Sprache, innerhalb einer Ethnie finden sich verschiedene Sprachen und Religionen. Ganz schwierig ist die Definition einer Kultur. Was macht eine gemeinsame Kultur aus? Daran ist schon die Debatte zur deutschen Leitkultur gescheitert. Hätte sich die Klägerin auf die aktuelle Definition einer Ethnie bezogen, hätte sie Recht bekommen müssen.

Wir Ethnologen gehen heute davon aus, dass sich eine Ethnie über ein starkes Wir-Gefühl definiert. Dazu kommt eine demonstrative symbolische Abgrenzung gegenüber den Anderen: Beispielsweise werden bestimmte Praktiken wie etwa die Jugendweihe symbolisch überhöht, um damit das Anderssein zu demonstrieren. Dazu gehört auch die ganze Palette von “Ostprodukten” wie F6-Zigaretten oder Spreewälder Gurken. Natürlich sind Ossis eine Ethnie. Das Wir-Gefühl kann durch das Gefühl der Diskriminierung verstärkt werden.

(…)

Das Wir-Gefühl entsteht immer in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe. So kommen die Wessis zu ihrem Wir-Gefühl: Ich bin ein Wessi gegenüber einem Ossi. Ich bin aber auch Mainzer: Während der Fasnacht grenze ich mich beispielsweise gegenüber den Wiesbadenern ab. In einem anderen Zusammenhang fühle ich mich als Deutscher oder auch als Europäer.

In der Tat kann man verschiedenen Ethnien, oder sagen wir besser “Wir-Gruppen”, gleichzeitig angehören. Der Stuttgarter Richter sagte: Ossis sind Deutsche und können deshalb keine eigene Ethnie sein. Nach der aktuellen wissenschaftlichen Definition können sie aber beides sein.

>> zum Interview im Stern

Ich hatte im einem früheren Beitrag ähnlich argumentiert, siehe Rassismus gegen Ossis – oder: So entstehen “Ethnien”

Erst schickte er eine Pressemitteilung. Dann rief der Stern an. In einem Interview konnte nun Ethnologe Thomas Bierschenk ausführlich über die ethnologische Definition einer ethnischen Gruppe reden.

Wie berichtet, hatte eine Frau geklagt, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft als…

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Die Realität erweitern: Ethnografischer Film über Liverollenspiel

Krieg. Hoch oben im tiefverschneiten Schweizer Wallis kämpfen sie mit Schwertern in schweren Rüstungen. Es hat Schamane und Vampire. Was macht Ihr denn? Wieso müsst Ihr Euch verkleiden? Diese Fragen bekommen Rollenspieler oft. Ethnologe Michael Waser hat einen faszinierenden Film über die LARP-Szene gedreht. LARP steht für Live Action Role Playing (Liverollenspiel). Der Film gibt viele Antworten – u.a. diese: “Beim LARP sind wir nicht auf die Realität beschränkt”. Hier ist sein Film “Einblick in die LARP-Szene”

[video:vimeo:9932433]

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Krieg. Hoch oben im tiefverschneiten Schweizer Wallis kämpfen sie mit Schwertern in schweren Rüstungen. Es hat Schamane und Vampire. Was macht Ihr denn? Wieso müsst Ihr Euch verkleiden? Diese Fragen bekommen Rollenspieler oft. Ethnologe Michael Waser hat einen faszinierenden…

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(aktualisiert) Friedensbewegung protestiert gegen “Ethnologie und Militär” Seminar

(AKTUALISIERUNG Ethnologie und Militär: Der Protest hat genutzt – mehr updates weiter unten) “Bundeswehr-Werbung im Ethnologie-Seminar?” schrieb ich vor einer Woche. In einem Offenen Brief an die Tübinger Ethnologie fordern Mitglieder mehrerer Organisationen, das Hauptseminar “Angewandte Ethnologie und Militär” unter der Leitung von Bundeswehr-Ethnologin Monika Lanik abzusagen. Ansonsten werde es “im Vorfeld und auch während des Seminars zu Störungen kommen”. Interessanterweise befinden sich keine Ethnologen unter den Unterzeichnenden.

An Prof. Dr. Bernd Engler, Prof. Dr. Stefanie Gropper, Prof. Dr. Roland Hardenberg, Mitarbeiter_innen der Abteilung für Ethnologie am Asien-Orient Institut und die Presse.

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Afghanistan wird de facto Krieg geführt, wie mittlerweile auch die Bundesregierung eingesteht. Dass sie de jure die Definition als Krieg für den Einsatz der Bundeswehr zurückweist hat schlicht damit zu tun, dass ein solcher Kriegseinsatz weder mit dem Grundgesetz, noch mit dem internationalen Recht noch mit dem ISAF-Mandat zu vereinbaren wäre. Darüber hinaus wird das Töten und Töten-Lassen von Menschen, wie es den Krieg und den Alltag in Afghanistan charakterisiert, von einer Mehrheit der Bevölkerung aus ethischen und moralischen Beweggründen abgelehnt.

