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Ethnologe Leo Frobenius und der koloniale Blick auf Afrika

frauengefaengnis Zur Zeit zeigt das Frankfurter Museum für Weltkulturen zum ersten Mal die hundert Jahre alten Stereofotographien des Völkerkundlers Leo Frobenius, die er auf seinen Reisen im Kongo geschossen hat. Der Ausstellungskatalog gibt interessante Einblicke in die dunkle Geschichte der Ethnologie in der Kolonialzeit und diskutiert grundlegende Fragen zum Verhältnis zwischen Ethnologen und den Menschen, die sie studieren.

Stereo- / 3D-Fotografie ist so alt wie die Fotografie selbst und wurde besonders nach 1850 sehr beliebt, u.a. wurden solche Bilder auf Jahrmärkten in Betrachtungsautomaten gezeigt. Sie erlebt z.zt. eine Renaissance im Internet, erklärt Peter Steigerwald.

Bei der Ausstellung geht es nicht darum, einen deutschen Ethnologen zu feiern, obwohl manche Presseberichte diesen Eindruck erwecken. Die Texte im Ausstellungskatalog gehen sehr kritisch mit dem Ethnologen um. Es ist für die Ausstellungsmacher wichtig, diese Schaetze aus dem Archiv zu neuem Leben zu erwecken (nicht zuletzt durch die beigelegte 3D-Brille, die einem die Motive viel näher bringen!). Genauso wichtig ist ihnen auch, die Intentionen des Ethnologen mit seinen Bildern zu verknüpfen. Denn ein fotografisches Werk sagt oft mehr über den Fotografen als über das Motiv aus, schreibt Mamadou Diawara, eine der beiden Leiter des Frobenius-Instituts:

Jenseits von Wörtern entdeckt man einen Leo Frobenius, der damit beschäftigt ist, zu beweisen, dass er auf einer höhergestellten Kultur angehört als diejenigen, die er auf Glasplatte gebannt hat.

Die Zusammenarbeit von Ethnologen mit den Kolonialbeamten ist ein dunkles Kapitel in der Ethnologie. Frobenius kritisierte zwar die Grausamkeiten im Kongo, die er dort sah. Das koloniale Projekt ansich stellte er jedoch nicht in Frage, schreibt Ute Roechenthaler. Er sah es sogar “als vorteilhaft an, sich mit den Leitern und Agenten der Handelsstationen zu aliieren und von ihrem Wissen ueber Land und Leute zu profitieren”.

Roechentaler analysierte Frobenius’ Reiseberichte. Auf der einen Seite war Frobenius seiner Zeit voraus, schreibt sie:

Was die Sortierung der Bevölkerung in ethnische Gruppen betraf, kam Frobenius zu einer für die damalige Zeit bemerkenswerten Erkenntnis. (…) Frobenius erkannte, dass die meisten ethnischen Begriffe Zuschreibungen von aussen waren und die ethnische Gruppe keine feste Kategorie war.

Aber auf der anderen Seite war er ein Kind der Zeit:

In seinem Reisebericht spart Frobenius nicht mit Sätzen über die Primitivität von Land und Leuten. Der Text ist durchsetzt von rassistischen und sexistischen Phrasen, mit denen er zu versuchen scheint, sich immer wieder das eigene Überlegenheitsgefühl vor Augen zu führen. (…) Frobenius nutzt jede Gelegenheit, um dem Leser vorzuführen, dass nur hartes Durchgreifen langfristig Respekt erzeuge und die Bevölkerung zu beflissener Arbeit erzöge. Ohrfeigen und eine Tracht Prügel sind ihm hierzu das bewährte Mittel. Zweifellos war Frobenius ein Befürworter des kolonialen Projekts.

Frobenius war stets mit einer eigenen Polizeitruppe unterwegs. Die Lokalbevölkerung flüchtete oft bei Erscheinen der Expedition, weil sie in ihm einen Handels-Agenten vermuteten, schreibt Andreas Ackermann. Eine vertrauensvolle Beziehung zu den jeweiligen Bewohnern konnte gar nicht entstehen:

Sowohl die Materialsammlung als auch die fotografische Dokumentation dürfte unter diesen Umständen eher einem Raubzug geglichen haben. (…) Die Einheimischen wollten sich vielfach auch weder vermessen, noch fotografieren oder befragen lassen.

bogen “Die Art und Weise, in der die Anderen konstruiert werden, ist gleichzeitig die Art und Weise, in der man sich selbst kontruiert”, schreibt Andreas Ackermann mit einem Verweis auf Johannes Fabian und die lange Debatte der 80er-Jahre ueber die Darstellung der “Anderen” in der Ethnologie. Fabian führte den Begriff “Othering” ein – damit meint er den Vorgang in dem Forscher ihre “Forschungsobjekte” zu “Anderen” machen, damit man sie naturwissenschaftlich nüchtern untersuchen kann. Der Forscher des 19. und beginnenden 20.Jahrhundert, so Ackermann, “schaut gleichermassen von aussen bzw von oben auf die Gesellschaft herab”:

Diese Asymmetrie zwischen Subjekt und Objekt der Erkenntnis spiegelt sich nicht nur in Bemerkungen rassistischen Charakters, sondern auch in dem Gefühl, kognitiv über die anderen verfügen zu können: “Photographiert, Besitzgefühl: Ich bin es, der sie beschreiben oder erschaffen wird”, schreibt Malinowski 1917 in sein Tagebuch.

Bilder sind besonders “gefährlich”, schreibt Ackermann – ihre Interpretation ist weniger zu kontrollieren wie Schrift. Deshalb muss man sich es immer wieder genau überlegen, ob bestimmte Bilder gezeigt werden sollten, um zu verhindern, dass “falsche” Schlüsse gezogen werden. Das Bild ganz oben zum Beispiel erweckt wohl bei den meisten die Assoziation “Sklaverei”. Richtig ist vielmehr, der Fürst von Lupungu diese Frauen aufgrund von “Disziplinproblemen” zur Strafe an die Kette legte. Frobenius fotografierte die Frauen und beschloss, diese Methode von nun an selbst auch anzuwenden. Ackermann schreibt:

Ein Sprichwort behauptet zwar, ein Bild sage mehr als tausend Worte, das Gegenteil aber ist der Fall – es bedarf vieler Worte, um ein Bild verstehen zu koennen.

Grussworte überliest man gerne. Udo Corts, hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst dagegen stellt eine kluge Frage:

Die Fotografien sind (…) Zeugnisse des “Blickwinkels”, aus dem heraus der Europäer – der Angehörige einer Kolonialmacht – nach Afrika schaute. Damit bieten sich kritische Vergleiche an: Inwieweit hat sich unser Bild des benachbarten Kontinents inzwischen verändert? Kunst und Literatur transportieren nach wie vor allzu gerne das exotische Bild von Afrika (…)

Wir fühlen uns an die Debatten um das “African Village” im Augsburger Zoo erinnert.

Die Ausstellung ist noch bis zum 30.4. zu sehen.

Links aktualisiert am 1.9.2019

SIEHE AUCH:

Udo Mischek: Auf den Trümmern von Atlantis. Leo Frobenius im südlichen Nigeria.

Udo Mischek: Frobenius und Kultur

frauengefaengnis

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Multikultureller Rassismus: Angst vor Identitätsverlust bei den Nicobaren?