Kürzlich hat sich die Universität Tübingen in der Präambel ihrer Grundordnung dazu verpflichtet, „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“ Wir begrüßen das ausdrücklich!

Dies steht jedoch in eklatantem Widerspruch zu der Tatsache, dass bereits im ersten Semester nach dem Beschluss der neuen Präambel am Institut für Ethnologie ein Seminar mit dem Titel „Angewandte Ethnologie und Militär“ stattfinden soll, gehalten von einer Ethnologin, die selbst für die Bundeswehr, u.a. in Afghanistan, tätig ist und vom Bundesverteidigungsministerium bezahlt wird. Sie wird Methoden darlegen, wie Ethnologen bei Konflikten wie in Afghanistan für die Streitkräfte unterstützend tätig werden können um solche Kriege führ- und gewinnbar zu machen. Die als Reaktion auf den Protest einiger Studierender eilig in das Seminarprogramm eingefügte ethische Fragestellung ist angesichts der Stellung der Lehrenden unglaubwürdig.

Sollte dieses Seminar tatsächlich stattfinden, so würde die Universität jegliche Glaubwürdigkeit hinsichtlich ihrer neuen Präambel verspielen. Das wäre eine traurige Konsequenz.

Für schlicht unerträglich halten wir die Tatsache, dass das Seminar ganz unabhängig von Zivilklausel, Forschung und Lehre auch deutliche Züge einer Rekrutierungsveranstaltung trägt, mit der EthnologInnen für den Dienst für das „umgangssprachlich Krieg“ führende Verteidigungsministerium gewonnen werden können und dass diese Veranstaltung aufgrund des bescheidenen Angebots an Lehrveranstaltungen im Hauptstudium darüber hinaus einen gewissen Pflichtcharakter trägt.

Wir bitten Sie deshalb inständig, zu intervenieren, damit dieses Seminar nicht stattfindet. Ansonsten gehen wir davon aus und sollten auch Sie davon ausgehen, dass es im Vorfeld und auch während des Seminars zu Störungen kommen wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Carol Bergin (Initiative Colibri), Ilse Braun und Markus Braun (Ohne Rüstung Leben), Hans und Waltraud Bulling (Save-Me Kampagne und AK Asyl), Dr. Anne Frommann (Senioren für den Frieden), Benno Malte Fuchs (DFG-VK Tübingen und Informationsstelle Militarisierung IMI e.V.), Gudrun Kleinhaus (Mahnwache Tübingen), Christoph Marischka (IMI e.V.), Tobias Pflüger (IMI e,V.), Penelope Pinson (Tübingen Progressive Americans), Jens Rüggeberg (Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen), Ingrid Rumpf (AK Palästina), Michael Schwarz (Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen), Jürgen Wagner (IMI e.V.), Walburg Werner (Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen) und weitere.

Laut den Aktivisten des Infoportal Tuebingen hat sich Rektor Engler mittlerweile “in vielen Punkten schockiert über die ihm bis dahin angeblich unbekannte Vita der Frau Dr. Lanik” gezeigt und kündigte an “den Fall zu prüfen”.

NEU:

Es gibt wenig Informationen im Netz zu den neuesten Entwicklungen, und es scheinen sich merkwürdigerweise nur Linksaktivisten dafür zu interessieren. Die meisten Ethnologinnen schweigen weiterhin.

Wortgefechte zu Beginn: Haptseminar über Ethnologie und Militär nahm die Arbeit auf (Schwäbisches Tagblatt 24.4.10)

Interview mit Marxistischer Aktion zum Seminar “Angewandte Ethnologie und Militär” (Bildungsseminar der Wüsten Welle, 24.4.10)

Militarisierung durch die Hintertür (Junge Welt, 20.4.10)

Streit zwischen Friedensgruppen und Lehrenden um Uni-Zivilklausel und Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik (Schwäbisches Tagblatt, 16.4.10)

Daten und Fakten zu Frau Dr. Lanik (jpberlin.de, 16.4.10)

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Bundeswehr-Werbung im Ethnologie-Seminar?

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(AKTUALISIERUNG Ethnologie und Militär: Der Protest hat genutzt - mehr updates weiter unten) "Bundeswehr-Werbung im Ethnologie-Seminar?" schrieb ich vor einer Woche. In einem Offenen Brief an die Tübinger Ethnologie fordern Mitglieder mehrerer Organisationen, das Hauptseminar "Angewandte Ethnologie und Militär" unter…

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Rassismus gegen Ossis – oder: So entstehen “Ethnien”

(Aktualisierung: Deshalb sind Ossis eine Ethnie – Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern)

Sind Ostdeutsche eine “ethnische Gruppe”? Mehrere Medien berichten über den Fall einer Buchhalterin, die sich wegen ihrer ostdeutschen Herkunft bei einer Bewerbung diskriminiert sah. Sie klagte vor Gericht und macht einen Verstoss gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geltend, wonach niemand wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt werden darf. Auf den zurückgesandten Bewerbungsunterlagen hatte die Firma ein Minuszeichen mit dem Wort “Ossi” vermerkt.