Hier war bereits mehrmals davon die Rede, dass bei Berichterstattung ueber Ureinwohner (unbewusst) rassistische Denkweisen zu Tage kommen (auch bei Ethnologen). Ein neues Beispiel: Andrea Naica-Loebell schreibt heute in Telepolis von “Angst vor Identitätsverlust” bei den vom Tsunami uebel heimgesuchten Bewohnern der Nicobaren und ueber ein Hilfsprojekt, das wohl eine “kultureller Wiederaufbau” darstellen soll:

Jetzt hatten die Leute erstmal etwas zu essen und Notunterkünfte wurden errichtet. Schnell wurde allerdings klar, dass die einlaufende Hilfe kontrolliert werden muss, damit sie nicht als Geldwelle die Inseln überrollt und die traditionellen Lebensformen auslöscht. Einmal mehr müssen indigene Völker den Spagat zwischen der Bewahrung ihrer kulturellen Identität und dem Austausch mit der Außenwelt üben.

“Jede Kultur für sich: Nur keine Überfremdung” – so laesst sich der Gedankengang beschreiben, den wir von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen kennen. Oder wie ein Kommentator schrieb: “Für die Deutschen ist Multikulti gut, für alle anderen bedeutet es Zerstörung der kulturellen Identität.”

Es geht weiter im Text:

Die Vorfahren der Andamaner kamen vor 50.000 bis 70.000 Jahren auf die Inseln und die Ureinwohner dort blieben dort weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Im Gegensatz dazu sind die Bewohner der Nikobaren genetisch vermischter, ihre Ahnen kamen wahrscheinlich erst vor ungefähr 18.000 Jahren auf die Inseln.

Auch wenn Leo Plegger vielleicht gerne provozieren sollte, sind seine Vergleiche (Griff in die Mottenkiste nationalistischer Propaganda) nachdenkenswert.

>> weiter zur Geschichte auf telepolis: Angst vor Identitätsverlust

“Empfehlenswert” ist ein Blick auf einen Text des Bayrischen Rundfunks ueber die Nikobaren, “eine kleine Inselgruppe, die noch von Eingeborenen bewohnt wird” (*schauder*)

Es war uebrigens solch eine Rhetorik gegenueber Urbevoelkerungen, die mich zum Schreiben meiner Magisterarbeit ueber die Saamen bewogen hat. Im Abschnitt Der inflationäre Gebrauch von Kultur schreibe ich u.a:

Kulturkontakt sehen “Multi-Kultis” auch gelegentlich als etwas Problematisches an. Sie drücken das nicht immer so deutlich aus wie Vertreter von Solidaritätsorganisationen oder wie manche Ethnologiestudierende. Immer wieder meinte ich heraushören zu können, dass “Kulturkontakt” für sie etwas ist, das tendenziell Schlechtes mit sich bringt. Eine Studentin zum Beispiel reagierte beinahe entsetzt, als sie in einem Seminar über die Saamen hörte, dass die Saamen sich munter mit anderen ethnischen Gruppen “vermischen”. Vielleicht schwingt da eine romantische Sehnsucht mit nach dem Reinen, Authentischen, das wir noch bei den sogenannten “indigenen Völkern” oder “Naturvölkern” bewahrt hoffen. Wenn wir in unseren Hoffnungen enttäuscht werden, dann bezeichnen wir sie als “verwestlicht”, und wir verlieren unser Interesse an ihnen.

>> weiter in: Der inflationäre Gebrauch von Kultur

SIEHE AUCH:

Die SZ und die Ureinwohner: Gestrandet im vorsintflutlichen Evolutionismus

“Leben wie in der Steinzeit” – So verbreiten Ethnologen Vorurteile

Rassistische Ethnologie: ”Völkerkunde” abschaffen!

Ten Little Niggers: Tsunami, tribal circus and racism

Nackte Buschmaenner in Erfurt

Bewusster oder unbewusster Rassismus? Proteste gegen “African Village” im Zoo

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Interview mit Verena Keck: "Ethnologen notwendig in der AIDS-Bekaempfung"

Die Uni Heidelberg tut was fuer die Forschungsvermittlung und interviewt Ethnologin Verena Keck ueber ihre medizinethnologische Forschung in Papua New Guinea. Sie erzaehlt u.a. darueber wie verschiedene medizinische Traditionen gleichzeitig verwendet werden und dass Krankheiten immer eine soziale Ursache haben.

Man wird krank, wenn Beziehungen zwischen zwei oder mehreren Personen, zum Beispiel zwischen Verwandtschaftsgruppen oder Clans, belastet sind. Kranksein bezieht sich nicht auf das Individuum, sondern umfasst die gesamte Verwandtschaft. Das Körperliche spielt dabei keine entscheidende Rolle. Man erkrankt sozusagen soziomatisch. Aus Sicht der Yupno wäre jemand, der Fieber hat, noch nicht krank.

Keck engagiert sich auch in der AIDS-Bekaempfung. Ethnologen sind zu dieser Arbeit mehr als gut qualifiziert, meint sie:

HIV/Aids ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch ein soziales und kulturelles. Vorstellungen über die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau spielen ebenso eine Rolle wie Diskurse über Religion und Moral. Es gibt viele Facetten, die ein Arzt, denke ich, nicht unbedingt erfassen kann. Der besondere Beitrag von Ethnologen besteht darin, dass sie aufgrund ihrer Feldforschungsaufenthalte vor Ort wissen, wie die Menschen leben, ihre Bedürfnisse kennen.

>> zum Interview (Link aktualisiert 23.3.2020)

Im Interview erzaehlt sich auch von den Schwierigkeiten, Kampanjen in laendlichen Gebieten ohne Strom, Zeitungen und TV zu starten. Kuerzlich wies ich auf ein neues Forschungfeld hin – Ethnomusicoloy: Mit Musik AIDS in Uganda bekaempfen

SIEHE AUCH:

Süßes Leben in der Südsee – die faz spricht mit Verena Keck ueber Uebergewicht im Pazifik (faz)

Verena Keck: Zwischen “heiß” und “kalt”. Traditionelle Medizin bei den Yupno in Papua Neuguinea (Journal-Ethnologie 1/2004)

Book review: Verena Keck. (ed.). Common Worlds and Single Lives: Constituting Knowledge in Pacfic Societies (Australian Journal of Anthropology)

Cultural values and the spreading of AIDS in Africa

Poverty and health policies: Listening to the poor in Bangladesh

Die Uni Heidelberg tut was fuer die Forschungsvermittlung und interviewt Ethnologin Verena Keck ueber ihre medizinethnologische Forschung in Papua New Guinea. Sie erzaehlt u.a. darueber wie verschiedene medizinische Traditionen gleichzeitig verwendet werden und dass Krankheiten immer eine soziale Ursache haben.…

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Trend Klinik-Hopping: Ethnologin untersucht “Fortpflanzungstourismus”

Der neueste Reisetrend ist nicht Insel-Hopping, sondern Klinik-Hopping: Ungewollt kinderlose Frauen reisen rund um den Globus, um in einem Land eine Behandlung zu erhalten, die in einem anderen verboten ist. Die Wiener Kultur- und Sozialanthropologin Eva-Maria Knoll untersucht das Phänomen Fortpflanzungstourismus am Beispiel der In-Vitro-Fertilisation (IVF), meldet der Forschungsnewsletter der Uni Wien. In Österreich gibt es etwa 30.000 Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.

Das Thema ist in vielerlei Hinsicht von Bedeutung: Zum einem bringt es neue Erkenntnisse in Bezug auf Fragestellungen Familie und Verwandtschaft und Globalisierung:

“Die global verfügbare Technik ist in nationale Kontexte eingebunden. Nationale Beschränkungen gibt es, weil diese Technologie Normen und Werte berührt, die für alle wichtig sind. Es geht um Fragen der Verwandtschaft – sozial oder biologisch –, um ethische Fragen, darum, wann das menschliche Leben beginnt”, erläutert die Wissenschafterin.