Ossis sind keine Ethnie“, urteilt das Gericht.

“Spannend wie um eine reale Diskriminierung anzuklagen, jetzt eine Ethnie konstruiert wird”, kommentiert Urmila Goel:

Das erinnert mich an einen Fall in den 1990er in Britannien. Da war Diskriminierung aufgrund ethnischer Herkunft verboten nicht aber aufgrund von Religion und so haben Sikhs argumentiert eine ethnische Gruppe (und nicht eine Religionsgemeinschaft) zu sein.

Diese Konstruktionen von kollektiven Identitäten sind nötig, da die Ausgrenzungen aufgrund von zugeschriebenen kollektiven Identitäten in unserem Rechtssystem nur so verfolgt werden können.

Dies wiederum erinnert daran, dass ethnische Gruppen (oder “Ethnien” wie man im deutschsprachigen Raum ja oft sagt) Konstrukte sind. Sie sind irgendwann aus irgendwelchen Gruenden entstanden. Sie sind keine biologischen “organisch gewachsene” Einheiten.

Wenn der Richter erklaert, es fehle an Gemeinsamkeiten in Tradition, Sprache, Religion, Kleidung und Ernährung, um die Ostdeutschen als “Ethnie” zu bezeichnen, irrt er sich. Denn Ethnizitaet hat nicht unbedingt viel mit Kultur zu tun. Denn ethnische Gruppen entstehen in Abgrenzung zu anderen Gruppen, vor allem Nachbargruppen – “Ich bin Schweizer, weil ich mich nicht als Deutscher sehe”).

Interessanterweise wurden im Ossi-Fall Ethnologen befragt.

“Die Ethnologin Judith Schlehe kann darüber nur den Kopf schütteln”, schreibt der Tagesspiegel (es wird aber nicht klar, warum).

Die Freie Presse befragt Ethnologen Wolfgang Kaschuba. Er meint, 50 Jahre reichten nicht zur Herausbildung einer Ethnie. Er vertritt eine eher nationalromatische Sicht auf Ethnizitaet:

Natürlich gebe es gemeinsame Erfahrungen der DDR-Bürger, die prägend gewesen sind für zwei, drei Generationen. Diese Erfahrungen seien sicher auch verbindend. “Sie sind aber nicht so homogen, dass man sagen könnte: Daraus entsteht nun quasi eine ethnische Identität.”

Uebrigens: Der norwegische Ethnologe Jan-Kåre Breivik meint, man koenne Gehörlose als ethnische Gruppe bezeichnen – selbst mit einer eher traditionellen Definition von Ethnizitaet. Taube sehen sich selbst als kulturelle Minderheit.

Siehe auch Ethnizität und Kultur (meine Lizarbeit) und Economies of ethnicity (Thomas Hylland Eriksen)

AKTUALISIERUNG: Schlimm was da bei ntv zu lesen ist:

Aus Sicht von Ethnologen sind die Kriterien relativ klar: Eine Menschengruppe, die kulturell, sozial, historisch und genetisch eine Einheit bildet, ist – kultursoziologisch, nicht biologisch – eine eigene Ethnie, man könnte auch Stamm oder Volk sagen.

Der Kommentar in der Welt Unter Eingeborenen veranschaulicht gut, dass das Diskriminierungsgesetz geaendert werden muss. In seiner jetzigen Form bleiben Ossis (und anderen in gewissen Situationen benachteiligte Gruppen) offenbar keine andere Wahl.

NEU (23.4.10): Ostdeutsche sind eine Ethnie, schreibt Ethnologin Katrin Zinoun auf ihrem Blog dialogtexte und bespricht eine Pressemeldung der Uni Mainz. Ethnologe Thomas Bierschenk kritisiert darin den veralteten Ethnienbegriff, auf den sich sowohl die Richter am Stuttgarter Arbeitsgericht als auch der Anwalt der Klägerin bezogen.

Deshalb sind Ossis eine Ethnie – Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern

(Aktualisierung: Deshalb sind Ossis eine Ethnie - Ethnologe Thomas Bierschenk im Stern)

Sind Ostdeutsche eine "ethnische Gruppe"? Mehrere Medien berichten über den Fall einer Buchhalterin, die sich wegen ihrer ostdeutschen Herkunft bei einer Bewerbung diskriminiert sah. Sie klagte vor Gericht…

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