Die Ethnologin fand auch einen Bezug zum Schamanismus:

Die Pharmakonzerne liefern die Hormonpräparate, finanzieren Ärztetreffen, unterstützen Selbsthilfegruppen für betroffene Paare und verdienen kräftig mit – sie sind die Gewinner im “Geschäft mit der Hoffnung”, wie es Knoll nennt: “Denn nicht nur in Kulturen, in denen es Schamanismus und Hexerei gibt, hat Medizin mit Glauben zu tun. Im Fortpflanzungstourismus wird kein Ergebnis, sondern die Hoffnung auf ein Ergebnis verkauft.”

>> weiter im Forschungsnewsletter

SIEHE AUCH:

Johanna Riegler und Eva Maria Knoll: Kultur liegt in der Natur des Menschen. Zum Österreichischen Genomforschungsprogramm (ORF)

Laurence Ossipow: Neue Formen in Ehe und Partnerschaft (tsantsa: Zeitschrift der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft)

Book Review: Infertility Around the Globe: New Thinking on Childlessness, Gender, and Reproductive Technologies (American Ethnologist)

Klavs Sedlenieks: New Reproductive Technologies. Towards Assisted Gender Relations (anthrobase.com)

Marcia C Inhorn: Religion and Reproductive Technologies (AAA Anthropology News February 2005)

Der neueste Reisetrend ist nicht Insel-Hopping, sondern Klinik-Hopping: Ungewollt kinderlose Frauen reisen rund um den Globus, um in einem Land eine Behandlung zu erhalten, die in einem anderen verboten ist. Die Wiener Kultur- und Sozialanthropologin Eva-Maria Knoll untersucht das…

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Ethnologie und Oeffentlichkeit II: Das ambitioese Projekt der Muenchner Ethnologiestudierenden

Es gibt kein Fach, das so hart um seine wissenschaftlichen Grundlagen zu kaempfen hat wie die Ethnologie. (…) Es ist ein Kampf gegen die Kritiker, die unserem Fach akademischen Autismus und Praxisangst vorwerfen. (…) Um den Gegnern zu zeigen, dass an Ethnologie sehr wohl was dran ist, muessen die Sinne angesprochen werden: Ethnologie muss greifbar, fuehlbar und sichtbar werden.

Dies lesen wir im Editorial von Ethnologik, der Zeitschrift der Muenchner Ethnologiestudierenden. Das Blatt wird sich von nun an verstaerkt mit dem Thema Ethnologie und Oeffentlichkeit beschaeftigen. In der kommenden Ausgabe, die derzeit geplant wird, soll dies Thema noch mehr im Vordergrund stehen, eine Sonderausgabe ist geplant, erfahren wir auf ethno::log:

Bei der letzten Podiumssitzung zur miserablen Lage der Ethnologie entstand die Idee einer Sonderzeitschrift, an der sich verschiedenste Fachrichtungen beteiligen sollen. Diese soll der Öffentlichkeit (und vor allem einflussreicheren Personen) einen kurzen Einblick in unser Fach vermitteln. Dabei sind vor allem die Geistes-, Religions- und Kulturwissenschaften angesprochen, da gerade sie sich bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage unter starken Profilierungsdruck befinden.

ethnologik

Ganze 60 Seiten stark ist die erste Ausgabe der neuen Redaktion geworden mit Interviews mit Einwanderern, Buchbesprechungen, Reiseberichten – dazu recht professionell gestaltet. Mann und Frau auf der Strasse wird das Blatt vielleicht nicht unbedingt ansprechen, fuers Fach muss man sich naemlich schon interessieren.

Sehr interessant ist Wolfgang “anthronaut” Wohlwends Beitrag zum Borderfilm-Projekt. Obwohl nicht von Ethnologen initiiert, ist es ein gutes Beispiel dafuer, wie unser Fach “greifbar, fuehlbar und sichtbar” wie im Editorial gefordert, werden kann. Migrationspolitik ist ein komplexes und polarisiertes Thema. Wie laesst sich sowas ansprechend vermitteln, ohne dass man zu sehr vereinfacht?

Rudy Adler, Victoria Criado und Brett Honeycutt haben Migranten und Grenzwaechtern Einwegkameras in die Hand gedrueckt, damit sie ihren Alltag dokumentieren. Wohlwend schreibt:

“Was da nun troepfchenweise wieder eintrifft, ist Bildmaterial, dessen Intimitaet und Direktheit vereinnahmt. (…) Bilder, die nur jemand machen kann, der sich nicht erst in eine Situation einfuehlen muss, sondern mittendrin ist. Sie sind wertvoll und eine Eintrittskarte fuer eine emische Sichtweise.

(…)

“Es ist eine simple Idee mit einer grossen Wirkung. (…) Die Bilder sind Dokumente, die nicht nur neue Ansaetze in die Immigrationsdebatte fuehren und die Fronten erweichen wird, sondern auch einen interessanten Ansatz fuer zukuenftige Aktionen in aehnlichen Kontexten.”

Wie Daniel Wagner im Eroeffnungstext “Going Public. Der lange Marsch der Ethnologie durch die unbekannte Welt oeffentlicher Meinung” schreibt, gibt es genug Gelegenheiten, uns in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. Doch finde ich nicht, dass sich Ethnologen auf Themen beschraenken sollten, die mit “Fremden” (wer auch immer damit gemeint sein soll) zu tun haben. Denn ethnologisch lassen sich auch Ethnologiestudenten untersuchen und wie wir wissen tragen Ethnologen zur Entwicklung von High-Tech-Geraeten, Webdiensten oder Espressomaschinen bei.

Wagner zitiert C.Lenz:

[w]enn ich zeigen kann, dass die Lokalpolitik in einem nordghanesischen Dorf nicht grundsaetzlich anders funktioniert als in einem hessischen Dorf, ist das noch berichtenswert?

Selbstverstaendlich. Denn in der Ethnologie geht ja nicht darum darzustellen, worin sich Leute in Nordghana von jenen in Hessen unterscheiden. Es geht darum, ihr Leben zu dokumentieren, um so ethnologische Theorien weiter zu entwickeln und Menschen im allgemeinen besser zu verstehen. Einsichten in ihr politisches System liefert wichtige Informationen fuer eine generelle Theorie von Politik (die auch fuer Politologen und Soziologen relevant ist).

Das Potential der Ethnologie bestuende darin, die westliche Perspektive erweitern zu helfen, schreibt Wagner weiter. Das hoert sich ethnozentrisch an. Sollte Ethnologie nicht auch die oestliche, suedliche und noerdliche Perspektive, ganz allgemein die Perspektive aller Menschen erweitern helfen? Schliesslich kritisiert er ja selbst die Zurueckhaltung vieler Ethnologen, wenn es darum geht, andere Gesellschaften zu kritisieren. Abgesehen davon gibt es ja genug Ethnologen ausserhalb des “Westens”.

Wie Thomas Hylland Eriksen in seinem Buch Engaging Anthropology: The Case for a Public Presence, bemaengelt Daniel Wagner die Sprache, in der ethnologische Texte verfasst werden:

“Vor allen Dingen muessen wir schreiben lernen. Und zwar so, dass uns auch diejenigen lesen wollen, die uns bislang aus gutem Grund mieden.”

Ethnologik ist schon mal ein vielversprechender Anfang!

PS: Es soll auch bald eine Webversion der Zeitschrift geben – und zwar auf www.ethnologik.de

ethnologik

Es gibt kein Fach, das so hart um seine wissenschaftlichen Grundlagen zu kaempfen hat wie die Ethnologie. (...) Es ist ein Kampf gegen die Kritiker, die unserem Fach akademischen Autismus und Praxisangst vorwerfen. (...) Um den Gegnern zu zeigen, dass…

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